Heut wär ich gerne Modebloggerin

Storm approaching, Photo by Not quite like Beethoven, all rights reserved

Alle Modebloggerinnen mögen mir verzeihen, ich tue ihnen selbstverständlich total unrecht. Und eigentlich gibt es nicht mal einen Grund, dass ich ausgerechnet Bloggerinnen nehme. Geschweige denn Modebloggerinnen. Aber ich stelle mir das grad schön einfach vor. Dann würde ich den ganzen Tag Fotos bloggen von mir in tollen Anziehsachen — und ich würde massenhaft Kommentare kriegen wie „ich liebe es“ und „oohh, schöön“, ab und zu auch mal ein „Du solltest etwas abnehmen“ aber da würd ich drüber stehen. Schließlich hätte ich noch 20 andere Kommentatorinnen, die das Gegenteil behaupten.

Worum geht’s hier überhaupt? Darum, dass ich mir selbst mal wieder tierisch auf den Sack gehe! Ich habe diese ganze Unsicherheit satt, die mit Schwerhörigkeit einhergeht!! Jemand zu sagen, dass man schwerhörig ist, bedeutet zu sagen, dass man Verstehen niemals garantieren kann — und schon steht man ganz schnell als schwach da. Ich hab’s einfach satt jedesmal zu Beginn eines Gespräches den Fluss zu unterbrechen und das zeigen zu müssen, was andere für Schwäche halten!

Und selbst wenn ich den Leuten sofort und zu Beginn unseres Kennenlernens erkläre, dass ich schwerhörig bin — sie kapieren es trotzdem nicht! Oder vielleicht auch doch, wer weiß. Jedenfalls bin ich trotzdem ein komischer Typ für sie, der komisch reagiert und komisch still ist und komische Sachen sagt. Oder je nach Gefühlslage der andere Person für sie arrogant/deprimiert/besoffen/traurig/doof herumsteht.

Verstehe ich ja auch irgendwie. Ich meine diese ganzen Facetten von dem was Schwerhörigkeit bedeutet, füllen in diesem Blog ja schon hunderte Einträge. Das alles kann der simple Satz „Ich hör schlecht, Du mußt deutlich sprechen, kannst Du das bitte nochmal sagen?!“ gar nicht transportieren. Ich mache den Leuten darum auch keinen Vorwurf.

Aber es ist so verdammt anstrengend, den Leuten keinen Vorwurf zu machen! Ich möchte einfach mal wieder jemand treffen, der oder noch besser die mich einfach froh/glücklich/zufrieden macht! Meine Seele hätte’s nötig. Stattdessen hängen überall nur Typen rum, die selber so unsicher und aufs gut wegkommen bedacht sind, dass sie mich einfach über die Klinge springen lassen sobald es nötig scheint. Das ist meistens eher früher als später. Noch bevor ich fünfmal „wie bitte“ gesagt hab.

Oder es gibt diese, die in mir mehr sehen als ich bin. Die von dem was sie für meine Souveränität halten fasziniert sind — und später die Flucht ergreifen sobald sich herausstellt, dass ich nicht nur ihr Fels in der Brandung sein kann. Kann nicht mal jemand ne App fürs iPhone programmieren, so was wie Google Latitude Nettitude, das anzeigt, wo im Umkreis von 0,2km die nächsten einfach netten Menschen sind? Solche, die der Seele guttun?

Solange es das nicht gibt, ist es gut, ein paar enge Freunde zu haben. Ich weiß das zu schätzen. Und ich weiß auch dass ich durch diese ganzen Erfahrungen stark bin und auch sehr viel zu geben habe. Ich weiß Kleinigkeiten zu schätzen und bin ein dankbarer Mensch. Aber es macht mich alles so unglaublich müde, manchmal.

Und da stelle ich mir halt grad vor — so ne Modebloggerin, das wär doch was… Verdammt, dabei kann ich nicht mal Teile von coolen Songtexten posten, weil ich schon lange die Texte nicht mehr verstehe.

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23 Antworten zu “Heut wär ich gerne Modebloggerin

  1. Och Mensch. Da steht man ausnahmsweise mal vor 9 Uhr auf, ist trotzdem gut gelaunt, kommt fröhlich ins lichtdurchflutete Büro und dann sowas … 😉

    Du schreibst mir aus der Seele. Manchmal möchte man sich als Schwerhöriger einfach nur verkriechen, wenn mal wieder gar nichts laufen will. Wenn man einfach nichts versteht, obwohl man sich so konzentriert, dass man Kopfschmerzen bekommt. Wenn der Gesprächspartner einfach nicht begreifen will, dass man das nicht absichtlich macht, und sogar persönlich beleidigt ist, weil man ihn nicht versteht. Wenn einen die Verkäuferin schief anguckt und sagt, dass man selbst schuld wäre, man hätte halt früher nicht so oft in die Disco rennen sollen. Oder wenn eine Kollegin bei der Erwähnung des CIs ein angekeltes „Iiiiiiiiiiiiih!“ nicht untedrücken kann.

