Die Welt mit den Naidas hören

Hearing Aids -- Photo by BitBoy / flickr, some rights reserved

Man darf sich das Anprobieren und Tragen von Hörgeräten nicht wie das von Kleidern vorstellen. Jedenfalls wenn es keine leichte Schwerhörigkeit ist, sind damit so umwälzende Änderungen des, man kann’s nicht anders sagen, In-der-Welt-Seins verbunden wie sonst nur mit Drogen. Mit dem Höreindruck der Geräte, die ich gerade getestet hab, war ich 4 Wochen ständig unsicher und angestrengt. Und bei der Musik schließlich haben sie mich nur noch zum Heulen gebracht.

Das Besondere an Phonak Naida Hörgeräten ist, sie transponieren Frequenzen, die man nicht oder nur sehr schlecht hört, in Bereiche, in denen man noch etwas hört. Für viele bedeutet dass, das sie Töne hören, die sie schon lange nicht mehr gehört haben. Vogelzwitschern etwa.

Hören mit den Naidas war als hätte sich ein Nebel über die (akustische) Welt gelegt, aus dem Geräusche irrlichternd und gepreßt hervordrangen. Und das obwohl meine Augen sagten, dass alles wie immer war. Manches klang näher als ich vermutet hätte. Anderes, Nahes, hörte ich gar nicht — und erschrak wenn dann auf einmal jemand direkt neben mir stand und mich schon zweimal angesprochen hatte. Was ich sah paßte überhaupt nicht zu dem was ich hörte. Es hörte sich nicht einfach komisch an, meine ganze Welt war verschoben und verzerrt. Nur wenn ich die Augen schloss paßte es wieder.

Ich hätte die Geräte am liebsten ziemlich schnell wieder weggelegt, doch ich musste zumindest probieren ob ich mich eingewöhne. Aber so richtig wurde das Zähne Zusammenbeißen nicht belohnt. Es irrlichterte weniger, ich gewöhnte mich daran. Nur: Die Naidas mögen vielen deutlich besser als andere Geräte helfen, mir nicht. Wohl hörte ich mehr mittlere Frequenzen in Geräuschen und Stimmen. Aber das trug kaum zu besserem Verstehen oder schönerem Klang bei. Beileibe nicht. Ich denke, ich höre einfach zu schlecht als dass ich von der Technik groß profitieren würde. Zwischen gerade so hören und ZU LAUT ES SCHMERZT ist bei mir kaum Raum. Möglich auch, dass die Transposition sogar für schlechteres Verstehen im Störschall sorgte, weil im mittleren Frequenzbereich zu viele Information gedrängt waren.

Und schließlich, die Tränen. Ich kann gar nicht beschreiben, wie sich Musik mit der Transpositionsschaltung anhörte. Ich hörte — soweit ich das sagen kann — alles, denn ich prüfte es an Stücken, die ich sehr gut kenne. Ich hörte sogar hohe, das heißt dann mittlere, Frequenzen etwas besser. Aber was ich hörte war — tot.

Es riss nicht mit, es fehlte, was Musik zur Musik macht. Ich saß vor der Stereoanlage, strengte mich an und hörte: Geräusche. Keine Musik. Der Rhythmus war da, aber er trieb nicht. Die Melodie war da aber sie klang nicht. Und auch nach vier Wochen änderte sich das nur ein bißchen.

Ich habe ja viel über Cochlea Implantate gelesen – und dass die Implantierten Stücke, die sie schon vorher schon kannten wiedererkennen können, nicht aber neue erkennen. Und dass sie zwar Musik hören aber kaum genießen können. Das muss so ähnlich sein wie das, was ich mit den Naidas erlebt habe.

Noch eine Bemerkung: Dies alles liegt wahrlich nicht daran, dass die Naidas schlechte Geräte wären– im Gegenteil! Dies ist ein Bericht darüber, wie eigenartig, kraft- und gefühlezehrend Hörgerätetesten und -tragen sein kann.

