Streitlust — oder: Das nächtliche Scheitern mit der Barrierefreiheit

Wir nahmen die Drinks wie sie kamen. Es war eine dieser noch nicht lang zurückliegenden Nächte, in denen zwar Gewitter vorhergesagt war, in der Realität die Hitze aber durch kein kühles Lüftchen gestört wurde. Ich genieße solche Nächte in der Stadt, die immer etwas von Ausnahmezustand haben. Diese hatten wir stilgerecht schon bei Sonnenuntergang mit einem Singapore Sling begrüßt.

Einige Stunden und Streifzüge später — aus dem Nichts explodierte direkt neben uns heftiger Streit. Laute Worte flogen hin und her, erst über ein Auto hinweg, dann hielt es zwei Helden nicht mehr an ihren Plätzen. Brüste wurden gereckt, Begleiterinnen zerrten an Armen und Hemden. Drama! Auf einmal blitzte ein Schraubenzieher auf, der Abtransport des einen Streithahnes durch einen Freund verhinderte Schlimmeres.

Meine Begleiter erwiesen sich als vollkommen unfähig, mir zu berichten, worum es da gegangen war. Sie hatten zwar verstanden, was gesagt wurde (sagten sie). Doch wollte ich genaueres wissen, sagten sie: „Die haben gar nichts gesagt.“   „Halt so Beleidigungen.“ Kreatives Fluchen und derbe Beleidigen finde ich spätestens seit Käpt’n Haddock spannend, und diesmal war die Eskalation wirklich auffällig. Doch auf mein Plädoyer für Barrierefreiheit und die Bitte, doch irgendeinen Satz, den sie gehört hatten zu wiederholen, kam nur hilfloses Achselzucken.

Da sieht man mal wieder, was für eine Leistung es eigentlich ist, genau zuzuhören. Und wie selten man das eigentlich macht. Nebenher: Was für eine Leistung Dolmetscher eigentlich vollbringen!

Klar, das mit dem Fluchen ist mein Privatvergnügen, ebenso wie die Sehnsucht, Aufgeschnapptes zu verstehen. Aber ich glaube, wenn ich hier Barrierefreiheit haben will, dann muss ich selbst zu den Schreihälsen hingehen. Ich werde sagen: „Hey!“ — und wenn dann jeder denkt, jetzt kommt das übliche „Beruhigt Euch!“ oder „Leiser!“, dann werde ich sagen: „Laßt Euch nicht stören. Schön laut weiter, aber bitte, etwas deutlicher, ja? Ich habe ein Recht darauf, es auch zu verstehen.“
Ist doch wahr: Wer sich schon als öffentliche Darbietung streitet, sollte auch jeden als Publikum akezptieren.

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17 Antworten zu “Streitlust — oder: Das nächtliche Scheitern mit der Barrierefreiheit

  1. Regenbogen

    Ist das jetzt ein Aufruf, Dir möglichst kreative Schimpfworte hier reinzuposten?

    😀

    Ich vermute, ich hätte da auch nicht sooo viel wiederholen können – ich hätte mich vermutlich in ziemlicher Panik aus dem Staub gemacht, bevor ich zufällig in Mitleidenschaft gezogen worden wäre…..

  2. Für mich ist das immer Fremdschämen! Ich will garnicht wissen was die sich da so alles an den Kopf schmeißen.

  3. Ihr nehmt den Gedanken der Barrierefreiheit nicht ernst! 😉

  4. CharlyBrown

    Das Thema erinnert mich an die Anfangzeit der
    Videotext-Untertitel im Fernsehen.
    Damals wurden die UT ehrenamtlich (oder nebenamtlich) von PädagogenInnen der Gehörlosenschulen gemacht.
    Derbe Sätze wurden „verschönt“, Flüche
    weggelassen usw.
    Folge: Manche gute, witzige Spielfilme wurden
    fad bis langweilig.
    Nach einiger Zeit haben die Gehörlosen dagegen rebelliert und gefordert das die UT das gesprochene echt wiedergeben.
    Heutzutage werden die UT von professionellen
    UT-Firmen gemacht und der Wortschatz an
    Flüchen und Beleidigungen ist bei Gehörlosen
    fast auf demselben Niveau wie bei Hörenden.

