Wieso sind Hörbehinderten-Themen und Gebärdensprache gesellschaftlich relevant?

Dass an den meisten deutschen Gehörlosenschulen keine Gebärdensprache unterrichtet wird, ist eines der wichtigsten Themen, über die in deutschen Medien mehr berichtet werden sollte. Sagt jedenfalls die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA). In den Top 10 der INA findet sich das Thema neben jenen, dass Pflegebedürftige — die wir fast alle mal werden — in Krankenhäusern allein gelassen werden, Sondermüll beim Bauen und Sanieren — der Häuser in denen wir alle wohnen — verwendet wird und Gene — die wir prinzipiell alle haben — patentiert werden können (vgl. hier).

Doch inwiefern sind eigentlich Gebärdensprache und Hörbehinderten-Themen für die allgemeine Öffentlichkeit relevant? Ich als thematisch interessierter Blog-Autor habe natürlich sofort aufgemerkt und schon vorgestern darüber geschrieben. Für die betroffenen Kinder und Eltern ist es ohne Zweifel ein wahnsinnig wichtiges Thema — doch für sie muss eigentlich nicht darüber berichtet werden: Sie wissen es eh besser als ihnen lieb ist. Was also sollte es, wie Frau Frogg so schön sagte, „Frau Meyer an der Hertensteinstrasse“ interessieren?

Die INA-Jury begründet die allgemeine Relevanz mit drei Punkten: einer hohen Anzahl von Betroffenen, der Charakterisierung als moralisch aufgeladener Konflikt  und dem Hinweis, man habe ein Schlüsselthema vor sich, das auch andere Mißtstände bewirke. Ich habe mir dazu mal ein paar schnelle Gedanken dazu gemacht…

Erstens heißt es in der Begründung:

In Deutschland leben rund 80.000 Gehörlose und zirka 16 Millionen Schwerhörige.

Warum soll das Thema also relevant sein? Weil es eine hohe Zahl von Menschen betreffe. Die Zahlen selbst kann ich hier nicht überprüfen. Aber man muss annehmen: Die 80.000 sind entweder jetzt gerade oder in der eigenen Kindheit von dem beklagten Mißstand betroffen. Also vergleichbar eine Stadt etwa von der Größe Marburgs, Mindens oder Worms — etwa ein Tausendstel der deutschen Bevölkerung.

Dann sind da noch die 16 Millionen Schwerhörigen. Diese eindrucksvolle Zahl ist mit Vorsicht zu genießen, würde ich meinen. Denn es ist schwer zu sagen, für wie viele davon Gebärdensprache eine Rolle spielt oder spielte. Wie viele davon schon in der Kindheit deutlich schwerhörig waren. Und wie viele davon auf den entsprechenden Schulen waren oder sind. Das bleibt hier unklar. Aber 80.000 sind ja auch schon relevant oder findet ihr nicht?

Zweitens heißt es:

Die Debatte betrifft nicht nur die Gehörlosen, sondern berührt die Frage, wie die deutsche Gesellschaft mit Behinderungen umgehen will.

Warum soll das Thema also relevant sein? Weil sich daran ablesen läßt, wie die Gesellschaft mit Behinderten umgeht. Dass „die Gesellschaft“ ohne weitere Bestimmtung von Roß und Reiter ein Blähwort ist, das mehr verschleiert als erhellt, lasse ich dabei mal außen vor. Die Behauptung allgemeiner Relevanz basiert hier darauf, dass Gehörlose und Schwerhörige unter dem Label „Behinderte“ in einen Topf geworfen werden.

Dabei ist die Welt der Hörbehinderten doch recht gespalten: kulturell Gehörlose, CI-Träger, Spätertaubte, unerkannt Schwerhörige… Sie alle sind in ganz unterschiedlicher Weise behindert. Viele Spätertaubte sind oder waren auch nicht auf Gehörlosenschulen, CI-Träger ebenso. Wenn sie nicht gebärden können, liegt das nicht an der Schule. Zudem sehen sich einige Hörfreie auch nicht als behindert an, sondern nur als gleichsam im Ausland lebend. Hinzu kommt Hörbehinderung ist eine Sinnesbehinderung — und damit doch sehr verschieden von z.B. motorischen oder geistigen Behinderungen. Und schließlich nimmt sie selbst unter den Sinnesbehinderungen eine Sonderstellung ein. Nur sie haben eine vollständig andere, eigene Sprache. Blinde haben immerhin eine eigene Schrift, die aber an der Lautsprache orientiert ist.

    Letztlich ist „Behinderte“ hier genauso ein Blähwort wie „Gesellschaft“. Aber genau darauf beruht die Unterstellung allgemeiner Relevanz in diesem Satz: Dass man auf beiden Seiten so viele unterschiedliche und auch nicht immer an einem Strang ziehende Gruppen zusammenfaßt. Und dass man sie zu Konfliktparteien macht, die eine machtvoll, die andere prinzipiell unterlegen.

    Und drittens wird in der Begründung gesagt:

    Die Ablehnung der Gebärdensprache […] beeinflusst auch die medizinisch-technische Hörgeräteversorgung und die Beratung von Eltern gehörloser Kinder.

    Warum soll das Thema also relevant sein? Regelmäßige Leser dieses Blogs können sich vermutlich vorstellen, was mit dem Satz angedeutet wird. Mehr als diese Andeutung liest man in der Begründung jedoch nicht. Inwiefern dies geschieht und was daran schlimm sein soll, bleibt offen. Übrig bleibt der Hinweis, dass es ein Schlüsselthema sei, das auch andere, ungenannte Mißstände bewirke.

    Soviel für heute zum Thema mediale Konstruktion von Relevanz.

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    67 Antworten zu “Wieso sind Hörbehinderten-Themen und Gebärdensprache gesellschaftlich relevant?

    1. Hm … alles gut und richtig. Einen Gedanken habe ich dazu noch: Hörbehinderung ist ja im Gegensatz und anderen Behinderungen in erster Linie eine kommunikative Behinderung, die in erster Linie mit Alter assoziert wird. Und wenn man selbst nicht „alt“ ist , dann ist man eben halt auf den ersten Blick ein wenig blöde.

      Mit anderen Worten: Wer nicht „richtig“ kommunzieren kann, d.h. anders kommuniziert, kann auch keine Relevanz für seine Interessen herstellen.

      Wär doch zu schön wenn all die Bettlägerigen in den Pflegeheimen ihre Interessen selbst einsetzen könnten…

    2. Ups .. hab ein paar Wörter ausgelassen. Zuviel zum Thema: Kommunikation von Hörbehinderten …

    3. Soviel meinte ich 😉

    4. Ja, das wenn „alt“ nicht zutrifft, das Etikett „blöde“ hilft, die Welt mancher Leute wiederherzustellen, das kenne ich. Das sind so blitzschnelle, geradezu unterbewußte Assoziationen.

      Ich bin nicht sicher ob ich Deinen zweiten Absatz richtig verstehe: Meinst Du, ein besonderes Problem bei Hörbehinderten ist, dass sie selbst die Bedeutung ihres Anliegens (was auch immer das gerade ist) schlecht klarmachen können, weil sie Probleme mit der lautsprachlichen Kommunikation haben? Also genauso wie die Alten, Pflegebedürftigen einen Fürsprecher brauchen?

    5. Oh nee, bloß keinen Fürsprecher!

      Ich finde nur, dass die Hörbehinderten sich ihrer anderen Kommunikation bewusst sein müssen und alle zur Verfügung stehenden Kommunikationskanäle (Hörgeräte, CI, Schriftsprache, Lautsprache, Gebärdensprache, neuere Medien [Web, Blogs, Clipts] etc.) nutzen müssen um mit ihren Anliegen durchdringen zu können.

    6. Da haben aber „Hörbehinderte“ verdammt Glück gehabt – mit der Internetisierung unserer Gesellschaft. Neulich erzählte mir eine Bekannte, dass sie eine Fortbildungsmaßnahme vom Arbeitsamt bekam, und die hat komplett „online“ statt gefunden, nicht mal die Hand des Lehrpersonals konnte sie schütteln! Überhaupt höre ich immer häufiger von Online-Seminaren in allen möglichen Bereichen – phantastisch! – da spielen dann gewisse „Hörstörungen“ à la Taubheit überhaupt keine Rolle mehr!

    7. Einspruch!
      Viele Hörbehinderte – ich denke hier vor allem an Frühschwerhörige – sind oftmals schriftsprachlich nicht sonderlich kommunikationsstark. Ausnahmen bestätigen die Regel!
      Wie sollen sie dann einen Zugang zum textbasierten Web bekommen?

    8. Das stimmt. Darum hab ich in dem anderen Artikel ja auch so betont wie wichtig ich es finde, gehörlosen und schwerhörigen Kindern schriftsprachliche Kompetenz zu vermitteln.

      Aber ich denke trotzdem, dass „wir Hörbehinderte“ mit dem Internet verdammt viel Glück gehabt haben. Das fing bei SMS an und hört bei ICQ, Skype, Blogs, Twitter und Online-Foren nicht auf. Das Schriftniveau muss ja nicht hoch sein.

    9. Warum sollen diese Themen allgemein relevant sein (von den Betroffenen, den von Frau Frogg erwähnten Linguisten und ein paar wenigen persönlich Interessierten mal abgesehen)?

