Besser als angeklebte Etiketten: Postmodern Hören

my ability to hear depends a lot on what I’m listening to

Das sagt Kim und ich fand es extrem gut gesagt: Wie gut oder schlecht, viel oder wenig ich höre, hängt ganz davon ab wem oder was ich zuhöre. Das ist so ein Satz, der kommt ganz unauffällig daher. Doch je mehr man drüber nachdenkt, umso mehr entfaltet er sich.

Ich finde das eine wahnsinnig wichtige Wahrheit über Hörprobleme.  Es ist da ganz wie beim Reden über Behinderung:  Man muss eigentlich immer dazusagen, in Bezug worauf und in welchen Situationen. Alles andere sind nur verkürzte bis verfälschende Labels für Menschen. Es sind nur angeklebte Etiketten. Egal ob man so über andere spricht — oder über sich selbst.

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14 Antworten zu “Besser als angeklebte Etiketten: Postmodern Hören

  1. Pia Butzky

    Es ist sehr ermutigend und beeindruckend, wie selbstbewusst und progressiv ihr mit dem Hörverlust oder der Hörbehinderung umgeht. Ihr Blogger (ich hatte ja bis vor wenigen Wochen keine Ahnung, wie viele das persönliche Thema Hörprobleme im Internet angehen – nqlb, kim und andere … ) macht das einfach klasse, finde ich.

    Wie Behinderung aussieht oder womit man selbst konkret zu tun hat, ist eine ganz persönliche Sache.
    I n d i v i d u e l l.

    Allein schon, dass ihr euch äußert, das Thema in der eigenen Hand behaltet, macht was aus! Besser, als Texte über Behinderungen zu lesen, die von nichtbetroffenen Fachleuten mit spitzen Fingern geschrieben wurden. Oder devote Patientenberichte im Jammerton in Frauenzeitungen: „Mein furchtbares Schicksal“ *kopfschüttel*

    Als ich mein Gehör verlor, begann ich Anweisungen zu geben und nervige, zickige Menschen einfach zu ignorieren oder zu dominieren. Das hat was! Selbstbewusstsein, das möchte ich als persönliches Wachsen ganz sicher nicht missen. Ich warte nicht mehr passiv ab, was andere wohl meinen. Das tritt in den Hintergrund gegenüber dem, was ich BRAUCHE.

    Ob ich nun hörbehindert oder taub oder schwerhörig bin: Ja, je nach Situation wechselt das. Und wenn ich gut verstehe, bin auch mal hörend. *freu*

  2. Pia, und solche Kommentare erfreuen mich am meisten. Dankeschön! 🙂

    Deinen vorletzten Absatz finde ich übrigens ganz wunderbar. Ertaubung ist tatsächlich was zum dran wachsen oder kaputtgehen. Ich habe manchmal Sorge, zum überleben meine weiche Seite verlieren zu müssen.

  3. Pia Butzky

    “ … oder kaputtgehen. Ich habe manchmal Sorge, zum überleben meine weiche Seite verlieren zu müssen.“

    Ja, die Sorge habe ich auch. Ich möchte nicht plump oder grob sein. Aber das kann man auch ausbalancieren. Wir sind ja nicht taktlos oder abgestumpft. Sind wir nicht! Im schwerhörigen Alltag aber möchte ich nicht still leiden, sondern sage es, wenn etwas nicht passt oder besser: Wie ich es haben möchte.

    Ich habe noch mehr Angst davor, dass das Schlechthören mal gegen mich verwendet wird, als ein Nachteil, den Andere von oben herab bewerten. Schlimmer Gedanke.

    Die weiche Seite verlierst du (verliert man) nicht, solange man aussprechen kann, wie man empfindet – und solange man Andere aufmerksam wahrnimmt. Und das kannst du, Lebendiger-als-Beethoven, mach dir mal keine Sorgen. Frag deine Freunde …
    oder lies mal deinen Blog. 😉

  4. Der Meinung bin ich auch (also das mit dem wachsen/kaputtgehen). Das ist auch bei Leuten mit angeborener Schwerhörhigkeit so, als Teenager war ich nahe dran, den unschöneren Weg zu gehen. Ich habe mich total zurückgezogen, keine eigene Meinung gebildet und die anderen (wer auch immer die waren) alles entscheiden lassen, weil ich mich nicht vollwertig und somit nicht mitspracheberechtigt fühlte. Dass das ausgemachter Blödsinn ist, weiß ich inzwischen natürlich. Als Heranwachsender sieht die Welt jedoch ganz anders aus. Vor allem war mir auch das ganze Ausmaß meiner Schwerhörigkeit nicht bewusst, ich ging noch von einer leichten Schwerhörigkeit aus. Unter diesen Gesichtspunkten dachte ich oft, ich wäre zu blöd, die superintelligenten Gespräche meiner Mitmenschen zu verstehen. Dass diese in den seltsten Fällen wirklich intelligent waren, wurde mir erst viel Jahre später klar …

