Dornröschens Sündenbock

Das Tolle an Kindern ist ja, dass man selber nochmal ein bißchen Kind sein kann. Zum Beispiel wenn man auf dem Weg zum See auf dem Beifahrersitz lungert und die gute Freundin hinten der Tochter Märchen vorliest. Hach, denkt man da, kauert sich zusammen und ein paar von den Gefühlen von damals klettern hoch, als einem selbst vorgelesen wurde.

Es ist das erste Mal, dass ich mich über Stau freue. Denn nun sind die Fahrgeräusche weg und ich muss mir vom Vordersitz aus nicht mehr den Kopf verdrehen um zu verstehen. Ich höre allerdings auch immer mehr Sätze, an die ich mich nun gar nicht erinnern kann — und merke, dass wir eine modernisierte Fassung zu hören bekommen, die aus dem Moewig Verlag von María de Calonje, Julian Jordan und Eva Lopez übrigens.

Ist schon klar, Märchen sind mitunter brutal. Aber ist es wirklich so schlimm, wenn das Königspaar die 13. Fee einfach nicht einlädt, weil nun mal nur zwölf goldene Teller da sind? Muss sie stattdessen unbedingt unerreichbar gewesen sein und die Einladung nicht erhalten haben? Muss unbedingt der Koch wegfallen und der Küchenjunge, dem er gerade eine wischt, obwohl diese beiden eines der schönsten Bilder beim Plötzlich-in-den-Schlaf-Fallen-und-100-Jahre-später-wieder-Aufwachen sind? Ganz zu schweigen davon, dass nebenbei einer mit Siebenmeilenstiefeln nach der guten Fee geschickt wird!

Und, liebe Modernisierer, alle Erklärungswut in Ehren — aber es gibt nun wirklich gar keinen Grund, ausgerechnet die Tauben zum Sündenbock zu machen:

Oder wie seht Ihr das?

Ich habe gerade die Hausmärchen der Gebrüder Grimm nochmal aus dem Regal geholt und mich in den Fassungen sofort festgelesen. Beim Herrn Gevatter, hab ich geschaudert, bei den sechs Schwänen gebangt.  Jetzt kommt: Die zertanzten Schuhe….

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33 Antworten zu “Dornröschens Sündenbock

  1. Regenbogen

    Ist ja auch völliger Quark, das alte Mütterchen hatte ja nicht bloß von dem Erlaß nichts gehört; es handelte sich ja um die in der eigentlichen Version angegebene rachsüchtige 13. Fee – und die hat die Nummer mit der Spindel ja absichtlich abgezogen….

    Nee, dieser umgeschriebene Quatsch, in dem ich auch keinen Sinn zu entdecken vermag, das wär auch nicht mein Ding….

    Ein Hoch auf die Gebrüder Grimm!

  2. Völliger Blödsinn! In der nächsten Fassung hat die 13. Fee dann sicherlich ihr Handyladekabel verlegt oder hatte kein W-Lan…

  3. Bäh. Gefällt mir schon mal gar nicht, wenn ich das so bei Dir lese. Und die Bilder scheinen mir auch nicht das Wahre. Die sind hier – „Die schönsten Märchen der Gebrüder Grimm“, illustriert von Svend Otto S., Lappan Verlag – tausendmal schöner! 🙂

  4. Soso … Sie war taub, konnte sich aber sofort problemlos mit Dornröschen unterhalten. Hat sie zwischenzeitlich etwa ein CI bekommen? 😉

    So ein Schwachsinn. Von Modernisierungen der Märchen halte ich gar nichts. Man kann meinetwegen eine neue Geschichte schreiben, die sich inhaltlich ans Märchen anlehnt (wäre ja auch nichts neues), aber doch nicht das Märchen einfach umschreiben. :-/

  5. Pia Butzky

    Ich frage mich, was für eine Disneyhafte Vorstellung vom kindlichen Bewusstsein dahinter steht, dass man ihnen keine traditionelle Sprachform oder historischen Elemente zumuten möchte. Da müsste man auch die Spindel streichen, an der sich Dornröschen ins Koma sticht, und sie durch Stromschlag ersetzen oder Drogencocktail. Wenn schon zeitgemäß, dann aber richtig in die Vollen.

