Schwerhörigkeit als Begabung: Christiane Krauses Roman „S wie Beethoven“

S wie Beethoven, Photo: Not quite like Beethoven, all rights reserved

Auf dieses Buch hatte ich mich schon lange gefreut. Es war ein Hinweis von Jekylla und die Idee klang gleich spannend: S wie Beethoven heißt Christiane Krauses Roman über Beethoven und Schwerhörigkeit. 150 Jahre sind verschwunden. Es ist heute, aber Ludwig van Beethoven ist erst 18 Jahre tot.  Erzählt wird die Geschichte von Minona, einer Frau, die sich selbst sucht und dazu auf dem Wiener Campingplatz ihr Zelt aufschlägt, Beethoven im Walkman (ja, Walkman!) hört und erforscht, ob sie Beethovens Tochter sein könnte. Ihre Mutter ist Josephine, Beethovens „Unsterbliche Geliebte“.

Neugierig begann ich zu lesen…

Die schlechte Nachricht zuerst: Obwohl es sehr nette Stellen gibt, bin ich nicht richtig reingekommen. Das Buch ist aus der Perspektive von Minona geschrieben und in ihre Gedanken hat sie mich nie wirklich mitnehmen können. Bleibt die Geschichte: Minona hört Beethovens Musik. Sie besucht die Gedenkstellen, Ausstellungsstücke, das Wohnhaus. Sie sucht die Orte, an denen Beethoven Ruhe fand. Und sie trifft auf Karl, den Neffen Beethovens, den sie seit Kindheit kennt und mit dem sie eine Affäre beginnt, ja den sie liebt, obwohl er ihr Cousin sein könnte. Dieser Karl treibt Minona und ihre Reise ins Ich voran. Nur leider tut er das mit einer unglaublich exaltierten und manierierten Sprache. Dadurch soll der Charakter gezeichnet werden, doch gezeichnet wird sehr schnell auch der arme Leser.

Aber: Die Autorin, wie Beethoven mit etwa 30 Jahren schwerhörig geworden, weiß offenkundig wovon sie spricht. Das hat was. Wirklich sehr spannend sind die — weiten Raum einnehmenden —  Auszüge aus Josephines Tagebüchern über das Zusammenleben mit dem ertaubten Beethoven. Beethoven, der kein Hörgerät will. Der dann doch eins angepaßt bekommt — nur eins, denn zwei bezahlt die Krankenkasse nur, wenn man einen  Beruf mit „Publikumsverkehr“ hat. Nicht aber, wenn man selbständiger Komponist ist. Beethoven, der mit dem Klang des Hörapparates hadert und ihn schließlich bei einem Ausflug „verliert“. Viel darüber, wie hart es für den genialen Komponisten ist, schwerhörig zu sein. Und wie hart, mit diesem schwerhörigen Genialen zusammenzuleben. Das ist tragisch, das ist berührend. Das ist gut.

Außerdem: Schon auf der zweiten Seite des Buches zeigt sich, dass Minona selber schwerhörig ist. Selber merken — oder sich eingestehen, so ganz genau weiß man das nicht — tut sie es jedoch erst kurz vor Ende des Buches. Der Versuch herauszufinden, ob Beethoven der Vater ist, ist von Anfang an eine Reise in Beethovens Schwerhörigkeit. Und damit in ihre eigene. Es ist der Versuch, sich damit anzufreunden.

Denn sie versteht es alles nicht recht: Beethoven, wie er war, wie er mit ihr als kleinem Mädchen umgegangen ist, wie die Beziehung zu ihrer Mutter war. Und was die Schwerhörigkeit für ihn bedeutete. Einmal überlegt Minona, dass Beethoven viele seiner wichtigsten Werke in Es-Dur geschrieben habe.

Und da denke ich mir mal, Es gleich Buchstabe S gleich schwerhörig. Das könnte doch sein. […] Es könnte unbewußt geschehen sein.

Doch am Ende ihrer Reise durch „Leit- und Leidmotive“, wie sie sagt, versteht sie es. So wird das Buch auf den letzten Seiten sehr offensiv — ich finde: gar zu druckvoll — zum Appell, Schwerhörigkeit und Schwerhörige einfach zu akzeptieren. Als anders. Weil man die Erfahrungen erst verstehen und deuten kann, wenn man sie selbst gemacht hat. Dann geht es, wie Minona es ausdrückt, darum, Behinderung als Begabung zu begreifen, den eigenen Kontrapunkt zu finden, die eigene Variation und die eigene Tonart.

Und das ist doch mal eine gute Sache — auch wenn man es nicht, wie Beethoven, im wörtlichen Sinne tut. Und auch wenn ich das Buch zwischendrin über zwei Monate liegengelassen habe, weil es mich nicht gefesselt hat.

