Ab heute bin ich dann wohl der mit der dicklichen kleinen Lisa

Es ist den meisten Menschen durchaus wichtig, welches Bild sie abgeben. Um es zu kontrollieren, guckt der Durchschnittsmensch mindestens morgens einmal in den Spiegel. Und ergreift dann die entsprechenden Maßnahmen. Manche schleppen ja sogar Taschenspiegel mit sich herum.

Welche Geräusche sie abgeben interessiert dagegen die meisten nicht. Einen akustischen Spiegel, mit dem man hört, wie man sich anhört, gibt es nicht. Wozu auch?!  Das machen die Ohren ja sowieso. Man hört (und spürt) einfach, wie der Magen rumpelt und der Furz entfleucht.

Tja — nicht so bei mir.

Als ich heute morgen mein Großraumbüro betrat, hörte ich lautes Reden. Oh, wieder diese Projektgruppe und ihre Besprechungen, dachte ich. Nehm ich halt Hörgerät und CI raus. Die vielleicht fünf Leute an den anderen Tischen sahen auf und lächelten mich an als ich zu meinem Schreibtisch ging. Zwei zogen die Brauen hoch und nickten anerkennend.

Komisch, dachte ich. Die sind aber freundlich heute. Ich prüfte verstohlen, ob jemand anders gemeint sein könnte, doch hinter mir war niemand. Naja, schön wenn sie sich über mich freuen, dachte ich. Ich setzte mich, legte mein Handy auf den Tisch und begann, den Computer hochzufahren.

Und wieder lächelte mir einer zu. Er lacht mich an. Was haben die denn alle gefrühstückt heute?!

Auf einmal bricht mir der Schweiß aus: ICH bin die Quelle des Lärms. Das heißt, mein Handy. Es plärrt auf voller Lautstärke — und zwar eine Kindergeschichte. Die dickliche kleine Lisa sucht das Glück mit ihrem Freund, dem sprechenden Pinguin. Ich packe das Ding und fummele hektisch daran herum bis es endlich still wird.

Was war passiert? Wie hier schonmal beschrieben übe ich gerade unterwegs das Hören mit dem CI. Mit Handy und Kopfhörer. Auf dem Weg zur Arbeit und zurück höre ich Wortfelder, Stücke vom Deutschlandradio und Teile von Hörspielen. Und heute morgen hatte ich halt nur diese Kindergeschichte gefunden. Sowas eignet sich gut zum Üben, weil langsam gesprochen wird. Ich hatte mich aber schon im Treppenhaus ausgestöpselt und das Handy in die Tasche gepackt. Ausgeschaltet. Dachte ich jedenfalls.

Ich atme auf und überlege, ob nun eine Entschuldigung angebracht ist. Aber es hat mich ja niemand drauf aufmerksam gemacht.  Was haben die sich bloß gedacht??! Warum haben sie nichts gesagt? Und nun arbeiten sie wieder. Ich müsste stören, um mich zu entschuldigen.

Tja, ab heute bin ich dann wohl der mit der dicklichen kleinen Lisa. Gibt’s vielleicht doch irgendwo einen akustischen Taschenspiegel? Könnte ich vielleicht brauchen…

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23 Antworten zu “Ab heute bin ich dann wohl der mit der dicklichen kleinen Lisa

  1. Regenbogen

    😀
    Mußt Dich nicht dafür entschuldigen.
    Sag einfach, Du unterstützt die Bewegung gegen Magermodels und die dickliche kleine Lisa war eine Demonstration am Morgen. 😉

    Einen schönen Tag wünscht Dir der dickliche, wenn auch nicht mehr so kleine Regenbogen. ggg

  2. Lasse sie reden!
    Wenn sie nichts gesagt haben, dann kann es sie nicht sehr gestört haben. Also, einfach abhaken!
    Ich war jahrelang die mit dem Sperma. In einer Vorlesung erklärte der Dozent den Fruktosegehalt im Ejakulat mit Blick auf die Fertilität. Ja, da kratzte ich mich kurz am Kopf, sah von meiner Mitschrift hoch und sagte mehr zu mir, dass es dann ja süß schmecken müßte. Der Hörsaal war komplett still! Alle sahen mich an und der Institutsleiter saß 2 Reihen vor mir. Um mich herum begannen alle zu lachen und eine Freundin raunte mir zu, dass es auf die Ernährung ankäme.
    Was ist denn da bitte peinlicher? 🙂

  3. ich finde auch: nicht entschuldigen! – wie ist das denn, wissen die, daß du übst, daß du ab und zu dein[e] hörgerät[e] rausnimmst, daß es sein kann, daß du gerade gar nichts hörst? 🙂 falls ja, kannst du ja einfach mal was dazu sagen, falls nicht, es vielleicht bekannt machen… je nachdem, wie gut ihr euch versteht. ist es denn ein großraum-büro?