    Und wenn der Koch keine Backpfeife verteilen darf, weil körperliche Gewalt nicht akzeptabel ist, darf der Prinz die Ohnmacht Dornröschens schon mal gar nicht für sexuelle Handlungen missbrauchen, skandalös! Liebe Kinder, es ist NICHT zulässig, einem hilflosen Mädchen körperlichen Kontakt aufzuzwingen, das geht schon mal gar nicht!

    @ Nikana: Genau. *lach*

    Taube Personen und Gehörlosigkeit in Buch und Literatur: Jau, da bin ich auch verschiedentlich auf ähnliche Absurditäten und Unverschämtheiten gestoßen. NqlB, wo war hier nochmal der Sammeltopf?

  6. Regenbogen

    Und wenn die Autorin aussagen wollte, daß das alte Mütterchen gebärdet hat, dann bitte auch konsequent das Märchen entsprechend umstellen.
    😉

    Und was das mit der körperlichen Züchtigung angeht….
    total albern.
    Wird jetzt aus allen Büchern alles entfernt, was früher gang und gäbe war und was heute verboten ist?
    (Ich hab da noch ein Buch, in dem geht es um Hexenverbrennung, „Die Hexenakte“ von Dietlof Reiche….und sicher noch diverse andere; vielleicht verbieten wir die einfach. – Ja, das sind übrigens Jugendbücher; keine Erwachsenenliteratur.)

  7. Regenbogen, dass die Alte die 13. Fee war, dachte ich auch. Gestern nachgelesen und Überraschung: Bei den Grimms zumindest steht davon nüscht. Es ist nur eine Alte und warum die da ist sowie weshalb sie eine Spindel hat, bleibt offen.

    Rene, da tun sich ja Abgründe der Banalisierung auf! Ich finde außerdem, die Problematik mit dem Geschirr recht interessant. Ich meine, man stelle sich ein feierliches Essen in ranghoher Umgebung vor. Da ist es schon ein Dilemma, ob man nun die Leute einlädt, sie aber an den Katzentisch setzt oder lieber gleich draußen läßt.

    Andrea, stimmt, Neuschöpfung geht in Ordnung, klar. Kann trotzdem noch schlecht sein, aber geht klar. Übrigens, ich habe eine Sammlung ihrer „Kinder- und Hausmärchen“ und finde oft gerade die weniger bekannten toll! Es lohnt sich, darin zu stöbern.

    Pia, ja, dass der Prinz sofort die Bewußtlose knutscht und die dann die Augen aufschlägt und sich auch noch freut, einen gänzlich Fremden an der Backe zu haben — darüber bin ich auch gestolpert. Obwohl, die Grimm-Version läßt den Schluss zu, dass sie „so gut erzogen war“, dass sie gelächelt hat, weil’s sich so gehört. Erschreckend!!!

    (Sammeltopf ham wa noch nicht, aber warum nicht hier mal anfangen?)

  8. Regenbogen

    Schon möglich, daß das da nicht steht – es gab mal im Fernsehen ein Märchenquiz mit Jörg Pilawa; das war schon erstaunlich, welche Details man sich irgendwie gemerkt zu haben glaubt und dann stimmen die nicht.

    Finde trotzdem, daß das Märchen das nahelegt, daß es sich bei dem Ömchen nicht um eine zufällig da rumspinnende alte Frau handelt, sondern schon um die um die Einladung betrogene Dame. 😉

    Was den knutschenden Prinzen angeht….
    nun, vielleicht sah der aus wie Robert Pattinson – oder, für die älteren Semester, wie George Clooney. ggg
    Dann sehen wir Frauen schon mal über solche männlichen Ungezogenheiten hinweg. 😉

  9. Pia Butzky

    Beethoven, mach doch bitte mal eine Sammelbox auf für „Schwerhörigkeit und Taubheit in der Literatur“. Möglichst so platziert in der Menüleiste oder Linkliste, dass man sie jederzeit sofort finden und öffnen kann – also nicht als Tageseintrag, der tief in der Versenkung verschwindet.

    Es werden sich sicher immer wieder mal Schnippsel finden, die man zusammentragen könnte. Kannst du das entsprechend einrichten? Oder keine Lust drauf?

    (Sowas in der Art hattest du schon mal gestartet zu „Schwerhörige Hauptdarsteller / Figuren im Film und Roman“. Gut wäre natürlich, wenn man den Link dazu immer parat hätte, um was einzutragen.)

