„Aber, Du wirst für immer zwischen den Welten bleiben!“ — Deutungsmuster und mein Leben mit Cochlea Implantat

„Aber“, sagte sie und sah mit mich aufgerissenen Augen an, „Du wirst für immer zwischen den Welten bleiben!“ Das war vor nicht ganz einem Jahr, als ich mich schon fast entschlossen hatte, mir ein elektrisches Ohr, ein sogenanntes Cochlea Implantat (CI)  implantieren zu lassen. Noch zögerte ich, doch dieser Freundin hatte ich davon berichtet. Sie war besorgt:

„Du wirst nie etwas ganz sein. Weder bei den Gehörlosen zuhaus, noch bei den Hörenden.“

An diese kleine Geschichte musste ich bei der Diskussion denken, die sich gerade ab hier in den Kommentaren zu einem ganz anderen Thema ergeben hat. Wir haben uns dort mit den Benennungen herumgeschlagen — was ist gehörlos, was ist taub? Kann sich jemand mit CI noch gehörlos nennen? Und ich denke, es ist weder Zufall, dass wir uns nicht einig werden konnten. Noch dass sich das Ganze am CI entzündete.

In der Tat, das Leben mit CI ist ein ständiger kleiner Grenzverkehr — ja, meine Freundin hatte Recht mit ihrer Einschätzung. Aber mir hatte auch nie jemand etwas anderes versprochen. Ich habe mich wirklich viel umgehört, bevor ich mich für ein CI entschieden habe. Kein Arzt, kein Wissenschaftler und kein CI-Träger hat mir je gesagt, ich würde mit dem Implantat normal hören. Keiner hat je behauptet, er könne mich reparieren. Die Unterstellung, ein CI sei eine Reparatur, etwas das aus „kaputt“ wieder „ganz“, aus „schwarz“ „weiß“ mache, kenne ich persönlich nur aus einer ganz anderen Richtung. Nämlich aus dem Vorwurf, ich würde mich mit der Operation „den Normalos“ anpassen. Mich dem unterwerfen, was „die Gesellschaft“ will. Und zeige damit entweder meine eigene Unreife oder mache mich zwangsläufig unglücklich. Weil die Reparatur eben nicht funktioniere (was aber, wie gesagt, zumindest mir gegenüber auch niemand behauptet hatte.)

Es ist halt so: CIs produzieren ganz systematisch Menschen, die weder richtig gehörlos noch richtig hörend sind. Sind sie eine Minderheit unter den Hörenden, also im Hören behinderte Hörende? Oder eine Minderheit unter den Gehörlosen, also durchs Hören behinderte Gehörlose?

Ich würde sagen: Weder noch. CIs bringen unsere gängigen Deutungsmuster durcheinander. Mit den alten Mitteln ist keine eindeutige Kategorisierung möglich. Und obwohl ich es selbst auch immer so nenne — „schwerhörig“ ist doch im Grunde auch nur so eine Hilfskonstruktion, mit der man einigermaßen durch den Alltag kommt. Das sieht man, finde ich, schon daran, dass keiner so recht sagen kann, was eigentlich das Gegenteil von schwerhörig sein soll.
Außerdem suggeriert „schwerhörig“ eine Gleichförmigkeit, die gar nicht da ist. Nur mit angelegter Technik bin ich schwerhörig, ohne bin ich taub. Ersteres bin ich bis zu 18 Stunden am Tag, das andere oft etwa neun. Manchmal, wenn mir danach ist, aber auch tagelang. Was bin ich also? Fünfachtelschwerhörig?

Ich glaube, was  unsere kleine Diskussion in den Kommentaren mal wieder zeigte war: CIs bringen eine nicht stillzustellende Unruhe in unsere gängigen Deutungsmuster. Sie produzieren etwas Drittes, weder schwarz noch weiß. Wer’s theoretisch mag — es ist im Grunde genau das, was schon vor 20 Jahren Donna Haraway in ihrem Cyborg Manifesto geschrieben hat: Cyborgs, Techno-Menschen, unterlaufen die alten Kategorien.

