Wie ist es, mit starker Schwerhörigkeit zu leben?

Stellt Euch eine Welt vor, in der alle hinter vorgehaltener Hand flüstern — nur Ihr nicht.

Natalie

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5 Antworten zu “Wie ist es, mit starker Schwerhörigkeit zu leben?

  1. Hm… Ich weiß nicht was ich davon halten soll. Es ist nicht abwertend gemeint wenn ich sage, da ist wieder dieses Hochloben vom Cochlear Implantat.

    Mich persönlich nervt das, was nicht heißt, dass ich CIs generell eine üble Sache finden würde. Mich hat der Bericht an eine junge Frau erinnert mit der ich zeitweise zusammen im BFW unterrichtet wurde. Gehörlos geboren (*1984), mit 11 Jahren erstes CI, mit 14 das Zweite. Letzteres hat sie als Erwachsene bereut weil es ihr zu laut war. Sie kann ohne Lippenlesen nur die Menschen verstehen, die sie wirklich gut kennt. Sie spricht nicht komplett sauber und in einer Stimmlage, dass man wohl sofort merken muss, das was nicht stimmt. Sie kann nur mit Leuten telefonieren, die sie jahrelang gehört hat. Und die Eltern und besonders sie selbst haben sich viel von den Implantaten versprochen. Sie hat privat kaum Hörende als Kontakte, weil sie keinen Anschluss findet. Unter Gehörlosen wird sie teils gemocht und teils als Verräterin gesehen. So das Wunderwerk war es für sie also nicht.

    Und ich frage mich, ob es dann mit 31 viel anders ist.

    Liebe Grüße

  2. Salomea, das verstehe ich gut und ich bin auch jemand, der weit davon entfernt ist, das CI in den Himmel zu loben, aber:
    Ist es wirklich die „Schuld“ des Implantates, wenn andere Menschen jemanden nicht so akzeptieren wie er ist?

    Dass das Implantat kein Wunderwerk ist sollte einem in jeder verantwortungsvollen Klinik erklärt werden.

    Ich finde diese Bewertung individueller Ergebnisse sehr schwierig. Was heißt denn „nur“ mit Leuten, die sie gut kennt telefonieren, sich „nur“ mit diesen ohne Lippenlesen verständigen? Das kann sehr wohl auch schon als enormer Erfolg verstanden werden (ob sie es als Erfolg empfindet weiß ich natürlich nicht). Aber man kann es ja auch so sehen: Immerhin im Gespräch mit diesen Menschen gibt es eine Hörerleichterung. Immerhin mit diesen Menschen kann sie telefonieren.

    Dass die Ergebnisse von Geburt an gehörloser Menschen in der Regel nicht denen gerade frisch ertaubter Menschen entsprechen ist bekannt. Dass man mit einem CI nicht normalhörend wird, auch. So, wie es in der Beschreibung des Beitrags anklingt fühlt sich Natalie schon jetzt wie viele Schwerhörige: Zu gut hörend für die Gemeinschaft der Gehörlosen, zu schlecht hörend, um sich in der Welt der Hörenden heimisch zu fühlen.

    Das CI als Allheilmittel hinzustellen halte ich für gefährlich, insbesondere, weil Hoffnungen entstehen können, die sich unter Umständen nicht erfüllen. Aber ich habe den Beitrag nicht gesehen und kann deswegen nicht beurteilen, inwiefern das hier der Fall war und ob ihr Weg nach der Operation noch begleitet wurde.

  3. Hallo Kasu, ich habe eigentlich objektiv meine Meinung sagen wollen, da das CI zumindest in Artikeln die an in erster Linie Hörende gerichtet sind oft als „Heilmittel“ gegen Taubheit dargestellt wird.

    Ganz so objektiv wie ich meine Meinung gern sagen würde geht das aber vermutlich gar nicht für mich, da ich (auch eine der „Grenzgänger“) mir seit 10 Jahren immer wieder Diskussionen mit Ärzten antun muss, warum ich denn keine Implantate will.

    Was die Frau von der ich erzählte angeht ist es nicht so, dass sie keinen Anschluss findet weil die Person X. nicht akzeptiert werden würde, sondern weil sie eben auch den Seiltanz tanzt – zu sehr an Hörenden orientiert für die Gehörlosen und zu gehörlos für die Hörenden. Die meisten Menschen, die ihr in unserer gemeinsamen Zeit begegnet sind, kamen mit der Person X besser zurecht als mit mir als Person, nur sie war eben nie wirklich integriert. Und sie selber hat daher irgendwann in ihrem Leben beschlossen gehabt, dass Hörende für sie dann doch nicht so die Heimat werden könnten wie sie es sich erhofft hatte. Sie hat auch selber immer gesagt, dass es „nur“ mit diesen oder jenen Menschen in Bezug auf Sprachverständnis geht. Ein „immerhin“ oder auch ein „schon“ oder „irgendwie“ hätte es bei ihr nicht gegeben. Sie hat so weit ich weiß auch privat dann komplett „gehörlos“ gelebt.

    In wie weit das für Natalie oder jemand anderes zutrifft kann ich natürlich nicht sagen.

  4. Salomea, ich glaube, von der Grundeinstellung her sehen wir das ähnlich.

    Ich hab mich im „Vorüberlesen“ vor allem am „und teils als Verräterin gesehen“ aufgehängt. Das ist es eben, es geht nicht um die Person. Dafür kann aber „das Implantat“ nichts, sondern der Umgang der Gruppe mit dem Thema. Allerdings wurde das Thema Gehörlosengemeinschaft und Cochlea Implantate an anderer Stelle schon oft diskutiert und ich wollte kein Fass aufmachen.

    Übrigens finde ich es eine Sauerei, wenn Ärzte Druck ausüben, von wegen, warum jemand ein Implantat nicht will oder will. Sicher, sie sollen Menschen auf die Möglichkeiten hinweisen, aber eine Entscheidung müssen sie dann akzeptieren. Allerdings würde ich mich da auf gar keine Diskussionen einlassen – ein Nein hat einfach akzeptiert zu werden, basta.

  5. salomea und kasu:
    Nur so als Erläuterung — Ich habe Natalies Satz hier reingestellt, weil ich fand, dass es einen Aspekt von Schwerhörigkeit/Taubheit beleuchtet, über den ich nicht so viel geschrieben habe: Nämlich, dass so unglaublich vieles, was vorgeht, einem verborgen bleibt (unter Normalhörenden, das stimmt). Man davon ausgeschlossen ist. Und dass, wer will, auch ganz leicht die Möglichkeit hat, das absichtlich zu betreiben.

    Den Film fand ich sehr gut. Neutral. Das Ganze wird als Fahrt ins Ungewisse dargestellt. Er endet ganz offen, kurz nach der OP. Man erfährt nicht, wie es schließlich wird. Mein Eindruck ist aber, dass es für diese Person (die scheinbar ausschließlich unter Normalhörenden lebt), auf jeden Fall die richtige Entscheidung war, fast egal wie es ausgeht. Weil sie so einen inneren Drang hat.

    Ich kann den Film empfehlen — und falls ihn jemand gesehen hat, freu ich mich auch über Kommentare.

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