    Inzwischen kann ich darüber lachen. Und hoffen, dass die Ärzte Kinder inzwischen besser aufklären und ihnen auch sagen, was Sache ist. Mein Arzt hat eigentlich nie mit mir geredet, das war ihm zu anstrengend, weil ich ja nichts verstanden habe … Damals war es mir auch egal, heute würde ich mir das allerdings nicht mehr bieten lassen.

  5. „Ich habe noch mehr Angst davor, dass das Schlechthören mal gegen mich verwendet wird, als ein Nachteil, den Andere von oben herab bewerten. Schlimmer Gedanke.“

    Das tut natürlich sehr weh. Aber wer so arrogant/oberflächlich ist, der ist es eigentlich nicht wert, dass man sich davon verletzten lässt. Leicht gesagt, ich weiß. Ich habe ein bisschen Übung darin, sowas zu ignorieren, aber heftig wehtun kann es immer noch, vor allem, wenn ein Mensch, den man wirklich mag, so denkt.

  6. Pia, danke für das indirekte Kompliment. Nun gut, abgestumpft vielleicht nicht. Aber jedenfalls hat man weniger Geduld mit Leuten, die man für Jammerlappen hält.
    Ich bin, ehrlich gesagt, sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis mal jemand bei einer wirklich wichtigen Sache das Schlechthören gegen mich verwendet. Zu pessimistisch?

    Nikana, diese Minderwertigkeitskomplexe kommen mir bekannt vor. Sag mal, was hat denn bei dir den Umschwung veranlaßt? Kannst Du das an etwas festmachen?
    Und Du hast recht, das Problem (mit dem Verletzenlassen Zerstört Werden) ist ja gerade wenn einem was an den Leuten liegt. Aber gut, vielleicht wird man ja nicht abgestumpft sondern lernt nur zu differenzieren…

  7. Regenbogen

    Ich wünsch Euch jedenfalls, daß Euch das nicht passiert – daß das Schlechthören gegen Euch verwendet wird.

    Kann ich mir wohl vorstellen, daß man zwar versucht, sich da ein dickes Fell zuzulegen, daß das aber trotzdem ziemlich verletzen kann, wie ja Nikana auch schrieb.

    Da kommen vermutlich manche extrem fanatischen Ansichten von radikalen Deafies her – schätze ich mal, ohne darüber jetzt psychologisches Insiderwissen zu haben.
    Wenn einem ständig irgendwie vermittelt wird, blöd zu sein, kommt´s dann wohl irgendwann zu einer wütenden Trotzhaltung…..die dann leider auch die Falschen mit trifft. Und denen dann das auf die Leute zugehen recht anstrengend machen kann.

  8. Dieses auf die Leute zu gehen kostet viel Kraft und wenn dann absehbar ist, das die Mühe vergebens ist, bleibt noch weniger für die eigene Reserve. Dann ist das Jammern sehr schlimm und macht es sowieso nicht Besser.
    Wie tankt ihr Eure Reserven auf, ohne zu jammern oder dieses mal so tun als ob ? Nur schütteln hilft auch nicht weiter.
    Wie pflegt man dann ein normales Ego?

  9. Regenbogen

    kace – Deinem Gesamtposting nach entnehme ich, daß Du von dem Zugehen auf Hörende sprichst, das Gehörlose leisten müssen? Oder hab ich das jetzt falsch verstanden?

    Ich für meinen Teil meinte jedenfalls das Zugehen Hörender auf Gehörlose….
    Ich finde das durchaus schwierig und anstrengend, wenn einem das sehr schnell extrem böse angekreidet wird, wenn man irgendwas macht, was nicht der Norm bei den Gl entspricht (obwohl man ja als Hd. auch noch seine eigene Identität hat!) und wenn mitunter auf so absoluten Killefitt total überreagiert wird….

