Technologien für Behinderte und der Massenmarkt, bei Untertiteln z.B.

Behinderte (wie Schwerhörige und Gehörlose) sind meist zu wenige. Sie sind kein lukrativer Markt. Manche (wie deutsche Fernsehanstalten) nehmen das als Vorwand, keine Leistungen für sie zu erbringen (wie Untertitel).

Elizabeth hat mich auf einen interessanten Artikel aus der Business Week hingewiesen. Wie viele Technologien, die für Behinderte entwickelt wurden,  zu profitablen Anwendungen für den „normalen“ Massenmarkt geführt haben. Das beste Beispiel: Sprachsteuerung und Sprachausgabe bei Apple Macs, iPods und iPhones, aber auch beim Amazon Kindle oder in Autos von Ford.

Dieses Mainstreaming hat dem Artikel zufolge eine lange Geschichte, z.B. sei als Anwendung für das Grammophon ursprünglich gedacht gewesen, Hörbücher für Blinde zu produzieren. Und genauso stellte sich bei Google heraus, dass ein Werkzeug zur Untertitelung von Videos beim Übersetzen der Untertitel hilfreich war. So entstand das Auto-Übersetzungs-Tool für YouTube, mit dem User den Videos, die sie hochladen, Untertitel in verschiedenen Sprachen hinzufügen können. Auf diese Weise können mehr Menschen die Clips sehen und verstehen.

„Companies could look at designing for accessibility as a sales opportunity. Most features that are accessible for the disabled have great value to everybody,“ says Donald A. Norman, a former Apple vice-president for advanced technology

Wenn ich mir das so ansehe, dann muss ich sagen: Dass die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, was Untertitel angeht, nicht in die Gänge kommen, wundert mich irgendwie nicht. Ich habe ja schonmal überlegt, dass wir zum einen die Argumente ändern sollten und den Nutzen von Untertiteln für Nicht-Hörbehinderte herausstellen sollten.

Was mich aber wundert ist, dass auch die privaten Fernsehsender, die ja eigentlich innovativ denken sollten (hahaha), nicht stärker in Untertitel- und Übersetzungstechnologien investieren, um relativ einfach die Sprachbarriere zu knacken und sich den europäischen oder sogar globalen Markt zu erschließen.

Ich glaube inzwischen sogar, dass wir eher alle perfekt untertitelt im Internet fernsehen oder externe Untertitelungsgeräte nutzen, bevor bei den öffentlich-rechtlichen überall Untertitel laufen.

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8 Antworten zu “Technologien für Behinderte und der Massenmarkt, bei Untertiteln z.B.

  1. Re: „…dass wir zum einen die Argumente ändern sollten und den Nutzen von Untertiteln für Nicht-Hörbehinderte herausstellen sollten.“

    Kann man machen. Als Auslaenderin in Deutschland haette ich gerne Untertitel fuer Verbotene Liebe gehabt. Aber ich sah ein Punkt des Artikels als eher, dass Technologie fuer Behinderte erst fuer einen ausdruecklich Behindert-Markt entwickelt wuerde, aus capitalistische Gruende–nur danach wuerde das Nutzen fuer Nicht-behinderte entdeckt.

    Das Muster hier ist, 1) man schliesst sich zusammen in einem Verein; 2) man macht viel Lobbying (kenne das deutsche Wort dafuer nicht) auf Lawmakers, damit erziehlte Gesetze in Gang kommen, und dabei viele gute Public Relations; 3) Firms take notice and develop products and services that can be marketed to your group.

    Deswegen gibt es Firmas hier die Au Pairs fuer Homesexuelle Ehepartner anbieten oder Schriftsreise fuer Schwule, usw. Ich glaube, grassroots Organisation und Lobbying sind halt wichtige Schritte.

