Auf dem Weg zur Telefontauglichkeit — heute: Nonchalance und Ernst

Beim zweiten Mal wollte ich es besser machen. Nach langer Telefonabstinenz war ja mein erstes Telefon“gespräch“ mit dem elektrischen Ohr durchaus beglückenden Inhalts aber vor lauter Aufregung zu kurz gewesen. Den nächsten Marketinganruf, das hatte ich mir fest vorgenommen, würde ich besser nutzen!

Heute klingelte dann endlich wieder das Telefon. Nummer unbekannt. Ich nahm mit dem festen Vorsatz ab, ein längeres Gespräch zu führen. Egal wer es sei. Und da ich weiß, dass man nie eine zweite Chance für den ersten Eindruck erhält, legte ich direkt größtmöglichen Ausdruck in mein „Hallooo?“

Es musste gewirkt haben. Denn aus dem Hörer flötete es: „Oh, das freut mich aber, dass ich Sie erreiche, Herr Not quite, …“ — Zumindest glaube ich das. Denn selbst wenn es inzwischen einigermaßen klingt — flöten kann man es nun wirklich nicht nennen, was mir das CI da übers Telefon serviert. (Ich habe das Implantat jetzt drei Monate.)

Leider hatte ich vor lauter Aufregung vergessen, das Gerät auf Telefonspule zu stellen, und so verstand ich schon den nächsten Satz nicht. Ich spielte darum auf Zeit. „Ich habe verstanden, dass Sie sich freuen mit mir zu reden, aber leider nicht, wer Sie sind“, lächelte ich ins Telefon. Und fummelte dabei mit der freien Hand an meiner Fernbedienung herum.

Nachdem ich auch noch das Fenster geschlossen und die Dame dabei weiter hingehalten hatte, stellte sich heraus, dass sie sich für eine meiner Versicherungen interessierte. Ob der Abschluss damals einfach gewesen sei, ich noch etwas wünschte. Nein, nein, sagte ich, alles wunderbar. Ich verstand nicht alles, aber doch ziemlich viel. Und ich glaube, die Freude darüber muss sie mir angehört haben. Denn ich kann es mir nicht anders erklären, dass sie nach einer ganzen Weile äußerst nonchalanten Geplauders auf einmal perplex verstummte — als ich sagte, nein, man dürfe mich gerne per Brief über neue Angebote informieren, keinesfalls aber per Telefon! „Äh, okay“, sagte sie. Natürlich muss sie damit gerechnet haben, aber ich denke, der abrupte Stimmungsumschwung hat sie überrascht.

Trotzdem, mich hat’s erfreut. Und wenn ich telefonmäßig mal groß bin, dann führe ich so umwerfende Gespräche wie Frau N.!

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11 Antworten zu “Auf dem Weg zur Telefontauglichkeit — heute: Nonchalance und Ernst

  1. Weil du sagst, du musst auf Spule umstellen, schlussfolgere ich, du hältst den Hörer ans Ohr. Oder doch auf Lautsprechen? – Ich habe deinen Anfang nicht verfolgt – hast du zwei CIs oder nur in einem Ohr? – Hast du auch fürs Fernsehen ein spezielles technisches Gerät oder machst du das über Funkkopfhörer wie Schwerhörige wie ich?

  2. 1 CI+ 1 Hörgerät. Fürs Festnetztelefon bringen bei mir Hörer ans Ohr und Mikro UND T-Spule den klarsten Klang. Fernsehen guck ich gerade gar nicht, ich komm mit der Zeitgebundenheit der Programme nicht klar. .. 🙂

  3. Pia Butzky

    Oh, Bee-Beethoven, du hattest dein zweites Marketing-Telefonat? Toll. Ging doch wirklich glatt. Die Sache mit dem Fenster und der T-Stellung muss ich auch immer machen, vergesse das aber oft. Vor allem: Wasserkocher abstellen. Entweder Tee oder Telefon. Beides geht nicht.

    Meine Telefonate mit CI laufen so ab:

