„Ein Glück, dass Du schwerhörig bist…“

…sagte ein alter Freund von mir. „Denn sonst wärst Du sicher ein arroganter Arsch geworden.“

Und wenn ich mir mich mal so schonungslos angucke — ich glaub, er könnte recht haben.

Photo by patries71 / flickr, some rights reserved

Gibt es eigentlich arrogante Schwerhörige?

Advertisements

20 Antworten zu “„Ein Glück, dass Du schwerhörig bist…“

  1. Aber ja. Ich kenne nicht viele Schwerhörige, aber einen wüsste ich. Der genießt das auch richtig und wird immer schwerhöriger, wenn man was sagt, was ihm nicht gefällt.

  2. the fräänk

    Habe bisher keine Anzeichen von potentiell zunehmener Arroganz bei Dir bemerkt. Ist das jetzt Kompliment oder Abwertung für Dich?

  3. Hmm, heißt das dann im Umkehrschluss, dass Schwerhörigkeit demütig macht? Oder bescheiden?
    Versteh ich nicht.

    Wobei sich mir die Nackenhaare sträuben, wenn jemand schwerhörig sein mit so etwas wie „Glück gehabt“ verbindet.

  4. Nettes Foto 😉

    Arrogante Schwerhörige?! Hm, da müsste man erstmal definieren was genau arrogant ist, oder nicht?

    Als ich für’s Abi auf entsprechender Schule war und obwohl immer mehr am immer weniger Hören nur mit Schwerhörigen in einer Klasse saß hätte ich sofort „JA, gibt es!“ geschrien weil die obwohl ich mehrmals auf mich aufmerksam gemacht habe grundsätzlich alle durcheinander geschrien haben, das mit dem Angucken nicht hingekriegt haben und überhaupt nicht wirklich daran interessiert waren, dass ich immer noch Teil der Klasse war. Genauso hätten die aber gesagt „Salomea ist arrogant“, weil ich mehr auf dem Kasten hatte als die meisten von denen und – ich habe es gehasst! – ganz gern als Beispiel dafür, dass die „orale Methode“ doch funktionieren würde von Lehrern rumgezeigt wurde.

    Später als die ersten Versuche gemacht wurden beruflich wieder auf den Markt zu kommen, wurde ich grundsätzlich von der Agentur in reine Gehörlosenmaßnahmen gesteckt, die grundsätzlich nach hinten losgehen. Da hat man mir auch gerne unterstellt, ich würde meine Taubheit nicht akzeptieren weil ich eben nicht typisch „gehörlos“ bin. Und mir wurde unterstellt, ich sei arrogant, weil ich mein Bildungsniveau nicht verleugnet habe.

    Der Gipfel kam 2004 bei einem privaten Anbieter, der mich hinterher als „komplett arbeitsunfähig“ hingestellt hat, weil ich bei solchen Tests wie Bildergeschichten mit der Unterschrift „Wo ist der Baum?“ nicht „Baum da“ sondern „Der Baum steht hinten links“ geschrieben habe. Da war unsere eine dann gewaltig arrogant. Und die Schwerhörige, die jahrelang Filialleitung eines Blumengeschäfts war und deshalb gesagt hat, sie geht nicht ans Fließband sondern möchte entweder eine Büroumschulung oder eine mit Dekoration ebenfalls. Die Frau ist bis heute nicht umgeschult weil dieser Bildungsträger Mist in seinen Bericht geschrieben hat.

    Als ich im BFW die Umschulung begann hat mich eine Dolmetscherin immer wieder arrogant genannt weil ich mich nicht habe von ihr bevormunden lassen. Habe eigene Meinungen und kann die auch selber kundtun, Dankeschön.

    Ihr seht, „arrogant“ ist also eine Interpretationssache.

    Es gibt allerdings wirklich Schwerhörige und Ertaubte die ich persönlich arrogant finde. Das ist die Fraktion die auf Teufel komm raus hörend wirken will und wo dann auch schon mal Hörgeräte in den Taschen verschwinden damit sie bloß nicht auffallen, die aber gleichzeitig von oben herab auf Leute wie mich gucken wir wären ja so arm dran. Und die Fraktion – sie überschneiden sich teilweise -, von wegen ich würde ja „krank“ (Hallo???!!!) sein wollen, weil ich keine Cis habe und die Dinger auch nicht haben will und sie wären ja so „gesund“. Sind die sich dessen sicher?

    Liebe Grüße

  5. Ob schwerhörig, taub oder hörend, es gibt überall arrogante Menschen. Mancher wirkt nur arrogant und manche sind es wirklich.

  6. Muriel, ich glaube das würde ich nicht arrogant nennen. Eher irgendwas zwischen faul, stur, opportunistisch und böswillig.