      Die Zahl 80.000 mag ja viel klingen, im Vergleich zu den Millionen, die in Deutschland wohnen, ist sie´s nicht, denke ich. Sonst sähe man öfter mal Gehörlose, als man es tatsächlich tut.

      Der Grund, warum sich auch Leute mit den grundsätzlichen Problemen befassen sollten, die sich bislang dafür gar nicht interessiert haben:
      Keiner garantiert ihnen, daß sie Nichtbetroffene bleiben.
      Spätestens im Alter nimmt oft nicht nur die Sehfähigkeit, sondern auch das Gehör ab.
      Gut, DGS und Dolmi-Einsatz spielen für so Spätertaubte dann trotzdem eine eher marginale Rolle – aber ich denk da jetzt z.B. an die Untertitelaktionen.

      Und auch junge Leute, die Kinder haben wollen, haben keine Garantie, daß ein Baby hören kann. Wär immer besser, sich vorab über alles mögliche zu informieren, statt erst dann, wenn die Situation eingetreten ist und die Aufregung groß.

      Und ein zweiter Grund:
      Um sich einfach auf dem laufenden zu halten, viel zu wissen und Hörgeschädigten nicht unrecht zu tun (=> Verwechslung von taub mit doof).

    10. Vorneweg: Ich denke, es handelt sich um Nischenthemen, die immer irgendetwas anderen bedürfen, um allgemein interessant zu sein. Darum freue ich mich auch als Betroffener, dass das Thema es in diese Top 10 geschafft hat, so ganz nachvollziehen kann ich es aber nicht.

      Die Betroffenenzahlen alleine reichen sicher nicht aus um das Thema für Unbeteiligte relevant zu machen. Ich denke aber, dass auch potentielle Betroffenheit, eigene oder die der Kinder, kein besonders guter Grund für allgemeine Berichterstattung ist — schließlich kann man von allem und nichts betroffen sein. Und wenn das einmal der Fall ist, interessieren auch nur „Nutzwertinformationen“. Auch so rein Aufklärung bzw. „damit die Leute den Leuten nicht Unrecht tun“ ist, glaub ich, zu wenig. Auch da wüßte ich nicht, wieso das von allem Denkbaren ausgerechnet bei den Hörbehinderten so wichtig wäre.

      So ins Blaue hinein würde ich auch mal vermuten, dass für die Jury dieses komplexe Motiv Unterdrückung von Behinderten, auch noch wehrlosen (Kindern) ausschlaggebend war. Und das Überraschungselement (Was, die hören nichts und sollen sprechen? Was, die sind gehörlos, lernen aber nicht die Gehörlosensprache?).

      Ohne diese etwas vereinfachende Polarisierung wär’s einfach nicht interessant genug. Und ich meine, auch hier auf dem Blog versuche ich ja auch meist, andere Themen mit reinzubringen….

    11. Du, ich meinte nicht, daß das „ausgerechnet“ die Hörgeschädigten betrifft, daß man selbst später mal betroffen sein kann oder daß man ihnen nicht Unrecht tun sollte.
      Ich bin auch dafür, daß man über andere Dinge informiert, die es so gibt in der Welt. Wissen ist Macht – nichts wissen macht nichts. 😉

      Waren jetzt einfach so Gedanken, warum man als Hörender, wenn man was drüber liest, nicht einfach nur weiterblättern sollte….und Vermutungen darüber, was die Jury an dem Thema interessant fand.

      Von den Zahlen her, hab ich ja auch geschrieben, ist das sicherlich nicht allgemein relevant.
      Trotzdem wäre es für mich damals mit den Gehörlosengeldanträgen sicher nicht schlecht gewesen, hätte ich mich vorher schon mal mit dem Thema befassen können.

    12. Ich glaub ich hatte Dich schon verstanden und ich finde das schön so. Was ich da geschrieben hab, soll ja auch kein Widerspruch sein, sondern was ich mir so ganz grundsätzlich über den Nachrichtenwert von G- (und SH-)Themen denke. Denn das Thema interessiert mich natürlich. (Inzwischen denke ich, ich hätte den Eintrag oben doch besser als Polemik schreiben sollen…)

    13. Nein, ich finde, Sie haben das so schon gut gemacht! Hätten Sie denn eine Polemik FÜR oder GEGEN die Relevanz des Themas geschrieben? Beides wäre nicht ganz passend.
      Denn auf der einen Seite ist wohl eine hohe Öffentliche Relevanz des Themas wirklich nicht gegeben. Einer von 1000, seien wir ehrlich: Das ist wenig.
      Auf der anderen Seite ist es meiner Meinung nach wichtig, dass die Anliegen und Probleme von Behinderten in den Medien thematisiert werden – auch, um das Bewusstsein einer breiten Konsumentenschaft zu schärfen, dass nicht alles immer einfach paletti ist und wie man es erwartet.

    14. Beides wäre nicht ganz passend, eben darum hatte ich dann doch keine geschrieben.

      Es wäre wohl eine dieser letztlich wirkungslosen Brandreden für kreativen Journalismus geworden. Denn die bloße Berichterstattung über das was so in der Hörbehindertenwelt abgeht oder eben nicht ist und bleibt weithin einfach uninteressant. Man muss interessante, bedenkenswerte, erschreckende oder verbindende Aspekte herausnehmen und generalisieren — da eignen sich dann Reportagen, Interviews, Features im Zusammenspiel mit medizinischen, technischen oder linguistischen Erklärstücken besser als „bloße“ News. Die selbstverständlich trotzdem der Aufhänger sein können.

      Man kann ja in gewissem Sinne auch dieses Blog als offenes Experiment verstehen: Ich sag Bescheid wenn und wie ich die 10.000 Leser-Marke geknackt habe 🙂

    15. Ich möchte zur Diskussion über die Zahlen bestimmter Art der Menschen etwas beitragen.

      Der Deutsche Gehörlosenbund hat ca. 30.000 Mitglieder aus mehr als 600 Vereinen. Und „unter dem Dach des Zentralrats der Juden sind 23 Landesverbände mit insgesamt 107 jüdischen Gemeinden und ihren ca. 106.000 Mitgliedern organisiert.“ (Quelle). Daher ist die jüdische Gemeinschaft um ca. 3fach größer als die taube Gemeinschaft. Vielleicht genauso groß wie oder kleiner als die Gebärdensprachgemeinschaft.

      Im Vergleich zu Juden ist die Medienpräsenz der tauben Menschen nicht um 3-fach kleiner, sondern um tausendfach.

      Ich hoffe, dass der Audismus in näher Zukunft von unserer Gesellschaft ernst genommen wird.

    16. Du nimmst diesen Vergleich um ein bißchen zu provozieren, richtig? Ich finde ihn unpassend. Weil dass es so verhältnismäßig wenig Juden in D gibt, ist ja (historisch mittelbar) gerade der Grund warum ihnen recht viel Aufmerksamkeit geschenkt wird.

      Klar, man kann sagen: Behinderte und Gehörlose sind damals auch verfolgt worden. Und die Nazis kann man schon nutzen um mediale Relevanz zu erzeugen. Aber dann reiht man sich eben in die Reihe „Opfer der Nazis“ ein (wo Homosexuelle, Sinti und Roma etc. schon warten) Über Hörbehinderte in der NS-Zeit hat übrigens gerade Jule was Interessantes geschrieben.

      Dass strukturelle Benachteiligung von Menschen ohne Hörverstehen im Jetzt ernst genommen wird, hoffe ich als Betroffener natürlich aber auch.

    17. @bengie,
      wie ernst der Audismus von der Gesellschaft genommen wird, wird meiner Meinung nach maßgeblich davon abhängen, was als solcher deklariert wird.

      Wenn ich da an die Diskussion über das Legoland im Taubenschlag denke….Forderungen, im Freizeitpark rund um die Uhr nen Gebärdensprachdolmi gestellt zu bekommen, widrigenfalls da Audismus vorliegen soll, kann man einfach nicht ernst nehmen. 😉

      Das Thema, das hier eigentlich Aufhänger war – daß in Gehörlosenschulen nicht gebärdet wird – ist da aber ein ganz anderes Kaliber.

    18. Also der Vergleich mit Juden hinkt meiner Ansicht nach gewaltig und regt mich zudem auf.
      Übrigens, gibt es auf der Welt nur noch sehr wenige Weißwaale mit einer sehr feinen, für Menschen kaum zu entschlüsselden Kommunikationsform. Vom Aussterben sind sie auch noch bedroht. Hin und wieder gelingt es Forschern deren Signale zu entschlüsseln und sie brüsten sich damit zu wissen was die Waale wohl meinen. So richtig weiß das aber keiner. Und dennoch sind sind Waal-Themen dank Greenpeace und Free Willy recht präsent in den Medien. Gut, in den 90er Jahren war das Thema präsenter.
      Und nun? Brauchen wir Greenpeace für unerhörte Nichtversteher?
      Mach was! Anstatt was von Audismus zu faseln!

