Rechtzeitig zur letzten Ölung? Die Rückkehr zum Telefon

„Du mußt auflegen“, sagte meine Mutter, „und nochmal anrufen. Das ist billiger.“ Das war vor 20 Jahren, als ich fast jeden Abend stundenlang mit meinem besten Freund telefonierte. 10 Jahre später begann dann die Ertaubung, mich langsam aus der Welt des Telefonierens herauszudrücken. Und jetzt, mit dem elektrischen Ohr, kehre ich langsam dahin zurück.

Angeblich gerade noch rechtzeitig um dem Telefongespräch beim Sterben zuzusehen. Behauptet zumindest Clive Thompson in Wired. Und daran anschließend Martin Weigert bei netzwertig.

Wieder telefonieren zu können war einer der wichtigsten Gründe warum  ich mich zu dem Cochlea Implantat entschloss. Sollte das alles unnötig gewesen sein? Die Welt ist ja tatsächlich eine andere geworden. Man muss nicht schwerhörig sein um die Vorzüge von Email, SMS, chatten, facebook und twitter zu sehen. Weniger störend, gar höflicher, weil zeitversetzt. Man hat’s gleich schwarz auf weiß. Auch andere telefonieren deutlich weniger. Und kürzer.

Ich muss zugeben: Eigentlich bin ich noch nicht zurückgekehrt, in die Welt des Telefonierens. Ich stippe eher immer mal wieder den großen Zeh hinein und schaue wie’s läuft. Und obwohl es öfters lustig läuft habe ich nicht die Parole ausgegeben, man könne und möge mich anrufen. Denn es ist noch immer eine wahnwitzige Aufregung und Anstrengung, wenn ich nicht erkenne wer dran ist oder was sie wollen. Einen Nachmittag auf einen Anruf zu warten ist für mich der Horror. Scheint mir ein schlechter Tausch, meine Ruhe für ein Klingeln zu opfern.

Doch ein paar Dinge lassen sich einfach nur übers Telefon machen. Deine Stimme hören zum Beispiel — ich glaube in einer Fernbeziehung kann dauerhaft keine noch so liebevolle SMS oder Email diese Form von Nähe ersetzen. Bestimmte Dinge recherchieren — es gibt so viel, das nicht im Internet steht und das man auch nicht per Email oder Twitter erfragen kann, zumal bei Unbekannten. Das Verständnis des Anderen zumindest ein bißchen kontrollieren — es lesen doch so einige nur flüchtig oder denken nicht mit, so dass Mißverständnisse passieren oder man 10 Emails oder SMS schreiben muss. Und schließlich noch all die Absprachen und inoffiziellen Informationen, die niemals niedergeschrieben werden sollen — wenn treffen und telefonieren ausscheiden, kann man die gleich ganz vergessen.

Tod des Telefonats? Vielleicht in ein paar Lebensbereichen und Beziehungen. Aber generell nicht mal bei mir als Schwerhörigem. Und Ihr? Wie haltet Ihr’s mit dem Telefonieren?

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63 Antworten zu “Rechtzeitig zur letzten Ölung? Die Rückkehr zum Telefon

  1. Bei mir ist es relativ einfach: Mit meiner Familie ist telefonieren in Ordnung, da ich deren Stimmen sehr gut kenne und sie ja auch um die Behinderung wissen. Im Freundeskreis kommt es drauf an, da ich bei einigen seit meinem Hörsturz Probleme mit dem Verstehen habe (kennt wahrscheinlich jeder Schwerhörige, dass es Leute gibt, die man besser und andere, die man schlechter versteht). Hier wird aber eh über die oben genannten elektronischen Mittel kommuniziert.
    Ansonsten: Call-Center und ähnliches geht gar nicht und im Job telefoniere ich auch nicht.

  2. Je nach Zeit – und kommt auf den Gesprächspartner an.
    Mein Freund zum Beispiel schreibt überhaupt nicht gerne Mails oder SMS-
    und wenn, dann nur um z.B. einen kurzen Gruß zu senden, wenn für ein Telefonat keine Zeit bleibt.
    In der Regel zieht er aber das Telefon vor, weil es gegenüber der schriftlichen Kommunikation einen entscheidenden Vorteil hat: Erstens kann mehr gesagt werden als bei einer SMS mit ihrer begrenzten Zeichenzahl.
    Zweitens, man hört den Tonfall mit und kann Mißverständnisse schnell aufklären.

    Bei meiner Freundin sieht das deshalb z.Zt. eher anders aus (da sind es eher kurze SMS-Grüße oder eine kurze Mail), weil sie ja seit einem Jahr stolze Mama von süßen Zwillingen ist und ihr daher einfach oft die Zeit fehlt.

    Aber aussterben?
    Ich hoffe nicht.
    Ist schon schlimm genug, daß die elektronische Post so oft die Briefpost verdrängt hat. Ich finde Karten und Briefe schöner als SMS oder Mails….persönlicher. Außerdem freue ich mich jedes Mal, wenn in meinem Briefkasten nicht nur Rechnungen und Reklame rumfliegen.

  3. nur kurz: mit freunden würde ich an deiner stelle abmachen/versuchen, zu skypen – da kann man auch noch lippen und mimik sehen, was zum einen generell angenehmer ist 🙂 und zum anderen verstehen hilft.

