Musikalischer Apartheid? Kompositionen für das Cochlea Implantat

Ist das jetzt Ausgrenzung oder Gleichberechtigung? Forschung oder PR?  Das australische Bionic Ear Institute startet gerade ein Projekt, in dem Musik speziell für Träger von Cochlea Implantaten komponiert wird. Hier ein Bericht der australischen Zeitung The Age.

Ausgangspunkt ist was wir gerade so schön in den Kommentaren diskutiert haben: Dass Leute mit elektrischen Ohren Musik ganz anders als ihre normalbiologisch hörenden Freunde wahrnehmen, die direkt daneben sitzen. Und dass viele Musik leider nicht genießen können. Die Komponisten sagen, es werde wahrscheinlich „unkonventionell“. Noch in diesem Jahr sollen die Stücke bei einem Konzert aufgeführt werden.

Ich bin gespannt — aber entzweigerissen. Einerseits denke ich: Die sollen lieber mal die CI-Systeme verbessern, ich will unbehindert Zugang zu jeder Musik. Nich so’n musikalischer Apartheid. Womöglich klingt es dann für normalbiologisch Hörende sogar ganz grauslich!
Oder sollte man es nur pragmatisch sehen? Dass spezielle Bevölkerungsgruppen spezielle Musik haben, ist ja nichts neues. „Schwarze Musik“ ist schon lange kein Schimpfwort mehr, und war schon davor eine Bereicherung. Aber müssten dann nicht CI-Träger selber die Musik komponieren? Nich so’n musikalischer Paternalismus?
Oder geht es letztlich doch nur um gute oder schlechte Musik und was man dafür hält?

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15 Antworten zu “Musikalischer Apartheid? Kompositionen für das Cochlea Implantat

  1. Regenbogen

    Vielleicht auch einfach nur um Erschließung eines neuen Marktes?
    (Geld regiert die Welt….:-( )

  2. Ich glaub schlicht nicht, dass es funktioniert. Soll ja noch so was wie persönlichen Geschmack geben. Und naja, was wird bei rumkommen? Irgendwas stark Rhythmisches, Reduziertes (weil zu viele Instrumente schwer auseinander zu halten sind). Oder sie heben wirklich auf Geräusche ab, aber DAS ist dann ja nun wirklich was, was man zum einen schon kennt und wo man zum anderen diskutieren kann (und schon diskutiert hat), ob das dann noch Musik ist. Also, gespannt bin ich irgendwie schon, aber skeptisch (nix Neues 😉 )

    Ich bin aber auch der Meinung: Mal besser an den CIs arbeiten, das ist ja schon fast ne Bankrott-Erklärung, Freunde bei AB.

  3. Ich kann hier nicht so recht mitreden, weil ich zu den ganz glücklichen gehöre, die Musik mit CI genießen können. Anfangs ging es nicht, aber schon ein halbes Jahr nach der Erstanpassung hörte sich Musik ganz passabel an, inzwischen richtig gut (sofern sie wirklich gut ist, aber das ist ein anderes Thema ;-)).

    Musik speziell für CI-Träger kann ich mir jetzt gar nicht vorstellen. Ich finde auch, dass das Problem an der Wurzel angepackt werden sollte, so wird auf Dauer nur eine neue (Hör-)Kultur entwickelt, und das kann nicht gut gehen. Ich schätze mal, dass es sehr schwierig bis unmöglich ist, das ganze Spektrum der Musik per elektrische Impulse rüberzubringen, aber versuchen sollte man es trotzdem. Wenn ich nicht auf beiden Ohren über ein relativ gutes Restgehör verfügen würde, wäre Musikgenuss für mich vermutlich auch nicht drin. Und dann würde mir doch etwas fehlen. Ich hoffe sehr, dass sich die Forschung langfristig in die richtige Richtung entwickelt. Musik ist nunmal sehr wichtig, auch wenn sie im Alltag nicht zur Kommunikation genutzt wird.

  4. Regenbogen

    @Emmi:
    Und „irgendwas stark Rhythmisches“ gibt´s ja schon.
    Schönen Gruß von der Loveparade und sonstigen Techno-Veranstaltungen. 😉

  5. Regenbogen, ich kann mir nicht mal vorstellen, dass es da um Geld gehen sollte — sehe da keinen Markt. Also wirklich nicht.

    Emmi, ist das nicht eher Cochlear, da down under?

    Nikana, ich habe kein Hybrid aber im Prinzip ist es bei mir genauso. Nur elektrisch ist schon schwer und selten schön. Das akustische Restgehör macht den Genuss. Vor allem eins lauter.

