Taub im Job, trotzdem erfolgreich, Tipp #11: Präsentation vor dem Kunden oder Auftraggeber

Es ist leicht, schwerhörig zu sein, solange alle lieb und nett sind. Schwer wird’s erst bei hohem Druck oder sogar Gegenwind. Zum Beispiel der Moment, in dem die Früchte tage-, vielleicht wochenlanger Arbeit präsentiert werden. In dem’s ums Geld oder den nächsten Auftrag geht.

Bloßes Vortragen-und-Schwitzen ist nichts dagegen: Es geht um was, es muss begeistert und überzeugt werden. Und nicht selten sind die, vor denen man da präsentiert, ziemlich hoch in der Hierarchie. Dazu noch ungeduldig, unverständig oder gar feindselig eingestellt, z.B. weil ihr Intimfeind den Auftrag in Auftrag gegeben hat oder ihm eins reingewürgt werden muss. Mehrfach nicht verstehen oder falsch Antworten kann hier tödlich sein.

Die Lösung — nichts Neues eigentlich: Versuche, vor Beginn der Präsentation Sitzordnung sowie Gegenstände und Möbel im Raum zu beeinflussen. Wenn Fragen gestellt werden, Analyse, Strategie oder Idee kritisiert werden — gehe zum Sprecher hin (aber stelle Dich nicht zu dicht vor sie, manche Leute mögen es nicht, nach oben zu sprechen).
Und, ganz wichtig: Wenn Du kannst, mach es nicht allein! Besprich Dich mit Deinem Team, dass sie helfen, falls es Probleme gibt. Kläre auch, ob bei Problemen der Vorgesetzte oder Teamkollege sofort einspringen soll oder erst einmal der Schwerhörige selber. Manche mögen’s so, manche so. Sonst passiert es schnell, dass man bemuttert wird. Oder sich bevormunden läßt und Verantwortung abwälzt.

Und was habt Ihr für Erfahrungen?

Zurück zur Übersicht: Taub im Job, trotzdem erfolgreich: 12 Tipps für Schwerhörige, ihre Kollegen, Chefs und Kunden

Advertisements

14 Antworten zu “Taub im Job, trotzdem erfolgreich, Tipp #11: Präsentation vor dem Kunden oder Auftraggeber

  1. Ich bin bisher immer gut damit gefahren, wenn ich im Vorfeld schon einiges an Informationen einholen konnte bzw. Missverständnisse klären konnte.
    Also vor dem Meeting das Konzept schon mal mailen (nicht die Präsentation!). Auch hilft es den Kommunikationsstress zu reduzieren, wenn man am Anfang sagt, dass Verständnis-Fragen sofort und Disskussionen im Anschluss stattfinden. Bei der Diskussion immer schön die FM oder Ähnliches einsetzen. Da überlegt sich so manche/r Guthörende 2 mal bevor sie/er ins Mikro spricht.
    Eigentlich sind die Tipps nicht sonderlich HG-spezifisch, aber ich denke HG müssen da noch mehr darauf pochen, dass der Rahmen stimmig ist.
    Übrigens, bei Miesepetern spiele ich meine Hg meistens voll aus. So bald es giftig wird, einfach mal ein: „Du, ich habe dich eben nicht verstanden. Ich lese von den Lippen ab, kannst du etwas deutlicher, nicht unbedingt lauter sprechen?“ 😉

  2. Beim Satz „Versuche, vor Beginn der Präsentation Sitzordnung sowie Gegenstände und Möbel im Raum zu beeinflussen“, musste ich erst mal ein bisschen schmunzeln. Das klingt ein bisschen wie Harry Potter 😉 Aber es zeigt im Grunde, dass man sehr viel mehr Umsicht auf Alltagssituationen verwenden muss. Bei mir ist es ja erst so, dass ist an Redaktionssitzungen mit dem guten Ohr Richtung Chef sitzen muss. Am Anfang fand ich sogar das eine Zumutung. Aber ich nehme an, wenn ich in der Berufswelt noch anderes lernen muss (zum Beispiel zaubern), um in der Berufswelt zu überleben, werde ich auch das tun.