Damit sind sie aber erstmal auch von Anpassung an eine „Normalität“, von Unterwerfung unter „die Gesellschaft“ weit weg. Haraway glaubte sogar, dass durch Cyborgs etablierte Denkweisen in Bewegung kommen und politisch neue Möglichkeiten eröffnet werden. Weil die bisherigen Strukturen auf sie nicht passen, ja weil sie in diese Veränderungsdruck hineinbringen. Dieses Moment der Ironie und Befreiung versuchte Haraway mit ihrem Text herauszuarbeiten. Das mag ein bißchen optimistisch sein, aber jedenfalls: Weil die alten Kategorien keine Pilze, sondern Menschen und Lebensentwürfe bezeichnen, wird dadurch auch Identitätsbildung zum Problem: Was sind Menschen mit elektrischem Ohren, wenn sie denn weder hörend noch gehörlos sind? Wo gehöre ich hin, wenn ich ein CI im Kopf habe?

Doch schon letztes Jahr, als meine Freundin mich so besorgt anschaute, war ich zwar von der Rhetorik ein bißchen beunruhigt — wer möchte schon kein Zuhause haben? — fühlte mich aber gleichzeitig merkwürdig unangesprochen von diesem Sortierproblem. Ein Grenzgänger war ich ja schon immer gewesen. Wirklich normal gehört hatte ich nie. Aber bis vor etwa zwei Jahren kannte ich auch das nicht, was man medizinisch Taubheit nennt. Lange bevor ich Not quite like Beethoven wurde, war ich schon nicht ganz. Daran hat auch das CI nichts geändert. Es macht es nur deutlicher sichtbar.

Und darum gab ich der besorgten Freundin schon damals die — wie ich heute weiß — richtige Antwort: „Mein Zuhause, das muss ich mir sowieso selber suchen seit ich bei meinen Eltern ausgezogen bin. Das kann man mir eh nicht zuteilen.“

[Übrigens, wer sich für Kulturgeschichte und die Cyborg-Thematik interessiert, schaue mal hier rein: Menschliche Cyborgs und reflexive Moderne (pdf).]

26 Antworten zu “„Aber, Du wirst für immer zwischen den Welten bleiben!“ — Deutungsmuster und mein Leben mit Cochlea Implantat

  1. „Ein Grenzgänger war ich ja schon immer gewesen. Wirklich normal gehört hatte ich nie.“
    Das war gleich mein erster Gedanke und damit hat sich diese Diskussion für mich auch irgendwie erledigt und ich hab den Rest, den du geschrieben hast, nur überflogen😉 Relevant wird die Frage für mich nur dann, wenn ich bereit bin, WIRKLICH gehörlos (und damit rede ich jetzt von der Kultur der Gehörlosen) zu werden.
    Ich finde solche Bemerkungen auch irgendwie unfair. Man definiert sich doch nicht nur über das Hören? So elementar das Hören auch sein mag, wenn ich an mich selbst denke kommen mir noch tausend andere, mich ebenso stark definierende Eigenschaften in den Kopf und das Hören ist nicht mal die erste.

  2. Ich bin eh mehr so der Typ Einzelgänger, insofern finde ich zu solchen Konzepten vielleicht keinen besonders guten Zugang, aber für mich ist das ein klarer Fall. Wenn jemand nicht mit mir klarkommt, weil ich nicht so bin wie er (oder sie), dann ist das nicht mein Problem.

