Zahlreicher. Und ärmer: Jugendliche Schwerhörige in den USA

Auf wieviele Arten ist das erschreckend? In den USA ist einer von fünf Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren zumindest leicht schwerhörig. Das ist das Ergebnis einer Studie, die letzte Woche veröffentlicht wurde [Quelle  JAMA].

Als ob die schiere Menge noch nicht genug wäre: Verglichen mit vor zehn Jahren sind das 30% mehr! Und es kommt noch besser. Jugendliche aus Familien unterhalb der Armutsgrenze waren deutlich häufiger schwerhörig als solche  aus wohlhabenderen. Das Ergebnis sieht einigermaßen solide aus.

Woran es liegt, wissen die Forscher leider nicht. Ist die Schwerhörigkeit eine Folge der Armut? Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass ärmere Kinder generell lauter Musik hören. Gut, es sind die USA. Da ist womöglich ihre generelle gesundheitliche Verfassung schlechter. Und die medizinische Betreuung. Unerkannte und unbehandelte Krankheiten und so.

Oder ist vielleicht die Armut eine Folge der Schwerhörigkeit? Eine (nicht an der Studie beteiligte) Ärztin wird mit folgender Vermutung zitiert: Die Familien könnten arm sein, weil schon die Eltern unerkannt schwerhörig waren, dadurch arm wurden oder geblieben sind — und dies nun an die Kinder weitervererbt haben [Quelle].

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14 Antworten zu “Zahlreicher. Und ärmer: Jugendliche Schwerhörige in den USA

  1. Ich kann mir eine weitere Ursache vorstellen. In vielen industrialisierten Ländern gibt es keine Studien darüber, wieviele Gehörlose bzw. Hörbehinde es gibt. In der Schweiz wurde meines Wissens noch nie eine Studie erhoben, in welcher wirklich differenziert Behinderte gezählt wurde. Der Grund dafür ist einfach. Die Politik hat Angst davor, genaue Zahlen zu kennen, denn dann wüsste man plötzlich, wie gross dieser Anteil der „Minderheitsbevölkerung“ ist. Die ist in der Schweiz gemäss Schätzungen von Behindertenorganisationen nämlich gut 20% oder eher noch mehr, je nach dem, wie man definiert, was eine Behinderung ist.
    Dasselbe gilt auch für Schwerhörige. Die Dunkelziffer ist gerade bei leicht- und mittelgradigen hoch, weil sie aus Scham oder Angst sich nicht testen lassen bzw. sich weigern, ein Hörgerät tragen zu wollen.
    Dazu kommt auch das Alter. Die Schweiz kennt eine Versorgungslimite von 64 Jahren, d.h. die Finanzierung der Hörgeräte ist ab diesem Alter (Pensionsalter) anders geregelt. Allerdings wird bald eine Gesetzesnovelle in Kraft treten, die diesen Missstand etwas bessert, allerdings zu ungunsten von anderen Fällen.

  2. It would be interesting to read the literature on disability and poverty. I would think that both processes you describe are true, at least in the US, especially „Armut eine Folge der Schwerhörigkeit.“ I remember you describing how incredibly pro-active your parents were when you were in school, encouraging you to go to teachers directly and explain your needs, and so on. I thought, many people would not have parents who were so on the ball. I could imagine a child with a hearing disability doing badly in school, and then coming home to get punished. Lack of opportunity to succeed in school would of course impact Chancengleichheit and earning ability later in life.

    With health care, the specific problem in the US* up until recently has been that working people without insurance through their jobs would only get medical care if something Really Bad happened. If you show up with a broken arm at the emergency room, of course, no one will turn you away. But this of course meant, people would not get care when symptoms first manifested themselves (pain in the side, or, you have trouble hearing in class?.) It is the push-off-the-caravan result of missing safety nets.
    *except in MA

  3. Pingback: Anonymous

  4. (In der Studie über die letzten 10 Jahre wird es die laute Musik sein, was sonst? Liegt doch wirklich nahe. )

    Eine unpopuläre Theorie, die zukünftig vielleicht mehr Bedeutung bekommt: Umweltgifte aus billig hergestellter Kleidung, Mobiliar und Nahrungsmitteln wirken im Körper ototoxisch. Die Lymphe im Innenohr ist hochsensibel für Schadstoffe, dort konzentrieren sich auch langfristig Umweltgifte. Je niedriger der Einkommenstand, desto mehr chemisch verseuchte Stoffe sind im Umfeld zu finden – Ausgasungen aus billigem Raummaterial (Pressspanmöbel, PVC, Beschichtungen), Pestizide in billiger Kleidung und Essen, Schadstoffbelastung in der Luft (Ballungsräume), giftiges Plastikspielzeug etc.

    Die Mischung macht´s.
    Der Verdacht kursiert in der medizinischen Forschung, aber man kann es kaum konkret nachweisen, ist ja klar. Ähnlich wie beim Klimawandel (Club of Rome, 1970) : Der war ja auch jahrzehntelang eine spekulative Glaubensfrage, bis sich immer mehr Indizien zu fanden. Welche Stoffe im Einzelnen ototoxisch wirken, ist nicht untersucht. Es ist natürlich sehr viel leichter, Atem- und Hautbeschwerden zu kontrollieren. Aber dass das Innenohr auch sehr anfällig für Umweltgifte ist, kann man nicht ausschließen. Die kleinste Schwankung in der Zusammensetzung von Endolymphe und Perilymphe – und schon ist Schluß mit lustig.

