Ich hab da was, was Du nicht siehst: Die Zwickmühle

Ich gehe einfach nicht gern mit meinen Problemen hausieren. Ich sage, was nötig ist, damit ich klarkomme. Also wie man mit mir reden muss und was alles sonst noch so in diesem Blog steht. Aber ich habe keinen Bock zu jammern. Darauf rumzureiten, was alles nicht geht. Wie anstrengend Hören oft für mich ist, so dass ich mehr Ruhe brauche als andere. Oder wieviel mehr Zeit ich brauche, weil ich bestimmte Dinge vorbereiten und nachbereiten muss. Das finde ich auch wichtig.

Denn ich achte lieber auf das Positive und rede lieber darüber. Außerdem will ich mir ja auch nicht in die Tasche lügen und alles mit der Schwerhörigkeit entschuldigen. Und es gibt leider genügend Leute, die mich nicht mehr für voll nehmen, wenn ich dauernd sage, dass ich andere Maßstäbe brauche, bestimmte Dinge nicht alleine hinbekomme oder nicht garantieren kann, dass sie klappen. Das kann auch ganz unbewußt geschehen: Schwupps, ist man bei denen im Kopf in einer anderen Schublade.

Leider aber kommt das Unthematisierte zurück und beißt mir in den Allerwertesten.

Ganz besonders natürlich im Lebenslauf. Denn das Ding wird erst rund durch die langsame Ertaubung, die Probleme, die sie mit sich bringt und die Lösungen, die ich dafür fand oder auch nicht. Wie sonst soll man die Knicke, lange Dauer und Lücken erklären? Aber man braucht sich gar nicht erst zu bewerben, es geschieht schon im Freundeskreis. Wenn ich nicht ständig dazu sage, wie schwer ich’s habe oder was nicht geht, dann vergessen die Leute es. Oder es war ihnen in irgendeiner neuen Weise nie so richtig klar. Und man steht halt mal wieder dumm, luschig oder irgendwie eigenartig da. Manchmal sogar vor sich selbst. Es ist zum Verrücktwerden. Egal wie man’s macht: Damned if you do, damned if you don’t — es ist eine Zwickmühle.

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10 Antworten zu “Ich hab da was, was Du nicht siehst: Die Zwickmühle

  1. Darf ich Dir eine ganz aufrichtig gemeinte (und hoffentlich nicht groupiehaft rüberkommende) Portion Mitgefühl dalassen?

    vielleicht tröstet es ja ein bischen sich klarzumachen dass fast jeder mal in so eine Situation kommen kann, z.B. hatte meine Schwägerin, die ganz schlimm unter Schwangerschaftsübelkeit litt ähnliche Probleme (auch wenns zeitlich begrenzt war). Ich denke das Hauptproblem liegt einfach in der oft herrschenden mangelnden Achtsamkeit in unserer Gesellschaft und dem peinlichen Beigeschmack, dem viele Arten von Einschränkungen anhaften (siehe z.B. die Reaktionen auf Robert Enkes Selbstmord). Ist vielleicht wieder ein blödes Vergleichsbeispiel, aber viele Frauen (mich eingeschlossen) können bei Menstruationsbeschwerden im Job auch nicht auf Verständnis hoffen (mir gings einmal wirklich richtig schlecht, aber ich hätte mich nie getraut mich deswegen krankzumelden. Meine Chefs hätten mich 100%ig nicht mehr ernstgenommen oder gedacht, ich will nur eine Entschuldigung zum Blaumachen haben).
    Das ist leider immer so ein bischen die „stell Dich nicht so an“ Mentalität…

  2. Das Anstrengende daran ist ja, dass man sich ständig für sich und seine Vita entschuldigen oder besser rechtfertigen muss.
    Das die letzten hirnlosen Idioten milde lächelnd auf einen dann noch herabblicken und man sich selber nur denkt, du hast doch nur soviel Glück gehabt und musstest den Mist nicht ertragen wie ich. Aber das will man ihnen ja auch nicht direkt auf die Nase binden.
    Ganz ehrlich, gräm Dich nicht! Das bist Du und das gehört zu Dir! Dein gelebtes Leben macht Dich als Person aus. Was haben die anderen denn zu bieten, ausser das sie perfekt hören können und ihre Ausbildung schneller geschafft haben? Meist kommt noch Mutti zum Putzen vorbei, da der Junge es doch so schwer im Job hat und soviel arbeitet.
    Nicht Ärger, sondern Angriff! Und lass sie reden, wenn es sie glücklicher macht, sie haben sonst nichts.