Teil 2 von  „Wie Hörgeräte tragen die Welt verändert“, hier ist  Teil 1

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18 Antworten zu “Die Welt mit den Naidas hören

  1. manmanman

    es ging mir mit dieser Technik genauso, allerdings: ich bewundere Dich, solange wie Du habe ich nicht durchgehalten

    ich frage mich immer noch, ob es Menschen gibt, die mit dieser Technik was anfangen können und ob einfach nur wir Jahrzehnte-schon-Hörgeräte-Träger das nicht können …

  2. Ich kenne ein paar Fälle in denen es gut geklappt hat. Glaube da kommt so vieles zusammen: Man darf nicht allzu schlecht hören in den tiefen und mittleren Frequenzen und das vermutlich besser auch noch nicht allzu lang, es gibt ja diesen Recruitment Effekt. Je größer der zu transponierende Frequenzbereich umso schwieriger. Und es gibt sicher anpassungsfähigere und weniger anpassungsfähige Gehirne…

  3. Ui, schwierig. Vielleicht ist es wirklich Gewohnheitssache, aber ob man das wirklich riskieren will, wenn man so ein schlechtes Gefühl hat? Schade, dass es nicht die richtigen Geräte waren.

  4. … vielleicht ist es manchmal besser, musik dann doch „aus der erinnerung heraus“ zu hören. oder wie man sie sich vorstellt. manchmal denke ich mir, es ist besser eine leise ahnung von ihr zu haben als mit geräten die das vorherige gefühl dann kaputt machen. oder…?

    ich habe letzte woche an der uni hier in hamburg einen mann gesehen der ein implantat trug. ich bin dann aufgesprungen und fragte ihn, ob ich ihn fragen dürfe, wie es ihm ergehe mit dem implantat und der musik. er erzählte, dass er erst leichtgardig schwerhörig wurde mit ca. 20 jahren und dann langsam sein gehör abbaute. links ein implantat hat und rechts ein hörgerät (phonak). links sei sein „Ohr für den kopf“, es erleichtert die kopfarbeit – lippenablesen – im alltag und die kommunikation. rechts sei sein „ohr für das herz“, bei musik schaltet er das implantat aus und benutzt nur das hörgerät. er meinte musik sei mit dem implantat für ihn unerträglich, weil die seele der musik dabei verloren geht.

  5. Nikana, ja, schade. Aber wenn sich nach 4 Wochen kaum was ändert, dann ist das halt so.

    innovashun, hi, nett, dass du auch wieder hier bist 🙂 Das kann ich mir nun gut vorstellen, wie der Mann das beschrieben hat. Allerdings kenne ich auch ein paar CI-Träger die weiter gerne Musik hören und ein paar, die sogar welche machen, im Orchester z.B.

  6. .. ich werde die geräte ab nächster woche auch ausprobieren. die beraterin bei amplifon hat sie sehr angepriesen, ich hatte während dem gespräch deinen blog-eintrag im kopf. mal schauen..

  7. ja, schau mal. Das kann ja bei Dir ganz anders ausgehen. 2 Wochen würd ich auf jeden Fall testen…

  8. Have to agree about the music. It sucks.

  9. Really, even after so much time? I would have thought you would get used to it. Sorry to hear that.

  10. Ich bin auch skeptisch was SoundRecover angeht. Einerseits kenne ich wirklich viele äußerst positive Erfahrungsberichte dazu (ein Mitschüler von mir hat z.B. einen Orchestermusiker mit SoundRecover-fähigen Geräten versorgt und der ist überglücklich), andererseits liest dann wieder so etwas…

    Ich denke, SoundRecover ist für manche sehr hilfreich, aber ob es geeignet ist oder nicht, muss jeder für sich selbst herausfinden. Diese Ausprobe kann für manche sehr bereichernd, für manche leider aber auch sehr frustrierend sein…

  11. Ich habe den Eindruck, dass es vom Audiogramm abhängt und schmale Frequenzausfälle besser gehen als breite. Bei mir z.B war’s ja so, dass ein ziemlich breiter Frequenzbereich transponiert werden musste, was das bißchen Hörrest was noch da war (also die überlebenden Haarzellen, mitsamt allen Recruitment Effekten) wohl einfach überfordert hat.

  12. Huhu, also ich hab auch das Problem dass ich sehr lange (2 Monate ) gebraucht habe um mich an das Soundrecover zu gewöhnen. Hab dann mal nachgefragt und man hat mir gesagt dass es mehrere Wochen dauern kann bis das Gehirn die Signalanteile wieder verarbeiten kann. Bei mir wurde es noch etwas stärker angehoben und ich Höre das Gras wachsen, aber so wie damals kann glaub ich kein Hörgerät klingen !

    Liebe Grüße Friedel

  13. Toll, dass es so gut funktioniert bei Dir, freut mich!
    Allerdings ist es ja nicht nur eine Frage von Hörnerv und Gehirn, sondern auch der Situation im Innenohr. Wenn die zu schlecht ist, taugt auch sound recover nicht. Aber das muss man eben, genau wie Du sagst, lange ausprobieren.

