Dies dunkle Röhren

Auch nach nur knapp einer Woche ist die Entwöhnung übel. Knapp einer Woche wohnen im — wie soll ich sagen? — Wohngebiet. Und nun wieder Berlin und die vierspurige Durchgangsstraße vor der Tür.

Es ist ein dunkles Röhren, das ich ohne Hörtechnik höre. Es schwillt an und wieder ab, über Tag ist es nie länger als ein paar Sekunden fort.

Wie kann man Entzugserscheinungen haben von etwas, das gerade in Abwesenheit besteht? Der Entzug vom Entzug vom Lärm. Cold Turkey durch Mangel an Stille, diese highly addictive bitch.

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12 Antworten zu “Dies dunkle Röhren

  1. Pia Butzky

    ???
    Was war jetzt mit welcher Woche und wer wohnt wo … ? Du warst kurz weg in ruhiger Umgebung? Und bist jetzt wieder im Straßenlärm? Und hast Tinnitus? Oder Geräusche über Resthören?

    Ist es simpel: Du hörst Dröhnen in lauter Umgebung?

    Oder faszinierend: Du hörst Dröhnen in absoluter Stille und hast keinen Tinnitus? (Die Zeitungsmeldung über den französischen Höhlenforscher in den 1990ern)

  2. Tja, Pia Butzky hat ja schon alles gefagt. Mir fällt noch ein: Umziehen. 🙂

  3. Die drei Jungs( 4, 9, 12 Jahre) von neben an verdienen ihr Taschengeld sehrwahrscheinlich mit einem eigenem Abrissunternehmen. Nach dem Nachtdienst schlafe ich seelig wenn drüben immense Randele ist. Ist es jedoch verdächtig still, dann wache ich auf und mache mir Sorgen. Herr L. hat sich darüber schon oft amüsiert.
    Aber das ich den Radau weiterhin höre, obwohl nichts ist, dass habe ich glücklicherweise nicht.

  4. Pia, es ist ganz simpel und geht um Straßenlärm trotz Schwerhörigkeit. Ohne Tinnitus (obwohl gleiche Wirkung).

    Nina, wundert mich überhaupt nicht. Plötzliche Hintergrundgeräuschveränderung ist fast immer verdächtig.

    Andrea, umziehen, tja… wäre ne Möglichkeit.
    Lustig übrigens: Vor 35 Jahren soll dieser britische Politiker gefordert haben, Schwerhörige und Taube neben Autobahnen, Fabriken und Flughäfen anzusiedeln — das sei nur logisch, davon blieben sie ungestört. Soviel dazu. Ist nicht nur diskriminierend, sondern auch sachlich falsch.

  5. Pia Butzky

    (Uuiih, Norman Anthony Francis St John-Stevas, Baron St John of Fawsley)

    Ist ja böse – und auch hochgradig gesundheitsschädlich. Blinde sollten dann wohl fensterlose Wohnungen in Kellern oder Tiefgaragen bekommen, weil sie ja sowieso nichts sehen? Übel.

    Ja, so kennt man Adel und Politik:
    Immer eine tumbe Viehherde im Sinn, wenn es um andere Menschen geht. Aber ist ja auch schon Jahre her …

    (Das mit dem französischen Höhlenforscher ist bekannt?)

  6. Ich hätte mir vielleicht doch vor 10 Jahren ne schön große Wohnung in der Einflugschneise von Tempelhof kaufen sollen. Und jetzt dort genießen. Oder in ein paar Jahren teuer verkaufen.

    Was war denn mit dem Höhlenforscher?

  7. Pia Butzky

    Schön, das du fragst. 🙂

    In den späten 1990ern* hatte ein renommierter französischer Höhlenforscher bis dato unbekannte Zugänge und Bereiche eines Höhensystems entdeckt und sorgte damit für Aufsehen in Fachkreisen.

    In Populärmedien wurde er deshalb bekannt, weil er mehrere Tage lang verschollen war. Diverse Umstände hatten ihn bei der Höhlenbegehung von seinen Begleitern getrennt (Regel wie bei Tauchern: Nie allein gehen!) und er verirrte sich in Teilen des Höhlensystems, die noch nicht erforscht waren, entdeckte dann aber dank seiner Erfahrung und Umsicht einen Ausgang, der für Forscher eine Sensation bedeutete.