  2. Wobei man aber fairerweise sagen muss, dass die Öffentlich Rechtlichen in den letzten Jahren die Untertitelungs-Quote deutlich gesteigert haben und z.B. der WDR mittlerweile sein Abendprogramm fast durchgehend untertitelt (dort sind, soweit ich das festgestellt habe, nicht-untertitelte Sendungen mittlerweile die absolute Ausnahme). Heute wird z.B. von 18:05-01:00 Uhr durchgehend untertitelt, wenn man von den Lokalfenstern um 19:30 Uhr absieht (und hier kann ich derzeit noch nachvollziehen, dass dies logistisch derzeit nicht machbar ist).
    Was mich aber sehr ärgert sind z.B. die Spartensender. Der am 1. November startende Sender ZDFneo wird laut ZDF Zuschauerredaktion z.B. aufgrund finanzieller Überlegungen keine Untertitel haben, obwohl ein Teil der Inhalte bereits mit Untertiteln im ZDF Hauptprogramm lief.
    Die Sprachbarrieren dürften bei den TV Sendern übrigens keine Rolle spielen, da sie nur die Ausstrahlungsrechte für Deutschland (und evtl. noch Österreich und die Schweiz) haben und Ärger mit den Rechteinhabern bekommen würden, wenn sie auf einmal französische Untertitel ausstrahlen. Dazu kommt noch, dass die Werbung ja auch auf bestimmte Märkte fokussiert ist und z.B. deutsche Zahnpastawerbung für einen Dänen eher uninteressant ist und somit auch keine Werbeerlöse bringen würde. Für das Ausland haben sowohl Bertelsmann (RTL, RTL2, Vox, n-tv) als auch ProSiebenSat.1 Media (Pro7, Sat.1, Kabel 1) eigene Sender, welche auf den jeweiligen Markt zugeschnitten sind.
    Da die Privaten sich Untertitel mit den abenteuerlichsten Begründungen größtenteils verweigern (Pro7 und Kabel1 kriegen zumindest einen kleinen Bonus für einige untertitelte Sendungen) wird es aus meiner Sicht Zeit, dass verbindliche Quoten durch die Politik festgelegt werden. In den USA und in Großbritannien hat das ja auch hervorragend geklappt.

    Was das Internet angeht: Solange 99% der Internetbenutzer normalhörend sind, wird es hier auf den Clip-Plattformen keine Untertitel geben. Videos mit Untertiteln auf YouTube & Co sind die absolute Ausnahme und selbst komerzielle Plattformen wie z.B. Netflix in den USA bieten keine Untertitel für ihre Online-Streams an. Löbliche Ausnahme sind hier die Videoportale der US Networks, bei denen mittlerweile die meisten fikitonalen Serien Untertitel haben. Dank US-VPN-Zugang bin ich mittlerweile auch zu einem großen Fan dieser Seiten geworden 🙂
    Kurioserweise sind ja auch für die illegalen Seriendownloads aus den USA ohne Probleme Untertitel erhältlich, da es hier eine Fan-Subbing-Szene gibt, welche die englischen Untertitel in die jeweilige Landessprache übersetzt. Das hat dann den Effekt, dass die neuste Folge von Dr. House oder CSI ein paar Wochen nach US Premiere deutsch untertitelt vorliegt, während die RTL-Ausstrahlung ein halbes Jahr später keine Untertitel hat. Für den Gehörlosen ist es ja im Endeffekt egal, ob da ein RTL Logo oder ein ABC/CBS/FOX/NBC-Logo in der Ecke prangt und auch der (stark) Hörgeschädigte wird ja Untertitel gegenüber dem Ton bevorzugen.

  3. Mein Freund hat zu dem Thema gerade in London und Leeds einen Vortrag gehalten. Die Präsentation dazu findest Du hier: http://www.slideshare.net/ArturOrtega/techshare-2009-accessibility-and-disability-a-history-of-innovation-artur-ortega-yahoo

  4. Lobbyarbeit disbezüglich gibt es. Es demonstrieren immer wieder Gehörlosenverbände und Co. für mehr Untertitel, das sind Demos mit oft ein paar Tausend Teilnehmern wo auch die „Prominenz“ der entsprechenden Vereiene reden hält etc.