    19. Regenbogen, ich denke auch, dass man ismus-Kritiken vorsichtig einsetzen sollte. Und aufpassen, dass das Schwert nicht durch falschen Gebrauch stumpf wird. Dein Legoland-Beispiel kenn ich allerdings nicht. Dürfte ich bei solchen Dingen darum bitten, in Zukunft einen link zu posten, damit für alle Leser verständlich wird, was gemeint ist? Sonst bleibt das so Insiderkommunikation.

      Jens, auch ein interessanter Vergleich. Problem: Wale können niemals für sich selber sprechen, Interessengruppen gründen und (vielleicht) selber was durchsetzen.
      Ich weiß nicht genau, was Bengie sonst so treibt, aber man muss auch bedenken: Hier in den Kommentaren kann man wenig mehr tun als zu faseln. Dazu ist das Blog ja da.

    20. Vielleicht habe ich einigen von euch missverstanden. Ich will mit dem Vergleich mit Juden (Ich bin ein Freund von Juden und Israeli!) nur sagen, dass Diskriminierungen und Problematiken einiger Gemeinschaften nicht von Zahlen abhängen sollen! Der Audismus soll ernst genommen werden, auch wenn die taube Gemeinschaft nicht besonders groß ist! Der Audismusbegriff wurde so oft missverstanden und soll nicht wegen einiger Beispielen oder Bewegungen infrage gestellt werden!

    21. Mit den Zahlen gebe ich Dir recht, bengie.
      Man darf nicht sagen: Weil das nur wenige sind, dürfen die ruhig diskriminiert werden. Klar.

      Tja, der Begriff Audismus wurde so oft mißverstanden – oder auch von einigen Radikalen mißbraucht?
      „Soll nicht wegen einiger Beispiele infrage gestellt werden“ – da geb ich Dir teilweise recht. Nur weil einige den Begriff für alles verwenden, was ihnen gerade nicht paßt, heißt das nicht, daß der ganze Begriff nicht ernst zu nehmen wäre. Das gilt erst recht für das Problem, das damit de facto umschrieben werden soll.

      Du mußt Dir aber immer vor Augen halten, daß Du es vermutlich oft genug mit Leuten zu tun kriegst, die von der Materie noch nie gehört bzw. sich nie damit befaßt haben.
      Bei denen ist der erste Eindruck schon wichtig.
      Wenn Du (oder wer auch immer) da anfängst, von Benachteiligung zu reden, und dann kommt irgendein Blödsinn als Beispiel, dann wird die angesprochene Person das ganze sehr schnell in eine Schublade einsortieren – und da kommt es dann vermutlich nicht so schnell wieder raus.

    22. Bengie, wenn Du meintest, die Zahlen sollen gerade KEINE Rolle spielen, dann hatte ich Dich mißverstanden. Gut dass Du das klargestellt hast!
      Ich stimmt auch zu, strukturelle Benachteiligung aufgrund irgendwelcher Merkmale ist schlecht, egal wie groß die Gruppe ist.

      Bengie und Regenbogen: Das mit den -ismen halt schwierig. Das ist bei Rassismus und Sexismus genauso wie bei Audismus. Man muss immer genau sagen, was man damit meint. Sonst wird es zum Pauschalvorwurf. Und es zum Pauschalvorwurf machen tun ja auch die Gegner gerne: Den Vorwurf ins Lächerliche ziehen, indem sie ihn auf alles ausweiten. Und dann hämisch sagen, wie offensichtlich falsch und unbegründet er sei.

    23. Spannende Diskussion!
      Was ich mich nach den letzten Kommentaren frage, ist ob, man Relevanz für Themen herbeireden, bloggen oder was auch immer kann. Ich denke nicht, aber man kann sie verstärken. Das geht aber nur wenn Themen klar und auch emotional gut für Uninformierte nachvollziehbar sind.
      Bei uns Hörbehinderten ist das aber ne verdammt komplizierte Angelegenheit. Das fängt damit an, dass sich nicht alle als hörbehindert identifizieren. Die einen sehen sich als Taube, andere als Hörbehindert und die Mehrzahl der Betroffenen möchte am liebsten gar nicht in die Behinderten-Schublade. Hinzukommt, dass unter Hörbehinderten oft ein Missverständnis dem anderen folgt.
      Welcher Nicht-Betroffene soll da bei dem ganzen Durcheinander Abgrenzung hier, Diffamierung da, Unterscheidung dort eine Relevanz erkennnen?

    24. Schön, daß wir uns einigen können =) Der Audismusbegriff wurde ja auch missbraucht, zum Beispiel von ahnungslosen Betreiber dieser Webseite!

    25. Ach, und Herr Beethoven….das war schon ne ältere Diskussion, hab jetzt keine Lust, den Link zu suchen, zumal ich mir das letzte Posting eines gewissen hier nicht namentlich genannten Herrn aus Boston nicht mehr durchgelesen hab und es auch nicht tun möchte….keinen Bock, mich über Sachen aufzuregen, die es nicht wert sind.
      😉

      Thema war ein Vorfall in einem Legoland-Park. An einem bestimmten Fahrgeschäft – Drachenbahn oder so – stand, daß bestimmte Personengruppen nicht da drauf dürfen. Blinde, Herzkranke, Schwangere, Kinder – und eben auch Gehörlose.
      Folge: Im Taubenschlag wurde sich richtig aufgekröppt und sogleich die „Auszeichnung“ Arsch mit Ohren (AmO) vergeben.

      Ich habe daraufhin einen Thread eröffnet, in dem ich darauf hingewiesen habe, daß die Betreiber dieses Parks möglicherweise einen triftigen Grund dafür hätten (Gleichgewichtsstörungen? Ich wußte, daß Taubblinde die oft haben, weil ja das Gleichgewichtsorgan im Ohr sitzt); und bevor man sofort loskeult, sollte man doch vielleicht erstmal nachfragen, warum denn Gehörlose ausgeschlossen werden.

      Eine Userin hat das dann wohl aufgegriffen und erhielt die Antwort, daß im Brandfall keine Rettung von außen erfolgt; die Fahrgäste müssen sich selbst – nach Anweisungen per Lautsprecher – aus der Bahn befreien. Und die hören Gl ja nunmal nicht.
      Die Leute vom Park haben ihr aber angeboten, daß, wenn Gl auf die Bahn wollen, ein Mitarbeiter des Parks mitgehen könnte, und sie würden sich freuen über weitere Tips, wie sie mit Gehörlosen umgehen könnten. (War doch schon mal was, oder? Jedenfalls bestimmt mehr, als sie mit blindwütigen Attacken erreicht hätte.)

      Soweit so gut – nur daß dann natürlich ein Radikalposting aus Amerika kam – von besagtem Herrn aus Boston – , der drauf beharrte, daß man da „ex cathedra“ einfach bestimmt hätte, man hätte vorher mit Gehörlosen drüber diskutieren müssen (Mann – sollen die jetzt Vertreter jeder einzelnen Gruppe, die da nicht drauf darf, ansprechen???), und dann wies er drauf hin, als er in Amerika in so nem Park war, hätten die sofort für den ganzen Tag für ihn einen Dolmi bestellt.
      (Meine Postings kommentierte er dann noch mit O du meine Güte und O du meine Länge, aber da sag ich nur: Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Schweinen werfen. „grins“)

      Das meinte ich mit „kann man nicht ernst nehmen“.
      Ich meine, ich war auch schon in einem Freizeitpark – mehrfach. Wie oft braucht man da jemanden, der einem was erklärt? Eigentlich gar nicht. Wozu also müssen die hörenden Besucher einen Dolmi für gl Besucher bezahlen?
      Und der andere Vorschlag: Die Befreiung im Brandfall könnte für Gl so geregelt werden, daß eine Leinwand aufgebaut wird und da ein Dolmi entsprechende Anweisungen gibt.
      Sorry, aber so erreicht man nur, daß Hörende sich mit einem Kopfschütteln abwenden. So was bezahlen, nur weil alle Jubeljahre mal ein Gehörloser auftauchen könnte?

      Naja, derjenige hatte ja auch mal geschrieben (noch länger her), daß in den Stadtverwaltungen in jedem Amt ein Gehörloser sitzen müsse, falls gl Kundschaft kommt.
      Nee is klar. Und weil der ja auch mal Urlaub hat, muß gleich ein Vertreter mit da sein, und weil das fast nie vorkommt, daß Gehörlose aufschlagen, sitzen die eigentlich das ganze Jahr da rum und drehen Däumchen – und das bei klammen Kassen.
      Da reicht ja wohl der gesetzlich gesicherte Anspruch auf einen Dolmetscher aus, um den Gl zu helfen, oder?

      Lange Rede ohne Sinn:
      Ich denke, wenn man mit solchen überzogenen Forderungen kommt, werden Leute, die man damit anspricht, sehr schnell sagen: Komm – denen brauchst du gar nicht zuzuhören.
      Und das meinte ICH mit „Audismus mißbrauchen“ – denn Audismus soll ja eigentlich das bezeichnen, wo Hörende mehr oder weniger bewußt das Hörenkönnen für was Besseres als Nichthörenkönnen und Hörende für was Besseres als Gehörlose halten.
      Das kann ich aber beim Legoland nun überhaupt nicht erkennen. Die haben einzig und allein aus Sicherheitsgründen FÜR die Gehörlosen gehandelt. Und der Vorschlag mit dem Parkmitarbeiter ist doch ein akzeptables Angebot, denn allein in der Bahn ist man ja eh nie.