    „Pia Butzky“ (Hörer pur ans CI-Mikro, kraspelraschelkraspel)
    „Schnämdo hsadehgrfadu8 köfkerg“
    „Ähm, das habe ich nicht verstanden. WER ist da?“
    „Schnämdo gestern hsadehgrfadu8 sfgu Ihre köfkerg bduenkonep wollte ich sggsrbeomms bschnen.“
    „Ich bin grad nicht im Bilde. Haben wir schon mal miteinander gesprochen?“
    „Ja, ich hatte hsadeh grfaduds krengsdorlugn und wollte fragen, ob Sie hsdgrenwzr jfdtfuhh dienstag klasshernnester ompfiullen?“
    „Frau Suhrbier? Von der Hausverwaltung?“
    „Nein.“ (Viele viele schnelle Laute, dann Pause.)
    „Ach so, Herr Woltersdorf, oder? Wegen der Heizung? Ich habe das noch nicht verstanden. Sagen Sie bitte noch mal ganz langsam Ihren Namen.“
    „Müller.“
    „Heeerr Müller! Jetzt habe ich´s. Müller von Firma XYZ-Dingsbums, richtig. Sie rufen an wegen dem Seminartermin am nächsten Dienstag? Was wir gestern besprochen hatten? Jetzt verstehe ich! Das Konzept sende ich Ihnen noch vorher per Mail zu, bin gerade dran. Folgt in der nächsten Stunde.“
    „Prima, ashcbrnm kehjenb alles klar, vielen Dank. Kuergjgnzu shcneknm bis dahin henplehsg jdilk umsn.“
    „Ja, danke, Herr Müller, Ihnen auch ein schönes Wochenende!“

    Uff. Ja, ich telefoniere mit Fremden.

  4. Wow, Pia, laufen echt die Telefongespräche so bei dir ab und du telefonierst „trotzdem“? (Das meine ich keineswegs abwertend!) Bei mir dürfte es mit Fremden ähnlich sein und ich trau mich einfach nicht :-\
    Auf der Arbeit gibts ab und an auch mal Anrufe für mich… ich lass das immer von Kollegen übernehmen, aber manchmal denk ich, wenn ich denn wüsste, WER am Telefon wäre, dann würd ichs wohl auch meistern. Aber a) bin ich nicht allein im Raum (ist mir irgendwie peinlich dann, wenn ich xmal nachfragen müsste) und b) ichtraumicheinfachnicht *seufz*

  5. Hahaha, Pia, toll beschrieben! Aber — ich staune wie jojo. Weil die Gespräche bei mir so liefen wie du es da beschreibst, hab ich aufgehört zu telefonieren.
    Wobei ich zu meinem Bericht vielleicht noch hinzufügen sollte: So glatt wie sich das vielleicht liest, war’s nun auch wieder nicht. Der Vorteil mit den Marketinganrufen ist aber, dass völlig klar ist, dass die was von mir wollen, das entspannt mich auch beim dritten Mal nachfragen. Außerdem bemühen sie sich, freundlich und deutlich zu reden, das hilft. Und heute nachmittag hat nochmal wer angerufen, das ging aber gar nicht. Ich wußte nicht mal wer es war als ich schließlich aufgegeben hab. Bleibt also alles spannend… Ob sich das wohl je einigermaßen verläßlich einpendelt?

    Jojo, oja, das kenne ich. Vor Leuten ist mir das auch ganz furchtbar peinlich! Darum gehe ich zum Telefonieren auch immer raus, egal ob es nun akustisch wirklich nötig wäre oder nicht. Ich bin ein Fan von Telefonzellen. Mit Tür. 🙂

  6. Also alle (!) telefonberichte hier sind schön und anschaulichst beschrieben, auch der auf dem blog der dame ohne socken an den Füßen. 🙂

  7. Pia Butzky

    Jauh, es ist wirklich wesentlich, schon am Anfang irgendwie zu erfassen, WER überhaupt dran ist. Ich habe schon meine eigene Mutter gesiezt, weil ich sie nicht erkannte.

    Manche Leute verstehe ich wunderbar, einfach, weil die Leitung und die Stimme gut sind. Aber manchmal ist nur ein Schrammeln, Schnarren und Knirschen zu hören. Zwecklos. Ich sage dann, dass ich momentan in einem wichtigen Gespräch bin und bitte den Anrufer um eine kurze E-Mail mit Kontaktdaten und dem Anlass des Anrufs, damit ich mich zurück melden kann. Das klappt dann auch ganz gut. Sobald ich mit dem Anrufer auf der Mailschiene bin, kann ich besser steuern. Und einfach nachlesen …

    Aber Telefonieren bleibt immer ein Akt der Verzweiflung: Ich kann es nicht an Kollegen weiterschieben und muss einfach da durch.
    Selbst ist die Frau.

    Zu dumm auch, das ich kein Telefon mit Display habe! Und keine T-Schlinge, bzw. die nicht so gern einsetze, weil umständlich. Ich mache das ganz ohne Hilfsmittel: Hörer an CI und Luft anhalten. Sollte ich mal verbessern, meine Technik …

    Es gibt furchtbare Hänger bei Namensangaben, Zahlen, Buchstaben, Adressen. Ich bitte dann um Zeitlupe (nicht lauter sprechen!) und buchstabieren mit „Nordpol, Ida, Alfred …“ das geht dann sogar. Peinlich ist es natürlich auch, aber ich kann echt nichts dazu, dass meine Hörfaserchen im Innenohr hin sind. Also was soll´s? Dass ich schwerhörig bin, sage ich nur in Kombination mit der Anweisung, WIE jemand sprechen soll. (Meistens sage ich es nicht, keine Ahnung, warum.)