    Ich sehe das Problem aber auch wieder im „Oralismus“. Es gibt viel zu viele Leute und erstrecht bei den Medien, die meinen man könne bei deutschen Sendungen ja absehen oder für bestimmte Formate überhaupt keine hörgeschädigte Klientel wollen. Das ist schade und dumm. Nicht nur weil z.B. im deutsprachigem Ausland fast alles untertitelt wird und so den Hörgeschädigten natürlich auch die Möglichkeit geboten wird ihren Horizont zu erweitern.

    Sondern auch wegen Beispielen wie diesen: Die ARD untertitelt – was GUT ist – 20.15h-Programminhalte. So auch die Verfilmung von Reich-Ranickis Leben im April. Ich war damals krank, und habe dem etwas Positives abgewinnen können, weil ich die keinen eigenen Fernseher hat, diesen Film sehen konnte. Andere Hörgeschädigte, auch Spätertaubte, die durchaus wissen wer R.-R. ist, haben den Kopf geschüttelt als ich beiläufig erwähnte, dass ich mich gefreut habe im Krankenzimmer diesen Film schauen zu können. Es hieß „Was soll das denn? So was untertiteln die und damit können wir nichts anfangen!“ Es interessiert die einfach nicht. Interessant finden viele wiederum – ich nicht – das was der Bohlen auf RTL abzieht. Sie sehen das das Dauerthema in der BILD ist und halten es für wichtig. Sie checken es aber nicht, weil sie es nicht verstehen.

    Ich stelle jetzt die These auf: Untertitel auch bei so was schützen vor Volksverdummung. Aber da geht es auch um Vollkommenheit, was die Hörgeschädigten ja für so ein Format nicht bieten können. Wogegen aber definitiv einige von denen protestieren würden, es gibt ja Schwerhörige die gut singen oder tanzen können und die dann auch ihre Chance wollen würden.

    Wenn ich medial ein Format so darbiete, dass es nur von bestimmten Gruppen verstanden wird, blocke ich automatisch alle anderen aus. Das würde ich auch machen wenn ich kein Textpowerpoint hinter meine gebärdeten Vorträge schmeißen würde (nicht der identische Text – dann wäre es witzlos).

    Ich habe mich übrigens vor Jahren mit „Phoenix“ in einem Briefwechsel gezofft, weil die zwar die Tagesschau mit Gebärdeneinblendung bieten, aber ihre Historiksendungen nicht untertiteln. Ich find’s auch Mist beim Ki.Ka. Ich bin glaube ich die einzige Taube die bei „Bernd das Brot“ lacht (dank der 1:1-Transkriptionen einer lieben Freundin) und vermutlich nicht die einzige Spätertaubte die sich Gedanken darüber macht wie sie die Inhalte der „Sendung mit der Maus“ in Gebärden vermittelt. Ich schließe mich darüber oft mit hörenden Eltern hörgeschädigter Kinder kurz und wir finden wirklich Untertitel könnten helfen. Auch für 7-Jährige, die schon etwas lesen können, ist noch interessant wie die Löcher in den Käse kommen.

    Liebe Grüße

  5. Danke Christiane!
    Salomea, das alles ist schon beeindruckend (ein paar Tausand Teilnehmer–wow) und deprimierend, dass es bist jetzt noch nicht mit den Untertitel geklappt hat.

    Meine Freundin hatte ein Freund dessen Job es war, Untertitel fuer MTV Sendungen zu schreiben. Er wuerde ab und zu kleine Gruessungen fuer sich reinschreiben („Corsets and thigh high boots are new trends as we can see from Fashion Week kicking off now in New York. Hi Evelena.“) Ein Ort wo Untertitel oft zu sehen sind sind Fitness Studios, damit alle verstehen koennen ohne Sound. Liebe Gruesse auch von mir.