  14. Das ist so eine Sache, mit den Naidas. Ich bin hochgradig hörbehindert und trage sie seit drei Jahren. Vorher hatte ich das Supero (auch von Phonak). Das Sprachverständnis in einem ruhigen Raum hat sich mit den Naidas trotz abnehmender Hörfähigkeit sehr gebessert, noch nie konnte ich bei einem Wechsel der Hörgeräte einen solchen Sprung verbuchen.
    Der Sound-Recover ist ein Segen und ein Fluch gleichzeitig. Den Segen habe ich beschrieben, der Fluch liegt hier: Da kommen Geräusche rein die ich nicht brauche, bei Störschall, speziell in Restaurants, hat sich das Sprachverständnis verschlechtert. Darum werde ich den Sound-Recover beim Störschallunterdrückungsprogramm herausnehmen. Der zweite Fluch ist das Recruitment, mit dem ich immer schon Mühe hatte. In bestimmten Frequenzen liegt die Hörschwelle gleich an der Schmerzgrenze, oder umgekehrt. Hier können Hörgeräte nicht helfen.
    Da ich mit den Superos immer grössere Mühe hatte zu verstehen war die Umstellung auf die Naidas ein Geschenk und ist es oft immer noch. Was ich aber feststelle, dass, ähnlich wie du, NQLB, Musik nicht mehr so warm und voll klingt, sie klingt technischer, dünner, kälter – schwierig zu beschreiben.
    Von der Erfahrung her bin ich ein alter Hase: Ich trage seit 1975 Hörgeräte. Damals wurde ich mit dem Phonak-Sound angefixt und bekam die Super Fronts. Das waren – für heutige Verhältnisse – riesige, prothesenbeige Lärmschleudern mit begrenzten Anpassungsmöglichkeiten. Auch mit einer längeren Hörgerätebiographie kann mit den Naidas klarkommen. Geduld ist aber angesagt, ein Test von 2-4 Wochen ist eher an der unteren Grenze.
    .

  15. Gut, dass Du das so detailliert aufschreibst. Da können sich Interessierte gut ihre Meinung bilden. Und vor allem: Den Test nicht zu früh aufgeben.

  16. Die Beschreibung gibt wunderbar wieder, was auch ich in der vierwöchigen Probezeit im sommer 2011 erlebt habe. Ich bin auf beiden Seiten hochgradig an Taubheit grenzend hörgeschädigt seit dem 2. Lebensjahr, jedoch links höre ich die tiefen Töne noch ganz gut und auf dieser Seite trage ich auch ein Hörgerät seit dem 4. Lebensjahr. Ich werde immer ermutigt, auch rechts ein Hörgerät zu tragen. Die letzte Empfehlung meiner privaten Krankenversicherung war, es doch hier einmal mit einem Naida zu probieren. Gesagt, getan, links habe ich das Hörgerät links oft ausgestellt und bin nur mit dem Naida rechts hörend durch die Welt gelaufen. Es war offenbar soviel Power auf dem Gerät, daß beim Verlassen des Hörgeräteinstituts es mir erst einmal schwindelig wurde und die Fachwerkhäuser der Altstadt ringsum bedrohlich in Wanken kamen. Das hat sich nach ein paar Tagen gegeben. Das alleinige Hören rechts war grauenvoll, es fehlte mir das Leben um mich herum, ich hörte nur partiell Geräusche um mich herum, zum Beispiel das Gebell eines Hundes in der Ferne, jedoch nicht als ein schwerer LKW unmittelbar nebenmir die Straße entlang fuhr. Das Gerät habe ich nach vier Wochen gerne wieder zurückgegeben.

  17. Ein großes ist ja, dass man so schwer feststellen kann ob die Einstellung nicht gut genug ist (etwa weil der Akustiker zu wenig Erfahrung hatte).
    Ich glaube auch, dass diese Superpower-Hörgeräte eine eher zwiespältige Sache sind, weil sie das Resthörvermögen schädigen. Würde gern mal Studien sehen, wie sich das Hörvermögen von Trägern mit den Jahren entwickelt und ob es nicht auffallend oft schnell schlechter wird….

  18. genau dass frage ich mich auch!!!
    was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem
    MP3-Player-Ohrstöpsel (gibts jetzt auch in passgerechter Gussform wie bei Hörgeräten, um den Klang noch besser zu machen) und Hörgeräten.
    Wieso schädigen Ohrstöpsel, Musikkopfhörer etc. das Gehör und Hörgeräte
    soll man hingegen immer tragen?

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