Philosophie über die Feiertage: Die Welt gesehen — und gehört

Trotz allem: Auch nur ein bißchen Geräusche aus der Umwelt wahrnehmen ist SO fundamental anders als taub oder gehörlos zu sein. Für mich ist es auch fundamental besser — denn wie mog sagt, environmental noises feed the soul — aber das muss für niemand sonst gelten. Ich bin dafür gerade einfach besonders sensibilisiert, weil ich eben aus der Phase der Taubheit komme, das Initiationsritual des elektrischen Hörens im Anschluss an die OP.

Ich kann Euch auch genau sagen, warum es so anders ist: Weil man per Hören ganz unmittelbar in der Welt ist. Man ist einfach — und von überall her um einen herum strömen die Eindrücke auf einen ein, ohne dass man dafür irgendetwas tun müßte. Wie beim Riechen ist man einfach mittendrin, in ihrem Zentrum. Man kann sich gar nicht helfen. Zwei Ohren vorausgesetzt, jedenfalls.

Ganz anders z.B. per Sehen, für mich der wichtigste Ersatz fürs Hören. Sehend tut sich die Welt vor einem auf. Man ist nicht mittendrin, sondern immer an einem ihrer Enden. Das Sehen positioniert einen unweigerlich am Rand. Erst wenn man sich bewegt und den Kopf dreht, kann man — vermittelt — ein Bild der Welt zusammensetzen, in der man ist.

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20 Antworten zu “Philosophie über die Feiertage: Die Welt gesehen — und gehört

  1. Wow. Du beschreibst sehr plastisch was so bei dir vorgeht. Ich lese jeden Artiel von dir. Ist echt super „spannend“. Komme mir manchmal fast voyeuristisch vor…
    Danke dir. Habe das Gefühl ich kann an etwas irgendwie teilhaben, das ich sonst nie „erfahren“ könnte.

    Achim

  2. Achim hat recht, keine Frage.

    Aber inhaltlich bin ich nicht überzeugt, irgendwas stimmt für mein Gefühl nicht von dem, was Du in Bezug auf das Sehen schreibst (obwohl es im ersten Moment absolut einleuchtend erscheint). Ich komme aber einfach nicht darauf, was es ist, grübel schon seit gestern …

    P.S.: Danke nochmal, nqlb, für den Lesestoff zu Weihnachten 🙂

  3. Freut mich, dass Ihr das so empfindet.

    Frauke, wenn’s Dir einfällt, sag Bescheid, ich mag gern über die kleine Phänomenologie des Sehens diskutieren.

  4. Ich kann Herrn nqlbs Ausführungen nur bestätigen. Als ich schlecht hörte, fand ich diese aufgezwungene Stille (neben dem Tinnitus) manchmal schier unerträglich. Ganz anders als die geräumige Stille, die man „hört“. Wer taub ist bräuchte Augen hinten und oben und nicht einmal die wären vollwertiger Ersatz fürs Gehör. Aber ich glaube, wenn man das nicht selbst erlebt hat, ist es schwer nachzuvollziehen.

  5. Nicht sehen können trennt von Dingen, nicht hören von den Menschen…

  6. @Bärbel:
    Ich würde sagen, das kommt ganz drauf an.
    Gehörlose, die taub geboren wurden, gebärdensprachlich aufgewachsen sind und sich unter ihresgleichen sehr wohl fühlen, empfinden das sicher anders.

    Not quite like Beethoven hat das ja auch sehr schön ausgedrückt – das ist sein persönliches Empfinden, das für andere nicht unbedingt gelten muß.

