Nervensägen II: Jammerlappen

Nach den Behindertengroupies nun die Jammerlappen:  Jammern ist ja ein Volkssport — und ich glaube, ich ziehe Jammerlappen an. Ich glaube sogar, dass Behinderte generell Jammerlappen anziehen. Oder zumindest viele Jammerlappen sich von Behinderten oder das was sie dafür halten angezogen fühlen.

Die suchen dann eine Gelegenheit, und weil ich meistens nett und offen bin, kriegen sie die auch. Ich freue mich ja eigentlich immer, wenn jemand mit mir reden möchte. Aber dann geht’s los, über Gott, die Welt — und vor allem das eigene Schicksal. So schwer! So schwierig! Meist so die anderen schuld!

Ab und an ist’s ja ganz erheiternd zu sehen, wie sehr den Leuten die Maßstäbe fehlen. Über was sie sich so einen Kopf machen. Oder mitzukriegen, wie schlecht es ihnen wegen nichts geht. Ich gestehe sogar: Ganz selten, in schwachen Momenten, suche ich sogar solche Leute, weil ich mich dann vergleichen kann und denke: Das machst Du schon gut, Herr Not Quite, Du hältst Dich gut.

Meistens aber ist es einfach nur nervig. Denn die jammern ja nicht einfach so, die suchen — mal mehr, mal weniger gezielt — eine verständige Seele. Jemand der „Ooooch, Du Armer!“ sagt. Und wenn ich dann nicht mitleidig reagiere, sondern nur pragmatisch oder, Gott behüte, kurz angebunden (etwa Entweder Du machst es oder Du läßt es!), dann sind sie irritiert. Manche werden auch sauer, vergessen kurz, warum sie sich mich ausgesucht haben und sagen so etwas wie: Du hast ja überhaupt keine Probleme!

Auch wenn sie es vom Kopf her vielleicht besser wissen — gefühlsmäßig sind viele Leute offensichtlich der Ansicht, wer nicht jammert, kann es nicht besonders schwer haben. Da wo andere Vorstellungs- und Einfühlungsvermögen haben,  haben diese Menschen eine Wüste Gobi.

Ich bin sehr dafür, dass man den Leuten beibringt, gezielt andere Drähte zu anderen Menschen zu suchen. Das muss man nicht über Jammern machen.

Advertisements

15 Antworten zu “Nervensägen II: Jammerlappen

  1. Sehr treffend geschildert.
    Ich denke manchmal, dass es beim Unglück aber auch einfach keine Maßstäbe gibt. Wer sich nicht zwischen den Hochzeitseinladungen mit und ohne Perlenbordüre unterscheiden kann, ist unter Umständen genauso überfordert und unglücklich wie der, der mit zwei Jobs alleine sieben Kinder ernähren und erziehen will. Man kann sagen, zu Unrecht, aber dadurch wird sein Unglück nicht weniger real. Merkwürdige Welt.

  2. Eigenartigerweise kommt der eine mit seinem Leben besser zurecht als der andere.
    Viele werden sich nicht bewußt, daß sie immer jammern.
    Ich kenne eine Frau, die beschwert sich, wenn der Sohn die Milch austrinkt, wenn er nur die Hälfte trinkt und wenn er sie nicht trinkt.
    Hat sie Schmerzen, beschwert sie sich, wie schwer sie es hat, hat sie keine jammert sie, daß sie bestimmt diese oder jene Krankheit hat.
    Ich finde solche Menschen sind bedauernswert, sie machen sich das Leben nur unnötig schwer und merken nicht mehr, wie schön das Leben sein kann.

  3. …wer jammert, kann mit sich nichts anfangen!

  4. Muriel, Babbel und Mila — ab und zu muss man auch mal ein bißchen jammern. Aber ich denke wirklich es kommt darauf an, sich das nicht zur Gewohnheit werden zu lassen. Ist doch schlimm wenn einem als einzige emotionale Antwort auf irgendwas winziges was schiefgeht oder schwierig ist, nur Jammern zur Verfügung steht