    26. bengie, der link scheint nicht mehr aktiv zu sein. Man wird direkt auf die Website des Gehörlosen-Landesverbands Hessen umgeleitet.

      Regenbogen sagt: „Audismus soll ja eigentlich das bezeichnen, wo Hörende mehr oder weniger bewußt das Hörenkönnen für was Besseres als Nichthörenkönnen und Hörende für was Besseres als Gehörlose halten.“

      Ja, klar. Aber ich glaube das Problem bei dem Begriff Audismus (wie Rassismus und Sexismua auch) besteht vor allem bei den Fällen die weniger durch die Absichten von jemandem erklärt und aus der Welt geschafft werden können. Das sind doch die interessanten und problematischen. (Vgl. Warum gibt es so wenig Frauen in höheren Managementpositionen?) Wo es klar Schuldige gibt, ist das Problem ja leicht zu lösen.

      Vielleicht würde es helfen, zwischen audischen und audistischen Strukturen zu unterscheiden…?

    27. @Nqlb:
      Definiere „audische Struktur“, bitte. 😉
      (Sorry, mag sein, daß ich momentan auf der Leitung stehe – aber ich hab Dein Beispiel jetzt auch nicht ganz verstanden. Wo würdest Du da jetzt im Bereich der Gehörlosen eine Parallele zu den Frauen im Managementbereich sehen?

      (Wobei ich dazu auch mal sagen würde, das liegt nicht nur daran, daß bei Bewerbungen von Frauen und Männern immer die Männer bevorzugt werden. Ich glaube, daß oft Frauen an solchen Studienfächern wenig Interesse haben – oder schließe ich da jetzt nur von mir auf andere?)

    28. Ich glaub ich mach mal nen extra Eintrag dazu, das geht mir hier zu weit vom Thema ab.

    29. Okay. Ich hatte eigentlich nur damit sagen wollen, daß ich die Parallele da jetzt nicht erkennen kann, denn Gl wären ja vermutlich an hüchteren Posten interessiert. 😉

      Was mir noch aufgefallen war, @bengie:
      Wenn ich mich recht erinnere, hast mal zu einem früheren Topic geschrieben (beispielhaft auch wieder zum Thema Sexismus), daß Du zwar grundsätzlich gegen Frauenbenachteiligung bist, Dich das Thema aber nicht so sehr interessiert, da Du nicht betroffen bist.

      Dennoch bringst Du hier die Hoffnung zum Ausdruck, daß die Gesellschaft (die ja überwiegend hörend und daher auch nicht betroffen ist) das Thema Audismus endlich ernst nimmt und sich somit für die Problematik interessiert. 😉 Zweierlei Maß?

    30. Regenbogen, ich sehe da schon einen Unterschied! Mich beschäftigt der Sexismus nicht. Ich nehme ihn aber ernst. Bei mir werden Frauen nicht benachteiligt oder diskriminiert. Das ist beim Audismus nicht der Fall.

      Niemand braucht Taubsein oder -heit zu mögen, soll aber nicht mit Maßnahmen (wie Cochlea-Implantat bei Kleinkindern) gegen Taubheit der anderen vorgehen.

    31. @Bengie: Ich durfte neulich an der Unterhaltung zwischem einen CI-Träger und einem Gehörlosen (oder Tauben, wie auch immer) beiwohnen. Der Gehörlose hatte sinngemäß folgendes geäußert: „Eigentlich bist Du auch taub. Wenn Du Dein Ding abnimmst, hörst Du auch nicht mehr als ich.“
      Klingt für mich nachvollziehbar. Wieso glaubst Du, dass CI-Implantate bei Kleinkindern gegen Taube gerichtet sind? Physisch bleiben sie doch taub. Die erhalten eine hochkomplexe Hörhilfe, die zudem in den meisten Fällen starken Einfluss auf ihr Kommunikationsverhalten hat. Oder meinst Du, wer physisch stark hörbeinträchtigt ist, jedoch nicht per Gebärdensprache kommuniziert, verhält sich audistisch?

    32. Habe gerade erst die Einträge zum Thema gelesen und halte mich normalerweise aus solchen Diskussionen heraus. Mir geht es um das Prinzip „Jeder regelt seinen eigenen Kram“ – und zwar im positiven Sinne. Wirkt Wunder.

      Wenn ich beispielsweise keine Ahnung von der Situation finnischer Häkelgarnhersteller habe und auch kein finnisches Häkelgarn verwende, wozu soll ich dann eine Meinung bilden ÜBER finnische Häkelgarnhersteller?

      Finnische Häkelgarnhersteller = Hörbehinderte … oder setz ein, was du willst …

      Andersrum sollen sich finnische Häkelgarnhersteller aus meiner Berliner Schwerhörigensituation raushalten. So kommen wir schon alle gut weiter.

      Das „Meinung bilden“ ist doch bloss Treppenhausgeschwätz ohne wirklichen Kontakt mit dem Thema. Überflüssig.

      Mir ist mulmig bei diesem dauernden „Dem Anderen reinreden“, gerade bei dem Kampfplatz CI versus Gehörlose. Ich habe keine Ahnung von Gehörlosigkeit, obwohl ich als ertaubte CI-Trägerin, also aus Sicht der Hörenden, ganz dicht dran bin. Warum sich die Öffentlichkeit jetzt zum Thema informieren sollte (eine Haltung dazu entwickeln sollte), oder warum das Thema die Öffentlichkeit braucht, ist mir eher unheimlich. Gerade, wenn es die Gutmenschen aufgreifen.

      Ich möchte nämlich nicht in einer durchorganisierten Richtigmacherwelt leben, in der jede unterbezahlte Supermarktangestellte mir das „Schön´Abnd noch“ auch fix gebärden kann. Obwohl: Die Gehörlosen würden sich freuen, haben aber an der Kasse keine Hand frei, um zu antworten. Da kann man ja das universale LÄCHELN nehmen …

      Das Glücklichsein der Gehörlosen mit Gebärdensprache, das sollte kein finnischer Häkelgarnhersteller bewerten oder gar entscheiden dürfen. Auch keine Supermarktangestellte, kein Politiker oder Arzt. Und ich nicht und du auch nicht …

    33. Mit einem bloßen LÄCHELN benachteiligst du Blinde. Pfui!

    34. „Das Thema ist gesamtgesellschaftlich relevant: Die Debatte betrifft nicht nur die Gehörlosen, sondern berührt die Frage, wie die deutsche Gesellschaft mit Behinderungen umgehen will.“

      (www.nachrichtenaufklaerung.de)

      Ach so.
      Na denn man tau.

    35. @jgrehl

      Hoffentlich werde ich jetzt nicht missverstanden: Dass die Leute, die sich Gebärdensprache wünschen, diese auch bekommen – also das soll sein! Und wenn sie die erst bekommen, wenn die Öffentlichkeit gönnerhaft abnickt, na, dann nur zu, dann aber jeden Tag einen Zeitungsartikel dazu.

      Und wenn dann endlich Schluß ist mit dem nervigen Gezerre um das überhebliche „Ich weiß was gut ist für die da“, dann umso besser.

      Meint: PiaBu, die das echt nix angeht.

    36. Pia, „denn man tau“ und „dann aber jeden Tag einen Artikel dazu“ – Jetzt beißt sich der thread in den Schwanz. Genau damit hat ja alles angefangen, mit der journalistischen Frage, was an dem Thema für die allgemeine Öffentlichkeit berichtenswert sein könnte. Und der Antwort (also Behauptung) der INA, das Thema sei gesellschaftlich relevant weil ein paradigmatisches Beispiel dafür, wie es Behinderten in diesem Lande ergeht, wozu man sich verhalten müsste.

    37. Kleines Offtopic:
      Den Mann, der Frauen nicht diskriminiert, möchte ich mal sehen.
      Das wäre der Mann, der – ohne schwul zu sein – sich die nackten Tit(t)elmädchen in der Bildzeitung nicht anschaut und im Playboy tatsächlich nur die Reportagen liest.

      „rofl“

      Naja…und ich glaub, zum CI bei Kindern, die hörende Eltern haben, hab ich schon genug gesagt. Wenn die Eltern selbst keine DGS können und auch Probleme haben, die zu lernen (Stichwort fehlende Praxis), dann kann ich verstehen, daß sie den für sie leichteren Weg des CI gehen. Und das sollte man genausowenig verurteilen wie die Entscheidung gegen ein CI.
      Hat Pia Butzky gut gepostet – jeder darf da doch seine eigene Entscheidung treffen.

    38. („Wir müssen gucken, wie wir mit Behinderten umgehen“. Ach das ist ja lieb.)

      Jetzt wieder ernsthaft:
      Die Öffentlichkeit soll etwas für die benachteiligten Behinderten tun. Ihnen zu ihrem Recht bzw. Bedarf verhelfen, Ihnen die Gebärdensprache an Schulen offiziell als Gesamtgesellschaft genehmigen, sozusagen.

