Mono ist doof, oder: Vom Richtungshören auf Zehenspitzen

Am Besten, das habe ich festgestellt, geht es auf den Zehenspitzen. Hunderttausende von Tänzern und Tänzerinnen können nicht irren. Ich höre die Sirene — und drehe schnell die Pirouette. So jedenfalls könnte man sich das vorstellen, Richtungshören mit nur einem Ohr.

Ich war nur kurz einseitig taub. Zwischen der Operation, die mich zum Cyborg machte und dem Zeitpunkt als mein mein elektrisches Ohr zu arbeiten begann. Und auch während ich gezielt mit dem elektrischen Ohr Hören übte (und dabei das andere Ohr verstopfte um mich besser auf das elektrische zu konzentrieren). Aber schon in der kurzen Zeit hat mich sehr beeindruckt wie krass das ist. Seither weiß ich, dass einseitige Taubheit auch dann kein Honigschlecken ist, wenn man mit dem anderen Ohr noch gut hört.

Ein taubes Mädchen mit nur einem elektrischen Ohr bringt es so auf den Punkt:

„Emma, woher kommt dieses Geräusch?“

„Was meinst Du mit, woher? Geräusche, die ich höre sind entweder in meinem Kopf oder sehr dicht an meinem Ohr.“

Ich habe es sehr ähnlich empfunden. Allerdings bilde ich mir ein, ich merkte oft eher deutlich, ob die Quelle auf der gleichen Seite ist wie das Ohr. Oder eben nicht — denn dann klingt es wattig, so als hätte ich eine große Menge Holzwolle zwischen Ohr und Geräusch geschoben. Moment, Holzwolle?! Ähm, naja, okay. Also jedenfalls: Was dazwischen.

Ich frage mich darum, ob einseitig taube Leute in den Richtungshör-Tests nur darum so schlecht abschneiden weil sie sich nicht bewegen dürfen. Gut, die meisten Reize, bei denen es darauf ankommt zu hören woher sie kommen, sind ja so kurz, dass es keinen Sinn hat, das zu tun. Wie ein Zuruf auf der Straße. Ist das Geräusch aber länger, so könnte ich mir durchaus verstellen, dass es funktioniert: Eine schnelle Pirouette und der Sound ist lokalisiert. Und die — soviel weiß ich — geht eben am besten auf Zehenspitzen.

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14 Antworten zu “Mono ist doof, oder: Vom Richtungshören auf Zehenspitzen

  1. Darf ich eine Frage stellen?

    Wie ist es mit Geräuschen, die man „von weit weg“ hört? Die immer so schön literarisch umschrieben werden mit „von Weitem ertönte…“.
    Hat ja sicherlich auch etwas mit der Richtung zu tun, aber vor allem erstmal um die Entfernung. Kann man einen Punkt ausmachen, ab dem alles gleich schwer oder gleich leicht zu vernehmen ist oder ist das total individuell?

  2. not quite like beethoven unterwegs

    Du meinst mit einem Ohr? Ich würde sagen ist individuell. Aber vielleicht kannst Du die Frage nochmal genauer stellen? Ich bin nicht sicher dass ich recht verstanden hab…

  3. Hm… ich bin nicht sicher, was ich genau meine… 😉

    Vielleicht in etwa so:

    Ich kann den Unterschied bestimmen zwischen einem Ton, der sehr nah an mir dran ist, also tatsächlich die Entfernung des Krankenwagens, dessen Sirene ertönt.
    Ich kann das Meer hören, selbst wenn ich es noch nicht sehen kann, der Wind aber gut steht und man das Rauschen der Wellen hört.

    Wie geht es dir? Kannst du bestimmen, ob der Krankenwagen weit weg oder nah dran ist, gibt es da einen Unterschied, in dem, was du vernimmst? Oder kannst du nur feststellen, dass es eine Sirene ist?

  4. Aus theoretischer Sicht ist es so: das Entfernungshören funktioniert über den Pegelunterschied zwischen beiden Ohren. Ist dieser sehr groß, befindet sich die Schallquelle in unmittelbarer Nähe – ist der Pegelunterschied dagegen klein, so ist die Schallquelle weiter entfernt.
    Soll heißen: solange man nur ein Ohr zur Verfügung hat, kann man auf rein akustischem Weg die Entfernung nicht bestimmen, denn ein eventueller Pegelunterschied kann nicht ausgewertet werden.

    Aber vielleicht gibts ja einen Trick, von dem ich gar nichts weiß? Da wird NotQuite mehr dazu sagen können…

  5. Hmm, schöne Vorstellung mit der Pirouette und wie immer eine sehr gute anschauliche Beschreibung der Einschränkungen.

    Mal ein wenig Theorie zu der Funktionsweise des Richtungshörens bei normalhörenden Menschen:

    Wenn man mit zwei Ohren hört, gibt es zwei Mechanismen, wie man den Schall orten kann:
    Zum einen die ILD (=Interaural Level Difference) für Frequenzen oberhalb von 1500 Hz. Hier unterscheiden sich die Töne zwischen den Ohren in ihrer Lautstärke.