  5. Interessant. Wo kursiert da der Verdacht bzw. wo hast Du das her? Ein Link wäre schön.

  6. Link? Googel doch mal nach „Innenohrschäden Umweltgifte“ und „ototoxische Stoffe“. Reichlich Hinweise zu gravierenden Langzeitschäden. Nichts Neues. Steht sogar in der Apotheken-Umschau
    😉

    Den Verdacht kenne ich schon länger aus Beratungen meiner HNO-Ärzte und aus allgemeinen medizinischen Artikeln zu körperlichen Auswirkungen von Umweltgiften. Weil die Anfälligkeit der Lymphe für Vergiftungen (Amalgam, Aspirin, Chinin, diverse Baustoffe …) bereits bekannt ist, vermutet man eben auch ototoxische Schädigung durch die im Alltag versteckten Umweltgifte, kann aber „unbekannte Mischungen in unbekannten Dosierungen“ nicht konkret untersuchen. Ist ja klar.

    Diese Art der Untersuchungen auf Langzeitwirkungen steht erst am Anfang:
    Bisher gibt es hieb- und stichfeste Nachweise, dass chemische Zusätze aus Raumfarben und Böden kontinuierlich ausgasen und im Langzeiteinfluß Krebs auslösen. Billige Materialien haben besonders hohe Konzentrationen (arm > billig > krank). Diese Krebswarnungen sind noch relativ neu, habe ich erst vor wenigen Wochen als Verbrauchernachricht gelesen, die chemischen Stoffe sind natürlich weiterhin im Handel, ein Verbot derzeit noch nicht in Sicht. Ob es wohl auch mal Warnungen vor ototoxischen Materialien geben wird?

  7. Danke für den Hinweis. Dass es ototoxische Medikamente gibt ist natürlich schon länger klar. Auch, dass es bei einer ganzen Reihe von Stoffen die Vermutung gibt, sie könnten ototoxisch wirken. Ebenso, dass ärmere Menschen denen mehr ausgesetzt sein könnten.

    Nur ist das halt wieder so ein Feld wo so vieles „irgendwie stimmig“ erscheint. Da kann dann die Beunruhigung ganz wunderbar steigen , aber man weiß halt wenig genaues. So dass ich hoffte, Du hättest vielleicht was konkreteres.

  8. Wie schon gesagt: Es ist wie beim Thema Klimawandel. Da hat eine weltweite Sammlung von sehr vielen Detail-Beobachtungen über mehrere Jahrzehnte erst zu einer Verdichtung der Erkenntnisse geführt (und bleibt trotzdem Vermutung). Bei Umweltgiften im Körper – und dann noch mal speziell im Ohr – wird es ähnlich langwierig und detailliert zugehen, bis man sichere Erkenntnisse über Langzeitschäden hat.

    Besonderheit:
    Nur Labor-Tierversuche würden im streng wissenschaftliche Sinne etwas beweisen, denn einem Menschen kann man nicht mal eben in die Cochlear gucken, ohne sie gleich zu demolieren. Es bleibt also – wieder wie beim Klimawandel – eine langfristige Beobachtung von vielen möglichen Zusammenhängen, die immer auch anders interpretierbar sind. Oder gibt es etwa den EINEN konkreten Beweis für den Klimawandel durch Luftverschmutzung? Nein. Immer noch nicht. Trotzdem sind wir alle übezeugt: Da ist was dran.

  9. Interessante Diskussion. Erstens die Sache über die Umweltgifte. Zweitens fällt mir da eine Verwandte meines Herrn T. ein: Tante Klara. Galt ihr Leben lang als leicht debil, bis sich herausstellte, dass sie ziemlich schwerhörig war. Damals war sie schon weit über vierzig und hatte ihr Leben in miserabel bezahlten Jobs verbracht. Nur: Das ist, soweit ich weiss, ein Einzelfall.

  10. Ich finde, die Sache mit den Umweltgiften und der Langzeitwirkung auch äußerst spannend. Aber sollte man vorsichtig sein. Es müssen ja ototoxische Stoffe sein — und da ist nicht klar, ob ärmere Familien denen tatsächlich stärker oder häufiger ausgesetzt sind.

  11. Kein Wunder wie in den USA so abläuft. Die Krankenversicherung in den USA ist komplett privat, und sie ist teuer. Die Bedeutung der Bund (z.B. Gehörlosen-Bund oder Schwerhörigen-Bund oder irgendwelche Verbände) ist in den USA deutlich geringer als in Europa bzw. Deutschland, weil man dort kaum dagegen tun kann. Und die Kindersterblichkeit in den USA ist höher als in südamerikanischen Entwicklungsländern. Das ist nun mal leider die amerikanische Realität.

  12. Was in den USA so als Gesundheit gilt und die Streitereien um ein Gesundheitssystem sind wahrlich erschreckend. Dass die Bedeutung der Verbände geringer ist, da wäre ich mir gar nicht so sicher. Hätte eigentlich schon gedacht, dass die schlagkräftig sind. Ich habe aber nicht genügend Wissen um das zu beurteilen.

  13. Ich weiss, wovon ich rede, weil ich dort für 3 Monaten gelebt hatte. Einige Beispiele kann ich dir nennen, warum die Bedeutung in den USA ganz anders als hier ist. z.B. die Gewerkschaften. In den USA spielen Auto (vor allem General Motors )- und Filmgewerkschaften eine größere Bedeutung als die Gesundheits- oder Arbeitsgewerkschaften. Das ist nun mal ganz typisch USA.

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