7 (und mehr) Tips: Woran erkennt man einen Schwerhörigen?

Wie macht sich Schwerhörigkeit bemerkbar, woran erkennt man, ob jemand schwerhörig ist? Es gibt da ja diesen makabren Witz: Ein Mann erkundigt sich im Leichenschauhaus nach seiner Frau, die unglücklicherweise bei einem Fährunglück ertrunken ist. Er wird gefragt, wie man seine Frau von den anderen Ertrunkenen unterscheiden könne, ob sie vielleicht besondere Merkmale habe. Und antwortet, sie sei auf dem rechten Ohr schwerhörig. Haha.

Aber im Ernst, bei Lebenden gibt es doch einiges, was soweit ich sehe alle Schwerhörigen gemeinsam haben. Und es ist gut, wenn man diese Merkmale kennt, weil die Verwechslungsgefahr mit Unhöflichkeit und Doofheit ja doch recht groß ist, im Alter auch mit Senilität. Da gibt es einige dramatische Fälle, wo Leute für absolut dement gehalten und entsprechend behandelt wurden – dabei waren sie nur schwerhörig.

Anzeichen dafür, dass jemand schwerhörig sein könnte sind,

  1. dass sie einem an den Lippen hängen. Es gibt da so einen konzentrierten Ausdruck beim Reden, den ich bei bisher jedem halbwegs Schwerhörigem gesehen habe. „Der guckt einen immer so an beim Reden“, „der hat so einen intensiven Blick“ ist mir auch schon häufiger nachgesagt worden.
  2. dass sie häufig nachfragen, was gerade gesagt wurde
  3. dass sie näher herankommen, wenn man beginnt mit ihnen zu reden (und ggf. zurückweichen, wenn man ihnen zu nahe kommt).
  4. dass sie sich vorbeugen beim Zuhören. In David Lodges Roman Deaf Sentence wird das etwa so beschrieben: Nein, er schaut ihr nicht in den Ausschnitt.
  5. dass sie sich bei Gesprächen, besonders in der Gruppe, nie entspannen können. Als fast nie nach hinten lehnen, sondern immer vorgebeugt, auf der Stuhlkante sitzen. Oder sich auf den Tisch stützen.
  6. dass sie häufiger unlogisch, manchmal auch falsch antworten oder verwirrt wirken, weil sie (noch) nicht verstanden haben was gesagt wurde.
  7. dass sie erst dann auf Ansprache reagieren, wenn sie einen gesehen haben

Was meint Ihr, stimmt das so? Hab ich was vergessen?

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27 Antworten zu “7 (und mehr) Tips: Woran erkennt man einen Schwerhörigen?

  1. Was mir auf die Schnelle einfällt …

    – sie drehen dem Sprechenden jene Gesichtshälfte zu, auf der sich das besser hörende Ohr befindet

    – Hand hinters Ohr halten (offensichtlich) oder eher „versteckt“ die Ohrmuschel nach vorne schieben (mit einem Finger beim Kopfaufstützen oder mit einem Stift nach vorne schieben)

    – sie sprechen meistens sehr laut

  2. Stimmt, danke, da hab ich gar nicht dran gedacht. Und dabei lauf/sitze ich sogar eigentlich nur links von anderen, weil das meine bessere Seite ist! Unauffällig die Ohren spitzen, jetzt wo Du’s sagst, hab ich bei anderen auch schon mal gesehen. Sehr schöne Beobachtung!
    Nur laut sprechen tu ich nicht, eher sehr leise.

    Hab mal die Überschrift geändert, sind ja jetzt nicht mehr nur sieben Tips.

  3. Ein paar dieser Merkmale können aber noch anders als Doofheit/Schwerhörigkeit/Senilität gedeutet werden. Vorbeugen, Nachfragen, an den Lippen hängen: Eine Frau wird denken, gerade angeflirtet zu werden und positiv oder negativ darauf reagieren. 😉

    @Phil Deine Punkte stimmen nur bedingt. Ohr hinhalten passiert natürlich, wenn ein Ohr intakt ist. Dann treten die übrigen Punkte kaum auf, weil derjenige wegen des intakten Ohres dann nicht versucht, von den Lippen zu lesen usw. Normalerweise wollen Schwerhörige *nicht* von der Seite angesprochen werden und sie wollen *nicht*, dass man ihnen ins Ohr redet. Die Hand hält auch niemand, der Hörgeräte trägt, hinter das Ohr. Die Geräte pfeifen dann nämlich leichter. Und das zu laute reden ist ein Gerücht bzw. passiert nur bei leichter Schwerhörigkeit. Bei Taubheit geht das Gefühl für die eigene Lautstärke verloren: Man redet eher leiser und etwas monoton. Beim Tragen von Hörgeräten neigt man dazu, sich selbst im Vergleich als zu laut zu empfinden und redet zu leise. Dieses zu leise reden kann dabei, je nach Lage und Ausstrahlung des Schwerhörigen als Schüchternheit oder Coolness bewertet werden.