  3. Wenn all das geht, Jens (Konzept mailen, FM+Mikro einsetzen, Schwerhörigkeit „kreativ“ einsetzen), ist natürlich gut. Ich hatte hier Situationen vor Augen in denen es eher nicht geht, z.B. die Präsentation einer teuer in Auftrag gegebenen Analyse und strategischen Empfehlung vor Geschäftsführern eines etwas größeren Unternehmens oder ebensolches vor Präsident und Abteilungsleitern eines Bundesinstitutes. Niemand dieser Leute hätte sich je die Zeit genommen, ein Konzept vorher zu lesen, sich dazu „herabgelassen“ in ein Mikro zu sprechen oder gar sich sich so Aufziehen/Abblitzen lassen. Klar, man muss nicht mit solchen Leuten arbeiten. Aber dann kriegt man eben nicht den Auftrag. Teilweise wollten sie auch die Ergebnisse der Analyse nicht hören und die Empfehlungen nicht akezptieren. Und wenn man nur mitarbeitet und nicht selber Chef, also fürs eigene Team entscheidungsfähig ist, ist es auch schwierig.

    Zaubern, frau frogg, das wäre in der Tat was. 🙂 Ansonsten, ja, man muss halt einfach versuchen, eine Umgebung zu schaffen, in der man gut arbeiten kann. Als Schwerhöriger eben mit ein bißchen mehr Umsicht, Kreativität und Durchsetzungsvermögen als andere.

  4. Pia Butzky

    Also, das passt ja jetzt mal wieder thematisch …!
    *staun*
    Habe heute ein Tagesseminar geleitet für ca. 15 Personen, die ich gern hören und verstehen wollte. Klar, als Seminarleiterin wäre es gut, auch gut zu hören. Ich bin aber taub, trage CI und noch dazu die blöde FM-Anlage.

    Zu Beginn stelle ich mich vor und erkläre, wie ich funktioniere (nettes Lachen im Raum). Dann geht das Mikro rum und die Leute stellen sich vor. (Mikro schnarrt, manche fuchteln damit herum). Mindestens 30 % der Leute verstehe ich kaum oder gar nicht.

    Also Tischordnung vorher als U aufgebaut, damit ich in den Kreis reingehen kann und hin zu dem/der Sprechenden. (Ist ja wirklich lustig, Showmaster-Beethoven, dass du das auch vorbereitest.)

    Leise Schuhsohlen, keine raschelnden Blusenstoffe, keine schicke Klimperkette ummachen, keinen großen Ohrringe, wenn die FM-Anlage am Kragen baumelt. Eitel darf man nicht sein als Schwerhörige … naja, eitel schon, aber leise.

    Es lief heute ganz gut, aber ich weiß nicht, inwieweit ich Leute ungewollt ausbremse, die sich vielleicht mehr austauschen, mehr erzählen würden, wenn ich sie gut hören könnte. Oder aber ich würde viel stärker dirigieren und ausbremsen, wenn ich mir sicherer wäre, da vergaloppiert sich gerade jemand. Tscha, difficult.

    Jetzt ist das aber noch was anderes, als wenn man gegen Widerstand anpräsentiert (den kann auch ein Guthörender nur mit Charme und Gelassenheit brechen). Auf keinen Fall in offene Messer rennen – und eines verlange ich von euch allen mit Hörminderung (versprecht es mir hoch und heilig): Lasst es niemals zu, dass auch nur einer es gegen euch verwendet in solchen öffentlichen Situationen. Die Hörbehinderung darf nicht bespöttelt oder bekrittelt werden. Wer sowas macht, dem erkläre ich im Einzelnen ganz genau, was nachteilig daran ist. Ich erkläre ruhig, geduldig, freundlich entspannt, gründlich … und das dauert lange. Es dauert so lange, bis ich das Gefühl habe, jetzt habe ich alles Wichtige gesagt. Das dauert. Danach macht es niemand mehr falsch.

  5. Pia Butzky

    @nqlb: „Kläre auch, ob bei Problemen der Vorgesetzte oder Teamkollege sofort einspringen soll oder erst einmal der Schwerhörige selber. Manche mögen’s so, manche so. Sonst passiert es schnell, dass man bemuttert wird …“

    Exakt! Souffleusendienste mit Kollegen vereinbaren, aber auch unterbinden, dass der Kollege die Kommunikation komplett übernimmt. Habe ich auch schon erlebt: Die Person neben mir sollte für mich nur die Frage wiederholen, die von ganz weit hinten kam, begann aber einfach selbst zu antworten. Und ich saß da und war draußen.

    Nicht machen!

  6. Das ist ja wirklich ein Zufall, Pia. Darf ich bei der Gelegeneheit auch mal sagen, dass ich es toll finde, wie Du’s machst?
    „Gegen Widerstand anpräsentieren“ — sehr schön gesagt. Ich würde dabei aber außer Charme und Gelassenheit nochmal auf die Vorbereitung und Absprache im Team hinweisen. Das hilft. Und ist wichtig. Finde ich zumindest. (Oh! Hatte Deinen zweiten Kommentar noch nicht gesehen!)

