„Mir geht’s ja nicht schlecht, und außerdem will ich tanzen“ — Email-Hin-und-Her mit MC Winkel

Eigentlich wollte ich wissen, wie man mit der plötzlichen Diagnose Schwerhörigkeit klarkommt. Es kam anders — und wurde eine Geschichte darüber, wie vielgestaltig die Probleme sind, die sich hinter dem Wort Schwerhörigkeit verbergen. Und der Platz, den sie im Leben einnehmen.

Als MC Winkel kürzlich über seinen neuen Tinnitus schrieb und dabei erwähnte, dass er gerade vom Arzt für schwerhörig erklärt worden war, bin ich neugierig geworden. Ist zwar „nur“ ne Hochtonschwerhörigkeit, aber mittelgradig ist ja nun nicht ganz so wenig: zwischen 40 und 60% Verlust. Und wie geht ein Musiker mit seinen Ohrgeräuschen um — zumal wenn er sie als „Merk-Hoyzer-Collina-Quintett (eigentlich ein Trio, aber die erstgenannten zählen doppelt) mit einem anhaltenden Querflötensolo in Shizz-Dur“ empfindet?

Teezey-- Photo by MC Winkel, all rights reserved

MC Winkel hat als Blogger schon knapp neun Jahre auf dem Buckel. Und das merkt man: Er ist bekannt wie ein bunter Hund und — wenn’s ihm gefällt — sich für keine Aktion zu schade. Dabei sagt er von sich selbst: „Bin halt nur’n Typ, der Quatsch ins Netz schreibt und sich freut, dass Leute das gerne lesen.“ Ich mag die schnodderige Art sehr, mit der er sich selbst immer wieder durch den Kakao zieht. Außerdem tingelt rockt er als Musiker mit der Band Büro am Strand vorwiegend durch Norddeutschland.

Per Email entspann sich folgendes Gespräch…

Du hast vor kurzem per Twitter und in Deinem Blog bekannt gegeben, dass Du nun Deinen ersten Tinnitus besitzt. Was war da passiert?

Nachdem ich stressbedingt eine lange Phase hatte, in der ich kontinuierlich schlecht schlief, machten sich direkt nach dem Aufwachen mitten in der Nacht die ersten anhaltenden Pieptöne bemerkbar. Zunächst fragte ich meinen Arzt, bei dem ich wegen des Stresses gerade in Behandlung war. Er sagte, wenn sich das innerhalb einer Woche nicht abstellen würde, sollte ich einen Spezialisten konsultieren, was ich später dann auch tat.

Hat Dich das beunruhigt?

Ich war in der Tat sehr beunruhigt. In meiner Familie gab es Fälle von wiederholtem Hörsturz — mehr als 20fach, um genau zu sein. Der Tinnitus ist dort inzwischen fester Lebensbestandteil — für mich ein Horror! Und wollte unter keinen Umständen zulassen, dass es bei mir ebenso weit kommt; manchmal kann man da aber recht wenig machen. Der Arzt diagnostizierte mir nach diversen Untersuchungen neben dem Tinnitus eine mittelgradige Hochtonschwerhörigkeit, womit ich überhaupt nicht rechnete. Der Arzt wollte wissen, ob ich denn eine längere Zeit in sehr geräuschintensiver Umgebung gearbeitet hätte. Oder ob ich zu oft auf Konzerte oder in Discotheken gehen würde. Da hatte ich wenigstens für die Hochtonschwerhörigkeit meine Antwort. 🙂

MCs Attest -- Photo by MC Winkel, all rights reserved

Hat man Dir zu einem Hörgerät geraten?

Nein, so schlimm ist es zum Glück bei mir noch nicht. Sollte es eines Tages so weit sein, dann lass‘ ich mir die Haare halt wieder über die Ohren wachsen. Wobei: ich hoffe nur, dass ich dann noch welche habe. 🙂 Mal ernsthaft: ich finde Hörgeräte nicht schlimm. Sie werden ja auch immer kleiner und wenn Sie einem zu mehr Lebensqualität verhelfen, ist das doch super.

Hattest Du vorher schon bemerkt, dass etwas nicht ganz in Ordnung ist?

Diese wirklich eher noch harmlose Hochtonschwerhörigkeit war dann jetzt also diagnostiziert, d.h. ich hatte es schwarz auf weiß. Aber schlecht gehört hatte ich ja vorher schon, somit änderte sich nicht viel für mich. Ich musste öfter mal nachfragem, weil ich gerade die sehr leise sprechenden Menschen mitunter wirklich nicht verstanden habe. Schöner Nebeneffekt ist, dass ich die hochtönenden Stimmer einer Feldbusch/Poth oder einer Klum nun so gut wie nicht mehr hören kann. Ein kleiner Scherz, sorry. 🙂

Auch auf der Bühne hat sich nicht viel verändert. Mal abgesehen davon, dass mein linkes Ohrloch zu klein für jedes In-Ear-Monitoring-Set ist. Kein Scherz! Aber das war ja auch immer schon so.