  4. Enno, alles sehr ambivalent, das stimmt. Darum auch eher „Anzeichen“, ich hätte vielleicht noch schreiben sollen: Man muss das Gesamtbild betrachten.

    Danke für die Erläuterungen zu Phils Punkten, hier kommt viel Interessantes zusammen!
    Ich persönlich hatte das Zuwenden eher als ein leichtes verstanden, nicht als ein „komplett zur Seite drehen“. Und das kenne ich von vielen, die wie ich auf beiden Ohren sehr schlecht, aber halt auf dem einen etwas besser verstehen. Und ich habe, wenn ich recht überlege, in der einen oder anderen Situation schonmal die Hand hinter mein Ohr-mit-Hörgerät gelegt, um besser zu hören. Es hilft tatsächlich etwas.

  5. @Enno: Für mich sind Leute OHNE Hörgeräte die Schwerhörigen – mit hören sie ja (zimindest besser). Ich kenne mindestens drei Menschen aus meinem Umfeld, bei denen ich eben dieses beobachten kann. Und alle drei reden sehr! laut. Weil sie aus Gründen der Eitelkeit oder z.B. fehlendem Geld kein Hörgerät tragen.

    Jemand, der generell schwer hört, kann imho schlecht (von sich) behaupten, ob er nun lauter oder leiser spricht. Solange man es ihm nicht sagt. Ich kenne viele Nichtschwerhörige, die sich scheuen, einem erkennbar Schwerhörigen zu sagen, dass er bitte mal leiser sprechen solle.

    Ein dieser Personen, die ich kenne, schreit fast für meinen Geschmack – man hört sofort bei Betreten bspw. einer Kneipe, wenn „sie da ist“. Ich habe ihr schon mehrmals gesagt, dass sie bitte leiser sprechen solle – das geht ein paar Minuten vielleicht gut und dann dröhnt sie weiter die Bude voll. Ein Hörgerät, dass ihr helfen könnte, kostet pro Ohr über 4.000 Euro. Das Geld dafür hat sie nicht – allerdings für andere Dinge des Lebens schmeisst sie die Kohle aus dem Fenster….

  6. Phil, ich hatte Deinem Kommentar schon angemerkt, dass Du über Schwerhörige ohne Hörgerät sprachst.

    Leider sind wirklich viele Leute Hörgeräten so abgeneigt wie Du das beschreibst. Ich hörte neulich sogar von einem 82-jährigen, der eins ablehnte, weil er damit „alt“ wirke. 😮

    Übrigens, hier paßt es, aber allgemein ist es echt wichtig festzuhalten: Bei allem was über leichte Schwerhörigkeit hinausgeht, sind Schwerhörige auch technisch versorgt noch immer schwerhörig. Entgegen mancher Werbung für Hörgeräte (und CIs)! Das ist wegen der Erwartungen wichtig, an einen selbst und von anderen an „versorgte“ Schwerhörige.

  7. Für Gehörlose trifft das lauter sprechen generell zu, was ich auch für mich bestätigen kann, da ich gehörlos bin und relativ laut spreche. Ich kann zwar meine Stimme ‚runterschalten‘, aber dann fühle ich deren Vibrationen im Kehlkopf fast gar nicht mehr und die brauche ich aber, um meine Stimme zu kontrollieren.