  10. Ich fand Märchen als Kind immer ganz grauenhaft und wollte die auch nie hören.
    Jetzt im Erwachsenenalter geht mir die s/w-Sicht ziemlich auf den Keks.
    Das ist so eine sehr einfache Sicht der Dinge: Es gibt drei Argumente, warum die Hexe böse ist, und dann ist es auch okay, wenn die im Ofen verbrannt wird.

    Auf dieselbe Art werden auch extreme Gesinnungen geschürt. Man sammelt einfach ein paar Argumente zusammen, und am Ende kommt dabei raus, dass „die Türken“ uns die Arbeitsplätze wegnehmen und dass es eigentlich nicht so richtig schlimm ist, wenn man ein Kind mobbt, das komisch aussieht.

    Von daher ist es mir ziemlich egal, ob die Märchen in ihrer urspünglichen Form vorgelesen werden oder in modernisierter Form. Wobei ich diese Disney-Variante auch nicht wirklich gelungen modernisiert finde. Da wurde schon unsinnig viel weichgespült, und der Logik ist es nicht wirklich zuträglich. Wenn die Frau taub ist, hätte sie die Plakate trotzdem sehen müssen, etc. und wie Pia schrieb, der Kuss des Prinzen hätte auch nicht stattfinden dürfen.

    Griechische Sagen z.B. sind ja stellenweise auch sehr brutal und von Homer mit grausamen Details gespickt. In den Kinderbuch-Versionen wurde wohl einiges weggelassen, aber der Sinn scheint mir doch im Gegensatz zu dieser Dornröschen-Variation erhalten geblieben.

  11. Pia Butzky

    „Wenn die Frau taub ist, hätte sie die Plakate trotzdem sehen müssen, etc.“

    Plakate? Nein, in Zeiten des Analphabetismus konnten nur Mönche und wenige Berufsschreiber lesen und schreiben. Bekanntmachungen wurden also in den Orten von reisenden Boten ausgerufen. Sogar langfristige Verträge wurden vor Zeugen und mit Handschlag gemacht, ohne Papier.

    Mündliche Wiedergabe und Weitergabe war früher mal besonders wichtig, daher auch die rituelle Erzählweise und möglichst unveränderte Überlieferung von Märchen, Liedern, Sagen. In manchen Kulturen (z.B. indianisch) standen hohe Strafen auf die Verfälschung von überlieferten Geschichten und Gesängen, denn sie waren immens wertvoll für die Gemeinschaft. Kinder lernten also Wort für Wort die Geschichten von den Erwachsenen und gaben sie genauso weiter an die nächste Generation.

    Weil wir schriftliche Quellen jederzeit abrufen können, sind die mündliche Erzählung, auch Redewendungen oder Schreibweisen nicht mehr von Belang. Es hat also keine Auswirkungen, wenn man heute historische Texte verändert oder modernisiert. Oder im japanischen Trickfilm verheizt …

  12. Regenbogen

    @Pipa:
    Naja, vielleicht ein bißchen vereinfacht, aber da Märchen ja für Kinder sein sollen….
    denen kann man juristische mildernde Umstände etc. nicht erklären. (Kann man ja z.T. auch Erwachsenen nicht, wenn ich so sehe, wie unsere Justiz heutzutage weicheiert….)

    Im Ofen verbrannt?
    Du meinst demnach Hänsel und Gretel.
    Naja, wenn jemand dem Kannibalismus frönt und zwei Kinder verspachteln will, halte ich das durchaus für böse – und die beiden (schwächer als eine erwachsene Frau!) haben sich halt gewehrt. Notwehr nennt man das ja heute.

    Übrigens glaube ich durchaus, daß es Menschen gibt, die tatsächlich einfach nur bösartig sind.
    Genauso wie es Heilige gibt.
    Und der Großteil ist irgendwas dazwischen. 😉

  13. Pia, ich werde mal den alten Beitrag direkt zugänglich machen. Da paßt dann zumindest schon mal alles hin was SH oder Taubheit einer wichtigen Person betrifft.

    Pipa, die Phantasie anregend im Sinne von bildend sind die meisten Grimms-Märchen nicht, da stimme ich zu. Und Märchenlogik würde ich auch nicht gern in der Politik oder in meinem unmittelbaren Umfeld haben.

