Die Lehren des Musiklehrers

Mein Musiklehrer aus der 7. Klasse war ein unscheinbarer Mensch. Kleinwüchsig und dünn, mit einer echten Cäsarennase und einer Kopfbehaarung, die sich hinter jenen aus Williamsburg nicht zu verstecken braucht. Wir hielten ihn alle ein bißchen für einen Spinner.

Doch er liebte die Musik. Und das Experimentieren. Ich sehe ihn immer noch genau vor mir: Er hatte uns alle Schlagzeug spielen lassen, die Mädchen wollten nicht, wohl aber wir Jungs. (Drums, yeah! Ich versuchte es genauso zu machen wie ich es in den Rockvideos gesehen hatte und hieb mit beiden Stöcken gleichzeitig hinein!) Schließlich stellte er die snare drum vor uns hin und meinte mit gewichtiger Miene: „Ihr haut immer nur da oben auf das Fell. Aber alles macht Geräusche.“ Dann beugte er seinen schlaksigen Körper hinunter und klopfte und strich gegen alles was die Trommel zu bieten hatte: Ränder, Ständer, Seite, Ständerfuß, ja sogar auf den eigenen, von einem Lederband verzierten Arm und den Boden. Dabei lächelte er.

Er ermunterte uns, Klänge wahrzunehmen und zu machen — und das nicht nur dort wo sie gemeinhin gemacht werden.

Genauso geht es mir gerade wieder: Ich klatsche in die Hände, klopfe an Wände und auf Tische, kratze mit den Fingernägeln am Computer, knistere mit der Chips-, der Lebkuchen- und der Lidl-Tüte. Ich stampfe auf den Boden und schleife meine Füße, was beim Gehen durch die Stadt recht komisch aussieht. Ich sage dabei A! und  a! und sss! und Pft! vor mich hin, drehe die Dusche an und lasse sie gegen den Duschvorhang pladdern. Und ich ärgere mich, dass ich vorhin beim Pinkeln vergessen habe, direkt ins Wasser zu zielen!

Leider waren am Ententeich keine Enten, die für mich quaken wollten. Aber — alles macht Geräusche! Und wichtig ist das deswegen, weil ich die (meisten) zwar vorher auch gehört habe, aber jetzt klingen sie wieder spannend, frisch und knusprig statt des ollen, verwaschenen Impressionismus, den ich gewohnt bin.

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13 Antworten zu “Die Lehren des Musiklehrers

  1. „Und ich ärgere mich, dass ich vorhin beim Pinkeln vergessen habe, direkt ins Wasser zu zielen!“
    LOL

  2. Erinnert mich an eine Freundin: Sie hat seit ihrem 6. Lebensjahr ein CI und bekam so mit 12 (genau weiß ich es nicht mehr) einen neuen Sprachprozessor und war danach total begeistert von den vielen Geräusche. Ständig sagte sie zu mir: Hör mal, das macht Geräusche und das da auch und das hier habe ich auch noch nie gehört. Die Schritte auf der Treppe, die Zeitung beim Umblättern, der Wind in den Bäumen, das Glas beim Abstellen auf dem Tisch, … 😀
    Ich wünsche dir viel Erfolg mit deinem CI und viel Spaß beim Erkunden der „neuen“ Geräusche! (Für dich sind sie ja nicht alle neu, sondern teilweise einfach anders oder lange nicht gehört, richtig?)

  3. Mann nimmt sich auch als Hörender viel zu selten viel zu wenig Zeit um seine Umwelt richtig wahrzunehmen. Viel Spaß bei dieser spannenden Entdeckungstour! 🙂

  4. Jetzt gerade fällt mir natürlich auch alles besonders auf weil ich fast zwei Monate fast komplett taub war auf dem Ohr. Ein bißchen wie ein Initiationsritus, diese Zeit nach der OP. Will ich mir auch bißchen bewahren, die Neugierde, weil wird wahrscheinlich schneller als ich gucken kann wieder normal und langweilig.

    Genau. Ich kenn die Geräusche alle, nur teilweise klingen sie sehr anders und teilweise hab ich sie ziemlich lange nicht mehr gehört.

  5. ich schließe mich jgrehl an ^^. – weiter so! 😉

    *g

  6. Hi, just to let you know, a website „Ads by Google“ blurb just appeared under your post–something about „Verliebtheit bewirken, Gratis Report.“ Is this supposed to be there?

  7. Hey, schön Not quite,
    klingt spannend, wenn alles wieder Geräusche macht. Den Impressionistenteppich hängst du jetzt erst mal über die Teppichklopfstange. 😉

    Ich wünsche dir weiter viele neue Klangentdeckungen und schöne Erlebnisse mit dem neuen Hören.

    Frohe Weihnachten!
    Heike

  8. Im wahrsten Sinne des Wortes hört sich das ja gut an – frohes Fest alter Blogkollega und dieses Jahr Vorsicht mit den Silvesterböllern… 🙂

  9. Danke Euch allen, ich wünsch Euch mindestens ebenso gute Feiertage.

    Phil, au weia, da hab ich noch gar nicht dran gedacht. Zum Glück hab ich automatische Lautstärkenbegrenzung!

    Elizabeth, nein, das sollte nicht da sein. WordPress macht aber leider ab und zu Anzeigen rein. Ist natürlich doof, wenn die so einschlägig sind. Hast Du die schon häufiger gesehen?

  10. Hallo, ich hoffe Ihr hattet frohe und geräuschvolle Weihnachten. Auch ich bin gerade auf Geräuschentdeckertour. Alles ist wieder interessant. Das Ticken der Wanduhr, das leise blubbern der Kartoffeln im Topf… Man hat so Vieles lange nicht gehört und freut sich wie ein Kind, wenn man etwas Neues wahrnimmt. Und das Enkelkinderverstehen an Weihnachten hat super geklappt(Felix mit seinen 9 Monaten hat mir alle Möglichkeiten der Geräuscherzeugung mit seinem Mund vorgeführt).
    Euch Allen viel Gutes für 2010

  11. Danke, hatten wir. Verflixt, eine Uhr hab ich immer noch nicht gefunden. Und so ein Kindermund ist natürlich auch nicht zu verachten. 🙂 Dir auch viel Glück für 2010

  12. Pingback: Touch the Sound: Horchen wird einfach unterschätzt « Not quite like Beethoven

  13. Pingback: Let’s get high on a CI! Oder auch zwei oder drei… | Not quite like Beethoven

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