    Lieben Gruß vom Regenbogen

  7. Hmm, also an Kommunikation und die Frage ob’s Mensch, Ding oder auch Tier und Pflanze sind, die da in der Welt sind und wahrgenommen werden, hatte ich hier (also bei dem Eintrag oben) noch gar nicht gedacht. Ihr seid alle schon einen Schritt weiter als ich 🙂

  8. Sehr schön und nachvollziehbar beschrieben, finde ich.

  9. Lieber Regenbogen, mein Spruch von gestern stammt von Immanuel Kant und ich bin der Meinung er passte zu den Äusserungen von nqlb.
    Für mich war er real, denn ich bin wie Beethoven als Erwachsene langsam ertaubt und das trennte mich nach und nach von den Menschen um mich herum…das war qualvoll und machte ein Gefühl von Einsamkeit.
    Aber seit ich das CI habe bin ich wieder mittendrin…

  10. Der Spruch ist halt deutlich aus hörender Perspektive, ist ja klar: Wer nie gehört hat, für den ist die Unterscheidung Hören vs. Nichthören irrelevant. Ich hatte hier dazu geschrieben…

  11. @Bärbel:
    Das glaube ich Dir gerne.
    Für jemanden, der mal gehört hat und weiß, was das ist, ist der Verlust des Hörvermögens furchtbar, klar. Und der kann sich ja dann auch nicht ohne weiteres verständigen, denn DGS kann er meist nicht, kennt auch keine Gl und dann wird´s schwierig.

    Fand den Spruch (den ich kenne – ich hatte bislang immer gehört, er sei von Helen Keller) nur ein bißchen verallgemeinert.

    Schön aber, daß Du Dich jetzt mit CI wohlfühlst und Dir damit geholfen werden konnte!

    Lieben Gruß und guten Rutsch
    Regenbogen

  12. @Regenbogen:
    Alles klar…
    und Dir auch alles Gute für 2010 🙂
    Bärbel

  13. not a blechohr yet

    *Sehend tut sich die Welt vor einem auf. Man ist nicht mittendrin, sondern immer an einem ihrer Enden. Das Sehen positioniert einen unweigerlich am Rand.*
    .
    Einfach nur genial!
    Du hast mir damit einen ungeheuer wichtigen Hinweis gegeben u.a. zum Verständnis der Advaita Vedanta. Danke!

  14. was bitte ist denn „Advaita Vedanta“?

  15. not a blechohr yet

    😉

    Das ist die indische Philosophie der Non-Dualität; die besagt, dass es eine „Person“ nicht gibt, sondern dass alles nur eine Illusion ist. Recht überzeugend zusammengesetzt aus den Sinneseindrücken – ich sehe, ich höre, ich fühle. Da es zudem Zeit und Raum nicht gibt ist die Vedanta eine Lehre, an der sich jeder Verstand dran aufhängen kann. Unbegreiflich.

    Aber nach Beethovens Worten fiel mir eine Begebenheit ein, wo ich tatsächlich einige Stunden lang anders gesehen habe als normal. Quasi aus der Mitte meines Kopfes heraus und es war auch „niemand zuhause“, der hätte sehen oder am Rand stehen können. Da war nur noch „reines Gewahrsein“.

  16. Das klingt spannend. Ist das bei/durch Meditation passiert?

  17. not a blechohr yet

    Grüß Dich, nqlb, ein Frohes Neues …

    Nein, nicht durch Meditation.
    Vorangegangen war eine simple NLP Übung, sinnigerweise, wie mir gerade auffällt, passend zum Thema „Nicht-Dualität“ alldieweil Versöhnungsarbeit mit all meinen „schlechten“ Angewohnheiten 😉

    Die Vertreter der Neo-Advaita sagen allerdings, es gibt keine Methode um das zu erzielen. Es passiert oder es passiert nicht. Ob man nun meditiert, fastet, joggt oder dekorativ auf dem heimischen Sofa herumliegt – es ist egal. Bei mir geschah es halt rein zufällig da …

  18. Nu aber – komme ich endlich dazu mein bereits vor längerer Zeit geäußertes Unbehagen genau zu diesen Sätzen etwas zu spezifizieren:

    *Sehend tut sich die Welt vor einem auf. Man ist nicht mittendrin, sondern immer an einem ihrer Enden. Das Sehen positioniert einen unweigerlich am Rand.*