    Zu der Sache mit den Plakaten: Und wieder eine Vereinfachung dieser modernisierten Version. Da war ja das Plakat direkt abgebildet und einfach Leute, die es lesen (siehe oben, mittleres Bild). Innerhalb der Logik dieser Erzählung hätte die alte Frau den Erlaß wohl lesen können, es sei denn sie hatte auch noch eine (stillschweigend als taubentypisch unterstellte) Leseschwäche.

    Regenbogen, Märchen hat mit „für Kinder“ erstmal gar nichts zu tun. Es gibt Märchen die als „Kindermärchen“ gehandelt werden, aber welche das sind und vor allem welche das sein sollten ist ja gerade der Punkt.
    In den Grimms Märchen wird auch ansonsten recht viel kurzerhand getötet und verbrannt, nicht nur bei Hänsel und Gretel. Gleiche Logik wie hier bei Dornröschen. Frau ist nicht eingeladen –> Königstochter soll sterben. Ansonsten, ich würde mal bezweifeln, dass das im Ofen Verbrennen der Hexe bei Hänsel und Gretel als Notwehr eingestuft würde. Mildernde Umstände und sowieso maximal Jugendstrafrecht, aber Notwehr?

  14. Regenbogen

    Würde ich so einschätzen – wobei ich natürlich keine Richterin bin.
    Kräftemäßig hatten die beiden der Hexe nichts entgegenzusetzen…also blieb Gretel nur die „Gefahrenabwehr“ von hinten.
    Messer schienen sie nicht dabei gehabt zu haben und Pfefferspray kannte man damals wohl noch nicht. 😉

    Naja, Brutalitäten gibt es ja nicht nur in den Märchen (wobei…glaubst Du echt, daß Grimms Märchen seinerzeit eine ausgeprägte Erwachsenenlektüre waren?), sondern auch z.B. im Zeichentrick….Ich denke da etwa an Tom und Jerry.
    Klar, sollte man auch nicht vorlesen bzw. gucken lassen, wenn die Kinder noch ZU klein sind.

    Hm, und „Königstochter soll sterben“ als Reaktion auf die fehlende Taufeinladung – soll ja die Bosheit der 13. Fee zeigen. Wird ja nicht als richtig dargestellt, sondern als deren (falsche) Rachsucht.
    Ich würde mal sagen, wenn man heutzutage die Nachrichten schaut oder in die Zeitung guckt…
    wofür da in der Realität getötet wird….viel besser als die Fee im Märchen sind manche Leute tatsächlich nicht.

  15. Regenbogen

    Sorry, aber das interessiert mich jetzt, auch wenn es etwas vom Thema abweicht….

    Not quite, ich hab gerade nochmal nach der genauen Definition von Notwehr gegoogelt.
    „Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden.“
    (§ 227 II BGB, § 32 II Strafgesetzbuch, § 15 II OWiG).

    Daß das Verspeisen von Hänsel ein rechtswidriger Angriff ist, davon gehen wir mal aus.
    Wenn Du meinst, daß keine Notwehr vorliegt, impliziert das ja, daß Deiner Ansicht nach eine andere Möglichkeit bestanden hätte, die den Stoß der Hexe in den Ofen nicht erforderlich gemacht hätte.
    Welche wäre das?

    Übrigens, so unmodern waren die Brüder Grimm gar nicht.
    Guck Dir mal die moderne Version von Märchen an – sprich Telenovelas.
    Die Stereotypen, die DA bemüht werden, sind viel schlimmer, finde ich.
    Da ist die Gute immer schön und vor allem blond, die Böse oft häßlich, mindestens aber dunkelhaarig.

    Siehe Schneewittchen: Die Brüder Grimm hatten immerhin schon rausgefunden, daß Bosheit nicht von der Haarfarbe abhängt. 😉

  16. Dass es auch anderswo und insbesondere in der Realität Brutalitäten gibt, wäre ja eher ein Argument dafür, genau hinzusehen, was man Kindern so vorliest.

    Grimms Sammlung umfaßt nicht nur Kindermärchen und welche davon die Kindermärchen sind, haben sie m.E. nicht markiert. Das sind so die, die man kennt, aber die Grenzen sind fließend.

    Bei der Reaktion der 13. Fee ging’s mir nur um das Muster, dass gleich getötet und verbrannt wird. Und das findet sich in vielen Fällen auch bei den Hauptpersonen.