  4. Och, ist doch schön! Und so schnell wird Dir das sicher nicht wieder passieren. 🙂 Wie heißt die Geschichte noch mal?

  5. Es ist ein Großraumbüro mit ganz verschiedenen Leuten und Projekten. Ich kenne die alle nur vom sehen, bisher. Drum werd ich jetzt auch nix mehr sagen.

    Regenbogen, hehehe, danke gleichfalls.
    Nina, ich muss mich Dir geschlagen geben. Aber warte nur: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.
    rebhuhn, die wissen das nicht, es sind bislang alles nur so „man sieht sich“-Bekanntschaften. Hat bisher auch nur einer gefragt, was denn das da an meinem Kopf wäre. Darüber schreib ich auch bald noch…
    Andrea, sie heißt: „Die dickliche kleine Lisa findet das Glück und läßt es liegen.“ Muss Dich aber enttäuschen, Du wirst sie nicht kennen. Ist eine Eigenkreation und Aufnahme einer Freundin. (Vor ein paar Jahren für Ihr Kind, ich bin nur Zweitnutzer.)

    Ich finde übrigens die Vorstellung eines akustischen Spiegels, den man immer mal checkt um zu gucken ob man sich noch vorteilhaft anhört, immer noch zum Schießen! 🙂

  6. nobody is perfect

  7. Hehehe, allerdings nicht.

  8. Pia Butzky

    Herrlich. D A N K E. Ich muss so oft lachen, wenn ich das hier lese. Eben wieder. Stelle mir die Situation gerade vor und finde sie köstlich. Wäre was für eine richtig charmante Komödie.

    Und „die mit dem Sperma“ … bin vom Stuhl gerutscht vor Lachen. Toll!

    Schiet was auf dieses elende „bloss alles richtig machen“. Jeder Mensch, der etwas zur Erheiterung des öden schnöden Alltags beiträgt, wird von mir doll gemocht. Ehrlich. Und ich bin ganz sicher nicht die Einzige, die ulkige Leute mag.

    Mehr Mut zum Schrulligsein!

  9. Hahaha. Hahahahahaha. Herrlich! Ihr beide: Notquite mit dem dicklichen Mädchen und Nina mit dem süßen Sperma. 🙂

  10. Regenbogen

    …es sind doch oft gerade die Momente, in denen man eigentlich am liebsten im Erdboden versunken wäre, die eine gewisse Zeit später die liebsten Anekdoten werden….

    Hätte da auch noch eine, zwar nicht von mir jetzt, aber von einer Kollegin aus dem Griechisch-Leistungskurs….
    Ich nehme ja mal an, daß bekannt ist, daß die Griechen selbst ihr Land Hellas nennen, weshalb sie selber ja auch als Hellenen bekannt waren?

    Wir hatten in der Abiturklausur einen Text zum Übersetzen bekommen, in dem u.a. „die kummervolle Helena“ (die Schnuspel, die Paris nach Troja entführt hat, weswegen der trojanische Krieg…usw) vorkam.
    Nachher haben wir uns über einzelne Passagen unterhalten, wer die wie übersetzt hat – und als die Rede dann auf die kummervolle Helena kam, stutzte Julie und fragte dann entgeistert: Wie – das heißt kummervolle Helena?
    Die übrigen vier sahen sich an und meinten dann: Ja – wieso, was hast du denn da?
    Da fing sie an, sich vor Lachen auszuschütten und meinte dann, sie hätte „der kümmerliche Grieche“ geschrieben. Danach lag jedenfalls auch der Rest noch vor Lachen unter den Bänken in der Pausenhalle….. 😀

  11. Pia, das finde ich ein sehr schönes Symphatie-Kriterium!
    Stets zu Diensten, liebe Berlinessa.
    regenbogen, wäre es denn so unvorstellbar, dass sich der Trojanische Krieg wegen des Typen eines Prinzen ergeben hätte? Na gut, vielleicht nicht gerade wegen eines kümmerlichen…

  12. Regenbogen

    Eben, Not quite. 😉
    Dann hätte es sich schon um Adonis handeln müssen (sicher auch bekannt – so ein mythologischer Kollege von der Helena, quasi. :-D)

  13. CharlyBrown

    Regenbogen, Deine Freundin Julie hatte damals
    vieleicht eine prophetische Vision!?
    „der kümmerliche Grieche“ passt genau auf die
    heutigen finanzpolitischen Probleme in EU.