  3. CharlyBrown

    In der sogenannten Gehörlosenkultur haben nicht alle dieselbe „Identität“.
    Der Hörstatus ist unterschiedlich.
    Schon vor der Zeit des CI hatten fast die Hälfte der jüngeren Gehörlosen ein Hörgerät, sind also
    eigentlich Schwerhörige.
    Weil Lautspracgverstehen für diese schwerhörigen Gehörlosen mehr oder weniger mühsam ist, verwenden sie untereinander die
    Gebärdensprache zusammen mit deutlichem Mundbild (zwecks Lippenlesen).
    Leider haben einige dieser schwerhörigen Gl
    vor Jahren besonders schlimm gegen CI polemisiert.
    Inzwischen sind junge CI-TrägerInnen in der
    Gl-Kultur, bzw in Gl-Sportvereinen.
    Nur noch eine Minderheit „harter Deafy“ lehnt
    CI-TrägerInnen als „nicht zur Gl-Kultur passend“ ab.
    „Identität als Gehörloser“ gibt es eigentlich
    ebenso wenig wie „die Gesellschaft“.
    Jeder Gehörlose ist erstmal ein individueller
    Mensch, genauso unterschiedlich wie Hörende.
    Die Mehrheit der Gl lebt und arbeitet in einer
    hörenden Umgebung. Identität haben diese Gl
    aus ihrem Beruf oder sonstigen Eigenschaften,
    Hobbys usw.
    Jeder Insider weis, die Gl mit Hörgeräten haben
    allgemein bessere Chancen im Arbeitsleben.
    Aus diesem Grund gönnen manche gehörlose Eltern ihren tauben Kindern ein CI wenn Hörgeräte nichts nutzen.
    Also grundsätzlich:
    Taube Menschen (oder Eltern tauber Kinder)
    müssen die Entscheidung für CI nicht rechtfertigen.
    „Schlecht hören“ mit CI ist besser
    als stocktaub durchs Leben wandern.

    unterschiedlicher

  4. Ein wenig haben dieses Problem auch schon die anderen, die einfach nur schwer hören, aber kein CI tragen. Ich weiß manchmal auch schon nicht mehr, wo ich mir mein Zuhause suchen soll, da das alte (hörend) nach so langen Jahren in vielen Situationen unbewohnbar geworden ist.

  5. Schwierige Frage …

    Kann es eigentlich eine Grenzgänger-Identität geben oder ist das ein Widerspruch in sich?
    (Mehr dazu später – hab‘ grad Stress)

    @nqlb: der Link zu : „Menschliche Cyborgs und reflexive Moderne (pdf)“ funktioniert leider nicht. Mich würde das aber interessieren, kannst Du das reparieren?

  6. Warum nur, Emmi, dachte ich mir schon, dass Du mit dem ganzen Gedöns nix anfangen kannst? ^^

    Wobei, Emmi und Muriel, die Frage der Freundin nicht bös gemeint sondern einfach nur echt besorgt war. Auch wenn es vielleicht ein bißchen unbedacht war und stereotypes Denken über Behinderungen zeigt.

    Charly Brown, danke für die Erläuterung, die fügt dem Eintrag nochmal was hinzu. Übrigens, das ist (nicht nur, aber auch) genau das was oben gemeint ist, die Bewegung, die Technik in die Kultur bringt. Fängt schon mit dem Hörgerät an, wird vom CI aber auf die Spitze getrieben.

    Himmelhoch, ja genau, Veränderungen im Hören, egal welcher Art, schlagen leider stark aufs gewohnte Leben durch.

    frauke, klar kann es das. Streng genommen sind ja auch scheinbar klare Identitäten solche, die von ein paar Grenzgängen absehen, streng genommen sind alles „lebbare Fiktionen“. Ist halt nur die Frage ob man (für sich und andere) einen Begriff dafür findet und (für sich oder durch andere) nicht von den dadurch verdeckten Unruhen zerrissen wird (so ähnlich wie Charly Brown das oben für das Beispiel der „Gehörlosen“ beschreibt). Ob eine Identität lebbar war, weiß man erst hinterher. Und nicht alle sind darüber einer Meinung.
    Link müsste jetzt funktionieren.

  7. Pia Butzky

    „Lange bevor ich Not quite like Beethoven wurde, war ich schon nicht ganz.“

    Eben. Es ist doch das kaputte Ohr, das einen von den Hörenden trennt, nicht die Technik, die man zur Verbesserung verwendet.

