Vortragen und Schwitzen: Wie man als Schwerhöriger vor Publikum redet

Dienstreise. In einen kleinen westdeutschen Ort, in dem die Bedienung nach dem Abendessen im Hotel standardmäßig fragt, ob man nicht Eintrittskarten fürs Spielcasino haben möchte, das sei ja nur über den Fluss. Man gibt sich Mühe in diesem Hotel, es ist behaglich und etwas bedrückend zugleich — ein bißchen wie bei der Schwiegeroma.

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Ich soll einen Vortrag halten, an einer Akademie. Das mache ich inwzischen sehr routiniert. Und dabei hilft mir die Schwerhörigkeit sogar. Denn ich muss ja versuchen, die Anwesenden einzufangen — und während ich rede sehen, wie das Publikum drauf ist und wie es reagiert. Das zu erfassen, darin bin ich gut, auch dank der Schwerhörigkeit. Und so sind die meisten Menschen der Meinung, dass meine Vorträge ansprechend sind.

Aber während die meisten Menschen vor dem öffentlich Reden Lampenfieber kriegen, kriege ich es danach. Beim Antworten auf Fragen und Kommentare. Dann bricht mir der Schweiß aus. Und ich muss mir was einfallen lassen. Das mache ich auch…

Früher habe ich, schon hochgradig schwerhörig, noch Podiumsdiskussionen moderiert — und auch das, wie man so hört, zupackend, mit Sinn für Anschlüsse und Timing. Heute: Nichts mehr davon. Auf große Entfernung (also mehr als drei Meter) wird’s in 85% der Fälle nichts mit dem Verstehen. Da hilft auch ein Mikro nicht, eher im Gegenteil. Damit verstehe ich noch schlechter. Ganz zu schweigen davon, dass sich dort wo ich rede oft Menschen aus aller Herren Länder tummeln — mit entsprechenden Fremdsprachen und Akzenten.

Was habe ich da schon an Qualen ausgestanden, wenn ich mir nicht sicher war ob ich richtig verstanden hatte und trotzdem vor aller Augen und Ohren, im Zentrum der Aufmerksamkeit von bis zu 100 Menschen etwas sagen musste. Soll ich zum dritten Mal nachfragen? Soll ich’s riskieren und so gut es geht antworten? Soll ich sagen, tut mir leid, Ihre Frage kann ich nicht beantworten, ich kann ihre Sprechweise nicht verstehen? Ich bin sicher, ich habe auch schon einen schlechten Eindruck hinterlassen. Ich trage bei solchen Gelegenheiten nur sehr dunkle oder sehr helle Hemden, der Schweißflecke wegen.

Wie gehe ich damit um? Inzwischen schwitze ich schon so lange, dass ich mir ein paar Sachen überlegt habe. Bevor ich Fragen zulasse, weise ich auf meine Schwerhörigkeit hin. Und erkläre, wie das Fragenstellen ablaufen soll. Ich unterbreche die Fragenden und bitte um lauter Sprechen oder Wiederholung. Ich wiederhole die Frage vor dem Antworten in meinen Worten um zu sehen, ob ich sie richtig verstanden habe. Im kleinen Rahmen gehe ich zu den Fragestellern hin. (Das führt dann zu dem Folgeproblem, dass ich direkt vor Sitzenden stehe, sie also nach oben reden müssen. Was für die meisten sichtbar unangenehm ist.) Und ich zwinge die Leute, ihre Fragen oder Kommentare  kurz und präzise zu formulieren. Kein minutenlanges Gerede, keine Ko-Referate. Keine Selbstdarstellung. Das gefällt oft auch den anderen Anwesenden sehr gut. So haben auch sie was von meiner Schwerhörigkeit.

Bisher bin ich zurückgeschreckt vor so Radikalem wie „Fragen dürfen nur auf Zettelchen geschrieben und nach vorne gegeben werden“ . Ich hatte maximal eine Vertrauensperson neben mir, die mir die Frage noch einmal wiederholte. Aber das ist auch keine Lösung, da gibt’s zu viel Stille-Post-Effekte. Mal sehen, wie ich das in Zukunft halte….

Ansonsten: In der kleinen Stadt mit dem Casino lief es gut. Kleiner Rahmen, ich bin herumgelaufen. Nur eine sommersprossige junge Dame hatte sich angewöhnt, beim Sprechen zwar die Lippen, nicht aber den Kiefer zu bewegen. Sah etwas seltsam aus — und ich musste mich mit ihr abends einzeln treffen, um ihre Frage richtig  zu verstehen… Für den Kaffee gab es in der Akademie zwar Hutschenreuther-Porzellan, aber nur Kondensmilch. Kein Geschmack!