  17. Ich habe gerade leider keine Zeit, dem mit der Notwehr weiter nachzugehen. Aber spielt nicht auch die Verhältnismäßigkeit eine Rolle?

  18. Regenbogen

    Ja, natürlich.
    Deshalb ja die Frage: Was hätte Gretel sonst tun sollen, um Hänsel zu retten?
    Klar, wenn sie was anderes, weniger Schwerwiegendes hätte tun können, hätte sie die Verhältnismäßigkeit überschritten. Aber eben nur, wenn.

    (Die Hexe umgekehrt z.B., da könnte man sagen, sie wollte ihr Eigentum retten. Die beiden waren ja dabei, ihr Haus zu verkasematuckeln. DAS aber hätte sie definitiv nicht damit verteidigen müssen, indem sie Essen auf Rädern abbestellt und sagt, sie schlachtet selber.)

    Hm, ja, man sollte Kinder nicht mit zuviel Grausamkeit auf einmal und schon gar nicht in zu jungen Jahren konfrontieren….ich glaub aber nicht, daß Grimms (oder auch anderer Leute) Märchen da allzu viel geschadet haben; da gibt´s Schlimmeres. Und sonst bleibt außer den Teletubbies auch nicht soooo viel übrig. 😉
    Ich finde aber auch, daß es schönere Märchen gibt – ich hab Sterntaler immer gern gemocht.

  19. Pia Butzky

    „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ (Hans Christian Andersen). Das ist mir als Kind echt an die Nieren gegangen. Hat mich tagelang ganz doll bedrückt.

    Alles andere an vermeintlich nicht kindgerechten Elementen in den Grimmschen Märchen habe ich schon als Kind symbolisch verstanden. Eine Kunstfigur wie eine Hexe konnte ich nicht mit realen Menschen identifizieren und hatte sofort begriffen, dass einfach eine Bedrohung in der Geschichte überwunden werden konnte – symbolisch. Die angebliche Gewaltverherrlichung oder Brutalität wurde mir erst als Erwachsene im Nachhinein erklärt, hatte ich als Kind aber völlig anders aufgenommen.

    Viel mehr beeindruckt war ich von dem Knusperhäuschen, einem Haus, dass man essen konnte. Toll! Diese Art von Phantasie hat mich schon immer schwer beeindruckt und machte die reale Welt doch recht langweilig. Das einzige, was Märchen bei mir Schlimmes angestellt hatten, war der Wunsch, die öde dröge Realität zu verändern. Und die Verzweiflung, dass es in Wirklichkeit keine gute Fee gibt, die mal eben angeschwebt kommt, wenn man eine braucht … gemein.

  20. Das Mädchen mit den Schwefelhölzern — überhaupt, die Andersen-Märchen. Gingen an die Nerven! Aber dennoch — wunderschön!

  21. Regenbogen

    Oh, das hab ich nur nicht genannt, weil es hier bislang um Grimms Märchen ging.
    Die Andersen-Märchen sind toll (wobei, auch z.T. grausam wie z.B. die kleine Meerjungfrau. Hat sich doch nur verliebt und muß dafür ihre Stimme aufgeben – bzw. hinterher sterben. Andererseits auch ein schönes Bild für Mut und Selbstlosigkeit – hab ich doch richtig in Erinnerung, daß sie deshalb stirbt, weil sie sich weigert, den Prinzen, der sie wg. der fehlenden Stimme nicht erkannt hat, zu töten?)

    Die wilden Schwäne hab ich auch immer gemocht – ich glaube, das war auch von Andersen, bin mir aber nicht ganz sicher.

    Und bei dem Mädchen mit den Schwefelhölzern oute ich mich (auch wenn ich mich jetzt lächerlich mache).
    Mir kommen bis heute die Tränen, wenn ich das höre.
    Ist ja schließlich nicht nur ein Märchen – daß arme Kinder an Hunger und Kälte sterben, gibt´s ja beschämenderweise bis heute ganz real.

  22. Meerjungfrauen dagegen scheinen das Meer inzwischen leider weniger zu verlassen. Die letzte, von der ich das gehört habe, war die Dame, deren Foto ich hier gepostet habe.

  23. Regenbogen

    Du hast die Meerjungfrau fotografiert, als sie zu Lachsschnittchen verarbeitet war?????
    Ich bin entsetzt. ggggg

  24. Naja, wird schon seinen Grund haben, dass manche zu schönen Mädchen Schnitte sagen.

    (PS: Ich meinte eigentlich das zweite Bild.)