    Wohin man gehört, erklärt Marianne Rosenberg: „Er gehört zu mir, wie der Name an der Tür.“ Ausserdem gehörst du zu den Tischtennisspielern, wenn du Tischtennis spielst. Wenn nicht, dann nicht.

    Immer die gehören zusammen, die eine gemeinsame Sprache sprechen. Die Nummer mit der Definition von Schwerhörigkeit (und Einteilung in Zugehörigkeiten) ist doch nur wichtig auf der Trennlinie der Gebärdensprachler ODER Lautsprachler, denn die gemeinsame Verständigung bestimmt diese Zuordnungen. Wer gebärdet und ergo höchstgradig schwerhörig bzw. taub ist, hat andere Freunde, andere Medien und Kommunikationswege, als die Lautsprachler.

    Pragmatische Realität:
    Ein gehörloser Gebärdender und ein gehörloser Lautsprachler können einfach nicht kommunizieren. Ein Schwerhöriger und ein Hörender können kommunizieren.

    Wer keine Lautsprache versteht und nicht gebärdet, hat echt ein Problem (Ertaubte).
    Wichtig ist nicht das Hörvermögen sondern die Kommunikationsform = Sprache, der ich mich zuwende. Die bestimmt die Zugehörigkeit. Und Marianne Rosenberg.

  8. Pia Butzky

    @ frauke

    Na ja, die Grenzgänger wären wohl die Leute, die sowohl Gebärdensprache können als auch ausreichend Lautsprache (evtl. mit Lippenabsehen) erfassen können.

    Wer mit CI mehr Lautsprache erfassen kann, aber vorher schon mit Gebärden vertraut war, wäre so ein Grenzgänger. Ich kenne einen Jugendlichen, bei dem das so ist und der seinen Freundeskreis teilen muss, weil die Kommunikationsform (Sprache) nicht zusammen passt.

  9. Mal wieder mal: Danke für diesen tollen Text. Warum nur entzündet sich das ganze am CI? Mit Hörgeräten ist die Lage kein Bisschen anders. Ich bin ja genauso „gehörlos“ im Sinne von völliger Stille, sobald ich keine Hörgeräte trage. Zur Deafy-Kultur hatte ich nie Zugang. Gebärden kann ich bis heute nicht. Emotional fühle ich mich als (schwer) Hörender mit dem praktischen Extra-Feature, das Gehör ausknipsen zu können. Ein Cyborg bin ich auch. Meine künstliche Verlängerung ist aber nicht das Hörgerät, sondern das Internet.

  10. mhmm ich würde sagen wir sind die Farbkleckse im Schwarz-Weiß Fernseher… Was sind schon Grenzen?! Viele wissen doch schon gar nicht wo ihre Grenzen liegen.. weil sie es nie wagen darüber hinweg zu schauen. Ich war schon immer ein Mensch, der alles hinterfragte,… schon lange vor meiner Schwerhörigkeit – war nie der Mensch, der nur eine schwarz-weiß-Denkweise hatte. Ich muss aber zugeben, das hat sich durch mein schlechtes Gehör immer noch mehr vertieft… wir müssen eh sehr multitasting Denken. Das Gesprochene entcodieren, Lippenlesen, die Gestiken analysieren… das ist kein schwarz-weiß-denken mehr… wir müssen eh erstmal puzzeln.. also hinterfragen wir schon ganz automatisch, ob das was man „hörte“ auch wirklich das sein kann, was gesagt wurde.

