Der Spaziergang in die Harthörigkeit

Feeling brave? Orientierungslosigkeit, Scham und Langeweile gefällig? Dann wäre vielleicht ein kleiner Spaziergang in die Harthörigkeit etwas für Sie.

Da ich neulich davon gesprochen hatte, habe ich mal ein paar Berichte herausgesucht, in denen Menschen für einen Tag in die Schwerhörigkeit eingetaucht sind — oder jedenfalls ein paar Stunden, die meisten haben vorher aufgegeben. Wie ist es, auf einmal schwerhörig zu sein? Unter den Links versteckt sich jeweils der ganze Bericht (leider alle in Englisch):

It’s scary; I feel off-balance […]. It shocked me as to how people live like this. Everything was distorted and it suddenly made me appreciate the normal hearing I have. […] I felt lost and a little bit embarrassed when I had to ask her to repeat what she had said because I couldn’t hear her. (Leanne, At the Rim)

When I hear the footsteps of the letter carrier on my front path or the children pouring into the schoolyard across the street for recess, it helps me to track the passing of the hours. When I tip my laundry basket out, I expect to hear a “plop” sound when the contents hit the floor. This confirms for me where the room ends. I found it surprisingly disconcerting to be deprived of these clues that I usually take for granted. […] Many tasks that I take for granted — climbing steps, walking through traffic, cooking — required far more attention than I normally pay them. Multi-tasking was difficult and often impossible. (Judy, The Experiment, plus Kommentar von mog: judy’s experience.)

I was fine at home, in my environment, but I didn’t like that I was feeling so insecure as I moved about the city. I was okay in the car. It’s still my space, but I was on edge, constantly looking around to be sure I wasn’t missing something important, keeping an eye on lights and gauges lest I be indicating a turn I didn’t intend to take or red lights flashing in warning of an imminent engine explosion. Stress. (Rob, hard of hearing for a purple squishy day)

I find myself avoiding customers as I know I’ll struggle to hear them – […] I feel they would get annoyed if I ask them to repeat themselves. […] Outside the store noise is muffled although I know the city centre is busy and there are lots of people around, I’m aware of feeling isolated and cut off. (Stephanie, I volunteered)

Ich kann nur sehr empfehlen mal reinzulesen. Und die haben immerhin im Schnitt nur etwa 30db Hörverlust gehabt, also nur eine leichte, maximal mittelgradige Schwerhörigkeit.

Thanks, mog, for digging up those links!

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18 Antworten zu “Der Spaziergang in die Harthörigkeit

  1. Solche Selbstversuche finde ich ausgezeichnet. Ich treffe immer wieder Menschen, die mir zu erklären versuchen, dass Blindheit viel schlimmer als Taubheit sei. Ich möchte die Schwierigkeiten nicht unterschätzen, die Blindheit einem bereiten. Aber die meisten Menschen haben keine Ahnung, was es bedeutet, nicht (richtig) zu hören.

  2. CharlyBrown

    frau frogg hat gut beschrieben, was ich auch zum Thema denke.
    Vor über zwanzig Jahren habe ich in einem Artikel
    geschrieben:
    Hören ist für normal Hörende elbstverständlich,
    es gibt keine natürliche Situation wo ein
    Hörender nichts hört.
    Dagegen kennt jeder Mensch die Situation, in
    der Nacht oder im fensterlosen Keller nichts zu sehen.
    Für das Hören gibt es keine natürliche tägliche
    Änderung wie Tag und Nacht für das Sehen.
    Um Taubheit zu erfahren reicht es nicht, das ein
    hörender Mensch Watte in die Ohren stopft.
    Er/Sie ist dann allenfalls leicht bis mittel schwerhörig.
    (Um Blinheit zu erfahren reicht es , die Augen
    mit einem schwarzen Tuch berbinden.)
    Es gibt aber eine gute Möglichkeit für Hörende
    Taubheit zu erfahren:
    Den Ton am Fernseher ausschalten und dann
    ein bis zwei Stunden zuschauen.
    Länger als zwei Stunden hält kein Hörender
    das vor dem Fernseher aus.
    Auch Sendungen mit Untertitel ohne Ton
    sind für normal Hörende so stressig, das sie
    spätest nach zwei Stunden aufgeben.
    Klar, es gibt vermutlich einige Hörende, die
    mit viel Willenskraft so ein Experiment über
    mehr als einen Tag durchhalten.