  4. Komischerweise mag ich Telefonate, in denen man auch mal schweigen kann. Das passiert mir nur mit sehr guten Freunden (von denen ich ausgesprochen wenige habe). Und es passierte mir früher in einer Fernbeziehung. Da war Telefonieren wie im gleichen Raum sein, aber mit anderen Dingen beschäftigt sein. Das ging auch mal über Skype, aber schöner wars übers Telefon, weil da sozusagen nur das Telefon zwischen ihm und mir war, man aber den Atem des anderen hören konnte. Das habe ich in der Zeit, als aus der Fernbeziehung plötzlich eine Nahbeziehung geworden war, vermisst. Und vermisse es heute. Das aber vermutlich, weil da niemand ist, mit dem man das erleben kann 😉
    Ansonsten ist Telefonieren bei mir Mittel zum Zweck, vor allem bei meinen Eltern, um das notwendige Lebenszeichen abzugeben oder mit Leuten zu sprechen, die nicht so internet- oder Web2.0-affin sind wie ich. Es ersetzt manchmal auch das früher so übliche Kaffeetrinken, als man noch in der gleichen Stadt wohnte.
    Prinzipiell aber bin ich ein Mensch, der beim Telefonieren noch mindestens zwei andere Dinge tut, weil es eben Reden ist, wie man es sonst auch tut. Für jemanden, der viel allein ist, doch immer wieder schön.

  5. @neous: Stimmt!
    Früher stand ich bei langen Telefonaten am Bücherregal und habe mit den Fingern den Staub von der Kante gewischt. So blieb mein Regal eigentlich immer schön sauber. Mittlerweile steht das Telefon am Schreibtisch und ich schaue beim Telefonieren auf meinen PC-Monitor. Das stresst allerdings, wenn das, was man gerade sieht, interessanter ist als das, was man hört.

    Berufliche Telefonate sind oft lästig, wenn die Leute nicht wirklich gezielt etwas wollen, was ich konkret beantworten oder tun kann. Mir ist es unangenehm, am Telefonat als Person getestet zu werden, also einen bestimmten Eindruck machen zu müssen. Wie denn auch, wenn man mit CI sowieso alles in Zeitlupe verarbeitet und nicht gerade eloquent wirkt. Berufliche (!) Vieltelefonierer möchten eher zwischenmenschlichen Kontakt, als eine sachliche Information. Die Info sind zwei Sätze in einer E-Mail (= 5 Worte als SMS), aber das Telefonat dauert 20 Minuten.

    @ NQLB: Deine Links hauen mich um. Es erstaunt mich sehr, dass auch Normalhörende ähnlich denken! Wo ich doch dachte, dass ist bloss so eine spezielle Behinderten-Sache … WOW. Voll im Trend.

  6. Lars, Du bist dann wohl einer der Totengräber, oder? 🙂

    Regenbogen, zum Beispiel diese Leute, die nicht gerne schreiben. Oder sich schriftlich nicht gut ausdrücken können. Die sind einer der Gründe, warum ich denke, dass Telefon nicht so schnell ausstirbt. Würde mich ja mal interessieren ob es unter den ganz Jungen auch noch solche gibt…

    rebhuhn, mach ich, keine Sorge. Aber manchmal, wie gesagt, geht eben nur Telefon oder gar nicht. Allerdings hat das meist was mit Beruf und Organisationen zu tun, nicht mit Freunden.

    neous, das mit dem Schweigen kann ich gut nachvollziehen! Die Verbindung ist da, man ist füreinander da und darum kann man auch schweigen. Ein offenes Chatfenster ist da nicht dasselbe. Telefonieren als Fern-Kaffeetrinken ist genau das, was ich früher so viel gemacht hab. Und was jetzt viele durch sowas wie Facebook-Updates ersetzen. Finden sie jedenfalls.

    Pia, tut mir sehr leid für Dein Bücherregal. 😉 Am Telefon getestet werden ist für mich eins der schlimmsten Dinge, die es gibt. Zum Glück kommt das nicht so häufig vor.
    Außerdem: Irgendwie müssen wir ja mal voll im Trend sein.

  7. @Pia Butzky Stimmt, als ich noch im Büro gearbeitet habe, war da noch ein deutlicher Unterschied zwischen Telefonaten dort und privat. Zuhause freue ich mich immer, wenn mich jemand anruft, jetzt wieder viel mehr als früher. Aber im Büro war man froh, wenn die Leitung mal still blieb. Und ja, am Büro-telefon brauchte man viel mehr Energie und Worte, um etwas zu beschreiben. Der Nachteil da war ja aber auch die direkte, wenn nicht sogar unterbrechende Nachfrage. Da hatte ich nach einiger Zeit richtige Redestrategien entwickelt, um etwas zu umgehen.

    Was mir aber auch noch eingefallen ist: Die Art, am Telefon über Dinge zu reden, ist viel direkter, gerade im privaten Bereich. Ein Herumdrucksen oder Schweigen vor Ahnungslosigkeit fällt auf. Deswegen ist es manchmal schon eine Kunst, auch privat und intim richtig und gut telefonieren zu können. Da kann es dann auch sein, dass ich alles andere nebenher mal kurz stehen lasse.

    Und: So sehr ich die Web2.0-Kommunikation manchmal auch schätze, Geburtstagsanrufe sind doch schöner als eine E-Mail!

  8. @neous:
    Jepp, wenn schon keine Geburtstagskarte, dann gern auch ein Anruf. 😉

    Nur wenn dann die Reklameanrufe a la „Sie haben gewonnen“ überhand nehmen, dann nervt es mit dem Telefon.

  9. neous, gut telefonieren ist auch Übungssache, das stimmt. Ich denke, im Job auf jeden Fall, privat manchmal. Zumindest merke ich gerade, dass ich etwas aus der Übung bin.