  25. CharlyBrown

    Heutzutage werden alte Märchen und auch andere alte Literatur „modernisiert“ wegen political Correktness oder zu viel Grausamkeit.
    Besorgte Mütter verbieten Oma und Opa, den
    Enkeln Märchen aus alten Originalbüchern vorzulesen.
    Anderseits liegen in jeder Buchhandlung reihenweise Thriller und ähnliche Bücher, die
    sich im Titel (und Inhaltbeschreibung auf der
    Rückseite) gegenseitig an Grausamkeit übertreffen. Jedes Kind kann ungehindert in Buchhandlungen stöbern und in der DVD-Abteilung von Kaufhäusern die abscheuchlichsten Cover von Horrorfilmen und sogenannten Splasherfilmen angucken.

    Es ist heutzutage sexistisch, wenn der Prinz das schlafende Dornröschen küsst?!.
    Aber niemand stört sich daran, das jedes Kind
    in Zeitschriftenabteilungen jede Menge
    Sexy Titelbilder sieht und Dreizehnjährige Mädchen im Roman „Feuchtgebiete“ blättern!

    Irgendwie leben wir in einer schizophrenen Zeit.

  26. Regenbogen

    @CharlyBrown:
    Da sagst Du was.
    (Gehört jetzt nicht ganz zum Thema, fällt mir aber so spontan ein….ich weiß nicht, ob die Blödzeitung immer noch ab und an einen halbnackten Knaben reinsetzt statt immer nur Mädels von Seite 1. Als das gerade aufkam, bekam die Blöd neben positiven Bestätigungen auch einige Briefe, die sich dagegen aussprachen.
    Einer schrieb da u.a., „wie soll ich sowas jetzt meinen Kindern am Frühstückstisch erklären?“

    Ich dachte, ich fass es nicht. Wenn du jeden Tag Dein Tittchen auf der Tit(t)elseite sehen willst, dann steh wenigstens dazu und verschanz dich nicht hinter deinen Kindern, um deine Notgeilheit schönzureden.
    Männer – in Jeans oder Unterhose, was ungefähr soviel zeigt wie man in einer Badehose sieht, und nur obenrum nackt – das kann man Kindern nicht erklären?
    Aber daß sie jeden Tag, auf der Bild-Titelseite und im Kiosk an allen Ecken und Enden, mit weiblichen Brüsten zugekleistert werden, DAS kann man Kindern am Frühstückstisch zumuten?????

    Ich bin ja keine Efrauze (….das ist die radikalisierte Form einer Emanze gg), aber da kann ich nur sagen: Sexisten….

  27. the fräänk

    Zur Notwehr-Diskussion ein paar Kommentare zuvor:
    Eine Verhältnismäßigkeit von angegriffenem Rechtsgut beim Verteidiger gegenüber dem Schaden beim Angreifer spielt bei der Notwehr nur als letztes Korrektiv ein Rolle. Wenn ein kleiner Junge die Nachbarskirschen aus dem Baum klaut und der im Rollstuhl sitzende Gartenbesitzer nur seine Schrotflinte hätte, um sich dagegen zu verteidigen, dürfte er trotzdem nicht schießen. Angegriffenes Rechtsgut (Kirschen) würde hier völlig außer Verhältnis zum Schaden (Leben des Jungen) stehen.
    Liegt kein Missverhältnis vor (also wie hier Leben von Hänsel und Gretel gegen Leben der alten Frau), dann kommt es drauf an, ob es ein milderes Mittel zur Verteidigung gibt, dass – wichtig! – ein sofortiges Ende des Angriffs erwarten lässt.

    Also ist die entscheidende Frage: Hätte Gretel ein anderes Mittel gehabt, um den Angriff sicher zu beenden?

    Kenne das Märchen jetzt nicht mehr so gut, und es kommt ja immer auf die Tatumstände an. Aber aus lang mach kurz: Ich würds als Notwehr gelten lassen, vielleicht noch Notwehrexzess (§ 33 StGB, Überschreitung der Notwehrgrenzen aus Furcht, Verwirrung oder Schrecken).

