Wer hätte gedacht, dass der alte Mann so viel Blut in sich hatte

Ich jedenfalls nicht. Ich wußte natürlich, dass es nicht ganz einfach wird. Aber ich hätte nicht gedacht, dass mich das alles so fertig macht. Ich stecke im Nirgendwo, habe etwas getan, dass ich nicht rückgängig machen kann. Und was ich mir davon versprochen habe, liegt ungewiß in der Ferne.

Der Computer wohnt nun in seinem aus Schädelknochen gefrästen Bett, die Elektrode bohrt sich in mein Innenohr. Hinter dem Ohr seh ich aus wie eine gerissene Hose, die jemand wieder geflickt hat.

Und wer hätte gedacht, dass nach unten noch so viel Raum ist, beim Hören? Dass das Wenige, was ich hörte, doch so viel war? Ich jedenfalls nicht. Ich kann mir so heftig vor dem Ohr schnippen, dass es schon in den Fingern weh tut. Ankommen tut trotzdem nichts, aber auch gar nichts.  Ich föne mir die Haare und habe rechts ein doch recht lautes Brausen im Ohr. Links merke ich nicht mal, dass der Fön an ist. Ich schlage aus Versehen die Schranktür zu, so dass ich rechts etwas zusammenzucke. Links — nichts. Vor allem: Trotzdem tut es weh da, einfach von Eindringen der Schallwellen und weil noch irgendwie alles roh ist, vermute ich. Es ist furchterregend.

Man sagte mir: Geduld. Das komme häufiger vor, dass man auch nach ganz vorsichtiger OP erstmal nichts mehr hören könne, das dann aber weitgehend wiederkomme. Na hoffen wir’s. Irgendwie hab ich aber ein schlechtes Gefühl dabei. Es fühlt sich so weg an.

Ich will nach vorne sehen. Aber mir wankt der Boden unter den Füßen. Habe ich schon gesagt, dass ich heilfroh bin, noch ein anderes Ohr zu haben? Auf dem ich zwar sehr schlecht, aber wie ich gerade merke doch sehr viel höre? Ich glaube ohne würde ich jetzt stürzen.

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13 Antworten zu “Wer hätte gedacht, dass der alte Mann so viel Blut in sich hatte

  1. Ich bin ganz fest überzeugt, dass das nur eine Zwischenphase ist. Kopf hoch, auf die Zähne beißen (aber nicht die Zunge dabei in Mitleidenschaft ziehen) und zwei, drei Tage Geduld haben.. Herzlichst jueb

  2. Hörst Du links auch mit Hörgerät nichts, oder darfst Du das gar nicht erst testen? In der Hinsicht habe ich keine Erfahrung, da ich ja vor der OP keine Hörgeräte hatte. Ich hoffe, dass das Restgehör wieder kommt. Wenn Du sonst schon ohne Hörgeräte recht wenig gehört hast und jetzt auch noch 20 – 30 dB „weg“ sind, weil sich noch Flüssigkeiten im Ohr befinden, kann sich das natürlich vorübergehend fatal auswirken. Leider.

    Ich drücke die Daumen, dass sich das mit der Zeit wieder gibt.

  3. Danke, ihr beiden, hoffen wir’s, dass es nur Flüssigkeiten sind, aber man kann halt nicht ausschließen, dass es nicht nur das ist. V.a weil bei mir auch bei recht wenig Verlust schon nix mehr da ist.

    Hörgerät mag ich noch nicht testen, weil laute Geräusche in das Ohr schon ohne Hörgeräte vom Schalldruck wehtun. Da brauch ich den Krachmacher erstmal nicht ranzuhalten…

  4. ich wünsche dir soviel glück, wie du kriegen kannst!!!

  5. I’m sorry you are sad. I already used up my goodluck phrases. When I don’t feel great I like to read Virginia Woolf:

    „. . . the red carnation he had seen her wear as she came across Trafalgar Square burning again in his eyes and making her lips red.“

    Also, Aldo Leopold: „A dawn wind stirs on the great marsh. With almost imperceptible slowness it rolls a bank of fog across the wide morass. Like the white ghost of a glacier the mists advance, riding over phalanxes of tamarack, sliding across bogmeadows heavy with dew. A single silence hangs from horizon to horizon.“

  6. Die Geduld ist der Meister der Tugend!! Ich denke, dass die Zeit ein ganz wichtiger Faktor bei diesem Prozess ist und das lässt sich nicht beschleunigen.
    Es ist doch immerhin ein interessantes Zwischenstadium, das Du so nie wieder erleben wirst. Auf die Qualität deiner Blogeinträge wirkt es sich gewiss nicht negativ aus!

  7. notquite, Kopf hoch!

    Es gibt nur eine Richtung: nach vorne!

  8. So sieht’s aus, Oliver, und so wird’s gemacht, Heike!
    Wobei das mit der Qualität der Beiträge schon irgendwie doof ist: „being contented has none of the glamour of a good fight against misfortune, none of the picturesqueness of a struggle with temptation, or a fatal overthrow by passion or doubt.“ Über dieses zitat von Huxley hab ich mich gerade mit Freundin Berlinessa unterhalten.

  9. Verlier nicht den Mut.
    In der MHH wurde mir gesagt, man müße Geduld haben, da der Heilungsprozess doch recht lange dauern kann.

  10. Yes, patience is needed. It took almost 2 months before my residual hearing was back properly. Something was there after a month I think

  11. Thanks, mog, your support is much appreciated. 🙂

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