    Off Topic:
    Die Griechen haben alles getoppt, was ich eher
    den Politmafio in bella Italia zugetraut hatte.

  14. Das sind ja schöne Geschichten, sowohl das Ursprungsposting als auch in den Kommentaren. Schön, dass auch andere Leute ab und zu in peinliche Situationen geraten … 😉 Ich könnte da auch ganze Romane erzählen, aber das lasse ich jetzt mal, ich muss nämlich dringend die Straße fegen, bevor es anfängt zu schütten. Denn wer die badische Kehrwoche ignoriert, wird geteert, gefedert und aus dem Ort gejagt … *seufz*

  15. Visionen soll’s ja geben, Charly Brown
    Nikana, ja, diesen wahnwitzigen Druck hab ich auch mal ein Jahr aushalten müssen. Wirklich aberwitzig. Vielleicht magst Du ja nachher Romane schreiben?

  16. I thought it was strange that no one told you. I mean, if someone walked around with a whole chicken breast, a small piece of fowl, on their face, you would tell them, right?

    If it were me, I’d be tempted to walk around the next day playing Sendung mit der Maus. Offices can be so boring, and now you have an excuse to liven one up…

  17. Pia Butzky

    Der „kümmerliche Grieche“ ist auch schön! Vielen Dank für die Erheiterung meines tristen Arbeitsalltags! Muss gerade überlegen, wann ich das letzte Mal etwas Peinliches gemacht habe … gibt ja leider vieles, was wenig witzig ist.

    Naja, einmal rannte ich morgens eilig zur Straßenbahn und hatte meine Frühstücksbanane und einen Brief in der Hand. Bahn hält gerade, Tür ist schon auf. Ich hektisch. Gleich an der Hausecke ist der Briefkasten, daneben ein Papierkorb, also stopfe ich eilig die Bananenschale in den Briefkasten und den Brief in den Mül und steige ein. Tür geht zu, Bahn fährt los, und ich merke: Da war was falsch. Komisch war, dass mir hinter den Tramfenstern gut zwanzig dösige Leute zusahen, ohne ihre stoische Miene zu verziehen.

  18. Elizabeth, it depends. I might let the chicken breast go. But that’s because it wouldn’t disturb me while I am working in the same room unless it smelled.

    Pia, oje! Ich hätte bestimmt meine stoische Miene verzogen, hihihi.

  19. Jetzt fällt mir natürlich kein einziger Roman ein … war ja klar.

    Gestern hatte ich allerdings Mut zum Schrulligsein, wie Pia das so schön ausgedrückt hat. Als ich gerade aus einem Geschäft kam, regnet es mal wieder. Meine Jacke hatte keine Kapuze, einen Schirm hatte ich nicht dabei und meine Mütze war mir eigentlich viel zu warm. Also habe ich das CI-Ohr einfach mit der Hand abgedeckt, denn ich hatte es zwar nicht weit, aber der Regen war schon ziemlich stark und hätte durchaus Schaden anrichten können. Ihr hättet mal die Blicke der Leute sehen sollen, die mir entgegen kamen. Herrlich! Es ist der Wahnsinn, dass so eine einfache Geste schon ausreicht, alle total aus dem Konzept zu bringen …

  20. Du mußt nur dazu noch vor Dich hin reden, wenn Du die Hand so ans Ohr legst… 🙂

  21. Das habe ich mir glatt kurz überlegt, aber das wäre schon wieder fast zu normal. Minihandys gibt es ja schon …

  22. Ich finde es toll, wie Du von Dir und Deinen Erlebnissen erzählst. Ich interessiere mich sehr für das Thema Hören (Lese Nada Brahma z.B.) und genieße dank Dir Einblicke in Deine persönliche Erlebniswelt zu bekommen. Danke!

  23. Bitteschön, freut mich, dass Du soviel damit anfangen kannst. 🙂
    Das Buch von Berendt hab ich auch noch auf der Leseliste…

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