    Ich glaube aber nicht, dass das Schreiben (SMS, chat, Email, facebook, whatever…) einfacher ist, dass man es weniger üben muss. Insbesondere wenn’s beruflich ist.
    Gerade Emails gibt es so UN-glaub-lich grottige und wie man an Unbekannte herantritt wenn man etwas von ihnen will, das wissen auch viele nicht. Sonst bräuchte man z.B. ja auch keine Könner auf den Social Media Posten von Unternehmen.

  10. Telefonieren ist privat aber doch auch einfach unersetzlich. Zum Beispiel, wenn man gerade was Dolles erlebt hat, aber Hinz ist nicht da und Kunz auch gerade aus dem Haus, da ist es doch toll, wieder mal Tante Berta zuquatschen zu können, weil die immer ans Telefon geht.

    Oder umgekehrt.
    Den niedlichsten Anruf hatte ich mal von einer Bekannten, die sich an einem späten Sommerabend meldete und sagte: „Du, heute ist so viel Schönes gewesen, ich muss einfach mal mit jemand sprechen. Hast du einen Moment Zeit? Heute ist einfach so ein schöner Tag.“ Und dann hat sie gutgelaunt erzählt und ich stand grinsend an meinem Bücherregal … jepp, für sowas Nettes habe ich immer Zeit. Mit der Familie gehen auch Stunden am Telefon rum, bis man alle durch hat („Ich gebe dir mal grad den Klaus, und Oma will auch gleich noch mit dir sprechen …“). Und das alles mit CI. Isn´t it fantastic? It is.

  11. Ganz so wahllos würde ich meine Gesprächspartner vielleicht nicht wählen („Tante Berta, weil die immer ans Telefon geht“) 🙂 aber ansonsten stimme ich Dir zu.
    Vor allem von jemanden als Adresse gewählt werden, mit dem der/die was Schönes teilen will — das ist schön.
    (Sowas kann ich mir allerdings auch gut per Email vorstellen, quasi ein verschickter Tagebucheintrag.)

  12. Vielleicht fand DIE ZEIT unsere Unterhaltung hier und deinen Beitrag anregend? 😉

    http://www.zeit.de/digital/internet/2010-08/ende-telefon-internet-email

  13. Nein, eben nicht: Zusammen lachen und herumalbern ist nicht wie eine E-Mail. Ganz das Gegenteil. Ich frage mich nämlich, was Leute überhaupt zusammen tun, wenn sie nur noch per E-Mail kommunizieren und alle Infos auf schriftlichem Wege austauschen. Was passiert denn dann im abendlichen Biergarten oder Cafe? Kann man ja dann eigentlich auch lassen, wo es doch Skype -oderwiedasKramheisst- gibt.

    Radikal müsste man fragen: Wozu treffen sich Menschen überhaupt noch, wenn doch alles über digitale Medien zu machen ist? (Ausser für Sex natürlich, das geht wohl nicht auf dem schriftlichen Wege …)

    Science Fiction: Im Alltagsleben übernehmen touch-screen-Infosäulen bereits Aufgaben, die bisher ein „Servicemitarbeiter“ erledigt hatte. Kaufabwicklungen macht man am Automaten, auch die Supermarkt-Kasse wird sicher bald automatisiert. Telefon wird durch Mails ersetzt. Lebensmittel soll es ja auch bald online zu bestellen geben (hoffentlich noch von einem echten Menschen geliefert). Arztbesuche werden durch Diagnosefragebogen am Bildschirm ersetzt, Medikamente kommen aus der Online-Apotheke. Zum Arbeiten muss man nicht ins Großraumbüro, sondern arbeitet von zuhause aus. In der Zukunft gibt es dann nur noch Einzeller, die täglich vernetzt kommunizieren. Still und stumm. Hörfähigkeit wäre nicht mehr notwendig. Das Phänomen zeigt sich ja jetzt schon. Individuelle Freiheit oder Einzelhaft?

    (Zum Telefon wurden allerdings auch viele kulturpessimistische Befürchtungen verbereitet, die teils durchaus zutreffen. Irgendwas ist immer. Und was ist mit der Behindertensolidarität untereinander? Im Blindenblog bekäme das Thema Telefon eine ganz anderes Gewicht. Von wegen: Aussterben. Ganz das Gegenteil in der Handy-Generation.)

  14. neous, der sieht gut aus, les ich mir nachher mal durch. Da aber dort kein Link auf dieses Blog gesetzt ist, glaub ich eher, dass die Autorin von dem Eintrag hier nichts mitbekommen hat.

    Pia, jetzt spielst Du hier face-to-face Interaktion gegen Telekommunikation aus, wo es bisher um mündliche vs. schriftliche Telekommunikation ging. Das ist ja nochmal ein Thema für sich, wo man genau hingucken muss. Ich finde schon, dass man an einigen Stellen sinnvoll Personal einsparen sowie Hingeh- und Kontaktzwänge abschaffen kann — durchaus auch mit Blick auf Behinderte und chronisch Kranke. Nur sollte dabei halt nicht nur der Rotstift regieren. Und Barrierefreiheit wäre dabei wichtig.