David Lodges Schwerhörigen-Roman Wie bitte? hab ich hier besprochen.

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8 Antworten zu “Schwerhörigkeit als Begabung: Christiane Krauses Roman „S wie Beethoven“

  1. Ich habe es zugegebener Maßen ANgelsen. Wenn ich es irgendwann bekomme – hatte es bei jemand anderem gelesen – werde ich es auch zu Ende lesen, denn es scheint recht interessant zu sein.

    Was mich ein bisschen stört – aber das wusste ich ja vorher ist also hier kein Kriterium -, ist, dass beim Auftauchen in der Literatur oder ähnlichen Darstellungsformen es ganz oft beim alten Ludwig landet wenn es um Schwerhörigkeit/Ertaubung geht. Ich bin mal gefragt worden ob das „unser“ selbsterwählter „Schutzpatron“ wäre 😉

    In dem Theater mit dem ich kooperiere – alles Ertaubte, erschaffen von einem Intendant, der nach seiner Ertaubung in diesem Beruf mit Hörenden nicht mehr arbeiten durfte -, läuft seit 4 Jahren auch ein Stück über Beethoven in der heutigen Zeit („Beethi paff paff tralala“). Allerdings geht es darin vorrangig darum, dass Beethoven seine Nachbarn mit seiner Musik nervt, weil er ja die Lautstärke nicht mehr kontrollieren kann. Er wird also als „Mittel zum Zweck“ benutzt um das „Problem“ der verlorenen Sprachkontrolle zu thematisieren.

    Es ist anscheinend eines der Lieblingsthemen von Betroffenen. Ich freue mich aber zu sehen wie viele Variationen es gibt 🙂

    Liebe Grüße

  2. Er dürfte halt weltweit der bekannteste Ertaubte sein. Nicht umsonst heißt dieses Blog ja auch wie es heißt. ^^

  3. Der Ansatz klingt sehr interessant, ich werde mal gucken, ob ich das Buch auch irgendwo kriege. Vielen Dank für die Vorstellung!

  4. Wie ich sehe, ist dir Vikram Seths Roman „Verwandte Stimmen“ (An Equal Music) unbekannt. Sehr empfehlenswert, mit Gehörlosen-Handlung!

  5. Das Buch von Vikram Seth kenne ich auch, das stimmt es ist sehr schön.

    @NQLB: Ob er der bekannteste ist weiß ich nicht, mag gut sein. Aber es ist schon interessant, dass zum Beispiel Smetana oder Goya (von dem wusste ich persönlich es eher, aber das liegt daran, dass ich mich eben nie mit klassischer Musik befasst habe) nicht ähnlich oft genannt werden. In der Beziehung ist an dieser „Schutzpatron“-Sache (obwohl Schutzpatron natürlich quatsch ist) vielleicht was dran. Andererseits wissen es von denen vielleicht viele Hörende nicht.

    Liebe Grüße

  6. mrs. h., ist bestellt, danke für den Tip.

    salomea, ich denke Beethoven schlägt Smetana klar (von der Bekanntheit als Person). Und ein tauber Musiker/Komponist ist halt nochmal auffälliger als ein tauber Maler. Jedenfalls wenn er nicht durch das Musizieren ertaubt und dann einfach damit aufhört.

  7. So, jetzt bin ich dann auch fertig. Und es ging mir wie Ihnen: ich kam nicht richtig rein. Insbesondere die Passagen der „Echtzeit“ habe ich mehr und mehr als Überbrücker zwischen den Tagebucheinträgen von Josephine empfunden. Die mir sehr gefallen haben, ihre Beschreibungen von Beethoven und den Problemen, die er mit sich bzw. seine Umwelt mit ihm (seine Sichtweise) fand ich sehr gut gezeichnet. Insgesamt auch deswegen immer noch ein lesenswertes Buch, aber es… ergriff mich nicht.

    Übrigens, das beste Werk über Beethoven, den ich sehr verehre als Musiker, ist und bleibt dieses
    http://www.amazon.de/Beethoven-Roman-Buch-Beethovens-Vollendung/dp/B000W86SE2/ref=sr_1_2?ie=UTF8&s=books&qid=1256669832&sr=1-2 und zwar exakt die gebundene Ausgabe von 1958, die ich vor über 30 Jahren im Bücherschrank meiner Eltern entdeckte und verschlang. Könnte ich mal wieder lesen, fällt mir da ein 🙂

  8. Danke für die Rückmeldung, freut mich zu hören wie’s Ihnen ergangen ist. Auch wenn’s ja leider etwas zwiespältig war.

    Wenn ich es bald mal schaffe das andere Buch zu lesen meld ich mich.

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