  28. Pia Butzky

    Auffällig ist auch, dass Erwachsene sich zur Entspannung im TV und Kino haufenweise Krimis anschauen, in denen grausige Fälle aus Forensik / Rechtsmedizin detailgenau vorgeführt werden. Da stehen dann die gut gekleidete Detektivin mit überambitionierter Frisur und der smarte bodygebildete Kollege über eine Leiche gebeugt und sagen Sätze wie: „Man hat dem Opfer vor seinem Tod die Augäpfel rausgedrückt und tiefe Schnittwunden im Gesicht zugefügt. Sehen Sie hier: Auf dem Unterleib sind großflächige Verätzungen von Säure zu sehen. Das Opfer hat noch gelebt, als es misshandelt wurde.“

    Sowas schauen sich die Leute an, obwohl sie schwer traumatisiert wären, wenn es in der Realität in ihrem näheren Umfeld geschehen würde. Aber aus dem Blickwinkel der immer gut frisierten Ermittler (Schauspieler) in modernen, klimatisierten Büros ist das bloss spannend und unterhaltsam.

    Erwachsene haben ihre Freude an grausigen brutalsten Geschichten, lesen ihren Kindern aber geschönt zensierte „Heile-Welt“- Geschichten vor. Da muss doch irgendwann der Bruch kommen.

  29. Regenbogen

    @Pia:
    Urgs….jetzt hätte ich beinahe auf den Tisch gekotzt.
    Naja, solche Serien laufen, da hast Du recht, natürlich mit Erfolg, weil so viele die Sachen sehen.
    Ich persönlich kann das allerdings nicht…bei solchen Diagnosen des Pathologen, wie Du sie geschrieben hast (und wie sie auch im Fernsehen kommen, absolut richtig!) wird mir tatsächlich schlecht. Ich bin da ziemlich überempfindlich.

  30. So eine gewisse Schizophrenie fällt mir auch öfters auf. Reizüberflutung, Abstumpfung. Passive Aufregung am Abend gegen das Hamsterrad tagsüber. Naja.
    Zu der Frage Märchen für Kinder: Ich frage mich, ob mehr Leute, insbesondere Frauen, ihr Leben in die Hand nehmen würden, wenn sie nicht soviel frühkindliche Märchenlogik intus hätten. Stichwort Märchenprinz.

    fräänk, ah, interessant. Danke! Notwehrexzess, merk ich mir. 🙂

  31. Regenbogen

    Du meinst, viele Frauen warten einfach nur auf den Traumprinzen statt einen ganz normalen Typen anzuquatschen?

    Wobei ich sowas wie Traumprinzen und Traumfrauen auch nicht nur den Märchen in die Schuhe schieben würde, sondern auch den aktuellen Medien. Was die so als Schönheitsideal rüberbringen…..und etliche denken dann, wenn die Leute da so aussehen können, dann doch mein(e) Süße(r) auch…

    Und mit der Selbständigkeit wären wir dann wieder bei Hänsel und Gretel.
    Gretel hat es ja dann in die Hand genommen. 😉

    Aber insgesamt sind auch da die Andersen-Märchen besser. Stichwort „Die wilden Schwäne“ oder die kleine Lachsschnitte.

  32. Ich meine das wesentlich allgemeiner, die Form von Lebensproblemen/Konflikten und Lösungen, die’s da dafür gibt. Dass irgendwann ein Prinz oder eine Königstochter auftaucht, einen küßt und dann wird alles gut, ist nur das prägnanteste Beispiel, das mir einfällt.
    Aber „keine Grimms Kindermärchen Vorlesen“ ist dafür vermutlich auch keine Lösung.

    „Die kleine Lachsschnitte“, das klingt ja mies 🙂

  33. Pia Butzky

    Sorry, wegen der Grausigkeiten weiter oben. Aber es ist wirklich so, oft noch schlimmer. Die Filmbilder sind gelackt, die Figuren permanentgeduscht und feinstgestylt und die Texte sind das Grausigste und Brutalste, was man je zu hören bekommen hat. Immer dient das spektakulär furchtbar gequälte Opfer nur als Auslöser, um schicke „Detectives“ wichtig gucken und in schwarze Autos steigen zu lassen. Abgeschmackt. Sowas boomt als Erwachsenenunterhaltung schon ein paar Jahre. Was soll man davon halten?

    Aber wir kommen vom Thema ab: , Beethoven, du wolltest doch den Sammeltopf für „Schwerhörigkeit + Taubheit in der Literatur“ aufmachen. Mach doch mal. Film passt ja auch mit rein.

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