Das erste Mal: Elektrisches Hören

Ich hatte schon alle möglichen Geschichten darüber gehört, wie elektrisches Hören zuallererst klingt. Erstmal nur fzzz, fzzz, fzzz oder nur Gepfeife, mal gleich Sprache mal nicht. Bei jedem anders aber fast immer seltsam. Und als Reaktion Lachen. Oder auch Tränen.

Ich bin sehr ruhig. Dazu trug wohl die Vorgehensweise ihr übriges bei. Zuerst werden alle Kontake durchprobiert, Sinustöne. Ich sollt sagen, wann ich sie gut höre. Als alle durch sind, kommt eine kleine Rede: Ich solle nicht zu viel erwarten, es könne so und so sein, vielleicht würde ich gleich was verstehen, vielleicht aber auch nicht.  Ich dachte nur:  Jaja, nun mach endlich.

Und dann höre ich — ja was eigentlich? Wie so tief es geht mit gespitzten Lippen pfeifen. Wie Xylofontöne aber gepfiffen, nicht geschlagen. Und gaaanz gaannz leise, irgendwie darunter und darin versteckt, die richtigen Geräusche. Gerade so ahnbar, aber nicht wirklich hörbar. Und beileibe nicht verstehbar.

Ich bin immer noch erstaunlich ruhig. Ich verstehe nichts, ich müsste enttäuscht sein. Aber das hier ist so strange, das ist schon wieder spannend. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass das auch besser wird. Lustigerweise –oder glücklicherweise — klingt es eigentlich gar nicht elektronisch, blechern oder so. Sondern ziemlich organisch. Es ist halt nur, dass sich die Geräusche und Stimmen und alles in diesen gepfiffenen Xylofontönen vor mir verstecken.

Dann bekomme ich verschiedene Instrumente vorgespielt…

…und ganz allein Triangel und Tambourine klingen wie sie sollen. Die Holzstäbe klingen als ob man Metallstäbe aneinanderschlagen würde — mit Hörgerät finde ich dann aber immerhin heraus, dass sie tatsächlich erstaunlich hart, eben fast metallisch klingen. Das Xylofon klingt nicht wie eins, sondern auch irgendwie klingelnd. Vor allem aber verwirrt mich ein Ei, das mit irgendwelchen kleinen Dingen gefüllt ist. Das sollte rasseln. Es klingt aber klingelnd und hallend wie ein Band mit vielen Glöckchen dran. Es ist der Hall, der macht, dass es so komisch klingt. Als ich dann die Instrumente ohne hinzugucken am Klang erkennen soll, verwechsle ich außer dem Tambourine alles. Alles! Dabei — guckt mal auf das Foto — sehen sie doch schon so unterschiedlich aus. Das kann doch gar nicht alles dasselbe Geräusch machen!

Doch. Macht es. Und ich stelle fest, dass ich Frauenstimmen gar nicht höre.

Dafür bin ich immer noch erstaunlich ruhig. Es ist spannend, obwohl ich natürlich doch irgendwie mehr erwartet hätte. Dass es höchst eigenartig klinge, ich aber verstehen könnte. Ich habe es aber auch leicht, denke ich, denn ich kann ja jederzeit das Hörgerät nehmen. Wenn ich mir vorstelle nur in dieser Welt? Obwohl, wahrscheinlich wäre auch das nicht so schlimm.

Schließlich gehe ich wandern — und stelle fest, dass die Welt aus Zischen, Ratschen, Schleifen und Klickern besteht. Dazwischen mal hier und da leise Xylofontöne, wenn ich Menschen begegne, die sprechen. Beim Lidl an der Kasse merke ich auf einmal, dass ich die Angestellte höre, die 10m weiter Einkaufskörbe stapelt und zusammenschiebt. Soll heißen: Ich höre, das Zusammenfallenlassen, das lauteste Geräusch, das die Körbe machen. Hätte ich das mit Hörgerät auch gehört? Ich weiß es nicht. Wohl schon, denke ich. Aber nicht so auffällig. Ich muss noch ein bißchen herumlaufen.

Achja, und es ist tatsächlich sehr komisch, die Blicke der Leute aufzufangen. Ihre Augen wandern doch häufiger zu meinem linken Ohr. Auch da muss ich mich erstmal dran gewöhnen. Gut, dass ich in einer Gegend bin, wo mich keiner kennt.

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22 Antworten zu “Das erste Mal: Elektrisches Hören

  1. Ich habe einfach das Bedürfnis, auch mal wieder zu kommentieren, obwohl ich leider nichts Weiterführendes zum Thema beitragen kann. Einfach nur, um zu zeigen, dass ich noch dabei bin und das Ganze sehr spannend finde.
    Und bei der Gelegenheit kann ich dann vielleicht auch fragen, ob das jetzt der endgültige Stand ist, oder ob das Gehör mit dem Implantat noch besser werden kann.