    @Phil: „Ein dieser Personen, die ich kenne, schreit fast für meinen Geschmack – man hört sofort bei Betreten bspw. einer Kneipe, wenn „sie da ist”. Ich habe ihr schon mehrmals gesagt, dass sie bitte leiser sprechen solle – das geht ein paar Minuten vielleicht gut und dann dröhnt sie weiter die Bude voll. Ein Hörgerät, dass ihr helfen könnte, kostet pro Ohr über 4.000 Euro. Das Geld dafür hat sie nicht – allerdings für andere Dinge des Lebens schmeisst sie die Kohle aus dem Fenster….“

    Ja – na und? Vielleicht ist bei ihr die Schwerhörigkeit so weit fortgeschritten, daß sie der Meinung ist, Hörgeräte wären nutzlos? Sie kann immer noch selber für sich entscheiden, welche Hilfsmittel sie braucht. Ich habe mit zehn Jahren aufgehört, Hörgeräte zu tragen, weil die mir praktisch nichts gebracht haben. Höchstens Fluglärm konnte ich noch irgendwie wahrnehmen als ein intensives Kitzeln im Ohr, das gleiche galt auch für Schreie nah am Ohr. Ansonsten – nix. Und soweit komme ich auch seit 17 Jahren gut ohne Hörgeräte aus. Vielleicht ist das der Fall bei deiner Bekannten?

    Und das laute Reden – das mache ich selber ja auch und wie schon oben gesagt, ist es für mich auch möglich, leiser zu sprechen, aber das bedeutet für mich mehr Aufwand. Das gleiche merke ich übrigens umgekehrt auch bei Hörenden, die ich bitte, langsamer und deutlicher zu sprechen. Die schalten schon nach wenigen Sätzen wieder zurück auf ihr normales Sprechtempo und dann muß ich sie wieder darauf hinweisen. Kommunikation bedeutet in solchen Fällen immer gegenseitiges Bemühen…

    Ich kann zwar verstehen, daß es für dich akustisch unangenehm ist, daß deine Bekannte so laut spricht, aber – sie kann wahrscheinlich nicht anders. Sprechtraining könnte da eventuell helfen (könntest du ihr ja vorschlagen, aber das könnte schon ein Fettnäpfchen sein, da ich ja nicht weiß, wie gut du sie kennst), aber wenn sie soweit gut zurechtkommt und ihr durch ihre laute Aussprache keine wesentlichen Nachteile entstehen außer evtl. der Verlust deiner Bekanntschaft… tja.

  8. @Nina: Die Schwerhörigkeit jener Bekannten ist durch Geräte nahezu zu überbrücken. Sie hatte mal ein paar Wochen lang diverse Geräte „Probegetragen“, was ich übrigens daran bemerkte, dass sie in völlig normaler Lautstärke sprach. Daher weiss ich auch, dass die Geräte, die ihr helfen könnten sind, so teuer sind, weil ich sie darauf ansprach.

    Sie fand das auch toll, weil sie in jener Zeit hörte, dass in unserer Stammkneipe Musik im Hintergrund läuft oder sie z.B. im Gespräche mit mehreren Menschen die Stimmen verstand und vor allem auseinanderhalten konnte.

    Das war vor einem Jahr, erworben hat sie die Geräte aber nicht. Ich weiss, dass sie das geld dafür eigentlich hätte, es aber für allen möglichen Scheiss ausgibt, den ich auf Prio drei meiner Wunschliste setzen würde, wenn ich schlecht hörte. Prio eins wären eben die Hörgeräte. Aber – ich verstehe das wohl nicht, weshalb sie so denkt.

  9. Nina, danke für den Hinweis mit der Lautstärke! Dass Leute ihr gewohntes Sprechtempo und -lautstärke nur ein paar Minuten, wenn überhaupt solang, aufgeben können ist mir auch schon aufgefallen. Das war übrigens einer der Gründe warum ich damals das Singen unter der Dusche empfohlen hab.

    Ansonsten, wenn Leute keine Hörgeräte wollen muss man das natürlich akzeptieren. Aber ich finde Euer kleiner Streit hier zeigt gut, welche Probleme es gibt und auch wie sich sowas im Bekanntenkreis auswirkt. Würde mich schon interessieren, Phil, was Deine Bekannte für Gründe hat. Vielleicht letztlich doch wieder das Aussehen und das „Altscheinen“, Angst, nicht mehr ernst genommen werden? Grundlos klar, aber ich weiß selbst was man sich so einreden kann…

  10. Punkt drei: Ich rücke nie näher an die Leute.
    “ vier: Ich beuge mich fast nie vor um etwas besser zu verstehen.
    Punkt sechs: Ich bin in Gesellschaft meistens sehr entspannt, weil mit Hörgeräten zu viele Geräusche auf mich einstürmen und ich den Gesprächen dann nicht mehr folgen kann. Ich halte zwar meine Hand nicht hinters Ohr, dafür streiche ich automatisch meine Haare dahinter. Obwohl ich mit Rückkoppelungsgerät links nur 30% und rechts mit Hörgerät 50% Hörfähigkeit habe, rede ich sehr laut ohne es zu merken. Seit 3 Jahren wird an den Hörgeräten „rumgedoktert“ und erlangt kein befriedigendes Ergebnis.