  15. Aber Frau Butzky….
    noch nie was von Cyber-Sex gehört? gggggg
    (Ach ja….Telefonsex ist auch noch ein Grund, warum das Telefon nicht ganz aussterben wird. Versteh zwar nicht, was die Kerls dabei finden, sich was vorstöhnen zu lassen, während man sich mit einem Funken Verstand denken kann, daß die Schnuspel am anderen Ende der Leitung in Wirklichkeit gerade Topflappen häkelt, aber Männer sind ja öfter mal seltsame Wesen. gggg)

  16. Face-to-face ist doch aber sowas von eng verwandt mit ear-to-ear?
    Verwandter als mit einem Display mit kleinem Text drauf. Einige echte physische Teile des Menschen (Stimme) werden immerhin wahrgenommen am Telefon. Bei E-Mail aber: Nix. Also, mündliche und schriftliche Kommunikation unterscheiden sich doch massgeblich darin, ob Menschen *miteinander* noch oder keinen gleichzeitigen Kontakt mehr haben. Das ist schon ein herber Bruch.

    Wenn du das Telefon nicht in deine Kontaktwege eingebaut hast, weil das bei uns CI-Leuten ja eh schwierig ist, ist die Trennung zwischen distanzierter Kommunikation und face-to-face bei dir ja schon recht eindeutig. Und voll im Trend, ich fasse es nicht! Für Viele ist telefonieren immerhin noch eine Brücke, ein Mittelding zur Kontaktpflege. Aber bei Jugendlichen scheint es, dass sie sich damit auch auf Abstand halten und mit direktem Kontakt fast überfordert sind (sagt mein Freund über seinen Filius und dessen Freunde, und deren Eltern nicken heftig dazu!) …

    @regenbogen: Was ist denn Cyber-Sex? Sience Fiction? Was muss man sich darunter vorstellen? 🙂

  17. @neos: Danke für den Link zur ZEIT, sehr interessant!

  18. Jep, schöner Artikel.
    Hat mich beim Mittagessen ein bisschen sehr viel darüber nachdenken lassen, ob ich ohne dieses ganze Social-Media-Web2.0-Gedöns vielleicht ein Wochenende über vereinsamen würde. So selten wie mein Telefon klingelt, so wenige Leute meine Telefonnummer überhaupt kennen… Wäre ein Experiment wert. Vermutlich würde ich dann wieder häufiger zum Hörer greifen und versuchen, andere Leute zu erreichen.
    Aber größtenteils liegt das ja auch überhaupt an mir. Meine Telefonnummer ist mir auch irgendwie immer noch heilig. Eine E-Mail-Adresse rückt man viel schneller mal raus, ist zum Teil sogar schnell im Internet zu finden (zumindest wenn man Nick mit richtigem Namen zu verbinden weiß).

  19. Pia, da ist ein Bruch, da hast Du recht. Ich würde sagen, der Unterschied liegt in der Möglichkeit der wechselseitigen Wahrnehmung (oder deren Fehlen, wodurch dann Chatten sowas wie ein Mittelding ist). Ob das aber nun ein „Miteinander“ wird, liegt, glaube ich ganz und gar nicht an dieser Infrastruktur. Das hängt von den Details ab, da kann ein Telefongespräch genausowenig „miteinander“ sein.
    Übrigens, mal sehen, vielleicht mach ich ja in einem halben Jahr wieder Kontaktpflege per Telefon.

    Übrigens, Neous, habe den Artikel jetzt gelesen und finde die These, dass Text das Medium der Ängstlichen und Minderbemittelten ist ziemlich gut. 🙂 Weil die so schön altmodisch-kontaktromantisch ist — und doch was dran ist!

  20. Jep, da gebe ich dir Recht: altmodisch und kontaktromantisch.
    So ganz linguistisch müsste ich dagegen fechten. Auch Telefonate sind Texte, usw. Aber wenn wir bei dem klassischen Textbegriff bleiben, hat der Artikel schon beinah etwas Antiquarisches. 🙂

  21. Texte und Zeichen sind sie sicher. Aber macht das einen Unterschied? Was den Unterschied macht, denke ich, ist ob es Schrift ist oder nicht. Fixierte Zeichen oder flüchtige.
    (Zumindest soziologisch ebenso wesentlich wäre dann noch, ob man den Adressaten „im Blick hat“ — und er einen. So dass man z.B wahrnehmen kann ob er die Mitteilung wahrgenommen hat, wie er darauf reagiert und sei es nur durch Ignorieren.)

  22. Wenn es fixierte Zeichen sind – und da stimme ich total zu -, warum ist es dann aber das Medium der Ängstlichen?
    Hier genau scheint es ja eine Umkehr gegeben zu haben: das früher so bedeutungsschwere Schriftliche ist heute genauso flüchtig, weil viel schneller viel mehr hinterherkommt und eine schriftliche Unterhaltung bald genauso flüchtig ist wie eine mündliche.
    Und andersrum: Mündliches lässt sich heute ja genauso fixieren. (Warum gibt es immer mehr Videos, Vlogs oder sowas statt schriftlichen Blogeinträgen?)

    Warum also wird heute mehr zur Schrift gegriffen, obwohl vieles damit festgeschrieben bleibt?
    Klar, E-Mails können schnell gelöscht werden. Aber einmal abgeschickt, sind sie nicht so schnell revidierbar. Einen Brief liest man vielleicht noch einmal öfter durch, bevor man ihn verschickt?

  23. CharlyBrown

    Im ZEIT Artikel wird behauptet: Text wird von ängstliche Menschen bevorzugt.
    Nach meiner Erfahrung ist es genau umgekehrt:
    Menschen, die Angst haben, etwas falsch zu machen oder sich vor klaren Aussagen drücken wollen, meiden schriftlichen Text wie der Teufel das Weihwasser.
    Sie bevorzugen das Gespräch mit viel drum herum labern, bzw viel reden ohne etwas verbindlich zu sagen.
    Wenn sie doch etwas verbindliches gesagt haben, behaupten sie später
    „das habe ich so nicht gesagt“ „das haben sie falsch verstanden“ usw.