  2. Kenne das Gefühl 😉
    Das wird noch besser, da ist noch viel Luft. Letztendlich verdrahtet sich das Gehirn komplett neu, außerdem werden die Einstellungen langsam geändert. Nur wird es wohl etwas mehr Arbeit und etwas länger dauern als ich mir (vor mir selbst versteckt) gewünscht hätte.

  3. Wow – das klingt aber alles sehr spannend! Kann mir gut vorstellen das man ungeduldig wartet das aus dem ganzen kling-klang endlich was wird, was die Rechenzentrale im Kopf sauber verarbeitet…

  4. Hmm, was schreibt man Aufmunterndes in dem Fall? Ich hoffe „gute Besserung“ und „viel Glück“ drückt es einigermaßen aus 😉

    und eine doofe Laienfrage: Wie gut hält das denn so außem am Kopf? Denke jetzt an Mützen aufsetzen und so…

  5. *beidedaumendrückfürdieweitereentwicklung*

    Ich bin da durchaus optimistisch: Bei meinen neuen Hörgeräten(!) habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass sich das Gehirn an das neue bzw. andere Hören anpasst und vor allem: dass das locker mehrere Monate dauert. Und bei einem CI stelle ich mir das noch viel drastischer vor.

    Von daher: Alles Gute, bleib gelassen, neugierig und optimistisch!

  6. Ich finde es total spannend, „live“ bei Deinen ersten Hörerlebnissen dabeizu sein. Vor allem im Hinblick auf eine eigene mögliche CI-Versorgung irgenwann.
    Ich bin ziemlich beeindruckt, wie gelassen du an die Sache rangehen kannst.

  7. Ich bin ja auch ein Neuling in Sachen „elektrisches Hören“, und für mich waren die ersten Höreindrücke auch sehr faszinierend. Ich hörte die Stimmen mit viel Hall und auch sehr tief, aber ich konnte alles verstehen…Bei den Übungen mit Instrumenten und Geräuschen vom Band liege ich auch immer noch daneben, aber mit Geduld und Spucke…
    Übrigens hält der Magnet auch bei Mützenwetter gut. Ich benutze aber lieber ein Stirnband aus Fleece, dann drückt der SP nicht so…

  8. Danke NqlB für diese Einblicke. Ein wenig komme ich mir wie ein Spanner vor, selber hörend, verfolge ich Ihren Blog und hoffe das CI enttäuscht Sie nicht

  9. Anfänger, ja, die Ungeduld drängt. Wobei das ja auch verständlich ist, man kann ja leider nicht einfach das Leben auf Pause stellen solang und sich nur dem Hörenlernen widmen. Wobei ich da schon ziemlich gut dran bin, glaub ich…

    Unellen, danke! Also meine Spule hält bisher ganz gut, hab sie nur einmal aus Versehen beim Kapuze aufsetzen abgestreift. Im Moment kommts mir vor als könnte es auch ohne Stirnband klappen 😉

    frauke, mach ich!

    Jerry, bitte, gern geschehen. Ich glaub das mit der (einigermaßen) Gelassenheit kommt auch von der guten Aufklärung und Recherche vorher…

    Bärbel, genau, Geduld und Spucke steht mir bevor.

    Manuela, gern geschehen! Aber bitte nicht wie ein Spanner fühlen. Denn erstens ist beim (so ein) Blogschreiben ja immer ne Prise Exhibitionismus dabei. Und außerdem würde das voraussetzen, dass Sie in meine Privatsphäre eindringen. Das tun Sie aber nicht, die ist anderswo. Das hier mache ich bewußt öffentlich — und auch gerade Leser ohne Hörprobleme sind mir sehr willkommen!

  10. kannst du noch den direkten vergleich probieren, mit hörgerät? ich dachte, das geht nicht – falls doch, machen! 🙂

    und danke für die schilderung, immerhin klingt es nicht so blechern – das wäre meine größte sorge. mut und erfolg weiterhin!

  11. Glückwunsch zum ersten Schritt! Die weiteren folgen ganz von alleine… 😉
    Für mich war am Anfang alles unterschiedslos hoch, irgendwie unwirklich und nicht greifbar (heute weiß ich, das lag daran, dass ich nie zuvor über 4000 hz gehört habe). Nach und nach konnte ich erste Geräusche unter dem Gepiepse erkennen, z.B. den Blinker im Auto…

    Ich weiß noch, dass ich bei der EA zwischendurch im Garten der Klinik war und mit CI den Rasenmäher, der höchstens 100 m weg war, nicht hören konnte. Mit HG schon… heute lache ich darüber. 🙂 Bin gespannt, wann du das erste Uhrenticken hören kannst!

  12. Ja, das hat mir ebenfalls vor Jahren geblüht, nun blüht’s mir bald wieder, aber auf dem anderen Ohr 🙂
    Vielleicht werde ich’s mal noch verbloggen.