      Ja. Wenn es was bringt. So läuft doch Demokratie und Medienarbeit. Ist doch auch sinnvoll, finde ich. Kleine Probleme brauchen ausreichend Aufmerksamkeit, damit sie geregelt werden können. Das klappt ja auch bei Einzelpersonen und ihren ganz persönlichen Anliegen. Öffentlichkeit hilft ja auch bei der zu hohen Heizkostenabrechnung oder teuren Telefonvertrag von Oma Bollerich. Kommt in die Zeitung oder ins Fernsehen – und Gerechtigkeit zieht wieder ein. Gut.

      Wenn Öffentlichkeit hilft, mal eben die Gebärdensprache in den Unterricht zu bringen – gut, dann los. Also, dann möchte ich gern, dass die Gehörlosen Gebärden lernen dürfen, und mache das hiermit öffentlich.

      Danke.

    39. Regenbogen, dann fändest du auch ok, wenn viele Mädchen (= taube Menschen) auf unserem Planet keinen Zugang zur Bildung (=Gebärdensprache) erhalten, weil ihre Mamis auch doof (=gebärdensprachbehindert) sind oder weil ihr Papis sexistisch (=audistisch) sind?

      (Und zum Off-Topic: Es gibt ja Frauen, die nicht hinter der PorNO-Kampagne von Alice Schwarzer stehen. Was du da schreibst, muss also nicht unbedingt mit dem Sexismus zu tun haben ;o) Reine Ansichtssache!)

      Pia Butzky, mir ist nicht ganz klar, worauf du genau hinaus willst. Wenn du mich meinst, würde ich mich über direkte und klare Aussage von dir freuen.

    40. bengie, klar gibt´s Frauen, die nicht hinter der Kampagne stehen. 5000 Bewerbungen allein für ein Jubiläumsheft des Playboy sprechen eine klare Sprache.
      Hab aber schon früher im Staatsrecht- Unterricht gelernt, daß ein „freiwilliger Verzicht“ auf die Menschenwürde (es ging damals um das sogenannte „Zwergenwerfen“) nicht bedeutet, daß hier kein Verstoß gegen die Menschenwürde vorliegt.
      Man kann auch davon ausgehen, daß diese Mädels einfach nur entsprechend dazu erzogen sind, sich als Sexobjekte zur Verfügung zu stellen, weil das das Höchste ist, was eine Frau erreichen kann. Diskriminierung ist das auf jeden Fall, einen Menschen auf seinen nackten Körper zu reduzieren – auch wenn diese Mädels das nicht verstehen. 😉

      Und den Vergleich, daß ein Nichtzugang zur Gebärdensprache gleichzusetzen ist mit dem Nichtzugang zu Bildung, den finde ich schon ziemlich daneben. Ich glaube, auch CI-Kinder gehen zur Schule – und wer wo mehr lernt und warum, das hängt dann wohl eher vom Einzelfall ab. Schließlich bekommen CI-Kinder – wenn es gut läuft – stattdessen Zugang zur Lautsprache, auch wenn die anscheinend bei Euch verteufelt wird. (Nennt man das eigentlich dann „hearistisch“ oder gibt´s dafür noch keinen Begriff?)

      Im übrigen ist bislang wohl – auch in den entsprechenden Diskussionen im DCIG – noch keine Antwort zu der Frage gegeben worden:
      Wie soll man denn als Eltern seinen Kindern DGS als Muttersprache ermöglichen, wenn man die selbst nicht richtig kann?

      Den Vergleich von Leuten, die keine DGS können, mit „doof“ möchte ich an der Stelle überhört bzw. überlesen haben.

      Und ja, ich finde es okay, wenn hörende Eltern ihr Kind implantieren lassen. Es ist genauso okay, wenn sie dazu kommen, es gebärdensprachlich aufwachsen zu lassen.
      Da bin ich tolerant. (Bin ich fast immer. 😉 )

    41. Ach, noch was….
      Deine Argumentation könnten CI-Träger genauso nutzen (manche tun das sicher auch – siehe die ganzen Vorwürfe, Ihr DGS-ler würdet den Kindern den Zugang zur Sprache und was weiß ich verwehren). Wenn sowas kommt, ist dann immer das Geschrei groß – aber selbst könnt Ihr in der Richtung ganz gut austeilen, hm? 😉

      Was die Mädels in den einschlägigen Heften angeht…..ich bin da übrigens auch tolerant genug, dazu zwar meine Meinung zu haben, aber auch zu akzeptieren, wenn die es als Höhepunkt ihres Lebens betrachten, sich einmal irgendwo ausziehen zu dürfen. Wie gesagt – ich bin tolerant – (fast) immer. 😉

    42. Irgendwie fehlt hier die Edit-Funktion. 😉
      Ich finde es auffallend, wie sehr automatisch bei DGS und CI ein „entweder-oder“ vorausgesetzt wird.
      Warum nicht ein „sowohl-als auch“?
      Eigentlich ist doch jede Hilfe zur Kommunikation grundsätzlich praktisch – oder hat zumindest ihre Vorteile.

    43. Pingback: Vernetzungs-Mashup Februar 2010 :: Blogpatenschaften - Wir fördern Vernetzung

    44. @ bengie

      (?) Nein, ich meine nicht dich, ich kenne dich nicht und habe keine Ahnung, wer oder was du bist. Wenn ich was poste, bezieht sich das möglichst auf´s Anfangsthema, naja, soweit ich das begreife und nicht vom Thema abkomme …

      Was ich oben meinte:
      Bei Öffentlichkeit (und Medienarbeit) geht es nicht darum, was nützlich oder interessant für die Allgemeinheit ist – und damit dann vermeintlich relevant wäre -, sondern es geht um Öffentlichkeit als Lobbyunterstützung für Minderheiten oder partielle Anliegen.

      Und das quasi als automatisches Prinzip: Was öffentlich diskutiert oder bekannt wird, hat bei Entscheidungsträgern mehr Bedeutung, es entsteht auch mehr Handlungsdruck.

      Drum.

      Deshalb bin ich dafür, dass Interessen von Minderheiten öffentlich relevant gemacht werden. Einfach so, weil ich das korrekt finde.
      Das wird doch klar, oder?

      (Wer ist denn nun eigentlich wirklich zuständig dafür, dass Gebärdensprache unterrichtet oder untersagt wird? Der / die / das Kultusminister? Und was sagt der/die/das dazu?)

    45. Nur so als Bemerkung am Rande: Politik (was Du oben Lobbying für Minderheiten nennst) ist auf jeden Fall ein zentrales Motiv und Relevanzkriterium für Journalismus. Man spricht ja nicht umsonst von der vierten Gewalt. Nur hat man dann als Journalist immer noch ein Auswahlproblem: So viele Minderheiten! So viele berechtigte Forderungen!
      Und ich würde auch nicht sagen, dass politische Gesichtspunkte die einzigen sind, die für Öffentlichkeit und Medienarbeit relevant sind: Man kann z.B. auch aufklären/bilden wollen oder unterhalten.

    46. Pia Butzky,

      dann sind wir einer Meinung 😉 Und deine Frage kann ich leider schlecht beantworten. Ich würde ganz gern solche Regelung (gegen Gebärdensprache) sehen. Kennst du den Beschluss vom Mailänder Kongress von 1880?

      Regenbogen,

      wir reden eher aneinander vorbei. Und mich hast du auch missverstanden. Ich frage mich auch, ob bei dir Kenntnisse über die Gebärdensprache vorhanden sind. Sonst würdest du nicht so schreiben:

      „Ihr DGS-ler würdet den Kindern den Zugang zur Sprache und was weiß ich verwehren“

      Ich hoffe, dir ist klar, dass die Gebärdensprache eine Sprache ist! Und auch dir klar ist, dass taube Kinder mehre Stunden für Training brauchen, um schön sprechen und jödeln zu können – öfter auf Kosten der Bildung!

      Es ist reine Tatsache, dass der Zugang zur Bildung den tauben Menschen aufgrund der unzähligen Scheiß-Oral-Trainings öfter versperrt bleibt! Die Gleichsetzung vom Nichtzugang zur Gebärdensprache mit dem Nichtzugang zur Bildung ist nun mal berechtigt! Die lautsprachliche Förderung, also Oralismus, (öfter während der Unterrichten in der Schule) wird von mir ja so lange verteufelt, bis die Gebärdensprache von Oralisten anerkannt wird. Wegen des Oral-Wahnsinns können nur sehr wenige Lehrerinnen und Lehrer hier in Deutschland gebärden.

      Schließlich bekommen CI-Kinder – wenn es gut läuft – stattdessen Zugang zur Lautsprache, auch wenn die anscheinend bei Euch verteufelt wird.

      Dich interessiert also nur das Resultat jahrelanger Trainings? Wenn es gut läuft? Völlig scheißegal, wie sich die Kinder dabei fühlen? Dir ist nicht klar, dass sehr viele darunter leiden? Und auch sehr viele deswegen psychische Störungen haben?

      Und ich setzte die Gebärdensprachbehinderung der hörenden Eltern nicht mit fehlender Intelligenz („Doof“) zusammen. Mit diesem Beispiel wollte ich nur sagen, dass die Erziehung und der Bildungsweg der Kinder nicht von Eltern abhängig sein sollen. Wenn Väter oder Mütter sexistisch oder doof sind, sollen alle Mädchen heutiger Generation (auch in Afrika und Asien!) trotzdem zur Schule gehen und sich bilden. Genauso sollen alle taube Kinder Gebärdensprache lernen, ganz unabhängig davon, ob ihre Eltern gebärdensprachbehindert bleiben wollen oder nicht!