    Ist nicht so, daß ich nicht zumindest bei einigen verstehen könnte, wo´s herkommt. Klar, einige Är… gibt´s immer, die einfach gern für Stunk sorgen, aber ich denke, sehr oft kommen böse Bemerkungen auch aus Angst und aus einer verletzten Seele heraus.
    Es kostet nur eine unglaubliche Energie, sowas dann dauernd abzufangen, jedes Wort auf die Goldwaage legen zu müssen etc.

    (Ups. Ich glaube, ich sollte mich demnächst beim Wort zum Sonntag bewerben. Das war ja jetzt schon fast ne Predigt. gg)

  10. Regenbogen

    …anstrengend übrigens zumal, wenn umgekehrt nicht dieselbe Rücksicht genommen wird.
    Hab das ja in einem hier mal nicht näher genannten Gehörlosenforum erlebt…

    Eine Äußerung über Deutschkenntnisse bei Gehörlosen (und bei manchen konnte ich echt ums Verrecken nicht durchschauen, was die jetzt eigentlich sagen wollten), und es gab einen Riesenaufschrei, „Verrat“ und was weiß ich für nen Bohei.

    Zuvor irgendwelche Äußerungen a la „Christen sind Menschen, deren IQ nicht zu selbständigem Denken ausreicht“ – keine Sau widerspricht, kein Mod schaltet sich ein, nix. (Von noch ganz anderen Dingen mal ganz abgesehen.)

    Und dann noch mir unterstellen, ich könnte austeilen, aber nicht einstecken. (Da können sich, glaube ich, eine ganze Reihe Leute mal an die eigene Nase fassen. 😉 )

  11. Pia Butzky

    @ kace-68
    Kommt drauf an, was du mit vergeblicher Mühe meinst. Wenn man mit einer Person absolut nicht in „Tanzposition“ kommt, weil er/sie kein Talent für den Umgang mit Schwerhörgkeit hat: Person meiden.

    Oder offen aussprechen, dass du die Einhaltung der Grundbedingungen vermisst (siehe nqlbs Regeln). Stell eigene Regeln auf und teile sie den Leuten mit. Lächele dabei. Keiner kann etwas dazu (zur Hörbehinderung), alle sitzen im gleichen Boot. Niemand ist schuld.

    Wenn es dir mal richtig sch**** geht, weil alles einfach sch***anstrengend ist: Schimpfen, toben, fluchen, jammern, die Sau rauslassen!! Danach ist wieder gut, wirst sehen.

    (Das kennen Kameltreiber von ihrer Herde. Kein Witz! Auch das geduldigste Kamel bekommt nach Wochen in der Wüste einen Rappel und greift hochaggressiv die Treiber an. Diese schmeißen ihre Kleider in den Sand, damit das Kamel drauf herumtrampeln kann. Und danach ist wieder für Wochen Ruhe in der Herde.)

    Die Kombination aus Dampf ablassen und praktische Lösungen finden – ich denke, damit geht es. Und: Offen aussprechen, was los ist.

  12. Regenbogen

    Naja, nicht daß es so aussieht, als würde ich das Problem nur einseitig sehen:

    Ich kann mir auch vorstellen, daß es für Hörgeschädigte schwierig ist, auf Hörende zuzugehen.
    Da gibt´s bestimmt nicht nur schöne Erlebnisse, sondern auch daß jemand einfach weitergeht oder vielleicht sogar dumme Bemerkungen drückt.

  13. kace-68, ich glaube einer der wichtigsten Punkte um Kraft zu behalten ist wie Pia sagt: Aussichtslose Fälle und Kraftlöcher meiden bzw., auch wenn’s schwer, fällt aus dem Freundeskreis entfernen.
    Den Rest von Pia unterschreib ich auch. Wobei ich sagen würde: Noch besser ist, sich regelmäßig und anlassunabhängig zu verausgaben (ich gehe nicht erst und nicht nur dann boxen wenn ich sauer bin, sondern ständig) und zu meditieren.
    Und schließlich, zum „normalen Ego“ würde ich sagen: Konzentrier dich auf Deine Stärken. Probier aus denen was zu machen. Auf den Schwächen herumreiten oder versuchen sie auszugleichen kostet nur Kraft. Laß Dich auch von anderen nicht immer nur auf Deine Schwächen zurückführen sondern mache die Stärken zur Grundlage der Beziehung. (Also, blödes Beispiel, wenn Dir Briefmarkensammeln Spaß macht und Du da Ahnung hast, dann suche Dir Leute, mit denen Du darüber und anderes reden kannst.)

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