  13. Frauenstimmen nicht hören können… Manchmal vielleicht garnicht so schlecht! 😉

  14. Alles Gute weiterhin! Du scheinst ähnlich zu hören wie ich damals, wobei ich z.B. gar nicht wusste, was nur rasseln soll und was nicht, weil ich das nie zuvor gehört hatte. Das ist alles so spannend, und wird es auch noch eine ganze Weile bleiben. Aber es bessert sich auch von Tag zu Tag, selbst wenn man Anfangs davon nicht so viel merkt (zumindest ging es mir so).

    Die Blicke kenne ich übrigens auch ich, dabei habe ich lange Haare und man sieht nur das Hörgerät. Gerade vorgestern auf dem Weihnachtsmarkt hat eine Frau ihren Mann angestoßen, auf mich gezeigt und mit ihm getuschelt. Ich habe zurückgestarrt, weil ich dachte, dass sie mich vielleicht kennen würden; erst dann ist mir das Hörgerät eingefallen. Menschen sind schon lustig.

  15. rebhuhn, hab ja auf dem andern Ohr noch ein Hörgerät. Direkten Vgl mach ich ab+zu, zum gucken, was ich hören müsste. Will mich jetzt aber erstmal ans CI gewöhnen. Ziel ist ja, beides zu nutzen (=bimodal hören mit leichter Führung durch CI-Ohr).

    jojo, das mit dem Rasenmäher kann ich nachvollziehen, so gehts mir in der vollen Straßenbahn. Lauter Leute, wenig Geräusch. Hab hier leider keine Uhr die tickt, mal sehen.

    eyeIT, na solang Du’s nicht verbockst 😉 Erzähl dann mal.

    Constantin, ja, nur die Wahl haben ist besser!

    Nikana, scheint mir auch ähnlich. Ich glaube zurückgucken und wenn sie nett aussehen lächeln ist das Beste.

  16. Sehr spannend zu lesen, wow!
    Sie wissen ja bestimmt viel mehr als ich über die ganze Sache. Dennoch möchte ich einen neuen Bekannten von mir nicht unerwähnt lassen, der seit ein paar Jahren ein CI hat (sonst wäre er gänzlich taub). Er sagt, sein Hörverlust beträgt höchstens noch 30 Prozent und man kann sich gut mit ihm unterhalten.

    A propos „Frauenstimmen“. Seltsam, dass das solche Kommentare abwirft. Mir war immer zum Weinen, wenn ich Männerstimmen nicht mehr hören konnte. Zum Beispiel Richard Armitage in „North and South“… welch ein Verlust! Aber stimmt… nicht jeder Mann klingt wie Richard Armitage (wahrscheinlich) in „North and South“.

  17. Das ist das spannendste und berührendste, was ich die letzte Zeit gelesen habe. Bin in Gedanken bei Dir. (Hab mich absichtlich noch nicht fürn Kaffee gemeldet, da ich annehme, dass Du genug „um die Ohren“ hast). Obwohl ich mittlerweile zu wissen glaube, dass ich noch etwas schlechter höre als Du, bestärkt mich das bisher gelesene darin, es eher nicht mit CIs versuchen zu wollen… Trotzdem werde ich all das mit Spannung und Anteilnahme verfolgen. Ich wünsche Dir ganz viel Glück und Gelingen. Und ein schönes Weihnachtsfest.

  18. Danke, Frau Frogg, für den Hinweis auf ihren Bekannten. Das scheint recht guter Durchschnitt zu sein (ich gehe einfach mal davon aus, dass 30dB gemeint sind) sowas in der Art erwarte ich auch.

    Übrigens, wenn mich mit CI einmal wieder die gleichen Schauer bei wohltönenden Frauenstimmen überlaufen wie früher, dann habe ich mein Ziel erreicht 🙂

    Enno, danke für die guten Wünsche. Dass die Spannung und Berührung hält, freut mich auch. Schöne Feiertage und guten Rutsch! (Vertraust Du den schon der neuen Heimat an oder der alten?)

  19. Der Rutsch wird selbstverfreilich in Berlin durchgeführt. 🙂 Dir ein episches Weihnachtsfest und ein wohlklingendes Jahr 2010!

  20. Episch. Das ist mal was neues 🙂 Dir auch, bis bald.

  21. Hallo NLQB, wollte Dich mal loben für deinen sehr amüsanten Blog! Dieser Bericht deiner Erstanpassung hilft mir auch etwas, ruhig zu bleiben, denn so erlebe ich es gerade ähnlich, hatte meine Erstanpassung vorgestern (nachzulesen hier: http://weakearsingermany.blogspot.com/2011/11/tag-2-nach-der-erstanpassung.html) 😉

    Danke und Gruß, J.H.

  22. Danke! Freut mich, dass es Dir was bringt. Ich glaube man sollte das am besten als ziemlich coole Erfahrung ansehen, eine schräge Zeit, die man nie wieder haben wird. (Außer man nimmt sich das andere Ohr auch noch vor.)

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