  11. Ich meine, recht schnell zu merken, wenn jemand schwerhörig ist, was leider daran liegt, dass ich zu den undeutlichen Sprechern gehöre. Mein Mann zum Beispiel, der sehr klar und klangvoll spricht, hatte überhaupt nicht bemerkt, dass sein Vater nur noch ganz schlecht hört und machte sich schon große Sorgen um dessen Erinnerungsvermögen, da es oft vorkam, dass er eben Erzähltes schon wieder vergessen zu haben schien.

    Nun war er neulich bei uns, und schon nach dem ersten Gespräch mit ihm war mir klar, ich werde einfach nicht verstanden. Es gibt auch so ein leichtes Neigen des Kopfes, ein etwas verzögertes und vielleicht nicht ganz angemessenes Reagieren auf eine Aussage, das viele Schwerhörige haben.

  12. Danke für den Kontrast, Babbeldieübermama.

    Mrs H., das ist ein schöner Fall, wie viele Leute die Zeichen oft nicht zu deuten wissen. Sie scheinen eine aufmerksame Beobacherin.

  13. Ich trage keine Hörgeräte und habe noch nie die Hand hinter das Ohr gehalten, auch wird mir oft gesagt, dass ich viel zu leise spreche. Manchmal bin ich aber auch zu laut. Es ist seltsam, obwohl ich die Lautstärke anderer Geräusche super einschätzen kann, bei meiner eigenen Stimme ist es vorbei. Ich weiß nie, wie laut oder leise ich gerade bin, und das verunsichert mich manchmal gewaltig.

    Automatisch lauter sprechen meiner Erfahrung nach eher Leute, die an einer Altersschwerhörigkeit leiden oder aus anderen Gründen irgendwann schwerhörig wurden – wobei das jetzt natürlich nicht auf jeden übertragbar ist.

    Wenn jemand mit mir spricht, gucke ich denjenigen oft so intensiv an, dass es wohl fast schon aussieht, als würde ich durch ihn hindurch starren. Bei einer Wohnungsbesichtigung hat mir eine Vermieterin einmal totales Desinteresse vorgeworfen, weil ich sie so komisch angeschaut habe. Als ich ihr sagte, dass gerade das Gegenteil der Fall ist und ich mich extrem konzentrieren muss, hat sie mir nicht geglaubt.

  14. Eine Erfahrung, die ich als Gruppenleiterin in der Tanztherapie machte: Die schwerhörige Teilnehmerin (dass sie schwerhörig war konnte sie perfekt verbergen, ich erfuhr es erst viel später!) hatte als Einzige eine absolut aufrechte, kerzengerade Haltung – in jeder Situation!

  15. Nikana, unglaublich. Aber es ist ja leider wirklich so, dass die Leute nur glauben was sie glauben wollen – vor allem wenn sie selbst unsicher sind, wie wohl in diesem Fall. Bei Wohnungsbesichtigungen läuft ja eh häufig so eine Art doppeltes Spiel weil man sich keine Türen zuschlagen will…

    Hallo Petra, das ist ja eine interessante Beobachtung. Meinst Du das war Zufall oder siehst Du einen Zusammenhang?

  16. Ich erfuhr später: Diese Frau musste ihr Leben lang ihr Schwerhörigsein verbergen und so tun, als ob sie alles mitbekommt. Dadurch war ihr Körper natürlich gespannt wie ein Flitzbogen, immer in „Hab-Acht-Stellung“. Mir fiel erst später auf, dass sie entweder immer neben mir saß (mit dem „guten“ Ohr zu mir gewandt) oder mir gegenüber – vermutlich um besser von den Lippen abzulesen.