    Mit einem CI wagt man sich ein Stück über die Grenze… (bei mir ist es nächste Woche soweit) ich würde aber niemals sagen, dass ich das mache „was die Gesellschaft will“. Ich mache eigentlich grundsätzlich mal das, was ich will😉 Und mit einem CI … mhmm ich würde es so definieren… man ist taub, aber kann durch Technik etwas hören… un dabei muss eigentlich auch klar sein, dass Technik niemals das eigene gesunde gehör ersetzen kann. Wieso aber heisst es dann man macht was die Gesellschaft will?!? Die Gesellschaft will dass ich normal bin?? das war ich noch nie.. nichtmal mit guten gehör…. heisst es etwa mit CI würde ich versuchen mich anzupassen?? mhmm war noch nie mein Fall.. so habe ich da auch nie drüber nachgedacht.. ich denke ein CI gibt mir einfach Chancen.. und sagen wir mal ehrlich normalhörende wissen kaum was bei so einer Entscheidung dahintersteckt… ich glaube für mich ist es einfach eine Chance… ich habe nach un nach immer mehr das Gefühl dass ich in ein viel zu klein geratenes Glasbehälter stecke… zwar anwesend oft.. aber nicht wirklich dabei… ich seh alles, aber bin nicht wirklich mitten im Geschehen. Mit dem CI erhoffe ich mir da schon etwas Besserung… aber nicht weil ich mich anpassen will.. sondern eher weil ich mich entfalten will… raus aus dem Glasbehälter un iwie wieder etwas freier werden… selbstständiger, selbstbewusster,… ich denke würde ich anders handeln, würde ich mich doch vor meinen Problemen verkriechen… ein CI ist keine Lösung eines „Problems“ sondern eine Intiative, eine Möglichkeit… und das macht man für sich… und für niemand anderen.

  11. @ Nanelie: Wie, nächste Woche soweit?! Dein CI? Operation oder Anpassung? Drücke dir die Daumen! Ich habe auch ein CI und finde es gut.

    „Die Gesellschaft“ (die es ja – mal ganz unter uns – in Wirklichkeit nicht gibt) erwartet von mir sicher auch, dass ich mich ausreichend ernähre. Tja, esse ich nun, weil ich Hunger habe oder weil „die Gesellschaft“ (die nur ein Sprachkonstrukt ist) es so will? Lustig, das mit der „Gesellschaft“ …

    Das hörende Menschen in meiner Umgebung gern möchten, dass ich sie lautsprachlich verstehe, das halte ich für echt nett. Bin ich denen also nicht egal. (Aber ich war die meiste Zeit meines Lebens superguthörend und gehöre eben einfach zu denen. Da beisst die Maus kein´ Faden ab.)

  12. Ich fühle mich auch als Wanderin zwischen Welten. Ich habe das Gefühl, dass diese Lebensform stark im Kommen ist. Die alten Kategorien funktionieren nicht mehr uneingeschränkt und ich bin schon gespannt auf die neuen. Seien es nun Cyborgs oder Klone oder einfach nur Menschen mit freien Geistern.😉
    EyeITs Kommentar hat mich an Pfingsten auch in eine ähnliche Gedankenrichtung gelenkt. Spannend, nqlb, dass wir da ähnliche Assoziationen hatten zu grundverschiedenen Themenstellungen.

  13. Pia Butzky

    Ob man jetzt gleich als ganzer Mensch die Identität verändert, weil auf einem winzigen Streckchen von wenigen Millimetern im Ohr künstliche elektrische Impulse an den Hörnerv gehen, die ansonsten von Fasern und Zellen verursacht werden: Mmmh.

    Mir misshagt diese Cyborg-Thematik deshalb, weil mechanische Funktionen längst nicht so wichtig sind, wohl aber soziale Funktionen. Wie bin ich als Mensch in Interaktion, im Gespräch? WER bin ich, wenn ich schlecht höre? Mit wem kann ich kommunizieren, wessen Sprache spreche ich und wer spricht meine Sprache? Trennt mich das Verstehen von anderen? Mit wem verbindet mich das Verstehen?
    Darum geht es eher.

    Kein „Einsortieren“, sondern Verknüpfungen mit anderen, mit denen Verständigung möglich ist (… und eben auch unmöglich ist).