  5. Klar nehme ich den ernst 🙂
    Doch was nützt Dir die Barrierefreiheit, wenn Du psychische Schäden auf Grund des Gehörten davon trägst?

  6. Das kommt noch! Ich durfte heute zu meiner großen Überraschung mit anhören, was meine recht jungen Nachbarn am Baggersee so erzählt haben, obwohl ich nicht hingeschaut habe, sie viel zu laut gesprochen haben und ich gleichzeitig versucht habe zu lesen … Ich fands schon genial – nicht das Gesagte, das war jetzt nicht unbedingt der klügste Dialog der Welt, aber dass ich es endlich mal verstanden habe! Das habe ich ganze fünf Minuten lang genossen, dann hielt ich das Doofgeschwätz jedoch nicht mehr aus, habe das CI abgenommen und hatte meine Ruhe, weil das Geplärre auf ein sanftes Gemurmel reduziert wurde. Das nenne ich mal eine Barrierefreiheit! Endlich barrierefrei lesen … 😉

  7. Tja, und ich krieg nach gemeinsamen Fahrten in den Öffis mitunter von meiner Freundin zu hören: „Sei froh, dass du da nichts mitgekriegt hast“ 🙂

  8. Charly Brown, interessanter Vergleich. Streit, Fluchen und graphisch sprechen gehört halt zum Leben! Übrigens interessant, da habe ich noch nie drüber nachgedacht ob Schwerhörige weniger kreative Flucher sein könnten, weil sie weniger hören. Ich zumindest bin nicht so der oberkreative Flucher und Beleidiger.

    nina, mir macht allenfalls der physische Schaden sorgen, den ich erleiden könnte, wenn ich Typen wie denen aus dem Beitrag sage, dass sie deutlicher reden sollen…

    Nikana, Barrierefrei lesen! Wundervoll. 🙂

    Banane, das Beispiel hat ja Regenbogen drüben auch gebracht. Ich glaube, man sollte froh drum sein. Dennoch ist auch das pralles Leben, das einem halt entgeht. Und es wäre schön, selbst zu entscheiden, was interessant ist und was nicht. Ich gewinne ja vielem was ab, dem andere nix abgewinnen können.

  9. Regenbogen

    Och Not quite…..das pralle Leben???
    Wenn das pralle Leben nur aus so manchem bestünde, was ich so auf der Straße aufschnappe, würde ich mir nen Strick nehmen.
    Ernsthaft jetzt.

  10. Regenbogen

    @Charly Brown:
    Okay….bei manchen Filmen kann ich mir das vorstellen; je nachdem natürlich, was da gesagt wird. Wenn´s nur noch in Flüche und Beleidigungen abgleitet….würde ich den Film vermutlich weder mit noch ohne Verstehen des Textes gucken wollen. 😉

  11. „Sei froh, dass du da nichts mitgekriegt hast“ habe ich auch schon oft gehört. Ich habe auch schon gesagt, dass ich lieber selbst entscheiden würde, was ich höre, aber mal ehrlich: wer kann das schon? Der Normalhörende kann es auch nicht, er hört es einfach, kann es aber nicht ausschalten, wenn er es lieber nicht hören würde. Da sind wir sogar in manchen Situationen im Vorteil, wie ich gestern am Baggersee. Hätte ich die nervenden Jungs nicht einfach leiser stellen können, wäre ich wohl umgezogen, weil ich mich absolut nicht auf mein Buch konzentrieren konnte. Wenn wir CI-Träger mal so weit sind, dass wir relativ viel mitbekommen, können wir vielleicht besser als jeder andere entscheiden, was wir hören wollen und was nicht. Ist das nicht eine schöne Aussicht?

    Mir ist natürlich bewusst, dass es in der Realität oft anders aussieht, das ist nur mal ein Gedankenspiel. Dass ich gestern die Jungs am Baggersee verstanden habe, war vermutlich auch eine Ausnahme; ich hatte einfach einen sehr guten Hörtag.

  12. Regenbogen, es gehört halt dazu. Und es ist durchaus aufschlussreich dafür, wie andere Menschen leben, miteinander umgehen und was man so sagt. Auch ganz praktisch der von Charly Brown aufgebrachte Punkt mit dem halbwegs ausgeglichenen Fluchdefizit: Beim (Fremd-)Sprachenlernen kommt einiges an idiomatischen Wendungen nur von dort, nicht aus Lehrbüchern.