    Aber glaub mir, es haut die Modebloggerin um, wenn tatsächlich jemand auch nur andeutet, dass sie zu dick sein könnte. Da können gleich 100 Leute bekräftigen, dass sie gut aussieht, sie wird trotzdem die Sportschuhe rauskramen und erstmal um den gesamten Park joggen. Jeder Mensch hat seine Schwachstellen, die ihn regelmäßig aus der Bahn werfen. Wahrscheinlich werden die meisten Menschen nicht so regelmäßig mit ihren Schwachstellen konfrontiert wie wir, aber manchmal glaube ich, dass sie deshalb noch weniger damit umgehen können. Ich habe zu so oft erwähnt, wie manche Leute wegen (aus meiner Sicht) unscheinbarer Kleinigkeiten total durchdrehen, das ist der Wahnsinn. Wir mögen zwar manchmal gewaltig die Schnauze voll haben, aber irgendwie macht uns das Ganze auch stärker, so kitschig das jetzt auch klingt. Und es gibt sie, die netten Menschen, nur haben die manchmal etwas anderes zu tun. Dooferweise immer genau dann, wenn wir sie am dringensten benötigen.

  2. the fräänk

    Wären wir jetzt bei Notting Hill (hier der Link, so ab Minute 3.20: http://www.youtube.com/watch?v=ha7du7pxm5w&feature=related ), würde ich sagen: Damit kriegst Du den letzten Brownie jetzt aber wirklich nicht.

    Um nicht gänzlich herzlos und zynisch dazustehen, kündige ich schon mal an, dass Du demnächst eine Einladung zu einer nachträglichen Geburtstagsfeier erhalten wirst. Ich werde nur nette Leute einladen.

  3. Guten Morgen,

    als ich diesen Eintrag gelesen habe kam mir so der Gedanke, dass irgendwie gerade was „rumgeht“ bei uns Ertaubten. Ich hab Samstag Morgen oder Mittag über was ähnliches im „Quark mit Honig“ geschrieben, Samstag Abend sitze ich mit meinem Vibrationstechniker ausm Theater beim Essen und der gute Mann erzählt mir was das sehr den Punkt deines Eintrages oben trifft, gestern gehe ich zu unseren Filmvorbereitungen in derselben Location und wie ich mich so unterhalte sagt mir eine Dame, deren Name ich jetzt erwähnen muss und darf, dass sie manchmal das Gefühl hat sie hieße für die Leute nicht Aline (A-L-I-N-E) sondern Alien (A-L-I-E-N), sobald sie ihnen sagt, sie mögen doch bitte zu ihr sprechen sonst könnten sie nicht mit ihr sprechen.

    Ist das unser allgemeiner Herbstblues?

    Und was Songtexte betrifft: Ich habe eine weitaus größere Musikbibliothek als meine hörenden Freunde. Ich lese das wie Gedichte. Ich lasse mir auch wahnsinnig viel so Zeug gebärden. Gibt ja auch extra Songsigning dafür.

    Liebe Grüße

  4. Blog doch mal ein Bild von dir in tollen Anziehsachen, du bekommst sofort eine verzückte Rückmeldung von mir. 🙂

  5. Nikana, na immerhin ist Sonne, die hat mir den Morgen ja auch schon versüßt. 🙂 Außerdem will ich nochmal betonen, dass ich nichts gegen Modebloggerinnen habe. Einige meiner besten Freundinnen sind Modebloggerinnen…

    fränk, wären wir bei Notting Hill ich hätte mir den Brownie einfach genommen!

    Salomea, ich glaub jetzt grad ist nicht viel anders als irgendwelche anderen Zeitpunkte. Ich hab sowas zyklisch, es baut sich auf und irgendwann musset raus

    tina, ist das eine herausforderung?! 😉

  6. Sollten Sie sich dieser Herausforderung stellen, vielleicht noch in einem Outfit von Vivian Westwood, dann wären das schon zwei Kommentare 😉

  7. Ich dachte schon ich bin die einzige, der ab und zu, das dusselige Getue der Leute auf die Nerven geht. Mich stört, daß man immer wieder auf die Schwerhörigkeit aufmerksam machen muß und keine zwei Minuten später, haben die Leute es wieder vergessen. Mich regt außerdem die Besserwisserei auf. Jeder will gute Ratschläge geben, jeder kennt jemanden der…. und die/der macht das soundso.
    Als ich ein CI bekommen sollte, wußten viele Hörende besser Bescheid als die Ärzte in der MHH. Das „beste“ Argument: „Ich wäre lieber schwerhörig, als so eine OP machen zu lassen und das CI hilft sowieso nicht“.

