Daumendrücken

Ich bin beunruhigt. Morgen treffe ich jemandem, der ein wichtiger beruflicher Kontakt werden könnte. Weil ich um seinen Arbeitsplatz herum nichts geeignetes kenne und außerdem denke, dass das so besser ist, habe ich ihm die Wahl des Ortes überlassen. Was Ruhiges, habe ich gesagt. Nicht zu voll. Sonst bekäme ich schnell Probleme zu verstehen. Mehr ging nicht. Ich kenne ihn bisher nicht und es ist ein großer Gefallen, dass er sich überhaupt die Zeit nimmt.

Das Problem bei solchen informellen beruflichen Treffen ist, dass sich meine Wahrnehmung von laut und ruhig, von akustisch sauberen und verdreckten Umgebungen enorm von der Normalhörender unterscheidet. Wo meine Freunde ein Lokal oder eine Party als „angenehm ruhig“ oder „geht gerade noch“ empfinden, wird es für mich schon wahnsinnig anstrengend  — oder es geht sogar schon gar nichts mehr.

Wenn schon keine Stille — und die gibt es in Cafés, Bars und Restaurants nur wenn sie fast leer sind, da will ja sonst keiner hin — dann bevorzuge ich kurioserweise das was Normalhörende schon als „anstrengend“ empfinden. Es gibt da so eine Lautstärke bei der alle beginnen lauter und deutlicher zu sprechen weil sie selbst schon nicht mehr gut verstehen. Aber noch nichtalles zu laut ist. Da fühl ich mich wohl. Ich bin da etwas eigen.

So etwas wird mein Gesprächspartner aber sicher nicht freiwillig wählen. Und zu mittag wird es sicher nirgendwo leer sein. Ich kann also wie immer nur hoffen, dass er ein glückliches Händchen hat…

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8 Antworten zu “Daumendrücken

  1. na dann schon mal viel Glück 😉 , wird schon hinhauen
    bei uns in der Firma gibts auch so eine Abteilung da ist es seehhhrr still was zur Folge hat, dass die Leute dort auch leiser redenwas ich überhaupt nicht gutfinde …

  2. Erst mal drücke ich natürlich auch die Daumen (du wirst aber verzeihen, dass ich für die Zeit in der ich Gebärdengespräche führe das nicht tun kann 😉 ) !

    Das mit der von unseresgleichen bevorzugten lauten Umgebung kenne ich auch, nur dass ich die ruhigen mir selber nicht mehr suche. Was daran liegen wird, dass bei mir akustisch gar nichts mehr geht. Ich mag die Umgebungen die für Hörende „zu laut“ sind (um sich normal zu unterhalten) deshalb gern weil ich mir a) dann keine Gedanken machen muss ob ich meinem Gegenüber vielleicht zu laut vokalisiere (ich bekomme in ruhigen Umgebungen ganz oft „Schrei nicht so!“ zurückgemeldet) und b) ich habe die Fähigkeit – weiß nicht wieviele oder wenige Menschen die taub haben – vieles das ich nicht absehen kann von jemandem ohne Gebärdenkenntnis über die Umgebung zu spüren. Ich lasse mich da von der Aura leiten und wenn es laut ist spürst du halt viel. Ich sitze zum Beispiel in Cafes gern direkt neben der Musikanlage.

    In den letzten zwei Wochen hatte ich größtenteils ohne Dolmetscher viel mit wichtigen Leuten zu tun für die ich der einzig mögliche Kontakt um etwas Bestimmtes zu regeln war. Weil das eh eine sehr stressige und auch unangenehme Situation war (unter anderem deshalb weil ich das Vokabular dieser Menschen nicht kannte) habe ich einem dieser Menschen gesagt, er möchte das Fenster aufmachen wenn ich komme und mich da sitzen lassen. Direkt hinter dem Büro verläuft eine Autobahn und ich mag Autobahnen sehr. Das war für diesen Menschen selbst natürlich nicht so toll weil sehr laut. Andererseits hat dadurch die Kommunikation gut geklappt weil es auch Situationen in dem Gespräch gab in denen er MICH nicht verstanden hat und das nicht etwa akustisch sondern weil er zuviele Störngeräusche hatte. Da waren wir irgendwie auf dem gleichen Level.

    Ist meine Vorliebe für so was irgendwie ähnlich wie das was du „Ich bin da etwas eigen“ nennst?

    Ich habe übrigens, das zu Stille, wenn ich hörenden Besuch habe oder mit Hörenden arbeite ganz oft die Rückmeldung bekommen, ich soll doch bitte Musik anstellen (deshalb habe ich auch immer einige Dateien auf meinem Laptop), es wäre bei mir zu leise. Und das wo ich doch schon die Herrin der knallenden Türen und Zu-Trommeln-umfunktionierten-Sämtlichkeiten bin…

    Wie erwähnt viel Glück für das Gespräch!

  3. Ist es nicht möglich, auf deine Schwerhörigkeit hinzuweisen? Mir ist es immer lieber, ich weiss, woran ich bin. Sonst mache ich mir völlig abstruse Gedanken.
    Ich wünsche dir jedenfalls viel Glück und Erfolg!!

  4. Kilian, danke!

    Salomea: Wie in dem oben verlinkten Eintrag beschrieben ist das etwa, was ich damit meine 🙂 Nur würde ich mir trotzdem freiwillig keinen Straßenlärm reinholen.

    Petra, der weiß das schon, das Problem ist nur dass andere „ruhig“ anders deuten als ich und nicht beurteilen können, welche Umgebung für mich gut ist. Himmel, das kann ich ja selber nicht abstrakt sagen, ich müsste hingehen. Weil es von sovielen Faktoren abhängt. Und dass, natürlich für einen knappen Lunch zusammen nahe des Arbeitsortes die Auswahl begrenzt ist.

  5. Ich glaube, es wird alles gut werden, wenn du es einfach auf dich zukommen läßt. Vielleicht gelingt es dir, trotz der Wichtigkeit des Termins, deinen Humor spielen zu lassen. das macht alles etwas leichter.
    Ok – ich weiss, ich hab keine Ahnung, wie es für dich ist. Aber ich geh einfach mal von mir aus: Ich mache mir manchmal tausend Gedanken im Vorfeld, was alles sein könnte – und nachher war genau das das geringste Problem….

  6. Danke für die Aufmunterung. Ich glaube ich hätte deutlicher sagen sollen, dass ich häufiger solche Treffen mache — es handelt sich um ein echtes, wiederkehrendes Problem. Wenn a) Treffen im Büro keine Option ist (warum auch immer, kann ja mehrere Gründe haben) und b) ich selbst keinen Vorschlag machen kann (entweder weil es keinen guten Ort gibt oder ich mich nicht auskenne), kann ich oft wirklich nur ganz allgemein auf die Schwerhörigkeit hinweisen. Und ansonsten abwarten und draus machen was geht.

  7. machs wie Beethoven
    Zettelblog und Stift (der wirklich schreibt) mitnehmen!
    Du allein muss Dich auf Deine Situation immer vorbereiten und im Beruf muss man dies sowieso sein. Manch einer nimmt eine Mikroportanlage (o.ä.) mit. Wird schon … Daumendrück drück drück !!!

  8. Pingback: Taub im Job, trotzdem erfolgreich, Tipp #7: Akustisches Überleben beim Geschäftsessen « Not quite like Beethoven

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