  17. Verstehe. Warum musste sie das denn verbergen? Ich meine, „wollte“ verstehe ich, aber „musste“?

  18. Dass mir jemand nicht glaubt, dass ich schwerhörig bin, kommt ziemlich oft vor. Es ist ja auch seltsam, manchmal verstehe ich alles, obwohl ich keine Hörgeräte trage, und manchmal habe ich solche riesigen Probleme, dass eine Kommunikation nahezu unmöglich ist. Deshalb wird mein Hinweis, dass ich nicht gut höre, von manchen Leuten schnell als faule Ausrede abgetan. Da kann man wohl nichts machen. Meistens nehme ich das auch recht gelassen hin, es sei denn, die Sache ist mir wirklich wichtig. Die Wohnung damals war es nicht, die hätte ich schon alleine deshalb nicht genommen, weil die Vermieterin im selben Haus wohnte; das wäre auf Dauer garantiert nicht gut gegangen.

  19. @beethoven
    Es kam von den Eltern: Niemand sollte wissen, dass das Kind „behindert“ ist. Sowas setzt sich dann fort bis ins Erwachsenenalter. Ich spreche hier von einer Dame, deren Kindheit schon etwas zurückliegt. Man sollte hoffen, dass das heute nicht mehr vorkommt – obwohl…
    Ich, als „Hellhörige“ (ich höre so gut, dass es manchmal zum Matyrium wird), finde es sehr wichtig, dass man sagt, was mit einem los ist. Nur so können andere einen verstehen, zumindest haben sie so die Chance, zu verstehen:)

  20. Ich hab da keine Daten, aber ich könnte mir vorstellen, dass sowas (Hörbehinderung verbergen sollen) auch heute noch vorkommt — und zwar wenn es darum geht, das Kind in die Regelschule zu bringen.

  21. Ich grabe einfach mal dieses Thema aus der Versenkung wieder aus, weil ich einiges als Schwerhörige gerade wieder so oft erlebe.
    Ich kann als Schwerhörige oft nicht einschätzen, wie laut meine Stimme für Normalhörende ist. Ich für mich empfinde meine gesprochene Lautstärke als normal-mittellaut. Eben so, wie ich sie gefühlt von anderen höre. Normalhörende empfinden meine Stimme manchmal als laut und unangenehm.
    Mir wird dann immer vorgeworfen, daß ich nicht so schreien soll, nicht so laut reden, nicht so brüllen, daß ich aggressiv sei, ich rege mich grundlos auf, und ich solle doch mal leiser reden, wir wollten hier schließlich nicht die ganze Fußgängerzone unterhalten!, usw.
    Für mich ist das aber nicht mal annähernd schreien, sondern meine individuell normale, mittlere Lautstärke, wie ich sie empfinde, wo ich mich mittel-normal höre.
    Leider scheint das aber von dem einen oder anderen Normalhörenden als Anschreien empfunden zu werden, und diese reagieren gereizt und ärgerlich zurück, wie ich oben beschrieb.

    Als Schwerhörige empfinde ich das als „nicht normal reden dürfen“. Das wirkt auf mich als sehr verletzend und tut verdammt weh.
    Ich versuche, deren Wünschen entgegen zu kommen, aber es gelingt nicht. Dann wiederum versuche ich es zu erklären, und immer wieder bekomme ich daraufhin erklärt, daß man sich dann entweder nicht weiter mit mir so laut unterhalten möchte, oder ich bekomme den Apell, mir dann jezt eben mehr Mühe zu geben, wo ich doch nun darüber Bescheid weiß bzw. den Vorwurf, daß ich ja gar nciht wollte.

    Am allermeisten kränkt mich diese Reaktion von meinen Eltern und meinem Partner. Ausgerechnet jene Leute, die mir so nah sind, bringen hierfür das wenigste Verständnis und mit Abstand die meiste Kritik.

    Wie geht man nun mit dieser Zwickmühle um??
    Wenn für Normalhörende die Sprachlautstärke von z.B. mir als Schwerhörige unangenehm wird/ist, wie sagen jene das denn einem Schwerhörigen, ohne dass dieser sich gleich persönlich gekränkt fühlt?
    Wenn dem Normalhörenden das unangenehm ist, muss dieser das doch auch irgendwie übermitteln dürfen!