    Nicht telefonieren können, weil stocktaub, war eine Barriere in meinem
    Berufsleben, anderseits auch ein Vorteil.
    Beispiele für die „Barriere Telefon“ kennt jeder Hörbehinderte.
    Beispiel für Vorteil bei mir:
    Ich konnte als Programmierer konzentriert arbeiten.
    Meine hörenden KollegenInnen sind oft wutentbrannt aufgesprungen, weil das Telefon klingelte oder irgendein anderer Lärm störte.

  24. Eine Telefonphobie hat nichts mit genereller Schüchternheit zu tun, deshalb ist Schreiben auch genausowenig Ausdruck von Ängstlichkeit (sehe ich auch so wie CharlyBraun). Ich frage mich aber schon stark zweifelnd, ob das Fehlen der social-web-media dann tatsächlich ein Vakuum, also gähnende Leere zur Folge hätte – oder mehr Leben in der Bude. (Oder hat es einen besonderen Grund, weshalb social media für dich eine Brücke nach außen sind, neous?)

    Briefe schreiben gehörte mal in den Zeiten von Feder, Papier und Postkutschen zu den intensivsten Kommunikationsformen. Schriftsteller, Politiker, Wissenschaftler und Künstler haben jahrzehntelang ihre Freundschaften per Brief gepflegt (manche sind sich niemals persönlich begegnet) , haben sich täglich handschriftlich ausgetauscht – und das nicht zu knapp, meistens in mehrseitigen Briefen. Von einigen berühmten Persönlichkeiten sind zigtausende Briefe in Archiven erhalten, in denen minutiös Tagesgeschehen und komplexe Gedanken formuliert wurden.

    Was heute massenweise getippt wird, würde ich wirklich nicht als „literarisch“ bezeichnen (konträr zum Zeitartikel), denn das entsetzliche Gestammele und geLOLe ohne einen einzigen vollständigen Hauptsatz geschweige denn Gedanken kann man wirklich nicht als literarisch bezeichnen.

    Habt ihr das Ende des Artikels gelesen? Lustig: „Und zehn Prozent sagen sogar, man könnte problemlos eine SMS schreiben, während man Sex hat.“

  25. Nunja, im Alltag ist das eine so praktische Brücke, weil ich sowieso den ganzen Tag vorm PC sitze und E-Mails und Social-Media-Gedöns damit einfach und besser zu vereinen sind, schon allein, weil ich mit Telefonaten meine Kollegen stören würde und die mich auch mehr von der Arbeit abhalten würden.
    Ein bisschen klingt mein Eintrag da oben tatsächlich so, als wäre das eine Flucht, ist es aber nicht. Ich kann natürlich auch gut ohne, habe ich erst gestern mir selbst wieder bewiesen. Aber in manchen Zeiten ist diese Brücke tatsächlich der einzige Weg, mit einigen Menschen zu kommunizieren. Das ist sicherlich auch zum Teil meine Schuld. Aber hat sich schlichtweg so eingebürgert. Für Freunde im Ausland oder diejenigen, die sonst so gerne mal zu schwer beschäftigt sind, ist es immer noch wenigstens eine Möglichkeit, von ihnen zu hören.

    Übrigens habe ich heute einen Telefontag eingelegt und mindestens drei Stunden mit Leuten vertelefoniert, mit denen ich schon länger nicht mehr gesprochen hatte.

    Und nochmal übrigens: Ich schreibe auch heute noch gerne Briefe. Sehr gerne, sehr lang. Und wenn es nicht angepasst ist, dann schreibe ich auch Kurzmitteilungen auf kleine Papiere. Für Kollegen im Büro oder gern auch als Postkarte, wenn es Zeit hat, die Nachricht mitzuteilen.

  26. Ach so, neous, es klang oben ein bischen so, als ob du aus irgendeinem Grund (Behinderung?) nicht so einfach unter Leute kommen kannst. Aber das Internet könnte auch ein Hindernis sein für direkte Kontakte. Da geht momentan in meinem Bekanntenkreis bei den Eltern von Jugendlichen eine hitzige Diskussion ab, weil die Kinder untereinander immer isolierter sind. Medien ersetzen das direkte Treffen! („Geh doch mal raus, triff dich mit Freunden!“ „Nö.“)

    Kürzlich hatte ich ein irritierendes Erlebnis mit einem Berufskontakt, einem Anrufer, der meine Kooperationsfähigkeit über das Telefon testen wollte, insbesondere, ob ich „auf ihn eingehen könne“, ob ich „gut zuhören“ könne, ob ich „seine Denkweise erfassen“ könne. Ich bin CI-Trägerin. Ich bin froh, wenn ich das Telefon überhaupt klingeln höre!

    Diese Egozentrik stößt mir unangenehm auf, wenn jemand unangekündigt in stressige Arbeitsmomente reinklingelt und dann prinzessinnenhaft die volle Aufmerksamkeit wünscht. Die Fragen dieser Leute sind dann auch meistens so komplex und unendlich, dass ich ihnen die Ursuppe am Telefon erklären muss. Stöhn. Und sie schütten mich ihrerseits mit unsortierten Infos zu, von denen fraglich ist, ob sie überhaupt jeweils relevant für mich sein werden. Gemailte Infos kann ich abspeichern und in 2 Jahren wieder hervorholen, wenn ich sie tatsächlich brauche. Aber was soll ich mit Zeug im Kopf machen, dass mir jemand am Telefon reinschiebt, obwohl es jetzt gar nicht wichtig ist? Sofort hat man Stress.