  8. Absolut ist das eine Herausforderung. 🙂 Und?

    Jeder will gute Ratschläge geben, jeder kennt jemanden der…. und die/der macht das soundso.

    Ich kenn keinen und geb auch keine.

  9. Für Outfit- und Posenberatung –> Skype. 😀

  10. Siehste, Berlinessa ist auch dabei!
    Ich will was sehen … 😉

  11. Ja nee, NQLB, mir ist schon klar, dass so was zyklisch kommt, hatte ich früher auch oft. Hatte mich nur gewundert, dass ich davon so in den letzten 2-3 Tagen doch häufiger erfahre *kopfkratz*

    Ich persönlich hatte das relativ oft in so Schüben als ich mich noch weitestmöglich an die Hörenden angleichen wollte, hat sich dann nach und nach erledigt als ich das für mich selber aufgegeben habe und gedacht habe „Gut, lebe ich eben in einer anderen Kultur und habe ich halt einen anderen Werdegang“. Das war für mich die Antwort. Richtig gut wurde es für mich dann im BFW, da hatte ich so was gar nicht mehr, das mag daran liegen, dass ich da sehr viele Leute mit sehr vielen unterschiedlichen Gesundheitszuständen getroffen habe, und die meisten schon so weit in ihrer Entwicklung waren, dass ich für sie nicht das „goldene Kalb“ spielen musste. Ich hab da auch nie den Satz bekommen „Es ist mir egal, dass du nicht hören kannst“, den ich ja fast schon herablassend weil in 95% aller Fälle erstunken und erlogen finde, und das war gut. Die Jahre da haben mich sehr geerdet irgendwie.

    Für irgendwas muss es ja gut gewesen sein.

  12. Übermama, ich glaube das Problem ist, wenn Leute helfen wollen ohne zu wissen wie. Und dazu noch verinnerlicht haben, dass sie hilfreich sein sollen.

    Salomea, freut mich dass es besser geworden ist.

    tina, manuela, berlinessa: Ihr habt es so gewollt!

  13. Re Mode fuer NqlB, so ab Minute 40: „Did you ever think there’s maybe more to life than being really, really, really, really, really ridiculously good-looking?“

  14. So ohne Kontext, find ich, kommt das irgendwie bißchen lächerlich, mit diesen Mienen. Aber den Film find ich unglaublich lustig. Mag ich sehr 🙂

  15. Verdammt, dabei kann ich nicht mal Teile von coolen Songtexten posten, weil ich schon lange die Texte nicht mehr verstehe.

    Bin grad über ein Konzert mit Gebärdenuntertiteln gestolpert – hab ich auch noch nicht gesehen, sowas:
    http://wearephoenix.com/journal/?p=1307

  16. Dein Metaphor im Link-Entry ist wunderbar. I like the phrase, „unglaublich einfaeltige maennliche Modelle“. Ich glaube, man hatte bei filmen nie getrauemt, dass es an einem deutschen Blog fuer Schwerhoerige auftaucht. Es war mir halt symmetrisch: Zoolander ist Modell, traeumt aber danach „Menschen zu helfen“. Du hilfst Menschen, bist aber vom Publikum angebeten, dazu Modell zu sein (I agree, mach mal!). At least, it is helpful to me, to have a forum where I can talk about having Tinnitus. Thank you 🙂

  17. Pingback: Die Moden des Herrn Notquite « Not quite like Beethoven

  18. tina, hm, sowas hab ich auch noch nie in echt gesehen. Ich bin mal bei den wunderbaren Ojos de Brujo darüber gestolpert…

    Elizabeth, you’re welcome

  19. Das find ich interessant – da ist es auch noch eine ästhetische Komponente, sehr gelungen, find ich. Nur kann ich weder Spanisch noch Gebärdensprache, bin da also lyricstechnisch ganz außen vor …

  20. Musik reicht ja, oder jedenfalls find ich sie toll. Auch wenn bei diesem speziellen Video der Ton leider nicht so gut ist…

  21. Als Sprachtante bin ich beim Musikgenuss durchaus lyricsverliebt, ich weiß schon gern, worum’s jeweils so grob geht. Ich les das dann meistens im Booklet oder Internet nach, die nuscheln doch fast alle.

  22. Dann ist doppelt schade, die haben nämlich auch schöne Texte.
    🙂

  23. Stimmt, ich habe den Ojos de Brujo Album „Eyes of the Warlock.“ Frenetic Flamenco Hip-Hop. Ich wuesste nicht, dass sie ausser Spanien gekannt sind.

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