    Fräänk, weder noch. Ich denke ich verhalte mich auch nicht zunehmend arrogant, aber…

    …Heike, habe schon den Eindruck, dass ich mir sowas wie Arroganz zumindest unter Normalhörenden gar nicht leisten kann. Verhalte mich eher vorsichtig und, ja, bescheiden — und das hat schon was damit zu tun, dass ich weiß, dass ich immer was falsch verstanden haben kann. Man macht nur ein paarmal in der Gruppe eine forsche Bemerkung um dann zu erleben, dass sie total unpassend war, z.B. weil es eigentlich um was anderes ging. Und ich hab mich halt gefragt, ob das nur mir so geht. Glück gehabt, ist natürlich übertrieben, (die Bemerkung des Freundes war auch scherzhaft gemeint). Aber es gibt schon Leute, bei denen ich denke, wenn die so einen Dämpfer (wie Schwerhörigkeit) hätten, wären sie nicht so arrogant wie sie sind.

    Salomea, als arrogant abgetan werden ist ja noch einmal ein ganz anderes Faß. Wenn ich so Geschichten höre, wie Du sie hier aus Schule und Umschulung erzählst, wird mir ganz anders. Furchtbar, wie die Verantwortlichen da drauf waren.

    Babbel, sehr salomonisch gesagt.

  7. Was heißt furchtbar? Ich sehe das mittlerweile auch einfach nur noch nüchtern, weil ein Großteil der Hörgeschädigten die ich kenne mir ebensolche Sachen auch aus ihrem Leben erzählen, scheint also sowas wie die Regel zu sein.

    Und wenn diese Regel das Wort „arrogant“ so definiert, dass derjenige der sich nicht als armer tauber hilhloser Mensch hinstellen lässt arrogant ist, sind wir’s dann nicht gerne? 😉

    Ich denke das Wort ist wirklich ne Interpretationssache.

    Aber wer weiß vielleicht wäre ich es ja ohne Ertaubung auch im allgemeingültigen Sinne… Kann ich nicht beurteilen.

    Liebe Grüße

  8. Ich finde es grenzt an Wortverdrehung, sowas arrogant zu nennen (sich nicht als armer tauber hilfloser Mensch hinstellen lassen). Es ist einfach strategisch oder total ignorant oder böswillig oder faul oder sichselbstlobend von den oben beschriebenen Menschen, sowas „arrogant“ zu nennen und damit abzuwerten.

  9. It’s impossible for me to imagine arrogance as I understand it combined with an advanced stage of Schwerhoerigkeit. Arrogance to me implies self-confidence dovetailing with a fundamental lack of engagement with other people. The arrogant guy at the table will either telegraph that he doesn’t care what anyone else thinks or says; or instrumentalize other people by scornfully teeing off on them; or only talk to someone who fawns all over him.

    This seems impossible behavior for a person whose survival mechanisms include a deep sustained focus on others and the capacity to accept help now and then. I’m thinking of a very independent exboyfriend who needed some assistance with basic needs after breaking both arms in a bike accident. In contrast the group of gehoerlos who shunned a schwerhoerige seem to have, not arrogance, but a warped insecurity–like any person whose adversity embitters rather than strengthens him.

    The schwerhoeriger whose hearing got suddenly worse when he did not like something sounds comedic (smile.)

  10. Ich kann nur sagen schwerhörig sein ist optimal 😉

    Nachts beim schlafen, am Tag bei der Arbeit, nach Feierabend auf dem Weg im PKW nach Hause… geht einem einer auf dem Geist, dann einfach: hääääää? Und die Klunker raus ^^

  11. Schade das Elisabeth englisch geantwortet hat in einem deutschenBlog. Ich kann leider kein super flüssiges englisch.

    Salomea kann ja googeln nach „Michaela Spronk“ zu ihrer Ausbildung als Informatikkauffrau oder
    http://www.integrationsaemter.de/webcom/show_article.php/_c-573/_nr-24/i.html

    Ansonsten zu Arroganz: kenne das ganze ähnlich wie Salomea. Dagegen hilft nur sich in der Persönlichkeit weiter zu entwickeln!

  12. Verzeihung. Ich versuche, mein deutsch zu verbessern, indem ich das blog lese. Dovetail=verzahnen, wie die Feder eines Vogels; tee off=Golf abschlag; fawn over someone=jemandem hofieren…dank leo.org.

  13. @ not quite like beethoven:

    Du hast ganz Recht wegen der Wortverdrehung und dem was du sagst. Ich sehe das auch so. Aber ich habe das mittlerweile so oft in meinem Leben bekommen, dass ich da drüber stehen kann. Wenn das für die arrogant ist, dann ist das so. Ich lasse denen da das Recht auf eigene Meinung und denke mir meinen Teil bzw. mittlerweile nehme ich es nur noch zur Kenntnis und lege es ab. Wie in der buddhistischen Geschichte mit den zwei Mönchen und der Frau.