      Die Frage, wie man denn als Eltern seinen Kindern DGS als Muttersprache ermöglichen soll, wenn man die selbst nicht richtig kann, ist in meinen Augen fast lächerlich. Vertrittst du etwa auch die Ansicht, dass Jugendliche mit Migrationshintergründe Deutsch nicht lernen brauchen, nur weil ihre Eltern die deutsche Sprache nicht beherrschen?

      Warum nicht ein “sowohl-als auch”?

      Okay, ich versuche nun zu erklären, warum ein „sowohl-als-auch“ fast unmöglich ist. Dass das CI für ein Kind erfolgreich ist, ist jahrelange Training fürs Hören und fürs Sprechen eine Voraussetzung. Da bleibt also nicht viel Zeit für andere Sachen übrig. Das Erlernen der Gebärdensprache benötigt auch viel Zeit und ist aber im Vergleich zum Hören (Die Sehfähigkeit ist bereits vollkommen!) und zur Lautsprache kaum anstrengend. (Die Gebärdensprache kann natürlich erworben werden – ganz ohne Therapie!) – Es würde den Kindern ganze Freizeit rauben, wenn sie sowohl gebärden als auch sprechen und hören beherrschen sollen.

      Wenn „sowohl als auch“, dann eben ein bisschen sprechen, ein bisschen hören und ein bisschen gebärden! Dann bleibt die Bildung eben auf die Strecke!

    47. Es müsste einfach Wahlfreiheit geben im Sinne eines Angebotes. Ich weigere mich grundsätzlich, eine feste Haltung oder Position zu anderer Leute Lebenssituation einzunehmen, das steht mir nicht zu – und anderen auch nicht.
      (@ bengie)

      Wenn es um die Sprachförderung und Bildungsituation eines Kindes geht, ist das Entscheidungssache der jeweiligen Familie – und zwar ganz individuell!

      Ich finde es furchtbar, wenn ALLE einer Regelung unterworfen werden, dazu sind die Lebenssituationen viel zu unterschiedlich. Also: Wer eine bestimmten Bedarf hat, soll den auch möglichst erfüllt bekommen. Ich hatte Bedarf an Hörtechnik – und bekam sie. Jemand anderes hat Bedarf an Gebärdensprache, und soll sie lernen dürfen. Jede Familie hat auch ein Anrecht auf intensive emotionale (Eltern-Kind) -Beziehung untereinander, und die wird von Verständigung geprägt. Das muss respektiert werden. Wenn ein Kind mit CI nur in externen Trainingseinrichtungen Lautsprache lernen kann, aber zuhause nicht verstanden wird, weil die Eltern gebärden, wie soll das denn gehen? Wird dem kleinen Kind dann gesagt: „Egal, deine Eltern sind nicht so wichtig. Wichtiger ist, dass du mit Lautsprache mehr Bildungschancen hast.“

      Übrigens ist die Gebärdensprache – die „unerlaubt“ sozusagen auf dem Schulhof entstand, erst seit wenigen Jahren überhaupt offiziell als Sprache definiert worden und erfährt jetzt erst eine sprachwissenschaftliche Überarbeitung (oder wie das heisst) – also überregional gültige Grammatikregeln, Vokabular usw. Es geht also gar nicht um den Rückzug der Gebärdensprache, sondern um ihre erstmalige Etablierung. Deshalb die Aufregung.

      Übrigens: In einer „ganz normalen“ Grundschule wurde kürzlich den Kindern einfach mal so das Fingeralphabet vorgestellt und wer wollte, konnte es lernen. Freiwillig. Die Kinder hatten Spaß dran. Kann also sein, dass zumindest lautsprachbegleitende Gebärden auch für Hörende interessant sind, als eine andere Form der Ausdrucksmöglichkeit. Undogmatisch und einfach mit Spaß an der Sprache.

      Ich habe kein gehörloses Kind, kenne das Leben von Gehörlosen nicht und kann dazu keine absolute Haltung einnehmen. Aber ich finde, jede/r hat das Recht, seine eigene Lebenssituation nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten. Jeder ist kompetent in der EIGENEN Lebenssituation, auch wenn andere es anders machen würden. Das müssen auch Pädagogen, Ärzte und Audiologen aushalten können. Und ich auch und du auch.

    48. Pia Butzky,

      mit Schulpflicht, Verbot der Sterbehilfe, Illegalität der Kinderarbeit, Verbot der Genitalverstümmelung und nur begrenzter Möglichkeit des Schwangerschaftsabbruchs gibt es nun mal keine totale Wahlfreiheit bei Eltern hier in Deutschland. Die Erhaltung der Bildung ist hier in Deutschland nun mal ein Pflicht. Hinter dem Bildungspflicht stehst du sicherlich auch?

      Es ist nun mal so, dass nur mit Gebärdensprache, die übrigens bereits vor 50 Jahren als vollwertige Sprache definiert wurde (Anerkennung folgt ja viel später) und eher bereits vor Entstehung der Lautsprache entstanden wurde (dafür gibt es ein wissenschaftliches BuchLanguage in hand : why sign came before speech„), die volle Erhaltung der Bildung bei tauben Kindern auf natürlichem Weg (ganz ohne einige Voraussetzungen wie stundenlange logopädische Therapie erfüllen zu müssen) zu erreichen ist. Die Kinder müssen Gebärdensprache lernen! In anderen Länder wie z.B. Ungarn gibt es sogar gesetzliche Regelung, dass sogar Eltern die Gebärdensprache lernen müssen.

    49. Ich verstehe, dass die Zeit von Kindern begrenzt ist. Die sollen auch spielen und eben was lernen, nicht nur in (Laut-)Sprachkursen rumsitzen und dabei älter werden. Wenn sowohl-als-auch zwar gut gemeint ist, aber nur zu nix-richtig führt, das geht natürlich nicht. Dann muss man daran was ändern, ob nun fallweise oder „im System“.
      Klingt eigentlich ganz gut, was die Ungarn da machen.

    50. Sehr geehrter Herr bengie,
      Du brauchst mir keine Vorträge darüber zu halten, daß DGS eine Sprache ist.
      Seltsam, kaum ist jemand dem CI offener gegenüber als Ihr Deafies es seid, wird demjenigen jegliche Kenntnis abgesprochen. Nur Leute, die Deine Ansichten vertreten, haben also offenbar Kenntnisse über die Gebärdensprache? Ich glaube, meine Geschichte und wie ich an die Gehörlosen gekommen bin, ist hinlänglich bekannt.

      „Ihr verwehrt den Kindern den Zugang zur Lautsprache“ habe ich als mögliche und z.T. ja auch angewandte Argumentation von radikalen CI-Verfechtern genannt. Ich habe an keiner Stelle geschrieben, daß dies meiner eigenen Ansicht entspricht.

      Kinder mit Migrationshintergrund, deren Eltern kein Deutsch sprechen? Die lernen für gewöhnlich Deutsch bei ihren Altersgenossen hierzulande und sind danach zweisprachig.
      Ich finde es jedenfalls keineswegs lächerlich, sich darüber Gedanken zu machen, wie man selbst mit seinem Kind kommunizieren kann, wenn man dessen Muttersprache nicht spricht, und halte es für legitim, sich dabei für ein CI und ein stärkeres Gewicht auf der Lautsprache zu entscheiden.

      Ein Kind muß vor allem in der Umgebung klarkommen, in die es hineingeboren wird. Wenn Du einmal ein taubes Kind bekommst – gar keine Frage, Du bist gehörlos, kannst gut gebärden, hast ein entsprechend gutes soziales Umfeld unter den Gehörlosen, so daß ein Kind dort entsprechend reinwachsen kann und somit auch nicht isoliert sein wird.

      Wie aber schaut das bei einem hörenden Paar aus, daß auf einmal mit dem Problem konfrontiert ist – das nur hörende Leute kennt, selbst nicht gebärden kann und bei den Gehörlosen auch nicht unbedingt mit offenen Armen aufgenommen wird (abhängig von der jeweiligen Gruppe, ich weiß. Es gibt immer solche und solche.)?
      Ich finde es schon ziemlich von oben herab, die Fragen eines solchen Paares als „lächerlich“ zu bezeichnen.

      Woher nimmst Du eigentlich die Weisheit, für offenbar alle CI-Kinder zu sprechen, wenn Du sagst, mir sei es scheißegal, was das Kind fühlt?
      Klar gibt es welche, die drunter leiden – und ich bekomme genauso gut auch andere Fälle mit, die gut damit zurechtkommen!
      Ihr Deafies führt halt die Mißerfolge als Argumentation an und die CI-Befürworter die Erfolge – was im speziellen Einzelfall dann das Richtige wäre und wie sich das Kind hinterher fühlt, ist genauso eine Spekulation wie die Frage, ob das Kind später mal seinen Namen mögen wird.