  5. Pingback: Werd’ ich benutzt? Oder bin ich cool? | Not quite like Beethoven

  6. meinst wir sind Opfer der Jammerlappen, da sie sich auf uns stürzen?! *aaaaaaaaaaah* 😉 ich mein wo bleibt denn da UNSER Mitleid??? 😀 aaaaah nein wie herrlich 🙂 das kann ich doch so manches mal seeehr gut nachempfinden 😀 Und das komische an der Sache ist, ich kann mich echt nicht erinnern, wann ich das doch so sehr gewünschte: „ooh du Armes“ das letzte mal gesagt habe 😉 Nicht dass ich nicht gern für Menschen da bin, ich helfe immer gern wo ich nur kann, aber ständiges Jammern ist wirklich nervtötend. Vorallem ist es nunmal wenig effektiv. Jeder jammert mal, okay, das ist iiirgendwo auch normal, aber manche übertreiben es maßlos. Ich schaue halt, dass es dann jemand BESSER geht, wenn ich das irgendwie kann. ich pushe jemand anstatt ihn weiter ins Loch zu drücken. und jaa wie du auch gesagt hast, das irritiert manche unheimlich. Im Übrigen kann ichs auch net leiden, wenn jemand „oooch du Armes“ zu mir sagt, egal wie berechtigt es manchmal sein mag. ich „grausames Ding“ bestrafe so jemand dann auch gern noch mit einem entsetzten fragenden Blick mit einem leichten Hauch von Boshaftigkeit. auch das irritiert, aber manchmal kann ichs mir einfach nicht verkneifen 😉

  7. Es gibt komischerweise tatsächlich Leute, die meinen, wer nicht jammert habe keine Probleme. Und die ganz gezielt per Jammern Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen. Verstehe wer will.

  8. weils mich nervte, dass vorzugsweise männliche jammerlappen sich an mich hängten, habe ich was geändert.

    http://rachellindenbaum.de/1178/mein-ich-und-ich

  9. Pia Butzky

    Jammern und Nörgeln ist eine anerzogene Kommunikationsform. Und angeblich sehr deutsch – sagen die Nichtdeutschen, und die werden es wissen, denn die haben den Vergleich. Andererseits darf es ruhig mal sein, dass man an einem Tiefpunkt was rauslässt, was schon ewig lange genervt hat. Einfach mal Luft ablassen. Wenn danach wieder gut ist, ist gut.

    (Ich kenne aber auch Leute, bei denen Jammern in Endlosschleife läuft. Die denken wohl, sie kriegen Pickel oder Fußpilz, wenn sie mal zufrieden sind oder einfach mal ein bischen positiv. Arme Säcke …)

  10. Zu dem Thema fand ich heute dies hier sehr schön!

  11. CharlyBrown

    Ein Tip, wie man nervende Jammerer „kuriert“:
    Vor vielen Jahren hatte ich eine junge Kollegin vom Typ „scharfzüngige Emanze“.
    In der Mittagpause hat ein Kollege aus anderer Abteilung mit Schilderung seiner gesundheitlichen Symptome genervt.
    Da sagte sie zu der Nervensäge:
    „Ein Freund von mir hatte genau die selben Symptome“.
    Nervensäge : “was hat er dagegen gemacht, Medikamente? Arzt?“
    Die Kollegin schaut mit ernstem Gesicht zu Boden und antwortet:
    „Er lebte nicht mehr lange“.
    Nervensäge erstarrte, sein Gesichtsausdruck nicht zu beschreiben.
    Dann fing sie an zu lachen und sagte „war nur ein Scherz“.
    Soweit ich mitbekommen habe, hat er nie wieder andere Leute mit
    seinen Problemen genervt.

  12. 😀 sehr schöne Geschichte Charlybrown… hier fehlt eindeutig der „Gefällt mir“-Button 😉 Pia dir kann ich auch einfach nur zustimmen 🙂

  13. Michaela Moser

    Deine Schilderung und die weitere Kommentare hier kann ich nur zustimmend unterschreiben!
    Es gibt sie, diese notorische Blutsauger, Energieräuber, Schwarzseher, Neidkomplexler, Armutschkerl, Suderanten, Meckerer, Raunzer, Grantscherbm… die es nicht anders können, die sonst so friedfertigen, lebensfrohen Mitmenschen wieder nach unten, im seelischen Kellerbereich, zu ziehen, wo sie sich gerade befinden. Und dann fühlen sie sich wieder auf der gleichen Ebene wie der „Opfer“ bzw. sind zufrieden, nachdem eben der dieser mitLEIDET. Ich finde es ziemlich unfair dem Gesprächspartner gegenüber, wenn sie hart dran bleiben.
    Bei den ersten Gesprächen stimme ich zwar verständnisvoll ein, versuche aber auch gleichzeitig, die negative Gedankenspirale einzubremsen und alltagstaugliche, machbare Problemlösungen mitzuteilen. Aber nach wiederholten Male bzw. Treffen mit ein- und demselben Person wieder das Gleiche abzuspulen bin ich mir aber nicht mehr so sicher, ob dieses Leidthema unbewusst angewählt worden war…

    So habe ich zu meiner Gesundheitsvorsorge keine weitere Treffen mehr mit solchen Leuten vereinbart. So gesehen tun mir diese Leute trotzdem leid, die nichts Besseres zu tun wissen.
    Ich finde die Schocktherapie von CharlyBrowns Kollegin gut gelungen 😊. Sigmund Freund hätte seine Freude.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s