  22. Hallo Shiva,
    ich kenne das teilweise auch. Gerade auf dem Balkon oder auf der Straße werde ich gerne mal gebremst, ich sei zu laut.
    Ich empfinde das wirklich als Bremse, denn ich will ja gerade impulsiv etwas sagen, und dann heißt es Stopp! Und man merkt es selbst nicht, dass es zu laut sein könnte.
    Das ist eine Zwickmühle. Ich versuche solche Hinweise zwar als Rückmeldung zu verstehen – es gelingt mir aber nicht immer, manchmal bin ich dann eingeschnappt.
    Wenn alles gut geht, kann ich auch die Sicht des Gesprächspartners verstehen. Ich kenne es selbst ja auch. Nämlich, dass andere glauben, sie müssten mit mir besonders laut sprechen. Das ist mir mit der Verstärkung der Hörgeräte unangenehm. Schreien und Lautstärke sind außerdem starke Signale, es alarmiert und sorgt für Stress. Wer laut redet, hat oft auch einen angestrengten Gesichtsausdruck. Fördert die freundlichen Gefühle nicht gerade.
    Also – was tun? Vielleicht die Kritik nicht auf sich selbst als Mensch beziehen? Sondern als Rückmeldung für eine bessere Kommunikation. Vielleicht auch dankbar sein. Denn wer, wenn nicht unsere Freunde und Verwandte können uns diese Rückmeldung am besten geben? Wie diejenigen es dann rüberbringen – klar, da gibt es sicher gute und weniger gute Beispiele 😉

  23. Ich glaube, mein mich gekränkt fühlen kommt wohl am meisten von der Art und weise, wie man mir das Feedback gibt. Meine eltern bremsen mich aus, bis ich nur noch so leise spreche, daß ich mich selber fast nicht mehr höre, mein Freund guckt jedes Mal, als ob er Zahnschmerzen hat und antwortet mit Funkstille, und eine Arbeitskollegin fühlt sich immer von mir persönlich angegriffen.

    Die Zwickmühle ist da. Der Guthörende muss die Chance haben, Feedback zu geben. Aber es ist eine Gratwanderung, wie er es am besten rüber bringt. Den Inpuls des anderen ausbremsen bedeutet ja auch, ihm seine gefühlten Gefühle zu beschneiden.
    Vielleicht liest hier ja noch der eine oder andere und gibt ein Statement, wie jene es für sich selbst am einfachsten aushalten/wegstecken können, wie man es ihnen sagt.

    Ich selber könnte mir vorstellen, für mich einen Weg zu finden, wenn man mir den Hinweis gibt: „Du sprichst gerade ein wenig laut. “ Evtl. eine Begründung dabei, warum jene es für notwendig halten, daß ich lieber (für mich gefühlt) flüstern soll. Z.B. „Die Leute am Nebentisch können gerade alles mitverstehen.“

  24. Was man selbst hört, ist bei starker Schwerhörigkeit wohl kein Gradmesser. Aber Flüstern muss man ja nun nicht. Das kann doch keiner wirklich wollen – außer man ist gerade in einem stillen Museum oder in der Kirche 😉
    Vielleicht kann ja auch eine Logopädin helfen. (Ich war noch nie bei einer). Ich stelle mir vor (bzw. hoffe), dass man trainieren kann, wie sich verschiedene Lautstärken anfühlen. Und dass man dann vielleicht zwei Lautstärken trainiert: eine etwas lautere und eine ruhigere Version. Es dauert sicher eine Weile, aber die Logopädin könnte wenigstens eine objektive professionelle Rückmeldung geben.

  25. Shiva, dass Du gekränkt bist kann ich verstehen, auch dass Du Verständnis erwartest. Sollte m.E. auch drin sein, zumindest wenn sich beide Seiten bemühen.
    Bei mir ist es übrigens umgekehrt: Ich tendiere dazu, vergleichsweise leise zu sprechen. Das ist auch nicht immer vorteilhaft und ich trainiere mir darum an, in bestimmten Situationen etwas lauter zu sprechen.

  26. Bei mir ist es so, dass ich lauter spreche als gewöhnlich, wenn ich schlechter hoere. Meine mich umgebenden Flotthoerigen weisen dann darauf hin. Zuletzt geschehen letztes Jahr, als wegen einer Impedanzerhoehung meine CI- Einstellung nicht mehr funktionierte.

  27. Ich glaube das es noch zwei sich wiedersprechende Aspekte gibt. Manche Menschen die schwerhörig sind sprechen extrem artikuliert, so als wollten sie ihren Gesprächspartnern vormachen wie sie reden sollten. Ich selbst bemerke das manchmal bei mir und meine sehr schwerhörige Mutter sprach so. Andere wiederum verschlucken bestimmte Laute (vielleicht solche, die sie schlecht hören).

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