    Ein grundsätzliches Problem ist:
    Auch recht viele Schwerhörige mit Hörgerät
    können oder wollen nicht verstehen, das es
    stocktaube Menschen gibt, denen keine Hörgeräte helfen und die darum ein Ci brauchen.

  3. Ich finde diese Art von Selbstversuch auch immer klasse; endlich mal welche, die sich mühen zu hören.
    Ich erklär meine Hörschädigung immer mit einem falsch eingestellten Radiosender. Das trifft es zwar auch nicht immer, hilft aber zu erklären, dass kaum nützt lauter zu reden. 😉

  4. Es gibt ja diesen Spruch, dass man sich letztlich einfach nichts vorstellen kann, das man nicht selbst erlebt hat.

  5. Das ist wohl wahr, dass mit dem selbsterlebten. Trotzdem ist so ein Versuch interessant, und ich hab ihn mal gemacht, im Rahmen eines Tontechnik-events. Und das war zwar viiel kürzer als ein Tag, aber erhellend.
    Sich orientierungslos und abgeschnitten zu fühlen waren nur ein paar Merkmale.
    Ich neige ja zum Rückzug, ich fands also auch entspannend, aber natürlich im bewusstsein die Wahl zu haben…
    Das ist ja dann wie Patentante sein..

  6. Pia Butzky

    „Harthörigkeit“ ist ja ein interessanter Begriff. Passt zur Hörverzerrung. Ich kenne einige Menschen, die eine Hörstörung im Sinne von Hyperakusis und Klangverzerrung plus Tinnitus in erheblicher Form haben. Die haben ganz andere Malessen, als einen relativ sanften Hörschwellenabsacker. Man stellt sich Schwerhörigkeit ja immer wie „leise hören“ vor, also eigentlich recht sanft. Der Begriff „harthörig“ trifft es ganz gut, wenn es um schmerzhaftes Hören und Verzerrung geht. Oder auch um nicht überdeckbaren Tinnitus, der bei Geräuschen mit anschwillt. Gibt es häufig.

    Das kann man aber nicht mal einen Tag lang probehalber testen. Und wer nicht behindert ist, muss durch Versuche nicht erst überprüfen, wie es denn nun sein könnte.

    Immer wieder gern gefragt: „Wie muss man sich das Taubsein denn so vorstellen?“ MUSS man nicht. Kann man auch nicht. Einfach mal zuhören und annehmen, was Betroffene schildern. Denn die sind die Experten auf dem Gebiet. (Also: Wir.)

  7. Regenbogen

    @Pia:
    Das ist mit der Frage aber vermutlich eigentlich gemeint – daß die gefragte Person das schildern soll. 😉

  8. Smilla, sowas macht man bei Tontechnikseminaren? Spannend. Aber unterschätze die Schwierigkeit des Patentantenseins nicht, eine Freundin erzählte mir gerade ihre Gewissensnöte weil ihr Patenkind eher anstrengend, seine Schwester dagegen äußerst einnehmend sei….

    Pia, harthörig find ich auch ganz gut. Man darf es nur nicht durch gar zu häufigen Gebrauch abnützen. Übrigens finde ich schon, dass solche Experimente einen guten Eindruck vermitteln. Man hört zwar noch mehr als taube, insofern ist es nicht gleich. Und natürlich ist es was anderes wenn man weiß, dass man’s wieder abstellen kann. Aber die Gefühle, die da hochkommen, die find ich sehr lehrreich.

  9. Pia Butzky

    @ regenbogen

    Ja klar. Hast recht. Ist ja auch nett gemeint, aber manchmal auch skeptisch. „Erst was ich kenne, glaube ich auch.“ So haben dann diese Eintagstester mehr Überzeugungskraft als die Leute, die das Ding (Schwerhörigkeit) dauerhaft an der Backe / am Ohr haben.