  14. Die Identität verändert man vielleicht nicht, aber anscheinend wechselt man auch hier gesellschaftliche Rollen. Und das sind manchmal gleich ganz verschiedene Welten, in denen man sich bewegt. So habe ich es jedenfalls verstanden.

  15. Pia, jau, Pragmatik statt Identitätspolitik, Interagieren statt Einsortieren — im Grunde und vor allem im Alltag oder im Umgang mit Leuten sehe ich das genauso. Nur finde ich die Technik-und-kultureller-Wandel-Thematik trotzdem interessant. Wenn die „bloße“ Kommunikationsfähigkeit gesichert ist, fängt’s ja mitunter erst an, richtig interessant zu werden. Oder es kracht erst richtig😉

    Enno, bitteschön🙂 Die Sache mit dem Internet-Cyborg (sozusagen „schriftlich Leben“) finde ich auch interessant. Vor kurzem habe ich mich mit einem anderen Schwerhörigen unterhalten, der mehr Einblick in die „Szene“ (also HG-Schulen etc) hat als ich und der meinte, dass das eigentlich überraschend immer noch selten ist. Die Mehrheit sei immer noch mehr auf face-to-face fixiert.

    Nanelie, ich würde mal ganz böse sagen: Auch Schwerhörigkeit schützt vor schwarz-weiß-Denke nicht.😉 Wenn Du die nicht hast, liegt das eher an Dir, nicht an der Schwerhörigkeit. Das CI als „Initiative“ nicht als „Lösung“, das finde ich gut! Allerdings gibt es wohl auch viele Menschen, die’s nicht nur für sich machen, sondern (auch) für andere. Ihre Kinder zum Beispiel oder ihre Enkel. Weil sie die verstehen wollen.
    Und außerdem: Was Du gerade beschreibst, Deine Gefühle und Hoffnungen, sind meinen von vor der OP sehr ähnlich. Ich wünsche Dir alles Gute und viel Erfolg!

    Arlena, also als Sozialwissenschaftler muss ich natürlich widersprechen und sagen: Selbstverständlich gibt es die Gesellschaft!🙂 Nur ist sie nicht so simpel wie sie oft dargestellt wird…

    Janice, also wie ich oben schon zu Himmelhoch gesagt habe: Ich denke, dass jede Veränderung des Hörstatus (ob nun von normal zu schwer oder von taub zu CI) einen dazu zwingt, seine Identität, sein Selbstbild, anzupassen. Oder das zumindest zu versuchen.

  16. Praktisch, dann spar ich mir für die weitere Zukunft jeden Kommentar😛

    Und ich hab das auch nicht so aufgefasst, als wäre die Frage in irgendeiner Weise böse gemeint gewesen. Ändert für mich halt nicht viel😉

  17. Bevor ich wieder einen Fehler begehe: Ich trage 2 CIs und bin Schweizer. Alles klar?😉

    @Not Quite Like Beethoven: Dir möchte ich nur sagen: Danke für diesen Artikel, wirklich schön und ausgewogen geschrieben, das hätt‘ ich so nie hingkriegt.

    @CharlyBrown
    In de Schweiz beobachte ich ebenfalls eine Tendenz zur Akzeptanz zum CI, aber „Minderheit“ ist da noch lange nicht. So lange der Schweizer Gehörlosenverband (SGB) gegen das CI poltert und sagt, dass dieses Gerät Identitätvernichtend sei, wird daraus wohl nichts. Hoffentlich ist es bei Euch in Deutschland besser, so wie Du schreibst:-/

  18. @ Arlena: Jaa nach etwa 2 Jahren Kampf mit der Krankenkasse werd ich nächste Wocher operiert und bekomm dann auch ein CI🙂 Erstanpassung kommt dann ja erst noch🙂