    Hier gibt es übrigens ein Radiointerview mit Hugh McDermott vom Bionic Ear Institute, der beschäftigt sich schon lange mit CI+Musik und spricht auch über das laufende Projekt. Hab selber noch nicht reingehört + weiß daher auch nicht ob ich was versteh. Aber vielleicht mag ja jemand schon mal: How we hear music in the brain…

  6. Regenbogen

    Naja, mag sein, daß es da keinen Markt GIBT….
    aber ob sich da nicht doch jemand überlegt hat, daß da einer sein KÖNNTE?

    Diejenigen, die „normale“ (ich nenn´s jetzt einfach mal so) Musik gut hören und genießen können, die kaufen die, ist klar.
    Und die, die es nicht können? Kaufen vermutlich keine.
    Also mal einen Versuchsballon starten, ob sich das lohnt?

    (Ich persönlich wage auch zu bezweifeln, daß es da eine großartige Gewinnspanne gibt, aber naja.)

  7. Mir gehts wie Nikana – ich höre Musik mit CI gut und genieße sie; aber warum soll man nicht Musik für diejenigen komponieren, die sie ansonsten nicht so gut hören können? Ich denke, dass es sich weniger um Kompositionen, sondern um Anpassungen handelt, bei denen z. B. die sehr tiefen Frequenzen herausgenommen bzw. angepasst werden. So etwas gibt es für Hörgeräteträger in USA schon lange: da werden die sehr hohen Frequenzen nach unten hin angepasst.

  8. Also bei diesem Projekt wird gesagt, dass es um die Komposition geht, was auch immer das im einzelnen heißen mag. Und das finde ich gerade den interessanten Fall. Angepaßte Tonmischung ist, denke ich, vollkommen unstrittig. Ist ja auch nichtmal Schwerhörigenspezifisch, Phil hat ja neulich hier ein bißchen was zu gesagt.

  9. Drehen wir den Spieß mal ganz einfach um: Musik für Nicht-Gehörschädigte. Als ob man daraus eine ganze (einfache) Zielgruppe machen könnte…Unrealistisch.
    Oder gibt es tatsächlich ein Musikstück, das jedem Menschen auf dieser Erde gefällt? Das ist schon eine spannende Frage. Weil dann würde sich auch ein Anpassen für jede Zielgruppe mit besonderen (Hör)Eigenschaften als logisch ergeben.

  10. not quite, notquite, oder? 😉 Das BionicEar-Institut ist unabhängig, dachte ich (ich hab das heut morgen nur überflogen, mir hängt das Thema einfach ein bissl zu den Ohren raus *no pun intended*)

  11. Julia, ein bißchen wie die Frage ob es ein universelles Schönheitsideal gibt. Auch einerseits natürlich Blödsinn, andererseits kommen immer mal wieder irgendwelche Studien, die was in der Richtung gefunden haben wollen. Was die Komposition für CI angeht, hörnwermal 😉 Mir scheint es deutlich mehr PR und Machen-wir-auchmal-was-mit-Kunst.

    Emmi, ich hatte auch keine Verbindung gefunden, dachte nur weil Du AB gesagt hattest.

  12. Naja, ich weiss auch nicht, ob ich das gut finden soll. Meine Reaktion darauf ist in etwa ähnlich wie Deine, not quite like beethoven. Und trotzdem empfinde ich es irgendwie als Pech, dass ich eine andere Marke trage…

  13. Wieso das denn? Ich habe bislang noch keine Studien gesehen, die zweifelsfrei zeigen, dass die technischen Unterschiede zwischen den Marken erwartbar (und darauf kommt es ja an!) für besseres oder schlechteres Hören sorgen….

  14. Regenbogen

    Mir ist da noch was eingefallen, betrifft jetzt zwar nicht das Hören, aber das Sehen….

    Man sagt doch, daß im Durchschnitt tatsächlich Männer besser einparken können als Frauen, weil sie ein anderes räumliches Wahrnehmungsvermögen haben.
    Dabei ist die Umwelt doch so, wie sie nunmal ist, und man sollte meinen, daß alle Menschen dasselbe sehen (….ohne Korrekturen durch Brille etc. natürlich in unterschiedlicher Sehschärfe, aber so vom Prinzip her).
    Scheint aber nicht so zu sein – spräche das dann nicht auch dafür, daß man auch beim Hören unterschiedlich wahrnimmt?
    (Vom Geschmack mal abgesehen….warum finden die einen eine bestimmte Gruppe toll und andere können die nicht leiden.)

  15. Man könnte sich sicherlich ähnliche Unterschiede beim Hören vorstellen (wenn es denn stimmt mit denen beim Sehen, das ist ja auch umstritten inwiefern das nun Biologie und nicht nur Kultur ist. Außerdem sind ja Mädchen angeblich in Mathe erstmal besser als Jungs.). Mir ist dazu allerdings nichts bekannt. Und das wären dann eben geschlechterspezifische Unterschiede und keine individuellen. Um die ging es ja in dem anderen Thread.

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