    Ja, stimmt – aber nur für den Moment und deswegen ist m.E. die implizit enthaltene Geringschätzung [der Ausdruck ist eigentlich zu stark für das was ich meine] des Sehens nicht richtig.
    Denn: Man kann den sowohl in der Realität, vor allem aber in der Vorstellung und im Abstrakten den Rand / die Perspektive / den Standort wechseln, was m.E. ein großer Vorteil des Sehens gegenüber anderen Sinnen ist – nicht nur in der berühmten Vogelperspektive. Insofern ist das Bild gegenüber dem Hören u.U. reicher (mit vollständiger wollen wir mal vorsichtig sein ;-))

    Allerdings – das muss ich zugegeben – setzt Perspektivenwechsel Raum und Zeit und Ich-Identität und damit Dualität oder überhaupt Getrenntes voraus. Ist das ein bisschen viel Philosophie für den Alltag?!?

  19. not a blechohr yet

    Nö, für mich überhaupt nicht … wenn schon Philosophie, dann richtig 😉

    Genau so wie Du das gesagt hast, ist es. Alle Sinne sind wichtig, natürlich. Nur scheint der visuelle Sinn überbetont in unserer Kultur. Und ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, diese erst seit der Renaissance von der Einführung der Zentralperspektive in der Malerei begleitete Übergewichtung des visuellen Sinnes ist eine der Voraussetzungen schlechthin gewesen für den heute allenthalben anzutreffenden Kult von der Heiligung des Individuums.

    Das Ohr als Sinnesorgan ist unvergleichlich viel feiner und differenzierter als das Auge. Als einseitig fast Ertaubte positioniert mich nicht nur dieser vermaledeite Sehsinn permanent am Rande welcher Perspektive auch immer .. auch meine Ohren spielen dieses Spielchen mit.

    Ich habe vor zwei Jahren das binaurale Hörsystem Epoq von Oticon getestet, mich vor die Stereoanlage gehängt und mir liefen nur noch die Tränen wegen dieser überwältigenden Erfahrung. Links die Violinen, vor mir die Bläser und die Triangel!, rechts die Bässe und in der Mitte! eines dreidimensionalen Klangraumes, der auch die Welt hinter mir umfasste … ICH. Das erste Mal in meinem Leben befand ich mich auch akustisch inmitten der Welt, im Zentrum. Fühlte mich zentriert, um mal einen Ausdruck aus der Meditation zu gebrauchen 😉

    Aber eben genau deshalb lässt der Hörsinn stets die Kirche mitten im Dorf, um es mal salopp auszudrücken. Und zwar sofort und ohne Perspektivenwechsel. Etwas, was eben im visuellen Kanal nur über das Schauen im Gewahrsein erlangt werden kann. Denn Sehen ist ein aktiver Prozess, während das Hören ein eher passiver, empfangender Vorgang ist.

    Leider ist dies eines der Bücher, die, einmal verliehen, nie wieder den Weg in mein Bücherregal zurück gefunden haben. Aber ausgesprochen lesenswert, gerade im Hinblick auf die hier angesprochene Konstruktion einer Welt und eines Ichs: Das Dritte Ohr. Vom Hören der Welt von Joachim E. Behrendt

  20. frauke, ich wollte eigentlich das Sehen gar nicht runterputzen, sondern nur auf einen wie ich finde wichtigen Unterschied hinweisen (dieses 360°-Welt-Gefühl, von dem Naby spricht). „besser“ meinte nicht Hören als Sehen, sondern Sehen und Hören statt nur Sehen. Für mich, wie gesagt. Dass es gerade die Randpositionierung des Sehens sein sollte, die dafür sorgt, dass es Perspektiven gibt, die dann auch gewechselt werden können — finde ich einen spannenden Gedanken. So ähnlich steht das auch schon bei Kant. Sollte man vielleicht mal mit einem von Geburt an Vollblinden besprechen…

    Naby, ich würde glaube ich nicht behaupten, dass das Hören passiver ist als das Sehen. Wie aktiv es ist, wenn man’s nicht in Routine rutschen läßt oder lassen kann, merke ich ürbigens gerade.

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