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12 Antworten zu “Vortragen und Schwitzen: Wie man als Schwerhöriger vor Publikum redet

  1. Ich weiß nicht, ob dir das ein Trost ist, aber es gibt so viele nicht schwerhörige Redner, die die Fragen zu ihren Vorträgen nicht verstehen können oder wollen, dass du wahrscheinlich gar nicht unangenehm auffielest, wenn du auf jede Frage einfach willkürlich ein paar Sätze aneinanderreihtest und die Sache damit als erledigt betrachtetest.

  2. Das weiß ich. Aber man wird ja wohl Ansprüche haben dürfen….

  3. Ich nehme mal an, dass du laut und deutlich sprichst (etwas, was ich bei den meisten Rednern vermisse). Und allein schon dadurch würden sich für mich weitere Fragen erübrigen 😉
    Kannst du nicht jemanden neben dir haben, der dir das ganze nochmal „übersetzt“? Das fände ich eine gute Möglichkeit.

  4. Ich konnte hörend ÜBERHAUPT NICHT vor anderen Menschen, insbesondere Gruppen reden, taub kann ich das sehr gut, auch ad hoc. Aber Nervosität kenne ich da nicht.

    Mit Fragen handhabe ich das so: Ich gehe auf die Bühne oder setze mich in die Kindergruppe – bei Kindern bin ich gern mittendrin -, sage wer ich bin, dass ich zwar babbeln kann aber nicht hören (auf die jeweilige Zielgruppe angepasst, „babbeln“ kam in Baden-Württemberg immer gut), und dass Fragen bitte erst am Ende gestellt werden mögen, es sei denn ich bitte früher darum (bei mir ist viel improvisiert, je nachdem wie die Leute drauf sind). Wenn es dann so weit ist stampfe ich zwei-drei Mal mit dem Fuß (so nach dem Motto „Kon- ferenz eröffnet“, kennt man schon von mir), dann lasse ich jeden der eine Frage hat aufzeigen. Und dann reihum. Wenn ich das Gefühl habe, dass relativ viele die gleiche Frage haben mache ich eine öffentliche Strichliste bevor die erste Antwort kommt.

    Das ist meine Struktur für sowas. Das einzige was mich manchmal ein bisschen stört bzw. triggert ist, dass bei erwachsener Audienz die mich kennt ganz am Ende häufig „Kriegen wir’n Märchen?“ kommt. Können sie ja haben, nur habe ich dann in etwa zwei Minuten um mir die auszudenken. Und da habe ich manchmal Sorge, dass ich die in der Hektik gebärde statt spreche.

    Liebe Grüße

  5. I just saw Orhan Pamuk read in Memorial Church. The moderator collected questions from the audience in a hat, because the church is enormous with different levels. While she was doing this Pamuk took 5-10 minutes to wrap up his talk, so there was no major pause. Then she read out questions next to him, with a bit of gatekeeping for the most interesting ones. Alles lief glatt.

  6. Petra, ja, das mache ich auch. Man muss aber kompetente Leute haben, es ist nicht einfach, eine schlecht oder diffus gestellte Frage — noch dazu vielleicht zu schwierigen Themen — schnell und bündig zu paraphrasieren.

    Salomea, Du gebärdest manchmal unabsichtlich obwohl du eigentlich sprechen willst?

    Elizabeth, diese Methode kenn ich auch vom Dalai Lama, scheint mir eher was für berühmte und bewunderte Leute zu sein. Aber ohne Hut gehts vielleicht auch bei mir. 🙂 Mal probieren.

  7. In der Tat. Das liegt daran, dass ich zwar in Lautsprachgrammatik denke aber nur noch selten vokalisiere, also Lautsprache anwende.

    Ich vokalisiere in Arbeitskontexten, also in Zusammenhängen die mit meinem „offiziellen“ Beruf zu tun haben. Auf „nebenberuflicher“ Ebene mache ich es, wenn ich es für dramaturgisch sinnvoll erachte und privat mit guten hörenden oder schwerhörigen Freunden. Ansonsten benutze ich so weit es geht Gebärdensprache. Das hat für mich unter anderem mit meinen Erfahrungen mit den Erwartungen die Hörende an mich stellen zu tun. Diese Erwartungen sind oft überzogen, sowohl an meine Person als auch an die Kommunikation und insbesondere das Absehen, und der enttäuschte Hörende verkehrt mich dann ins Gegenteil seiner ursprünglichen Erwartung. Ich treffe immer wieder auf Hörende, die zum Beispiel „Touch Of Sound“ gesehen haben und – ohne mich persönlich zu kennen – sich im Kopf zurecht legen ich habe eine zweite Evelyn Glennie zu sein oder so. Bin ich nicht. Und weil ich es nicht bin und dazu das Gespräch ob der Kommunikation eben nicht verläuft wie in der Wunschvorstellung (es kann absolut alles korrekt mit Absehen verstanden werden, was die dann aber oft meinen) habe ich dann aus Sicht meines Gegenübers entweder kein Interesse an dessen Person (weil ich eben mal ne halbe Stunde oder so brauche um mich wirklich auf die Kommunikation mit genau der Person einzustellen, ein Gefühl für die Person zu kriegen oder auch mal rückfrage und – hier wird es grotesk – bitte mir Sachen genauer zu erklären) oder befinde mich in einer Traumwelt (ich lebe an Hörenden orientiert, ich lebe nicht mehr komplett in einer hörenden Welt und das ist böse) oder – wenn es Arbeitsgespräche in Bezug auf Literarisches sind – mache das was ich mache angeblich nur um die Hörenden zu ärgern.

