Jetzt mal im Ernst: Hören Lernen mit dem Cochlea Implantat

Die Kluntjes-Mission war ja nur Liebhaberei. Als Hörtraining ist es relativ sinnlos, auf leise knisternden Kandis zu lauschen. Denn es gibt nur zu hören, aber nichts zu verstehen. Und wenn man’s von Frequenz oder Lautstärke her nicht hört, muss man das elektrische Ohr eben anders einstellen lassen. Wie aber trainiere ich Hören, wie übe ich? Pia wollte gerne mehr wissen.  Also habe ich das mal aufgeschrieben…

Ich habe kein Programm auferlegt bekommen. Bin da ganz frei. Mache und höre, was ich will. Oder lasse es. Versuche aber, möglichst viel zu üben. Denn mein Problem ist: Ich sitze fast den ganzen Tag am Computer rum, tippe und denke. Dabei gibt es also nix zu Hören. Leider. Denn ohne Hören wird’s nicht besser. Woran soll man sich auch gewöhnen?

Mit Personen hab ich nie explizit geübt.  Ich hätte mich da auch nicht wohlgefühlt, wenn Leute vor mir sitzen und ständig ein Wort wiederholen. Mmmmandel. Mmmaaaaaandel. Mmmannndddelllllllll. Erst recht nicht, wenn es Freunde oder Familie gewesen wären. Und weil es am Anfang eh nur beim Kuss keinen Zweifel gab. Ich hab lieber gleich mit Maschinen geübt, die wiederholen klaglos und ohne dass es mir peinlich ist so oft ich will. Am Computer saß ich ja eh, da brauchte ich mich nicht zu verabreden, konnte immer mal fünf Minuten einschieben. Oder vor dem Schlafengehen nochmal.

In den ersten zwei Monaten hab ich für Sprachverstehen viele frei im Netz verfügbare Lernhilfen benutzt (v.a. dies und das auf Englisch). Dazu habe ich eine Übungs-CD, auf der sind Wortsammlungen. Sobald ich ein Wort verstanden habe, versuche ich, wirklich alle Laute deutlich zu hören. Habe ich etwa „Bock“ gehört, stelle ich mir vor, wie „Rock“ klingen würde und versuche zu hören, was das R vom B unterscheidet. Und mir das zu merken.

Außerdem hab ich mich ans Klavier gesetzt und gespielt. Ich glaube, das hat mir sehr geholfen. Am Anfang war das sehr seltsam, dann wurde es besser. Ansonsten hab ich Musik vom Band gehört und wo Gesang war, mitgelesen (und dabei Teile meiner Vergangenheit wiederentdeckt).

Weil’s im Fernsehen so selten Untertitel bei Sachen gibt, die mich interessieren, weil ich eigentlich nie da bin wenn was läuft was ich gucken will und weil mir Filme inzwischen zu lang sind: Ich gucke Serien. Die passen immer noch in meinen Tag. Z.B.  meinen neuen LieblingOder den älteren Liebling. Oder auch Chuck. Ich gucke die möglichst auf Englisch mit englischen Untertiteln, da passt alles zusammen: Mundbewegungen, Ton und Schrift.  Und ich habe sie bisher immer über Kopfhörer bzw. per Audiokabel geguckt. Jetzt versuch ich’s gerade auch mal über Lautsprecher. Aber das klappt noch nicht so gut.

Seit es einigermaßen geht, also seit ein paar Wochen, spiele ich mir Hörspiele aufs Handy oder Stücke von  Deutschlandradio Kultur. Das höre dann beim Bahnfahren und Spazierengehen. Verstehe zwar nicht alles und manchmal gar nichts, aber oft komme ich einigermaßen mit. Dann höre ich das wieder. Und wieder. Und wieder. Bis es mir zu doof wird.

Inzwischen ist auch einfach viel mit Leuten reden Übung. Bald will ich bißchen ausgiebiger versuchen, mit Leuten zu telefonieren.

Auf jeden Fall geht es um Üben, Üben, Üben. Und ums dabei den Spaß nicht verlieren. Man darf sich nicht zwingen, sonst macht das Gehirn zu. Den Med-El-Test, so einfach er ist, fand ich am Anfang total spannend. Weil ichs einfach nicht geschafft hab. Inzwischen bin ich zwar immer noch nicht perfekt, aber er langweilt mich. Ich KANN ihn nicht mehr machen. Höchstens vergleichend, um einmal zu prüfen wieviel inzwischen geht.