  6. Elizabeth, persönliche Nachrichten in Untertiteln für alle, hahaha. Du meinst, dass Firmen öfters durch das Lobbying ( 😉 ) von Behindertenorganisationen auf Behindertenmärkte aufmerksam werden und dann für die was entwickeln?

    Reinhold, entschuldige die Verzögerung, Dein Kommentar wurde automatisch unter Spam einsortiert, keine Ahnung warum. Stimmt, es hat sich einiges getan. Danke für den langen Kommentar!! Gerade die Sache mit den Ausstrahlungsrechten und der länderspezifischen Werbung hab ich so nicht bedacht. Eine konkrete, gesetzlich festgelegte Quote wäre schön, statt so diffusem „sollen“ wie im neuen Rundfunkstaatsvertrag. Was das Internet angeht, zumindest in den USA ist, wenn ich recht verstanden habe gerade ein Gesetzentwurf in der Mache, der bei Erfolg auch Anbieter wie Netflix binden würde. Jaja, US-VPN 😉 Ich dachte übrigens gerade an Formen wie das von Dir angesprochene, verteilte Fan-Subbing, das sich Fernsehsender eben (noch ?) nicht zunutze machen können als ich schrieb, dass wir wohl eher im Internet UTs haben könnten als auf der alten Mattscheibe.

    Christiane, danke für den Hinweis, tolle Präsentation! Diese Beispiele! Gibt es da zufällig auch ein Buch drüber?

    Salomea, also ob’s gegen Volksverdummung hilft weiß ich nicht, aber die Erfahrung in den USA scheint zu zeigen, dass UT auch bei der Rechtschreibung helfen…

  7. Ja NQLB, er hat die Herz meiner Freundin durch seine ihr-bezueglich-Untertitel erobert 🙂

    Reinhold’s Beschreibung war sehr interessant, mit der Fan-Subbing Scene. Was ich meinte war, dass Identity Politics in den USA staerke Prasenz im oeffentlichem Raum schafft. Dies wiederum beeinflusst die Strategien der Industrien. Nicht nur fuer Behinderte, sondern auch fuer andere Minderheiten. The better you see my group and its desires, the more likely you are to try and sell us something. In this regard, many private companies in the US are more progressive, for example gay-friendly, than state and federal governments, as one sees more products marketed specifically to lgbt customers.

    Re: Rechtschreibung, ist aus lustig zu sehen, welche Fehler die arme Untertitler bei live-Sendungen machen: „Thank you so much for the flours!“

  8. Also dass Sichtbarkeit der Wünsche Voraussetzung ist für deren Befriedigung durch die Wirtschaft, da stimme ich Dir zu. Auch, dass das quasi über Eck laufen kann, dass also Unternehmen über auffällige Lobbyarbeit/organisierte Interessen auf Märkte aufmerksam werden und für die was anbieten. Ich glaube aber, das ist eher die Ausnahme. (Lasse mich aber äußerst gern vom Gegenteil überzeugen.) Und ich bin sehr dafür, dass man nicht nur die Politik, sondern auch die Wirtschaft aktiv auf seine Interessen aufmerksam macht. Denke da haben wir in D etwas Nachholbedarf, sind oft zu Politikfixiert und manchmal etwas wirtschaftsfeindlich.
    Aber ist halt die Frage unter welchen Umständen sowas gut funktioniert und wann nicht. Ich würde zB denken, dass es v.a. bei nicht-entwicklungsintensiven Dienstleistungen klappen kann, wo man verhältnismäßig wenig investieren muss (z.B. Datingagenturen). Und in Deutschland zumindest eher schlechter als in US. Bei Christiane drüben gibts übrigens gerade eine interessante Diskussion über die Notwendigkeit von gesetzlichem Zwang.

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