    In Interviews wurde er gefragt, ob er keine Angst gehabt habe, tagelang allein im Dunkeln, ohne Essen, ohne Orientierung. Nein, gar nicht, es gab ausreichend Wasser – und Höhlen faszinierten ihn sowieso, von Angst keine Spur.

    Aber die STILLE wäre nicht zum Aushalten gewesen! Was ihm sehr zu schaffen gemacht hätte, sei dieses absolute Geräuschvakuum gewesen. Dröhnend laut.

    Als Ertaubte nicke ich zustimmend, denke aber auch, er kennt das Vakuum nicht wirklich, denn er hat seine Atmung, seine Kleidung, seine Schritte gehört. Er brauchte sich nur zu bewegen, schon hörte er konkrete Geräusche. Wenn man nichts hört oder ausschließlich Tinnitus – das ist noch einen Zacken schlimmer.

    Das zum Thema: „Dröhnen in Stille“.

    *Wer, wann, wo – ich weiß es leider nicht mehr.

  8. Stille ist halt nix für Weicheier. Es gab ja auch diese Versuche, wo sich zeigte, dass die meisten Leute in absoluter Stille recht schnell irgendwelche Phantomgeräsusche zu hören beginnen.

  9. Die Episode in der Höhle (ein Weichei ist der Höhlenforscher sicher nicht gewesen) zeigt, dass angenehm empfundene Stille eigentlich meint: Leise Geräusche. Absolutes Fehlen von Geräuschen ist vermutlich identisch mit absoluter Dunkelheit: Dann flimmert und wuselt es ja auch vor den Augen.

    Interessant ist noch die Relation von leise-laut: Der Mann in der Höhle hat Stille als laut empfunden, obwohl das „doch eigentlich nicht geht“. Immer ein blödes, aber beliebtes Argument von Ärzten bei Tinnituspatienten: „Messungen“ hätten ergeben, dass der Tinnitus „objektiv“ recht leise sei. Patienten wurden als Weicheier hingestellt, weil sie genervt waren vom Tinnitus. Das ist aber so wie mit einem Glassplitter im Auge: Da kann man auch relativieren, er sei ja bloss 2 mm klein, sowas Winziges könne doch gar nicht stören.

    Ich hatte die Zeitungsmeldung vom Höhlenforscher (Wissenschaftler, gesund, kompetent) damals als sehr unterstützend empfunden, gerade im Kontrast zu den bornierten Ärzten, die mich und viele andere mit Tinnitus als „Weicheier“ darstellten, die eigentlich keinen Anlass zum Klagen hätten.

  10. Und ich dachte noch, ob ich vielleicht zur Sicherheit einen Smiley dranmachen sollte. Habe nur gemeint, dass man ein harter Brocken sein muss, um echte Stille auszuhalten — eben wegen der von Dir beschriebenen Dinge. Übrigens, hier hatte ich mal ein bißchen was zu Stille geschrieben.

  11. Ach! Interessanter Gedanke (in dem Linkthema).
    Stimmt, Erwachsene wollen eigentlich nicht Stille, eher „Ruhe!“

    Bei Kindern habe ich mich auch schon gefragt, ob die schrille laute Frequenzen aus irgendeinem Grund BRAUCHEN. Das junge Gehör scheint wirklich andere Empfindungsstufen zu haben. Irgendwo habe ich mal gelesen, Kinderstimmen sind so hoch angelegt, weil sie als Alarm für Erwachsene funktionieren müssen: Frühzeitliche Jäger und Sammler, wilde Tiere, Gefahr … da muss das Kind immer sofort geortet werden können. Und damit die Kinder sich selbst aushalten, müsste deren Gehör entsprechend „gedimmt“ sein. Sowas wirft nochmal Fragen zum CI und den angepassten Programmen auf. Kinder sind vermutlich längst nicht so „Mickymausstimmen“-empfindlich wie erwachsene CI-Träger?

  12. Ich habe keine Ahnung, würde aber vermuten: Wenn, dann wird andersrum ein Schuh drauß. Nicht Kinderstimmen sind hoch, weil sie als Alarm funktionieren müssen, sondern es haben sich solche Genotypen durchgesetzt, die (zumindest als Erwachsene) besonders empfänglich für ihre Kinderstimmen sind und sie schnell hören.

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