    Zum anderen die IPD (=Interaural Phase Difference) für Frequenzen unterhalb von 1500 Hz. Hier sind die Töne zwischen den Ohren leicht zeitlich verzögert.

    Die beiden Mechanismen zusammen ermöglichen es einem normalhörenden Menschen, ziemlich viele Informationen über die Richtung zu bekommen. Dazu kommen noch Informationen, die durch Beugung/Reflexion/Absorption des Schalles am Kopf, den Schultern und der doch so wunderbar geformten Ohrmuschel kommen. Diese Informationen kann man auch mit nur einem Ohr wahrnehmen. Leider muss man wirklich den Kopf drehen, um dann zusätzliche Informationen zu erhalten, ob der Schall nun von links oder rechts kommt.

    Und zu den Richtungshörtest: Die sind echt schwer, man hat 12 Lautsprecher, kriegt Töne vorgespielt und muss dann angeben, aus welchem Lautsprecher der Ton kam… Auch Normalhörende verwechseln hier sehr gerne vorne und hinten. Im täglichen Leben sind wir halt auch sehr stark auf das Sehen angewiesen:
    Es ertönt eine Sirene? Und von vorne und von den Seiten ist kein Krankenwagen zu sehen? Dann muss es wohl von hinten kommen…

    Ich hoffe, das beantwortet einige der Fragen 🙂

  6. da ich in der witzigen, eigentlich fast ‚un[g|b]ehinderten‘ situation bin, auf dem einen ohr 12o, auf dem anderen o% hörfähigkeit zu besitzen, sach‘ ich nochmal kurz [nachdem JND eigentlich schon alles gesagt hat ;)]: richtung geht null, _außer_ ich bewege meinen kopf. auch dann relativ schwierig, komischerweise – nur bei wirklich langanhaltendem geräusch wie martinshorn erfolgsversprechend. entfernung schätzen geht natürlich auch überhaupt nicht.

    aber: man unterschätzt leicht, wie sehr das hirn lernen kann, die sinne zu verknüpfen! ich bin ja im orchester die konzertmeisterin, und weil ich meine pappenheimer 😉 gut kenne, kann ich oft schon an der art des gespielten fehlers oder [aus dem augenwinkel] einer bogenhaltung erkennen, welche der 7 geigen hinter mir das jetzt war ;). ‚draußen‘ weiß man ja auch einfach ganz oft, wie laut oder nicht laut ein bestimmtes geräusch charakteristischerweise ist, z.b. autohupe – da kann man/ich auch mit nur einem ohr ohne drehen die entfernung ganz gut einschätzen… und da gibt es noch ein paar weitere beispiele, die mir um diese zeit leider nicht mehr einfallen ^^.

  7. @JND: du hast die ITD (interaural time difference) vergessen, also die Laufzeitdifferenz zwischen beiden Ohren. die ist für Frequenzen unter 800 Hz sogar wichtiger als die Phasendifferenz! Diese spielt nur eine untergeordnete Rolle.
    Zwischen 800 Hz und 1,5 kHz ist ein Mischbereich, in dem beide Prinzipien (ILD und ITD) genutzt werden.

    die Unterscheidung zwischen in der Medianeben, also zwischen vorne, oben, hinten und unten funktioniert dank der Resonanzen des äußeren Ohres und der Abschattungsfunktion der Ohrmuschel nach hinten – und das müsste an sich auch mit einem Ohr funktionieren.

  8. Aus der Anschauung einer Freundin, die nun seit geschätzten 27 Jahren mono unterwegs ist, kann ich nur sagen, daß beim Handyklingeln (also langandauernder Schall) Zehenspitzenpirouetten leider nicht helfen, um das Gerät zu finden.

  9. @DS
    ich selbst bin seit ~28 jahren mono 😉 und sage, daß das da nur der fall ist, weil das handy meist in fast unmittelbarer nähe ist. dann geht das auch nicht, klar. um durch drehen zum ziel zu kommen, benötigt es eine gewisse entfernung :).

  10. neous, noch Fragen? 😉

    Benny, JND, rebhuhn, DS, vielen Dank fuer die geballte Expertise. Ich glaub, ich habe gerade wirklich was gelernt. 🙂

  11. Nein, danke, ich bin jetzt ziemlich informiert 🙂

  12. Pingback: Nik_Doof’s Portable Office | Coffee Machine Red

  13. Pirouetten finde ich fürs Ballet super, denn hier geht es um Geschwindigkeit. Aber für das Richtungshören mache ich es wie ein Salsatänzer, jede Drehbewegung mit dem gesamten Fuß ausführen. So kann man während der Drehung innehalten um die Richtung des Geräusches besser zu orten und gegebenenfalls beschleunigen, um z.B. weiter geradeaus zu laufen. Auf Zehenspitzen neige ich dazu die Balance zu verlieren. Vielleicht bin ich nur eine schlechte Pirouettentänzerin im monohörendem Pirouettencosmos ;-).

  14. Ich bin definitiv für Vielfalt beim Durch-die-Straßen-Schreiten. 🙂 Willkommen, beno!

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