  3. Ich kann mich nur anschließen: Nicht ärgern, sondern angreifen. Denn manchmal ist es tatsächlich besser, offensiv damit umzugehen – nur den richtigen Rahmen und Umfang dafür muss man einschätzen lernen und das ist sicherlich nicht einfach.
    Ich finde allerdings, dass man von Freunden doch mehr erwarten kann, als ihnen alle Nase lang immer und immer wieder Hinweise geben zu müssen. In anderen Bereichen dann ist es wohl selbstverständlich, dass man von sich aus den entsprechenden Hinweis gibt. Gerade bei Bewerbungsverfahren glaube ich da, dass es allein schon interessant ist, wenn man in geschickter Weise diese Dinge schon gleich zu Beginn wie selbstverständlich mitteilt. Oben wurde es schon gesagt: Das bist du und so bist du.
    Und ja, irgendwie stecken wir alle immer wieder in solchen Zwickmühlen, das ist es, was das Leben so kompliziert macht.
    Trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen habe ich vollstes Verständnis dafür, dass dir das „Kummer“ bereitet.

  4. Dankeschön für Eure Anteilnahme. 🙂

    Uschi, der Vergleich ist nicht blöd, ganz im Gegenteil. Es geht ja genau um dieses Nicht-ständig-einsatzbereit-Sein.

    Nina und Neous, was mich am meisten ärgert ist, dass ich gezwungen bin es auch solchen Leuten auf die Nase zu binden und es bei solchen Gelegenheiten zu erwähnen, wo ich es eigentlich nicht tun würde. Also auch bei nicht ganz so engen Freunden und in bestimmten beruflichen Zusammenhängen wo’s nicht direkt um nen Job geht. Da wo ich denke: „Geht die überhaupt nix an“ oder „möchte ich grad nicht“. Weil meine Geschichten einfach sonst nicht rund sind, weil da spürbar was fehlt.

  5. Pia Butzky

    Was ist passiert?
    Manchmal liegt einem so ganz allgemeinen Katzenjammer eine ganz konkrete Situation zugrunde, die gerade genervt hat. Lässt sich lösen.

    Oder: Schimpfen! Herzhaftes Schimpfen wird unterschätzt. Wenn ich Zeit hätte, ich würde Schimpfkurse geben.
    😉

    Im Übrigen behält man ja trotzdem das Heft in der Hand, wenn man darauf hinweist, dass man besondere Bedingungen zu wuppen hat. Bei Freunden nervt es mich allerdings auch, dass sie es vergessen. Aber ich vergesse auch alles, was sie mir von ihren Lebensumständen erzählen, wie der Partner oder die Freundin heißt, in welcher Klasse die Jüngste ist und wo sie dieses Jahr in Urlaub waren. Nix da, wird nicht gespeichert.

    Und das ist auch gut so. 🙂

  6. Ein ähnliches Problem habe ich auch: Meine Hörgeräte sieht man nicht unbedingt sofort und trotz Taubheit auf einem Ohr und hochgradiger Schwerhörigkeit auf dem anderen kann ich mich mit Lippenlesen und Zusammenreimen aus dem Kontext schon „durchwurschteln“. Das führt dann aber im Endeffekt dazu, dass die meisten Leute meinen „Ach, das ist ja bei dir nicht so schlimm“, obwohl es extrem anstrengend ist.
    Dadurch vergessen dann viele das Problem mit der Schwerhörigkeit und man steht dann wieder doof da, wenn man etwas absolut nicht versteht.

    Am schlimmsten finde ich daher in privaten Situationen Parties, da dort durcheinander geredet wird und ich absolut nichts mitbekomme, was dann im Endeffekt auch dazu führt, dass ich mich auf der einen Seite richtig langweile, auf der anderen Seite das aber auch extrem anstrengend ist, weil man ja doch versuchen will, irgend etwas mitzubekommen.

    Im Job habe ich aber bis jetzt noch keine großen Probleme gehabt, da bei mir in der Firma (kleines Softwareunternehmen) bis jetzt alles in Einzel- und Kleingruppengesprächen gemacht wurde (bis zu vier Personen ist es ja noch halbwegs überschaubar) und ansonsten sehr viel mit Instant Messenger gearbeitet wird (übrigens auch unter den Hörenden; ist also in der Firmenkultur schon verankert). Und als Third-Lebel-Support habe ich mit Kunden glücklicherweise nichts direkt zu tun und bekomme die Probleme/Bugs per Mail oder IM mitgeteilt.