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7 Antworten zu “Jetzt mal im Ernst: Hören Lernen mit dem Cochlea Implantat

  1. Wie funktiniert das eigentlich bei einem CI mit Kopfhörern? Bei Hörgeräten kann man ja entweder das Hörgerät über einen speziellen Schuh direkt an die Anlage anschließen oder man kann z.B. Induktionskopfhörer verwenden. Geht das auch bei einem CI?

  2. Pia Butzky

    Das ist jetzt aber lieb, best-of-blogs-beethoven, das du extra wegen mir *wimpernklimpern* und für mich das Thema „Hörenüben“ in aller Ausführlichkeit beschrieben hast. Merci! Bin ganz entzückt.

    Aber dass du deine Übungen so ganz selbstständig machen darfst – also ganz ohne methodisch-didaktische Hörtrainingsfachanleitung von speziell dafür audiotherapeutisch geschultem Personal – das wundert mich doch etwas. Musst du denn nicht regelmässig zum CI-Anpassen und zum Hörtest in die Klinik fahren? Machen Sie dort mit dir keine Freiburger Einsilbertests oder Flendsburger Zischeltests oder wie die Dinger alle heißen? Stehst du denn nicht unter Druck, ein bestimmtes Hörergebnis erreichen zu müssen, damit die Klinik ihre Erfolgsquote bei Implantationen mit Hörverbesserungen untermauern kann? Haben Sie dich nicht ermahnt, gleich am Anfang ganz viel zu üben, weil zu einem späteren Zeitpunkt keine Fortschritte mehr zu erreichen sind? (Was völliger Quatsch ist, aber mir wurde so ein Nonens erzählt, leider).

    Darfst du einfach alles schon ganz in Eigenregie machen? Dein Hören gehört dir? TOLL. Da hast du Glück und brauchst dir von sich großtantenmässig gerierendem Fachpersonal nicht den Spaß am neuen Hören verderben lassen. Manche Leute, die beruflich mit Schwerhörigen arbeiten, stellen nämlich gern mal ein Gefälle her zwischen sich und dem Menschen, der schlecht hört (und ein CI bekommen hat). Sie meinen, Schwerhörige (mit neuem CI) muss man belehren, bevormunden, ermahnen, besserwisserisch antreiben. Die CI-Leute werden für zu blöd gehalten, eigene Erfahrungen zu machen und auszuprobieren. Manchmal dachte ich, gleich erklären sie mir noch das Luftholen und zeigen mir, wie man eine Schleife bindet.

    Mir wurde das CI am Anfang sehr verleidet durch geltungssüchtige therapeutische Fachleute, die sich oberlehrerhaft vor mir aufbauten. Erst später stellte sich heraus, dass diese Fachleute den Kostenträgern einen Erfolgsnachweis für ihre eigene Arbeit bringen mussten, und die CI-Leute wurden daher angehalten, möglichst schnell nachweisbare Hörfortschritte zu machen. Das hat mich abgestoßen.

    So, das musste mal raus. Es bezieht sich auch nur auf wenige Einzelpersonen, denn ich habe doch viele sehr nette, respektvolle und beeindruckende Menschen kennengelernt, die beruflich mit Schwerhörigen arbeiten.

  3. Das wird alles immer interessanter. Frage: wieviel Fehlzeit müsste ich als als Berufstätiger in Vollzeit für diese Aktion einkalkulieren? So geschätzt?

  4. Pia Butzky

    @ Enno, mit einem neuen CI musst du nach der Operation regelmässig in den ersten Monaten zu Anpassungsterminen. Die Termine sind anfangs wöchentlich und dann 1-2 mal monatlich. Bei mir hat es immer jeweils ca. 2 – 3 Stunden gedauert. Ich bin nachmittags von der Arbeit weg und habe die Termine so spät gelegt, dass nur ca. 1 Stunde Arbeitszeit drauf ging. Aber man hat auch noch die Fahrzeiten dazu. Wer beruflich doll gestresst ist, sollte den Operationstermin und die Anpassungsphase im Kalender gut planen. Zum Beispiel kurz vorm Diplom oder direkt nach einem Stellenwechsel ist es nicht gut. Aber in den Monaten der Erstanpassung ist man voll leistungsfähig und steigert sich noch durch die Hörfortschritte. Das kann auch ein Arbeitgeber sehen.

  5. Uiuiui, Pia, das klingt ja sehr heftig! Manche Kliniken verlangen das wirklich? Bei mir ist es zum Glück auch nicht so, ich darf machen, was ich will. Zwar gibt es bei jeder Anpassung einen Hörtest, aber da verspüre ich keinerlei Druck. Der dient einfach dazu, meine Fortschritte festzuhalten, wenn mit Hintergerdanken, dann sind die so gut verborgen, dass die Patienten nichts davon spüren.