    Liebe Grüße

  14. Deaf News, „optimal“ höre ich wirklich zum ersten Mal im Zusammenhang mit Schwerhörigkeit. Nett!

    kace 68 und Salomea, sich weiterentwickeln und akzeptieren, dass andere eben sind wie sie sind und man sie so lassen muss ist definitiv die richtige Einstellung, ja. Vor allem im Mensch-zu-Mensch-Bereich. Aber es gibt halt Grenzen – und bei Behörden und Entscheidungen über die Lebenschancen anderer sind die schnell mal überschritten.

  15. Du hast auch hier Recht. Wobei ich jetzt sagen muss, du hast im Prinzip Recht, weil ich persönlich ab einem bestimmten Punkt so nicht mehr denke.

    „Der Verstand weist den Weg
    Der Wille birgt die Kraft
    Das Gefühl treibt mich an
    Doch die Angst lähmt den Schritt“

    (Camouflage „Kraft“, Text von Marcus Meyn, 1995)

    Der Verstand sagt mir ich habe das Recht auf ein gutes Leben wie ich es verstehe.
    Der Wille sagt mir, da möchte und kann ich hinkommen.
    Das Gefühl kann mir anderer Leute oder meine eigenen Maßstäbe eingeben.
    Die Angst macht mich dann unfähig nach vorn zugehen, wenn das was mir eingegeben wird größtenteils die Maßstäbe anderer Leute in anderer Situation sind.

    Ich bin für mich persönlich irgendwann an einen Punkt gekommen wo ich mich gefragt habe, welche Kämpfe in meinem Leben wirklich notwendig sind. Und es hat sicher welche im Bereich der „Lebenschancen“ für mich gegeben die notwendig und richtig waren, aber es gibt auch welche von denen ich für mich selber festgestellt habe, dass ich wenn ich sie loslasse sehr viel zufriedener leben kann. Wenn ich mich nach so viel Jahren noch immer über jede Ungerechtigkeit aufregen würde, die einem als Behindertem widerfährt wäre ich – denke ich – nicht da wo ich bin. Ich glaube, dass es für mich persönlich viel gebracht hat meine Perspektive so zu setzen, dass meine Grenzen nicht grundsätzlich überschritten wurden (durch zum Beispiel solches Verhalten) sondern, dass ich durch den anderen Zustand – den meine Ertaubung nun mal herbei geführt hat – einfach auch andere Grenzen als vorher habe. Das heißt nicht, dass ich mir alles gefallen lasse, es heißt aber auch, dass ich nicht gegen Windmühlen renne, die ich eh nicht kaputt kriege und von denen ich weiß, dass der Versuch sie kaputt zu kriegen mich kaputt machen würde.

    Wenn ich genau das nehme was ich habe und genau schaue was ich jeden Tag daraus für mich holen kann, ziehe ich persönlich für mich da mehr raus, weil ich dann realistische Perspektiven erhalte.

    Das ist meine für mich passende Antwort. Es muss nicht die von irgendjemand anderem sein.

    Liebe Grüße

  16. meine Gratulation für Salomea, dass sie für sich diesen Standpunkt und diese Einstellung „gegen Windmühlen“ errungen hat!

    Es wird immer Situationen geben, wo man sich hinterher vielleicht sagt: „Menschenskind, dies & das hätte besser laufen können, besser formuliert usw…“ Mit einem klaren Ziel kann man einen Impuls für einen Entwicklungsprozess in Gang setzen. Es menschelt bei Euch so schoeeeeeen!

    Hier einen Link http://www.integrationsämter.de/webcom/show_zeitschrift.php/_c-560/_nr-317/_p-2/i.html

    Das bedeutet nicht, dass die Integrationsämter alles erledigen, alles reibungslos funktioniert, alle glücklich und zufrieden sind. Verständigung trotz größter Einschränkungen kann funktionieren, wenn beide Seiten dazu bereit sind.

    nqlb der DU DIR DICH angeguckt hast – ungehinderte Zustimmung zur geäusserten Meinung ???

  17. Juergen Hobrecht

    Die Frage, ob Schwerhörige arrogant sein können oder nicht, ist entweder positiv dis-krimminierend, oder an sich schon arrogant.(gr.) Im Übrigen, umgekehrt wird ein Schuh daraus: Sind die meisten Arroganten nicht schwerhörige Autisten?
    Jürgen

  18. MENSCHELT —->
    in der Fauna (Tierwelt) ist das männliches Balzverhalten oder des weibchens Ablehnung.( oder umgekehrt ?)

    Unser Charly ohne Höschenbekleidung schaut freundlich und entspannt in Richtung Linse des Fotoapparates ( no name oder Carl Zeiss ? )

  19. Salomea, ja man soll sich auch nicht festbeißen und mit jedem Blödsinn unglücklich machen. Um „Lebenschancen“ geht’s nicht bei jeder kleinen Ungerechtigkeit, aber wenn dann… (Nur als Antwort, auch auf kace-68, nicht als Überzeugungsversuch)

    Jürgen, 🙂 Damit wäre die Definitionsfrage geklärt

    kace, ich hab das Foto nicht gemacht.

  20. Schüchternheit = Arroganz?!
    Es kann auch ein Selbstschutz sein…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s