  7. Pia, ja, das ist ganz hilfreich sich klarzumachen, was man selber so alles vergißt. Wie selbstzentriert man und überhaupt jeder eigentlich ist. Wann ist das eigentlich passiert?

    Lars, genau das meine ich ja: Wenn man nicht ständig jammert, dann denken alle viele einige: Läuft ja gut. Wer nicht jammert, kann ja keine Probleme haben. Tolle Logik. Übrigens, ein Hoch auf diese Firmenkulturen!

  8. Pia Butzky

    So ganz verstehe ich jetzt gerade nicht, worum es dir eigentlich geht.

    Die eine Sache: Im beruflichen Bereich mögliche Nachteile durch das Hör -„Coming out“ zu haben oder im Alltag diesen Umstand auch Unsympathen erläutern zu müssen, das ist eines. Ja, es nervt, ist nicht so toll, aber auch nicht zu ändern – und möglichst selbst zu kontrollieren.

    Die andere Sache:
    Gewohnte Menschen in der Umgebung denken immer mal „Läuft doch gut bei dem, kein Problem“. Da sage ich nur: JUPPIDUUH! Ich finde das nämlich sowas von toll, wenn die anderen das eher vergessen als mir ständig den Kopf zu tätscheln. Wirklich!

    Beispiel: Regelmässig bekomme ich (als komplett Ertaubte mit CI) hartnäckig Einladungen zu Chorauftritten von singenden Freunden und bin jedesmal stinkig über soviel Gedankenlosigkeit. Wo ich doch keine Musik hören kann und die das wissen. Unverschämtheit!
    Einmal bin ich dann doch mit: Sommerabend, kleine Kapelle auf dem Land, Beatles als A-Capella-Songs, mittanzendes Publikum – und das Butzky grinsend mittendrin. Hörte sich alles grausig an, hätte auch gleichzeitig heulen können, aber die Stimmung war insgesamt einfach schööön.

    Gerade weil meine engen Freunde es „vergessen“, das bei mir einiges nicht geht, werden meine Grenzen wieder gedehnt. Tanzen gehen? Ihr wisst doch, dass das nicht geht! Doch. Ausprobieren. Italienisch lernen? Ihr wisst doch, dass ich nichts richtig verstehe. Doch. Ausprobieren.

    Ich behaupte jetzt mal, wir profitieren von solchen Leuten in der Umgebung, die uns nicht im Schongang laufen lassen.

  9. Mein letzter Kommentar in Deine Richtung war eher ein Themenwechsel, vielleicht hat das zu den Verständnisproblemen beigetragen. Wobei der Eintrag selbst glaub ich auch nicht zu den klarsten gehört. Vielleicht versuch ich’s demnächst nochmal. 😉
    Aber es ging speziell darum, dass manche (Lebens-)(abschnitts-)Geschichten, nicht gut erzählt werden können ohne auf die Behinderung hinzuweisen. Und mich das bei manchen Gelegenheiten und Gegenübers genervt hat.

    Wenn die Leute keine Zensur im Kopf haben, wenn sie mit mir/dir/uns umgehen, „Schongang“, wie Du’s nennst, find ich auch besser. Da freu ich mich!

  10. Pia Butzky

    Nein, der Beitrag ist wirklich nicht klar und mixt zwei oder drei verschiedene Bereiche – irgendwas mit Nachteilen im Beruf wegen der Vita und irgendwas mit Freunden, die vergessen, wie schwer man es hat (wie oben zu lesen). Und dazwischen irgendwas über das Jammern … aber das brauchst du echt nicht noch mal zu thematisieren, wirklich nicht. 😉

    Ob man von Anderen nicht mehr ernst genommen wird, weil man andere Maßstäbe braucht oder manches nicht geht wegen der Hörbehinderung: Im Beruf und wenn es wirklich wichtig ist, muss man das ständig offensiv ansprechen. Das ist nun mal unser Part, lässt sich nicht ändern, auch wenn es nervt. Das ist so wie mit dem Heckenschneiden: Macht man nichts, wächst alles zu und man kommt nicht mehr durch. Also muss man sich immer wieder den Weg freischneiden.

    Was Andere über Andere denken: Wie schön, dass man eine „unschuldige“ Behinderung hat und keine negativen Aspekte aus eigenen Fehlern oder Unzulänglichkeiten zu verteidigen hat. Das wär doch viel peinlicher und auch schwerer zu ertragen.
    Also, nicht jammern. 🙂

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