    Also, ca. 80% meiner Telefonate klappen. *freu* Und ein normalhörender Physiker hat mir gesagt, die Leitungen der Telefonanbieter würden heute so ausgelastet, dass die Sprachqualität sowieso gegenüber den letzten Jahrzehnten gesunken sei. Schlechte Verbindungen würden auch Normalhörende in die Knie zwingen. *Trost*

  8. Pia Butzky

    Liebe Leute:
    Also, lasst euch durch diese Hänger nicht davon abhalten zu Telefonieren, denn das übt übt übt. Man wird besser! Und traut sich mehr.

    Man kann sich auch für die Verständnis-Löcher eine Taktik überlegen, zum Beispiel sagen: „Ich verstehe Sie gerade nicht, also frage ich Sie jetzt ganz einfach und Sie antworten nur mit Ja oder Nein.“ Das geht nur dann, wenn man schon weiß, was der Inhalt des Gesprächs ist, aber zu viele Worte aus dem Hörer kommen. Der Informationsgehalt ist immer sehr viel kürzer als der Wortschwall:

    Anrufer: „Ich schaue gerade in meinen Kalender und möchte Ihnen den nächsten Dienstag, also den gleich nach Pfingsten, vorschlagen, wo wir alles Weitere zu XYZ mit Herrn Tatütatata besprechen können. Da habe ich noch nichts und bin flexibel. Ist Ihnen der Tag genehm?“ (Null verstanden.)
    Ich frage zurück: „WELCHEN Tag?“
    „Den Dienstag, da passt es am besten“
    (teils verstanden, aber unsicher)
    „Moment ich notiere: Wochentag … war jetzt welcher?“
    „Dienstag.“ (endlich verstanden!)
    „Gut, Dienstag. Das habe ich jetzt, OK. Können Sie mir kurz eine Mailbestätigung senden mit Ort- und Zeitangabe, dann klappt alles.“
    Geschafft. *schwitz*

    Viele Geräusche im Hörer, aber nur EIN einziges Wort ist als Info überhaupt wichtig. Bis man das hat, muss man die Anrufer dirigieren und ausbremsen, möglichst elegant. Da trickse ich: „Moment, ich notiere mir gerade.“ Und mache das auch echt, denn nach dem Telefonat habe ich den Inhalt vor Stress oft gleich vergessen. (anderes Thema)

    Oder ganz offen: Manchmal sage ich auch gleich, das ich nicht gut höre und nur langsame entspannte Sprache verstehe, also mit Lücke zwischen den einzelne Worten. Nicht hektisch oder laut sprechen. Nette Leute spielen mit und finden es sogar gut. (Hatte gerade just eben ein Telefonat mit Namenabgaben und Nummern, das ich voll verstanden habe. Sowas macht jeden Hänger wieder wett … ) *freu*

  9. @ Pia:
    Ich verstehe ja noch leidlich am Telefon, da mein linkes Ohr relativ gut. Aber ein Displaytelefon mit 200 Speicherplätzen ist die beste Hilfe – ich speichere jede überflüssigste Nummer, die evtl. zurückruft, um sie gleich zu erkennen.
    In der Arbeit ist doch so ein TElefon absolutes Muss.
    Aber meine 96jährige Mutter hat wenig Chancen am Telefon. Dass ich nicht lauter, sondern langsamer und deutlicher sprechen muss, habe ich schon kapiert. Noch irgendein Trick für die Sprechenden, damit die Hörenden was verstehen können? – Danke!
    Mit Gruß von Clara

  10. Smilla, 🙂

    Pia, hab vielen Dank für Deine Beschreibungen und Taktiktips! Du nimmst mir die Worte aus dem Mund 🙂 Übrigens, genauso wechselhaft ist es bei mir auch. Ich hab am Festnetztelefon leider auch kein Display, daher fast alles zum Handy ausgelagert. Und es wie Clara gemacht, alles gespeichert was irgendwie geht. 🙂
    Dass die Sprachqualität heut schlechter ist, das hab ich auch schon mehrfach gehört…

    Clara, vielleicht fällt ja jemand anderem noch ein Tip ein. Aber ich persönlich würde sagen (so wie ich eigentlich in der ganzen Taub im Job-Reihe argumentiere): Der wesentliche und viel wichtigere Trick ist, dass der Schwerhörige das Gespräch gestaltet. Pia hat dazu ja viel Wahres und Wertvolles geschrieben. Der Sprechende muss eigentlich nur guten Willen und Geduld zeigen und sich drauf einlassen.

  11. Pingback: Rechtzeitig zur letzten Ölung? Die Rückkehr zum Telefon | Not quite like Beethoven

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