      In einem von Dir angesprochenen Punkt gebe ich Dir 100 % Recht: Daß in Gehörlosenschulen die Lehrer nicht gebärden können bzw. der Unterricht nicht in Gebärdensprache erteilt wird, ist ein absolutes Ding der Unmöglichkeit und gehört geändert. Keine Frage. Und es darf auch nicht so sein, daß die Kinder nur lautsprechen üben müssen und darüber dann keine Zeit mehr für den regulären Unterricht bleibt, so daß den Kindern weitaus weniger Stoff vermittelt wird als hörenden Kindern (vermittelt werden kann, weil ja die Zeit weg ist). Auch unstrittig.

      Gegenfrage übrigens: Du schreibst, daß das Lernen der Gebärdensprache kaum anstrengend ist. Hast Du da wirklich Ahnung von, WIE schwieirig das für einen Hörenden ist? (Schon gar ohne Praxis. ;-)) Was meinste, warum ich meine DGS-Kursinhalte inzwischen völlig vergessen habe.

      Tja, zu dem Sowohl-als auch hab ich halt auch schon andere Ansichten gehört.

      @Pia Butzky:
      Du sprichst mir aus der Seele – mit Deinem Hinweis auf unterschiedliche Lebenssituationen. Und auch damit, daß die Leute sich solche Entscheidungen bestimmt nicht leicht machen.
      Eigentlich sollten sowohl die Deafies akzeptieren, daß manche Leute das CI favorisieren, andererseits sollten auch die CI-Befürworter eine Entscheidung gegen das CI akzeptieren.

      Ich persönlich bin nicht gegen das CI – aber ich bin auch nicht fürs Implantieren auf Teufel komm raus. Es hängt wirklich an der individuellen Lebenssituation. Wenn bei mir jetzt ein taubes Kind geboren würde – da wär doch wirklich die Frage: Kriege ich das hin, seine Sprache zu lernen? Finde ich irgendwie Kontakte zu Gehörlosengruppen, so daß ich meinem Kind auch ein soziales Umfeld außerhalb der eigenen vier Wände erschließen könnte? Und vor allem: Wer ist der Vater, und wie denkt er darüber? – Wenn der Vater ein überzeugter DGS-Gehörloser ist, der selbst gut gebärden kann (mir das dann ja wahrscheinlich auch beigebracht hat), Kontakt zu entsprechenden Gruppen hat etc., dann würde das Kind wohl nicht implantiert.
      Wenn der Vater Hörender mit denselben Problemen wie ich wäre oder ein CI-Träger, der mit seiner Entscheidung sehr glücklich ist und ebenfalls nicht gebärden kann etc., dann wäre es sehr wahrscheinlich, daß das Kind ein Implantat bekäme.
      Wichtig ist doch, daß das Kind überhaupt – egal auf welche Weise – kommunizieren kann, zwischenmenschliche Kontakte bekommt. Und dann denke ich, muß man als Eltern schauen, auf welche Weise das am besten zu verwirklichen geht.

      Ich möchte da jedenfalls grundsätzlich für alles offen sein und mich nicht vor irgend jemandes ideologischen Karren spannen lassen – egal vor welchen.

    51. PS
      Sorry, für die schnippische Anrede am Anfang.
      Du hast manchmal eine etwas oberlehrerhafte Art der Argumentation an Dir, bengie – die hat mich da ein bißchen auf die Palme gebracht. (Ich sag ja….“ hast du überhaupt Ahnung von DGS“ und „Das ist eine Sprache“ – ach was. DAS kenn ich jetzt nun wirklich schon seit Jahren und hab das auch oft genug anderen gegenüber verteidigt.)
      Nix für ungut.

    52. Ja, Regenbogen, das habe ich mir auch mal gedacht als eine wirklich schwierige Situation:
      (Beispiel)

      Mutter ist gehörlos und Vater ist hörend, das Baby kommt gehörlos zur Welt. Dann geht es erstmal bei der Wahl der Sprache (Lautsprache oder Gebärden) nicht um irgendeine „Bildungsnorm“, sondern um die enge Beziehung, die auch durch Sprache geprägt wird. Und das finde ich am wichtigsten. Man kann aber auch davon ausgehen, dass die beiden unterschiedlichen Elternteile unter sich schon eine gemeinsame Kommunikationsform haben, wenn sie zusammen leben- die würde auch das Kind annehmen. Wenn dann eine dritte Person von außen – als Mediziner, Pädagoge, Therapeut – eine Sprachform fordert, die in der Familie nicht mehr funktioniert, stelle ich mir das sehr kompliziert und bedrückend vor. Daher frage ich mich, wieweit jemand überhaupt berechtigt ist dazu. Mit welcher Begründung? (Egal von welchem Lager. )

      @bengie
      Ich verstehe nicht wirklich, was du eigentlich möchtest oder forderst, es ist verwirrend. Aber soweit ich verstehe, forderst du also die Gebärdensprache, aber der Staat verweigert die, weil sie der Bildungspflicht entgegen steht? Habe ich das in etwa richtig verstanden?

      Dann macht es ja weiterhin Sinn, das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen, denn das berührt empfindliche Bereiche wie „Bildungsauftrag“ und „staatliche Eingriffe in Erziehung“. Das geht doch alle an, also wirklich alle.

      Es ist aber vielleicht nur ein Gerücht, und du weißt nicht wirklich, warum Gebärden momentan kaum/nicht gelehrt werden? Mmmh, dann mal besser nicht spekulieren, sondern „den Sherlock Holmes machen“ und ausfindig machen, wie der Stand der Dinge ist. Wenn Gehörlose die Gebärdensprache fordern, sollten sie das dort tun, wo die wichtigen Entscheidungsträger sitzen.

      Weil nämlich schietegal ist, welche Meinung ich, Pia Butzky, zu der Sache habe: Ich kann das gar nicht entscheiden! Und alle anderen hier auch nicht. Damit wieder zurück zu meinem Einstieg vom Anfang: Die Öffentlichkeit hat selbst vermutlich nichts davon, sich mit bestimmten Randthemen zu befassen, aber es tritt ein Druck auf Entscheidungsträger auf. (Aber nur, wenn man die auch direkt anspricht, logisch)

      Welches staatliche Gremium ist also zuständig? Oder haben Schulleitungen die freie Wahl, Gebärden anzubieten, tun es aber nicht? Welche Elternverbände sind in der Sache aktiv? Welche seriösen Forschungsergebnisse gibt es zu der Kindesentwicklung in der jeweiligen Sprachform und ihren Mischungen?
      Gibt es klare Lager zwischen Eltern, Gehörlosen und Fachleuten oder sind auch die untereinander gesplittet?

      Fragen über Fragen …

    53. @bengie
      [ Es ist nun mal so, dass nur mit Gebärdensprache (…) die volle Erhaltung der Bildung bei tauben Kindern auf natürlichem Weg (…) zu erreichen ist. ]

      ?? Sagt jetzt wer? Wenn das pädagogisch bestätigt wäre, gäbe es die Gebärdensprache an Schulen überall als Angebot und man würde Lautsprache vernachlässigen. Scheint aber nicht so zu sein. Verwirrend.

    54. Erstmal möchte ich mich zum abgelenkten Diskussion-Thema entschuldigen.

      @bengie: Du bist ein Freund von Juden und Israeli? Ich glaub das einfach das nicht.

      Wenn es Dich interessiert, dann vertiefe Dich bitte möglichst unter http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,675622,00.html und das hier: http://img71.imageshack.us/i/israelstealingpalestinexw9.jpg und auch die Geschichte des pharaonischen Ägypten (Ramses und Juden) zurückzuverfolgen.

      Ich bin wahrlich kein Freund der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern.

      [NqlB: Dieser Kommentar hing wegen der zwei Links zunächst in der Mod.-Schleife. Ich habe ihn freigeschaltet, weil ich den ersten ganz interessant finde und ein höflicher Ton angeschlagen wurde. Möchte aber bitten, das Thema nicht auszuwalzen.]

    55. Und eine Frage habe ich dann auch nochmal:
      Du, bengie, sagst also, es sei nicht möglich, sowohl ein CI zu tragen (als Kind jetzt) als auch die Gebärdensprache zu lernen?

      Ich erinnere mich an jenen Taubenschlag-Artikel zu letztjährigen CI-Tag, zu dem ja auch die Gehörlosen ausdrücklich eingeladen worden waren.
      In dem Artikel wurde nahegelegt, daß das wahrscheinlich nur dem Zweck diene, auch die letzten Gehörlosen jetzt noch vom CI zu überzeugen (nachgeprüft hat diese Behauptung dann anscheinend keiner, aber das ist ein anderes Thema).
      Vertrauen, so wurde gesagt, könne man den CI-Gesellschaften erst dann, wenn diese sich für CI UND DGS aussprächen.

      Wieso fordert eine renommierte Gehörlosen-Website wie der Taubenschlag sowas von der DCIG und der HCIG, wenn das doch sowieso nicht möglich ist????

      Im übrigen habe ich mit Interesse das Buch „Der Schrei der Möwe“ von Emmanuelle Laborit gelesen.
      Soweit ich mich erinnere, hat die junge Dame erst mit 7 Jahren Gebärdensprache gelernt.
      Nun, das hatte bei ihr andere Ursachen – sie war ja nicht implantiert worden, sondern ihre Eltern hatten nicht gewußt (und waren von den Ärzten da wohl auch schlecht beraten worden), daß es Gebärdensprache gibt.
      Aber wenn das da möglich ist – wieso sollte das nicht auch mit CI gehen? Und mit 7 Jahren (bzw. auch schon etwas davor) wird man ja wohl wissen, wie gut oder schlecht das Kind damit zurechtkommt.