    Also, beruflich bekomme ich den Eindruck, dass gerade die Gern-Telefonierer doch ziemlich Ich-bezogene Wichtigtuer sind, die nicht auf den Punkt kommen können. Ich erlebe es wiederholt, dass diese Leute simpelste Fragen (wie breit, wie hoch, wie schwer?) nicht in einer Mail beantworten können und sich beklagen, warum wir das denn nicht telefonisch machen könnten, sie „brauchen“ den persönlichen Kontakt. Das ist mir zutiefst, zutiefst zuwider. Ob das was mit meiner Schwerhörigkeit zu tun hat? Ich möchte am Telefon nicht so ausgelaugt werden, nur, damit es jemand anderes bequemer hat. Ich bekomme dafür kein Geld, also warum soll ich sowas mögen?

    Wie kann man sich aus so einer Sache rauslavieren? Die Egozentriker sind auch sofort sooo gekränkt, wenn man sie ausbremsen möchte. Manchmal denke ich, komplett taub sein hilft aus der Klemme.

  27. @Pia:
    Das ist ja fies, von dem Anrufer. „kopfschüttel“
    Und ob man während des intimen Beisammenseins noch eine SMS schreiben kann, hängt vermutlich vom Partner ab. ggg
    (Jedenfalls als Frau.)

    Cyber-Sex?
    Muß mal gucken, ob ich einen Link finde zwecks Erklärung.

  28. Ich wollte nochmal was zu der Sache mit den „Ängstlichen, die auf (elektronische) Schrift ausweichen“ sagen, denn da kenne ich doch einiges an Beispielen. Ich glaube, es hat etwas damit zu tun, dass man da nicht sofort (möglicherweise negatives) Feedback auf das was man sagt bekommt. Und dass man auch auf die Mitteilungen des Gegenübers nicht sofort und spontan antworten muss (ohne dass dies z.B. als lahm oder eigenartig oder nicht schlagfertig auffällt). Da ist kein, ich nenne es mal „Realzeitdruck“.
    Das ist natürlich eine ganz verschwurbelte Wahrnehmung, weil bewertet wird man natürlich trotzdem. Und außerdem ist, was man schriftlich sagt, ja schriftlich festgehalten. Aber ich denke, die Gefühlslogik läßt sich vielleicht gut an folgendem Beispiel nachvollziehen:

    Traut sich ein nervöser Teenager einfach nicht, bei einer aus der Ferne Angebeteten anzurufen um sie um eine Verabredung zu bitten. Schließlich traut er sich endlich und kommt danach freudig lächelnd aus seinem Zimmer. Fragt der Vater: „Und? Hat sie ja gesagt?“

    Teenager: „Nein, sie war gar nicht da! Ich hab ihr auf den AB gesprochen.“

    (Ist zwar keine Schrift, aber trotzdem fixierte Rede. Und mit SMS statt anrufen könnte das Beispiel auch gehen.)

  29. Umgekehrt kommt es täglich zigtausendfach vor, dass jemand tief enttäuscht ist, nur das Band dran zu bekommen. Man hat ja nicht immer und überall Angst vor anderen und lässt das Telefonieren deshalb generell. Das ist ja wirklich keine Massenphobie, allein schon, weil das Telefon seit seiner Erfindung so rasant Verbereitung gefunden und als Handy nochmal eins drauf gelegt hat. Absurd, die Nummer mit der Ängstlichkeit.

    Wenn sich schriftlicher Kontakt jetzt etwas mehr etabliert (bei den gigantischen Mengen an Telefonkontakten wäre auch ein Rückgang um 50% seeeehr weit weg vom „Aussterben“), dann hat das wohl eher die schon genannten pragmatischen Gründe: Man muss keine Tätigkeit plötzlich unterbrechen und kann sich dann einer Mail dann zuwenden, wenn man den Kopf frei hat.

    Oder es ist wirklich was dran an dem Trend, sich immer mehr zu vereinzeln, zu isolieren, weil man ja die Zelle nicht spürt dank der digitalen Kommunikationswege. In der Pädagogik spricht man schon von einem gewissen Verlust sozialer Kompetenzen (was sich bisher auf Computerspiele und virtuelle Welten bezog, aber jetzt auch kritisch auf socal media und Internet generell ausgeweitet wird).

  30. Naja, gut, meine schriftlichen Ergüsse sind meist auch ausgefeilter als meine mündlichen. 😉

    ABs mag ich allerdings auch nicht besonders….mitunter lege ich dann lieber auf und versuche es zu einem späteren Zeitpunkt, außer bei dienstlichen Telefonaten.

  31. Pia, von immer und überall Angst haben war gar nicht die Rede. Eher von gewissen strukturellen Eigenheiten der Kommunikation per Telefon oder Nachrichten schicken. Die kann man sich in ängstlichen Momenten zunutze machen. Aber auch in beruflichen. Eine Email zu schicken ist ja zB auch ein Weg, etwaige direkte Rückfragen zu verhindern (denen man sich beim Telefonieren ausgesetzt sieht). Man kommuniziert erstmal, eben dann wann und wie man möchte. Und der andere muss sich dann erstmal alleine damit auseinandersetzen. Ich erhalte zB auch genügend Emails oder SMS, bei denen ich mich ärgere, weil sie unzureichend sind. So dass ich jetzt erstmal zurückmailen oder anrufen muss, damit ich alle Informationen habe und das Verabredete auch tatsächlich funktioniert.