    Wenn ich aber von vornherein sage, ich vokalisiere nicht, dann hat der Hörende auch die faire Chance sich diese ganzen Trugbilder von „Mustertauben“ der ja alles versteht und der alles kann und der mit den blöden „Taubstummen“ so gar nichts gemein hat gar nicht erst zu bilden. Und damit fahre ich ziemlich gut. Auch wenn die Kommunikation dann etwas mühsamer ist, weil ich das über so genannte „Kommunikationsbücher“ handhabe, das also wirklich schriftlich vonstatten gehen lasse. Das ist für beide Seiten gleich anstrengend, gleich zeitraubend, gleich nervig und jeder versteht alles. Und es hat für mich persönlich einen großen Vorteil: Von den Hörenden, auf die ich von vorherein so zugegangen bin, hat mich hinterher noch niemand beschimpft, beleidigt oder hängen lassen. Von den Hörenden mit denen ich vokalisierte bekam ich mehrmals alles drei weil sie ihr Trugbild aufgeben mussten.

    „Nebenberuflich“ halte ich das wie oben erwähnt unterschiedlich wobei ich mir wenn ich da mit Lautsprache arbeite den Stress nicht mehr mache sehr drauf zu achten. Ich vokalisiere nach 10 Jahren ohne Ton etwas verwaschen (man sagt es klingt nach osteuropäischem Akzent, keine Ahnung) und zu laut – na und? Vor ein paar Jahren habe ich mich noch wahnsinnig unter Druck gesetzt bloß deutlich und möglichst normal zu „sprechen“. Wenn ich mit Kindern oder Erwachsenen die sehr mit ihren „inneren Kindern“ in Kontakt sind arbeite mache ich es auch schon mal so, dass ich so was wie einen Dialog inszeniere, allerdings mit jeweils dem gleichen Inhalt, nur einmal in Laut- und einmal in Gebärdensprache. Kommt relativ häufig gut.

    Liebe Grüße

  8. „…im Zentrum der Aufmerksamkeit von bis zu 100 Menschen etwas sagen musste“

    Wenn du soviele Koepfe kriegst fuer eine akademische Veranstaltung in deinem spezifischen Bereich, von mir aus bist du schon genug bewundert und beruehmt! Du hast uns hier nicht erzaehlt, dass du ein Rockstar im Heimatland bist. Vielleicht mal Cowboy Hut… Uebrigens mag ich Selbstdarstellung bei Fragen auch nicht („Professor, isn’t it true that…?“)

  9. Salomea, das verstehe ich, von Anfang an für klare Erwartungen sorgen (oder zumindest klar machen, dass alle üblichen Erwartungen nicht gelten werden) macht es oft einfacher.

    Elizabeth, hehe, ja. Wobei 100 eher die Ausnahme ist…

  10. Warum nutzt Du keine Arbeitsassistenz, z. B. Schriftdolmetscher, die Dir die Frage schnell auf dem Laptop aufschreiben? Ich weiß schon, dass es nicht so einfach ist, professionelle Schriftdolmetscher zu bekommen, aber Studenten reichen vielleicht für die oben beschriebene Fragerunde auch?

  11. Sehr guter Punkt, warum eigentlich nicht? Ich hab bislang für solche Dinge (Fragen nach dem Vortrag) immer nur auf eh anwesende Kollegen oder Freunde zurückgegriffen. Für Arbeitsassistenz war das Ganze teilweise zu kurzfristig (in den USA geht sowas mit 2-3 Tage Vorlauf, nicht so in D) oder zu kompliziert zu organisieren weil es sich um eine Tagung irgendwo auswärts, teils im Ausland handelte, so dass ich’s dann lieber so gemacht hab.

    Aber ich glaube ein ganz wichtiger Grund ist auch, dass ich einfach nicht daran gedacht habe, dass ich das machen könnte. Anfangs keine Infos, dass es das gibt. Später, ja was? Gewohnheit? Bequemlichkeit? Es-selber-schaffen-wollen? Vielleicht ist die Situation noch nicht unmöglich genug, der Leidensdruck noch nicht hoch genug?

    Ab jetzt – das ist auch ein Effekt der Diskussion hier – werd ich das aber machen wo immer es geht.

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