Ah, Du hast also schon vor über drei Jahren beschrieben, zu welcher Kreativität Deine Schwerhörigkeit Dich beim Frauen Ansprechen bringt („Hi, wenn Du auch ein Bier haben möchtest: bleibe hier – sonst gehe!„). Toller Text, bin beeindruckt von Deiner Chuzpe! Hast Du sonst noch Tricks, mit denen Du durch akustisch schwierige Situationen kommst?

Um ehrlich zu sein: nein. 🙂 Man kann natürlich auch immer und immer wieder nachfragen, aber irgendwann wird man wirklich nur noch doof angeschaut. Zuletzt habe ich meiner Gesprächspartnerin im Club einfach mein iPhone mit der offenen „Notizen“-Applikation überreicht und sie gebeten, dort aufzuschreiben, was sie gerade gesagt hat. Das Resultat: ein Mittelfinger und ihre Flucht. Ich glaube, sie hat mich einfach nicht verstanden.

Was ich nicht ganz verstehe: Wie konnte die Diagnose Schwerhörigkeit dich überraschen, wenn Du doch schon so lange gemerkt hast, dass Du schlecht hörst?

Naja, so richtig wahrhaben will man es ja dann doch nicht. Ist halt schon komisch, wenn es plötzlich irgendwo draufsteht. Ich habe insgeheim vermutlich gehofft, dass das alles völlig normal sei und sich von alleine legen würde. Trugschluss.

Mich wundert auch, dass Du bei so langer Zeit nie über ein Hörgerät nachgedacht hast — oder zumindest andere Dir nicht zu einem geraten haben. Gibt doch eigentlich immer nervige wohlmeinende Freunde und Familienmitglieder…

Stimmt schon, aber ganz ehrlich: so schlimm ist es ja auch noch nicht. Über die Tatsache, dass ich in geräuschvollen Situationen nicht besonders kommunikativ bin, müssen die anderen halt hinwegsehen. Mir geht’s ja nicht schlecht dabei. Und außerdem will ich tanzen.

Auf Deinen jüngsten Blogeintrag, schwerhörig zu sein, folgte gleich der Kommentar: “ jetzt sind sie auch noch schwerhörig – wenn ich all das lese: Herr W. worin lag nochmal ihr Geheimnis als Frauenheld?“ Was hast Du gedacht, als Du Dein Audiogramm gesehen hast? Schwerhörigkeit gilt ja als was für Alte und Hörgeräte als ziemlich unsexy.

Ich bin der festen Meinung, dass die meisten Menschen nicht mehr zu 100% gut hören. Mein HNO-Arzt bestätigte dies und fügte hinzu, dass sogar jeder Mensch einen leichten Tinnitus haben würde, also niemals wirklich „nichts“ hören würde. Wenn man sich drauf konzentriert, wird’s halt schlimmer. Aber nur, weil da jetzt etwas auf einem Zettel steht, fühle ich mich nicht älter oder unsexier. 🙂 So geht die Welt, gehört dazu. Ich bin daran ja auch nicht ganz unschuldig. Wenn ich mir darüber zu viele Sorgen machen würde, dann würde ich alt und unsexy werden!

Crazeman, Gürtel, Jockel, MC Winkel -- Photo by MC Winkel, all rights reserved

Wie gehst Du denn mit den Ohrgeräuschen um? Ist Tinnitus nun die Geißel oder gar der „Ritterschlag“ für Musiker — wie Du in den Kommentaren im Blog getröstet wurdest?

Ich muss sagen, dass es nach den von mir ausgeführten Maßnahmen, die das Beenden des Stressen beinhalteten, besser geworden ist. Ich schlafe besser und das Piepen im Ohr ist leiser geworden. Nur wenn alles um mich herum ganz leise ist, dann vernehme ich dieses widerliche Flöten. Aber bei mir läuft eigentlich rund um die Uhr Musik und wenn ich dadurch nun sogar zum Ritter geschlagen wurde: umso besser!

Noch eine kleine Sache, weil ich gerade das Prinz Pi Video gucke, das Du gerade empfohlen hast: Verstehst Du eigentlich die Texte bei Liedern? Ich nicht und das finde ich bei dieser Nummer mal wieder sehr schade…

Ja, auf jeden Fall! Ganz ehrlich, Du darfst das bei mir echt nicht überbewerten. Es sind halt gewissen Hochtöne, die ich wesentlich schlechter wahrnehme, als das Gros. Aber ich bin dadurch so gut wie nicht beeinträchtigt. Außer in sehr geräuschvollen Umgebungen halt! Das ist beim Prinz Pi wirklich schade. Denn der sagt viel Kluges!