  32. Wo wir gerade gar nicht bei dem Thema sind: Zu Cyber Sex habe ich hier was gefunden.
    http://www.sexwoerterbuch.info/cybersex.html
    Dort berät eine emsige niederländische (?) Frau Dr. Sommer zu allen Fragen rund um Sexualität. Locker, offen, plakativ illustriert. Und ich dachte immer, Cybersex hätte was mit futuristisch-science-fictionmässig-virtueller Fortpflanzung in Second-Life-Welten zu tun. Man lernt nie aus.

  33. Freut mich. 🙂 Wobei ich, um zum Thema (und zum Witz-zum-Schluss-Versuch des oben verlinkten Zeit-Artikels) zurückzukehren, texten beim Sex total langweilig finde. Dagegen hat es seinen ganz eigenen Reiz, jemanden beim Telefonieren– nun, abzulenken. Und das hat was damit zu tun, dass der Gesprächspartner ja direkt mitbekommt, was der oder die jemand so von sich gibt…

  34. He, Herr Beethoven, das war auch ein Witz. 😉
    (Oder sagen wir mal besser, es kommt nicht auf den Partner an, sondern auf die Qualitäten des Partners, ob das Texten interessanter ist oder ….äh, das andere. gg)

  35. @Pia:

    Ich denke da ist was dran an dem Trend sich immer mehr zu isolieren und die echte Kommunikation und echte Freunde zu tauschen mit all dem Kontakt vortäuschenden sozialen Netzen im Internet.

    Leute mit über 900 Kontakten im Facebook. Wenn die mal unter die Erde kommen sind bei der Beerdigung mit Sicherheit keine 900 Leute da…

    Schüler die in der Schule stumm neben ihren Mitschülern sitzen – aber dann zu Hause sofort icq anwerfen um mit den eben noch angeschwiegenen Leuten belangloses rofl und lol auszutauschen…

    Die schöne neue bunte und ach so connective Kommunikationswelt führt meines Erachtens in die soziale Vereinsamung. Man kommuniziert nämlich „mal so eben nebenbei“. Schriftlich und Zeitversetzt – unmöglich Emotionen zu transportieren oder gar die Reaktion meines Kommunikationspartners zu sehen oder hören.

    „Echtes“ miteinander ist nicht elektronisch ersetzbar.
    Das Telefon hat damit den ersten Schritt getan – ich kann meinen Gesprächspartner nicht sehen – aber ich höre ihn wenigstens und spüre so doch noch ob er betroffen oder erfreut reagiert…
    Das Telefon ist für mich nicht ersetzbar mit Internet und Chat usw.
    SMS mit meinen gehörlosen Freunden ist notwendig – aber sms von hörenden geht mir auf die Nerven! Warum? Eine Minute Gespräch kostet das gleiche, ist aber bidirektional mit direktem Feedback – und beinhaltet deutlich mehr als 160 Buchstaben!

    Ich bleibe beim Telefonieren – ist für mich die beste Möglichkeit Distanz zu überbrücken und doch so nahe wie möglich zu sein. Immer vorausgesetzt das es mit dem Hören auch keine Probleme macht…

  36. Ich möchte dagegen behaupten, dass diese „schöne neue bunte und ach so connective Kommunikationswelt“ nicht nur zur Vereinsamung führt, sondern auch dann und dort Kommunikation ermöglicht, wo sie früher nicht oder nur eingeschränkt möglich ist.
    Es kommt natürlich ganz darauf an, wie man sie nutzt und welchen Wert man selbst darauf legt bzw. wie viel Emotion man zulässt.
    Ich glaube durchaus, dass man sich E-Mails schicken kann, die einen ähnlichen Wert haben können wie ein Liebesbrief. Oder dass man mit einem Messenger Unterhaltungen führen kann, in denen man mehr erfährt über den Menschen als in Gesprächen an einem Tisch. Natürlich fehlen Mimik, Gestik, Stimme, etc., aber manchmal glaube ich, dass es das nicht unbedingt braucht.
    Ich jedenfalls habe schon „Gespräche“ erlebt, die so lebhaft waren.

  37. Stellt sich jetzt die Frage, was WIR HIER eigentlich tun. Wir kennen uns alle nicht, haben eine ganz unterschiedliche Ausgangssituation und Motiviation, hier zu schreiben, und einen ganz anderen Aufmerksamkeitsmoment. (Wenn das hier jemand liest, bin ich beim Bäcker oder am Arbeiten.) Eigenartig.

    Welchen Stellenwert hat das hier, dieser Blog, diese Kommentare, dieses anonyme sprunghafte Schreiben ohne ein konkretes Ziel? Gerade, weil man ja isoliert kommuniziert: Vielleicht kommuniziert man eigentlich immer nur mit sich selbst, und dieses (Internet) ist eine reine Projektionsfläche? Und eine wirkliches Wahrnehmen von Anderen ist es gar nicht. Null. Sitzen wir „in Wirklichkeit“ in Einzelzellen, in die kleine Zettel gereicht werden?

    Meine Motivation:
    Es ist eine Möglichkeit, mich mit meiner leidigen Hörbehinderung auseinanderzusetzen, ohne in spiessig-langweilige und akustisch grausige Selbsthilfegruppen gehen zu müssen („Und wie lange halten deine Batterien?“), wo man auch sicher nie auf das Thema CyberSex kommen würde. Ist das jetzt eine Flucht oder eine Freiheit??