    Achja, und: Ich versprech’s Dir. 🙂

  7. Pia Butzky

    (Himmel, bis ich das Thema so geblickt habe, das dauert auch immer lange:)

    ELEFANTENRUNDE?! Richtige große Tiere? Keine Experimente! Da muss das Team ran und Schlaglöcher ausfüllen. Elefanten in ganz hohen Positionen sind humorfrei und erwarten „Funktionen“. Sie erwarten mit Recht, dass sie nicht dein (Hör)-Problem lösen müssen – und das ist noch nicht mal arrogant. Ganz im Gegenteil, Sportsman-Beethoven, denn das führt dazu, dass du dich mit deinem Team perfektionieren und einspielen musst wie eine Mannschaft. Inklusive Hören.

    Interessant!

  8. Sag ich doch 🙂

    (Aber nächstes Mal schreib ich’s gleich deutlich in den Blogeintrag rein.)

    Mal wieder so eine Gelegenheit wo mein Eintrag ohne Eure Kommentare nix wäre!

  9. Pia Butzky

    Huch, wir schreiben hier gerade gleichzeitig, Paralleluniversum-Beethoven. 🙂

    Aber hör mal: Was du dich traust, ist grandios. Was würde ich schwitzen bei sowas Großem! Würde ich mir niiiee zutrauen …

  10. also wenn ich hier mal als ‚hörende‘ was zu Thema sagen darf; was ich hier beschrieben finde kenn ich, auf anderer ebene, auch sehr gut. Vor wichtigen Situationen bei der Arbeit überlege ich mir oft einen plan der mir in schwierigen momenten weiterhelfen kann. Ich spreche zum beispiel schon vorher genau mit meiner assistentin ab was sie tun soll/kann um mich zu unterstützen, ohne dass es andere mitbekommen.
    das geht manchmal sehr weit und ist filigran im voraus gedacht, aber da ich in der regel auch mit eher schwierigen, egozentrischen charakteren zu tun habe ist es leichter sich so einen raum für die arbeit zu ermöglichen die einem selbst sicherheit gibt.
    Die Alternative wäre ein gestähltes selbstbewusstsein…

  11. Nein, Pia. Nach allem was ich hier von Dir lese, glaube ich, Du würdest es einfach tun, wenn es denn anstünde. Ansonsten, geschwitzt hab ich auch — und ich war auch nur bei einem der beiden Beispiele selbst in der Pflicht.

    Smilla, aber sicher darfst Du was sagen, ich bitte darum. Freue mich immer wenn das hier nicht nur Betroffenenkommunikation bleibt. Außerdem hast Du ja Recht. Und gerade der Punkt, dass viele der Tips gar nicht so hörbehindertenspezifisch sind (oder sein müssen), sondern allgemein zu ertragreichem/zielorientiertem Arbeiten beitragen, macht sie durchsetzbar. Also jedenfalls stelle ich das immer heraus, wenn ich versuche etwas durchzusetzen.

  12. Pia Butzky

    @ smilla: „Die Alternative wäre ein gestähltes Selbstbewusstsein…“

    Oder eine sehr geschickte und offene Umgangsform, und Klugheit in der Einschätzung des Gegenübers. Mit Härte ist ja oft weniger zu erreichen, als mit Taktik.

    Rhetorische Stärke. Bloss: Genau da ist man empfindlich eingeschränkt, wenn man schlecht hört. Leider.

    Aber, weisst du, Beethoven, ich habe gerade eine selbstständige und clevere Frau kennen gelernt, die aufgrund eines Unfalls sprachbehindert ist. Wir kamen trotz des problematischen Sprachverstehens sehr gut miteinander aus, weil wir unsere Situation beiderseits verstanden haben.

    Diese berufstätige Frau ist am Telefon ebenfalls stark beeinträchtigt, erst recht natürlich bei Vorträgen und Diskussionen. Mehr noch als ein hörbehinderter Mensch mit rhetorischer Stärke. Das gab mir doch sehr zu denken …

  13. Das ist ermutigend. Das Klischee wäre ja: Eine kann nicht richtig reden, eine nicht richtig hören — das kann ja heiter werden!

  14. Pia Butzky

    … ist auch heiter. Wir lachen öfter und finden uns beiderseits sehr nett. Und verstehen uns kaum. Soll´s ja auch mal geben. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s