    Nikana, wenn’s soweit ist definitiv. 🙂

  13. Regenbogen

    Naja, okay, so betrachtet. 😉
    Scheint wirklich zum Menschen zu gehören, sonst hätten so Sendungen wie das Dschungelcamp, DSDS, Big Brother oder Germany´s Next Topmodel nicht solche Traumquoten.
    Im Grunde schaut man sich das ja tatsächlich an, um anderen beim Zickenzoff zuzusehen.

  14. Ja, mag schon sein, manchmal würde ich auch wirklich gern mithören können. Und natürlich sind die Sachen, die man nicht mitkriegt, oft die interessantesten.
    Andererseits denk ich mir selber schon, dass mich das Telefonat der Tusse neben mir in der U-Bahn eher nicht interessieren wird.
    Wer weiss, vielleicht ist dieser Nebeneffekt der Schwerhörigkeit ja doch ein vorwiegend positiver 🙂

  15. Ich denke, es kommt — wie immer — darauf an, was man draus macht. Bist Du deswegen deutlich ruhiger, konzentrierter, entspannter, produktiver, dann ist super. Wenn nicht, ist’s auch egal. Aber vergleichen wie es mit und ohne wäre, geht ja eh nicht.

    Hier ging es mir eigentlich nur darum, die ehrenvolle Idee der Barrierefreiheit auch mal dort hochzuhalten wo man sie normalerweise nicht vermuten würde. Auf so Konlikte wie oben mag’s vielleicht sogar beruhigend wirken, wenn sich die Beteiligten artikulieren müssten.

  16. Pia Butzky

    Buon Giorno, Beethoven.
    Geh nach Italien! Dort kannst du sogar SEHEN, was sie sagen. Und auch ein schlapper kleiner Dialog wie „Was gibts heut zum Mittag?“ „Die Nudeln von gestern“ „Ach nö, oder?“ wird wie eine dramatische Szene um Wohl und Wehe ausagiert. Toll, die Italiener. Sie können gar nicht anders als laut und heftig zu sprechen.

    Ich spreche kein Italienisch, dachte mir aber mehrmals, die Schwerhörigen dort haben es wohl etwas leichter mit dem Absehen, weil das Mundbild und die Vokale so schön deutlich sind, die Gestik so präzise dazu. Sicher gibt es auch Regionen mit mehr Nuschelanteil, aber grundsätzlich mal haben es italienische Schwerhörige wohl vergleichsweise leichter als sächsische?

    Ich wurde zufällig Augenzeugin eines Krachs unter Jugendlichen, mitten auf der Straße zwischen knatternden Vespas, und hatte meine Freude an der Körpersprache und den auch im Straßenlärm noch sauber hörbaren Vokalen. Vor allem das A ist eine Wucht.

    Tags darauf am Strand lernte ich einen Gehörlosen kennen, besser: Sah ich zwei Deutsche gebärden, von denen der Eine hören konnte, der Andere nicht. Ich war wegen Wasser, Hitze, Sand und Creme natürlich ganz ohne CI und stundenlang nur in rauschenden Tinnitus gepackt. Wenn ich angesprochen wurde, ging da gar nichts. Sono sordo. Aber obwohl ich genauso taub im Wasser schwamm wie der Gehörlose, konnten wir uns nicht verständigen, weil ich keine Gebärden kann. Ein Gespräch war erst wieder mit dem hörenden Freund im Hotel möglich.

    Mir hat das doch sehr deutlich gezeigt, dass ich mit CI nur eine Spaziergängerin im Park der Gehörlosigkeit bin. (Huih, Butzky wird literarisch.)

  17. So, du hattest also viel Spaß in Italien. 🙂
    Mit Italienisch kenne ich mich nicht so aus, aber dass die Sprachen (je nach Hörkurve) unterschiedlich leicht zu verstehen und auch abzulesen sind glaube ich aufs Wort. Mit Spanisch Lesen bin ich z.B. so dermaßen gescheitert. Und Englisch halte ich von den Lauten her für sehr schwer.

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