    @ not quite like beethoven : Meint ich ja ich war noch nie eine Schwarz-weiß-Denkerin… un mit 18 hab ich noch prima gehört🙂 Jetz bin ich 24 und ein taubes Nüsschen🙂 (naja fast) ich würde aber sagen, die Schwerhörigkeit hat das eben noch mehr vertieft, alles zu hinterfragen.. aber stimmt schon.. generell gibt es immer irgendwo schwarz-weiß-Denkerei… sonst würd ja auch mein Kopf platzen😉

    Na meine Freundin fragte mich erst derletzt, was ändert sich jetz eigentlich für mich, wenn du ein CI hast? Weil sie achtet schon sehr darauf, dass ich sie gut verstehen kann. Ich dann: „ääääh, ja wenn du mal willst dass ich NICHTS verstehe, kannst mir ja dann den Knopf am Kopf weg machen dann hör ich gar nichts mehr ;)“ Naja ich sagte iwann werde ich vllt. bei Umgebungsgeräuschen besser verstehen und dass wir uns einfach mal überraschen lassen sollten.

    Ich glaub andere denken, ich bekomme ein CI, lern damit hören, wie Vokabeln lernen… „ah der Ton ist eigentlich das un der Ton ist das“… usw. und würde dann einfach wieder „normal“ hören und ich glaube sie denken sie müssten sich dann bei mir nicht mehr so „anstrengen“. mhmm das kann möglich sein, aber damit wäre ich vorsichtig. Ich werd einfach schauen wie es wird. aber die Einstellung: „oh bald bekommst dein CI, bald hörst du wieder“ das hat ein seeehr komischen Beigeschmack.

    Meine Hoffnungen und Gefühle sind deiner ähnlich vor der OP? mhmm darf ich dann fragen ob sich da nun was nach der OP bis jetzt großartig geändert hat?😉

  19. Klar darfst Du. Aber vielleicht könntest Du per Email genauer sagen, wie Du das meinst und wissen möchtest? Weil so allgemein kann ich nur sagen: Ja, da hat sich großartig was geändert, ich bereue es nicht. Aber die Erwartungen und Bemerkungen der anderen, auf die man ja leider keinen großen Einflus hat, die sind manchmal nervig. Die können es sich nur schwer vorstellen, manches kann man auch kaum begreiflich machen. Also gut, wenn Du nur bei Deinen eigenen, niedriggesteckten Erwartungen bleibst und die anderen von Dir weist.

  20. Pia Butzky

    Alles Gute, Nanelie! Lass dich nicht stressen. Erstmal die erfolgreiche OP und eine gute Erholung danach. Sie sollen alles supergut machen bei dir, sag ihnen das.😉

  21. Dankeeeeeeeeeee🙂 ja mach ich😉

  22. Interessant – ich bin Diabetikerin mit Insulinpumpe, also auch eine Art Cyborg. Aber bei uns Diabetikern gibt es diese Identitäts-Diskussion nicht. Woran das wohl liegt? Diabetes ist auch eine Behinderung, allerdings schränkt sie die Kommunikationsfähigkeit nicht ein. Wahrscheinlich liegt’s daran.

  23. Guten Abend Viviane! Es liegt zum allergrößten Teil an der Gebärdensprache, die die Hörbehinderung gleichsam aufhebt.
    Aber die positive Umwertung der Behinderung ist mir das auch schon bei anderen Behinderungen über den Weg gelaufen, Stichwort Krüppel-Power.

  24. Regenbogen

    Na, dann hoffe ich mal, daß es bei Nanelie gut gelaufen ist.
    Bin wieder aus dem Urlaub zurück (wo es doch tatsächlich KEIN Internet-Cafe gibt, daher war ich geschlagene 17 Tage offline😉 ).

    @Janice:
    Hab das Foto gesehen, das bei Deinen Postings erscheint – und dachte spontan: Donnerwetter, hier schreibt Donatella Versace.😀
    „lach“

  25. Sehr spannende Diskussion … Fühle gerade, wie sich mein Horizont erweitert.
    Nur: Die beiden Links zum Cyborg Manifesto müssten mal aktualisiert werden.

  26. Danke für den Hinweis. Ist gemacht.

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