    Was das Hörenlernen angeht: Ich habe bei der Erstanpassung gefragt, ob ich irgendwas spezielles machen sollte. Antwort: „Machen Sie sich bloß keinen Stress! Einfach ganz normal leben und mit den Menschen kommunizieren, dann kommt alles von alleine!“ Anscheinend hatte ich ein wahnsinniges Glück mit meiner Klinik.

    Lars, CI mit Kopfhörern funktioniert ganz gut. Die Kopfhörer müssen nur groß genug und meiner Meinung nach auch geschlossen sein, aber das ist vermutlich Geschmacks- und Gefühlssache. Induktionsbügel funktionieren auch, wenn das CI ein entsprechendes Programm hat (dieses Telefon-Dings). Demnächst will ich mir mal so einen Kopfhörer besorgen und ausgiebig testen. Außerdem liefern die meisten CIs soweit ich weiß ein Audiokabel mit, das man direkt am CI anschließen kann. Das ist mir allerdings zu einseitig, ich will schon auf beiden Ohren etwas hören.

  6. Pia Butzky

    @ Nikana: “Machen Sie sich bloß keinen Stress! Einfach ganz normal leben und mit den Menschen kommunizieren, dann kommt alles von alleine!” Anscheinend hatte ich ein wahnsinniges Glück mit meiner Klinik.“

    Oder ich hatte ganz seltenes Pech. Denn normalerweise läuft es auch überall so positiv und das ist die einzig richtige Vorgehensweise. Das Hören übt man ja sowieso schon hochmotiviert, weil man sich ja auch selbst für das CI entschieden hat und es ganz neugierig ausprobiert. Ich verstehe auch wirklich nicht, wie jemand daraus irgendeinen Stress für die CI-Träger machen kann. Aber bei einzelnen betreuenden Fachleuten ist da irgendwas ganz schief gewickelt, dass sie meinen, man müsse die „tumben“ Schwerhörigen antreiben und zum Üben ermahnen. Mich hat das enorm verunsichert und gestresst, doch die Hörtests zeigten von Anfang an ein gutes Ergebnis. Umso unerklärlicher war mir diese negative audiotherapeutische Ausrichtung. Ist aber wohl eher ein Einzelfall!

  7. Lars, genauso. Nur dass man m.E. mit einem CI auch leichter normale Kopfhörer benutzen kann, weil kein Ohrstück im Ohr drückt.

    Pia, bitteschön. Du hast leider wirklich deutlich andere Erfahrungen gemacht als ich. Tut mir leid, dass Du das so erleben musstest. Bei mir ist’s wie Nikana, man hat mir gesagt, es gehöre dazu, keinen Streß zu machen („Üben Sie nur solange wie sie Spaß daran haben“) und dass Üben eigentlich sowieso nur notwendig ist, wenn man in seinem Alltag nicht genug Sprech- und damit Hörpraxis hat. Übung sei nicht die Grundlage, sondern zur gezielten Verbesserung da. Außerdem hat man es es mir überlassen, wie oft ich zum Anpassen fahre. Hörtests hab ich bislang nur 1 Woche nach erstanpassung gemacht, nächstes Mal bei 3 Monaten.

    Enno, ich würde sagen 2-3 Wochen Urlaub nach der OP, dann bis zur Erstanpassung hörtechnisch eingeschränkt ansonsten aber voll leistungsfähig. Und danach kann man die Kliniktermine, wie Pia sagte, so planen, dass kaum Arbeitszeit draufgeht. Weil ich nur Anpassungstermine hatte, keine Übungstermine, dauert das bei mir netto 1-2h + Fahrtzeit. Nach der ersten Anpassung hab ich den ersten fixen Termin erst wieder nach 3 Monaten. Alles dazwischen habe ich immer dann gemacht, wenn ich das Gefühl hatte jetzt könnte es sich mal wieder lohnen was nachzustellen. Ich will halt sichergehen, dass das CI immer bestmöglich eingestellt ist. Bei mir war im ersten Monat 4 Termine, dann in etwa monatlich einen. Ab 6 Monate soll es deutlich zurückgehen bis auf 1 termin jährlich. Das Üben habe ich im Alltag oder per Computer oder Telefon/Smartphone/MP3-Player in den Alltag integriert, das nimmt nicht viel zeit weg. Wenn der Job Reden und Hören verlangt noch weniger.

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