    Ich wüsste gern, wie es auf dem Mond ist. (Echt. Wirklich!) Schade, dass man das nicht mal stundenweise testen kann. Ach doch: Zumindest Schwerlosigkeit lässt sich ja simulieren. Ob ich wohl mal … ?

  10. Regenbogen

    @Pia:
    Ja, ich verstehe schon, was Du meinst.
    Gibt bestimmt auch Leute, die glauben, sie wüßten jetzt, was Blindsein ist, nur weil sie mal eine von diesen diversen Simulationsbrillen aufhatten (ganz blind, hochgradig sehbehindert, oder Tunnelblick bei Usher-Syndrom)….

    Was man aber mindestens (und bei Hörschädigungen noch viel weniger) nicht ganz erfassen kann, ist das alltägliche, ständige Leben damit.
    Denn bei Simulationen gleich welcher Art weiß man ja immer noch, „gleich ist das aber auch vorbei“….

    Der Mond?
    Och….die Landschaft wär mir zu öde. 😉
    Da geh ich lieber bei uns in der Umgebung walken….(komme gerade daher :-D)

  11. Ich weiß nicht ob Eintagstester mehr Überzeugungskraft haben, kommt sicher drauf an, bei wem. Aber ich finde die Beschreibungen recht eindrücklich. Da kommt schon was rüber. Und vielleicht können sie ja auch gute Beschreibungen anfertigen gerade weil sie nur reinschnuppern und nicht das Leben beschreiben, das sie auch führen müssen. Weniger Berührungs- und damit Beschreibungsängste sozusagen.

  12. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich es nicht, aber ich beobachte, wie ich bei meiner Mutter manchmal unwillkürlich irritiert reagiere wenn ich einen Satz wiederholen muss, und wie ausgeschlossen sie, die ehemalige Stimmungskanone, sich fühlt wenn mehr als zwei Leute im Raum gleichzeitig reden.

  13. Pia Butzky

    @ ilse aus minga

    Leider: Das Spaß-machen und einfach locker oder schlagfertig sein – ja, das geht verloren! Das ist echt schade! Wer ein geistreicher Mensch in Gesellschaft ist, verändert sich, sobald das Hören nachlässt. Hoffentlich kann deine/Ihre Mutter sich das in kleinem Kreis zurück erobern oder bewahren.

    Das heiter-anregende Ping-Pong in Gesprächsrunden geht leider nicht mehr, wenn man schwerhörig ist. Gemeinschaftsbildender Humor (alle Lachen spontan und gleichzeitig) ist für Schwerhörige ein Filter. Man bleibt draußen. (Hatte nqlb hier auch schon als Thema.)

    So isses. Leider.
    Und nichts ist ein schlimmerer Stimmungskiller, als Witze in Zeitlupe nacherzählt zu bekommen …

  14. Regenbogen

    Hmmmm….
    über sowas hatte ich noch gar nicht nachgedacht, aber klingt logisch, ja.

    Da hängt Ihr als Schwerhörige tatsächlich so ein bißchen und habt das Popokärtchen, oder?
    Schätze, DGS-ler können Witze besser erzählen, weil sie das flüssig in ihrer Sprache auf die Kette kriegen? (Freilich nur, wenn sie unter sich sind..klar)

  15. Allerdings, für Gruppen-Ping-Pong braucht man dann leider Tisch, Ball und Schläger. Auch mit CI. Gesellige Abendessen etwa — ein Horror!

    Ilse, schließe mich den guten Wünschen an, ich hoffe, Frau Mutter findet andere, auch befriedigende Austauschmöglichkeiten anstatt sich von dem was verloren ist zu sehr belasten zu lassen.

  16. Danke für das feedback, Pia und nqlb – zum Glück ist meine Mutter eine toughe Nuss und setzt sich, wenn nötig, auch mit lauten Interventionen durch. Aber es stimmt dass das Spontane, Schlagfertige eingeschränkt wird.

  17. Toughe Nüsse haben’s definitiv leichter mit Hörproblemen und im Leben überhaupt.
    Schwierig bis traurig ist ja eher bei denen, die nicht so sind/sein können.

  18. Pingback: die ennomane » Blog Archive » Links der Woche

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