    56. Regenbogen, erstmal sorry für meinen Ton. Es hat mich halt sehr gereizt, was du geschrieben hast. Es ist gut, dass du meinst, dass Kinder statt Eltern unzählige Stunden für die Kommunikation daheim einsetzen sollen. Ich sehe aber nun, daß es zu nichts führen würde, weiterhin mit dir zu diskutieren. Lassen wir es einfach! 🙂 Wir haben nun mal unterschiedliche Vorstellungen.

      Gegen das CI für bestimmte Gruppen wie Ertaubte oder Schwerhörige habe ich nicht. Ich kann die Freude am Hören ganz gut verstehen. Es ist aber nun mal nichts für Kinder!!

      Pia, eine gute Frage! Die schwarze Menschen haben auch wahnsinning sehr lang gebraucht, die Gleichberechtigung zu erreichen. Aus welchem Grund denn? Warum wurden Schwarze oder sogar auch Frauen auf übler Weise benachteiligt? Ob es auch bei tauben Menschen mit der Gleichberechtigung gelingen wird? Die Gesellschaft ist nun mal hörgeil und kann mit was visuell abstraktes nichts anfangen =) Trotzdem bin ich schon etwas optimistisch! =)

      TW1, den Artikel habe ich noch nicht richtig durchgelesen. Da steht aber was von ultraorthodoxen Juden. Sie selbst sind gegen den Staat Israel und das Zionismus. Sie verfolgen völlig andere Politik als durchschnittliche Juden. Mir ist nicht klar, was du damit sagen willst. Vielleicht soll ich den Artikeln erstmal lesen ;o) Wie gesagt hat die Politik Israels nicht so viel mit ultraorthodoxen Juden zu tun. Und ich selbst stehe nun mal voll hinter Israels Umgang mit Araber. Klar ist niemand von Israeli glücklich damit. Wir können eventuell diese Diskussion per E-Mail, im GL-C@FE oder im Facebook weiterführen! =)

    57. Das stimmt allerdings, bengie. Diskutieren mit Dir macht keinen Sinn. 😉 Man kann nicht mit Leuten diskutieren, die zwar behaupten, sie wollten sachliche Diskussionen, die aber eigentlich nur ihren eigenen Willen durchsetzen wollen.

      In diesem Sinne. 😉

    58. Naja, regenbogen, genau genommen hat bengie nicht versucht, seinen Willen durchzusetzen, sondern seine Position darzustellen.

    59. Bleibt auf dem Teppich und beim Thema. Es geht um Gebärdensprache als schulisches Angebot: Das hat nichts mit „Frau sein“, „schwarz sein“, „Jude sein“, „Atheist sein“, „Palästinenser sein“, „hörgeil sein“, „nicht hörgeil sein“ oder politischen Entwicklungen im nahen Osten oder Religionphänsomenen zu tun.

      Das hat nur was mit „taub sein“ zu tun.

      Dran bleiben. Nicht abschweifen. Nicht hyperventilieren. Und geht doch mal ran an die Entscheidungsträger, die auch wirklich was tun können in der Sache. Nicht bloss in den „Treppenhäusern des Internets“ tratschen.

      Kopfschüttelnd: Pia B.

    60. (Das mit dem „Treppenhaus des Internets“ ist jetzt aber nicht abwertend gemeint, lieber NQLB, es bezieht sich nur darauf, dass die Kommunikation ergebnislos bleibt, wenn keine wirklichen Entscheidungen und Handlungen folgen. Seit ich nicht mehr hören kann, bin ich „aktionsfixiert“ – es muss sich schneller was bewegen. Früher, als ich noch hören konnte, reichte das: „Schön, dass wir mal drüber geredet haben.“ Wem geht das auch so?)

    61. Kein Problem, hatte ja selbst schon gesagt, das hier ist ein Ort zum Reden. Mehr kann zwar durchaus passieren, sollte man hier aber nicht erwarten.

    62. Nochmal zurück zum Thema: Relevanz von Hörgeschädigten-Themen.

      Ich denke, dass man Relevanz nur dauerhaft herstellen kann, wenn auch Taten folgen. Und ich finde, dass das Thema hier aufgegriffen und diskutiert wird, ist schon eine erste gute Tat. 🙂

      Was ich schade finde, dass offenbar die unterschiedlichen Bedürfnisse von Hörgschädigten (CI, Gebärdensprache, Schriftmittler etc.) so schwer zu akzeptieren sind. So kann man leider keine breite Lobby für Hörgeschädigte und damit eine gesellschaftliche Relevanz herstellen.
      Wieso ist es denn so schwer zu akzeptieren, dass Hörgeschädigte unterschiedliche Kommunikationsformen haben? Die jede für sich nicht besser, richtiger oder gar wichtiger als die andere ist, sondern einfach anders!
      Übrigens sollte auch mal erwähnt werden, dass viele prominente, ich nenn sie jetzt einfach mal ‚Gebärdensprach-Verfechter‘, eine lautsprachlich orientierte Frühförderung erhalten haben und dass dies ihrer persönlichen Entwicklung sicher nicht geschadet hat.
      Damit ich nicht falsch verstanden werde. Ich bin für Gebärdensprache. Ich bin dafür das jeder Hörbehinderte das Recht „auf die ihm gemäße Kommunikation“ erhalten sollte. Das war übrigens eine Forderung des Berliner Schwerhörigen-Vereins. Was vom Gehörlosen-Verband abgeschmettert wurde, weil es sich gegen die Anerkennung der Gebärdensprache in HG-Schulen richtet. Nur soviel zum Thema ‚breite Lobby‘.

    63. Ja, das denke ich auch. Um wirklich was zu erreichen wäre vereint schlagen angesagt.

    64. Sorry, Beethoven – Meinung darstellen mit Verbalkeulen wie „gebärdensprachbehindert“ und „hörgeil“ – und wer immer anderer Meinung ist, denn das sind ja diejenigen, die ihre Kinder implantieren lassen, der ist audistisch und diskriminiert die Gehörlosen – und alle CI-Kinder sind psychopathische Dumpfbacken?
      (Mal so kurz zusammengefaßt.)
      Meinung sagen beinhaltet für mich, daß die andere Meinung nicht so stark abqualifiziert wird.
      Und daß berechtigte Einwürfe beantwortet statt einfach mit der Totschlags-Feststellung „ist halt so, daß meine Meinung richtig ist“ abgekanzelt werden.

      Ist mir aber auch ganz recht, denn die ganze Pro- und-Contra-Debatte führt eh zu nix.
      Was schade ist – denn jgrehl hat so richtig festgestellt – und Du ja auch: Eigentlich bräuchtet Ihr Hörgeschädigten vereinte Kräfte für Eure Anliegen. Da wäre dann auch gleich tatsächlich mehr gesellschaftliche Relevanz vorhanden – denn alle zusammen seid Ihr ja nun mal erheblich mehr als jeweils eine der Splittergruppen.

    65. Schwerwiegender Einfluss auf die persönliche und psychische Entwicklung der Kinder und Zusammenhang zwischen der Entscheidung fürs CI bei eigenen Kinder und der Ablehnung der Taubheit (nicht immer Audismus!) waren keine Meinungen von mir, sondern reine wissenschaftlich erwiesende Tatsachen! Möchtest du das Leid tauber und schwerhöriger Menschen klein reden oder gar infrage stellen, liebe Regenbogen? Bei Diskussionen, die um den Weg tauber Gemeinschaft, die dabei kaum Beachtung erhielt, geht, muss ich halt zur Keule greifen! Wer die Entscheidung um das CI für Kinder Treffen soll, trägt auch die Verantwortung für die Existenz der Gebärdensprachgemeinschaft! Es geht bei mir weniger um Pro oder Contra CI für Kinder, sondern viel mehr um die Zukunft des tauben Volkes.

      So viel zur gemeinsamen Kraft kann ich sagen, dass die Zusammenarbeit verschiedener Gruppen tauber und schwerhöriger Menschen vor Goldenen Zeiten steht! 🙂

    66. Regenbogen, ich finde es gut, dass Du das so siehst (Meinung sagen etc)! Aber Bengie greift halt gern zu provozierenden Begriffen. Sagt er ja selbst. Das hat was mit der Grundannahme zu tun, dass wir über eine ethnische Gruppe reden (das „taube Volk“). Das ist Identitätspolitik. Darum geht es ihm (sagt er ja selbst). Und das kann man auch einfach als seine Meinung so stehen lassen.

      Bengie, die Gefahr für die Gebärdensprachgemeinschaft sehe ich. Nur: „wissenschaftlich erwiesene Tatsachen“ habe ich noch keine gesehen (was das Leid oder die Entwicklung von CI-Kindern angeht). Einige Befragungen, ja, aber noch nichts umfassendes oder abschließendes.
      Freut mich, dass Du goldene Zeiten kommen siehst. 🙂

    67. Pingback: Nur wer schreibt, der bleibt? Braille, Schrift und Gebärdensprache « Not quite like Beethoven

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