Danke, MC, für die Unterhaltung!

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9 Antworten zu “„Mir geht’s ja nicht schlecht, und außerdem will ich tanzen“ — Email-Hin-und-Her mit MC Winkel

  1. Interessantes Interview! Nach meinem Hörsturz 2005 hatte ich einen Tinitus den ich in 3 verschiedenen Frequenzen gehört habe, ich bin fast durchgedreht. Bis heute ist der Tinitus geblieben, allerdings nicht mehr so stark wie damals, ich nehme ihn eigentlich nur noch war wenn es ganz leise ist. Mittlerweile hab ich mich damit angefreundet, was soll man denn auch sonst machen. Auch höre ich auf dem rechten Ohr bestitmmte Frequenzen nicht mehr . Kann das gut nachvollziehen. Gruß Spank

  2. wie heißts so schön:
    „Interessante Selbstgespräche setzen einen klugen Partner voraus.“ : )

  3. ähm. hoppla, Sie sind ja gar nicht der winkel. wieso sieht denn hier alles gleich aus, mpf.

    in diesem falle muss mein kommentar natürlich lauten: harr, feines interview!

  4. Der macht wirklich Musik? Da muss ich dann wohl doch mal reinhören. 😉 Interessantes Gespräch. Den Tinnitus, den jeder hat, kenne ich. Während man hierzulande ja kaum einen Ort ohne einen Basisgeräuschpegel findet, habe ich in Finnland Momente erlebt, in denen tatsächlich nichts mehr zu hören war. Kein Wind, keine Menschen, keine Bäume. Nichts. Ganz zu Anfang ist das fast unerträglich, denn das Rauschen im Ohr erscheint unerträglich laut. Das lässt aber nach, man gewöhnt sich sozusagen an die Ruhe und nach ein paar Tagen ist man dann soweit, wirklich nichts mehr zu hören. Fast.

  5. Spanksen, freut mich! „Was soll man auch sonst machen“ kenn ich gut und anfreunden ist glaub ich immer noch die beste Idee.

    aiiia, danke, hihihi.

    Trotzendorff, schön dass Du wieder im Lande bist. Sehr interessant, so Geschichten hab ich letztens öfters erzählt bekommen. Immer Reiseberichte übrigens… Wer wohl mal über Stille schreiben 🙂

  6. Ich frag mich, warum es nicht haufiger Public Service Announcements gibt wegen Tinnitus. Man hoert ja standig, dass Hute und Krebs-verhutende Creme in Sonne zu tragen sind; dass Alcohol Leber schadet; dass Weed Gehirn schadet; dass man fuer STDS getestet werden muss, wenn man einen neuen Partner bekommt, und so weiter. Aber keiner sagt, „Wenn du so weiter machst, mit Konzerte, U-bahn, Spinning, und das alles ohne Earplugs, dann eines Tages wirst du von ewigen Biene im Kopf gejagt.“

    Die Erzahlung von Finland ist extrem, auf english, compelling. So ist es eben aufs Land.

  7. Ich bin ja so taub, dass ich meinen Tinnitus schon gar nicht mehr höre…

    Zum Kneipenerlebnis und die Bitte, das gesagte aufzuschreiben: Das habe ich früher ganz viel mit Papier und Kuli gemacht. Die Leute verwirrt das, weil sie nicht recht kapieren, warum man das will, gerade in der Kneipensituation. Mittelfinger habe ich allerdings nie bekommen, dafür dann aber die eine oder andere Telefonnummer…

  8. Elizabeth, Du meinst diese Untersuchung bei der herausgekommen ist, dass die New Yorker U-Bahn hörschädigend laut ist, oder?

    Enno, „bin ja so taub, dass ich meinen Tinnitus schon gar nicht mehr höre“. Da haste aber Glück gehabt, dass dir das passiert ist bevor sich Dein Gehirn dran gewöhnt hat, nen Tinnitus zu haben. Jetzt weichst Du nicht mehr aufs Schreiben aus?

  9. NqlB,
    Ja aber nicht nur, im Grunde etwas wie Cultural Consciousness. Wenn man mit irgendwelchen Media verbindet ist und eine Schulzeit abgeschlossen hat, weiss man halt, du gehst ein Risiko ein bei Tanning, zu viel smoking, weed, ohne Kondome etc. Jeder macht, was er will, aber man hat doch die Auskunft.
    Auf der anderen Seite, wenn man ein Spinning instructor fragen wuerde, bitte nicht so laut, waere man echt kommisch angeguckt. Ich fahre Boston UBahn taglich und trage immer Ohrstops, aber meine Freunde finden das glaub ich extrem zimperlich 🙂

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