  38. Wenn die Frage jetzt ernsthaft in die Runde gestellt ist:
    Meine Motivation ist, meinen Horizont auf nette, manchmal witzige und manchmal nachdenkliche Weise durch Diskussionen mit netten Leuten zu erweitern, die ich sonst – ohne diese Form und ohne das Internet – nie kennengelernt hätte, weil sie von mir aus betrachtet viel zu weit weg vom Schuß wohnen. 😉

  39. @Neous:
    Ich gebe Dir absolut Recht! Mein Statement ist auch sehr verallgemeinert gedacht. Im Bezug auf alle Leute mit beeinträchtigtem Hören ist sowas natürlich ein Gewinn – aber davon war ich ausgegangen das ich das hier nicht explizit erwähnen muss. Ich kann meine gehörlosen Freunde nicht anrufen und bin dankbar für email und chat, klar!

    Die Frage ist viel mehr, wie sich diese ganzen Möglichkeiten auf die gesamte Gesellschaft auswirkt. Und da bleibe ich bei meinem Statement, das die Techniken ihre Werbeversprechen nicht halten. Es findet meiner Meinung nach eine langsame aber stetige Vereinsamung statt. Connecting People kann allenfalls die Überschrift von einem Cafe oder einem Bistro sein…

    Ich bin da eher konservativ und halte es so wie die Kollegen von http://www.ausgestiegen.com/
    „Kaffee mit Freunden statt Statusmeldung“

    Wie gesagt: Aus rein gehörloser Sicht schaut das natürlich extrem anders aus – und da muss man die Ansichten auch differenzieren.

  40. Anfänger, ich glaube wie Neous nicht, dass Isolierung der breite, gesellschaftliche Trend ist. Die Lage scheint mir dann doch komplexer. Ich glaube auch, nur wenige Leute verwechseln Facebook-Freunde mit Freunden. Normalerweise wird halt ein wenig mit den Begriffen gespielt, so wie die Welt (die Zeitung), die ja neulich warb: „Wir haben online so viele Freunde, dass wir ein neues Wort für die echten brauchen.“ Ich finde, da werden — entweder aus Doofheit oder mit Absicht — die Worte genau in die falsche Richtung gedreht. Facebook-Kontakte alle „Freunde“ zu nennen (und damit dem Facebook-Sprech aufzusitzen) ist doch Unfug. Was natürlich nicht ausschließt, dass sich unter den Kontakten auch Freunde befinden.
    Deine andere Beobachtung, dass es zum Nebenbeikommunizieren führt, finde ich die viel wesentlichere Beobachtung. Und womöglich auch folgenreicher. Da muss ich mal drüber nachdenken. Danke für den Hinweis.
    Wenn ich nur eins wählen könnte würde ich auch den Kaffee der Statusmeldung vorziehen. Da es aber kein Entweder-oder ist, hat letztere auch ihre Berechtigung, finde ich. Gerade bei Leuten, die man nicht so häufig sieht oder sehen kann.

    Pia, ich würde nicht sagen, dass man hier isoliert kommuniziert, nur weil man im Moment des Kommunizierens die anderen Sprecher nicht vor sich hat. Das halte ich für zu einfach gedacht. ZB. hat man ja ihre Mitteilungen vor sich. Und ob man immer nur mit sich selbst kommuniziert ist, würde ich sagen, nochmal einen andere Frage. Nämlich die ob man zuhören, antworten und Leute adressieren kann und will. Das machen im „echten“ Leben ja auch nicht immer alle. Eigentlich sogar ziemlich wenige.

  41. Anfänger, das sehe ich auch so! Und sogar der vermeintlich „gute“ Ausweg für Hörbehinderte ist keiner, wenn dadurch echte Kontakte nicht wachsen oder sogar zurückgehen. Das wäre dann eine Falle für alle.

    @Nqlb: Die Psychologie kennt solche Projektionsphänomene, in denen ein Gegenüber (je anonymer, desto stärker der Effekt) nur als Reizauslöser für innere Abläufe dient. Das anonyme Internet, die Bildschirmfläche, ist eine geradezu bilderbuchmässig perfekte Projektionsfläche für innere Zerrbilder, Gefühle, Reflexe. Wunderbares Beispiel sind die Rhythmen in Internetplattformen, in denen wildfremde Leute mit anderen wildfremden Leuten plötzlich in Clinch gehen, sich verbeißen, sich impulsiv verhaken. Das Muster wiederholte sich schon tausendfach, hat eine typisch angelegte Struktur – und mit den wirklichen Personen überhaupt gar nichts zu tun, denn die sind quasi nur geisterhafte Stellvertreter. Es läuft ein Mechanismus ab, der im isolierten Individuum selbst erzeugt wird und sich auf innere Zustände bezieht, nicht etwa auf das anonyme Gegenüber „schluffi45“ oder „Kalle K.“ oder gar „Beethoven“. 😉

    Echt wahr. Sagt im schonungslosen Selbstversuch: Prof. Dr. Dr. Butzky

  42. @nqlb:
    Am Beispiel Facebook kann ich schon festmachen das die digitale Welt enorme Veränderungen herbeiführt, die ich für meinen Teil nicht bereit bin, mit zu gehen. Da sämtliche mir bekannten Kommunikationsplattformen in den Geschäftsbedingungen verankert haben, das alles was jemals dort gepostet und gechattet wird sofort zum geistigen Eigentum des Betreibers wird, kann ich dort aus tiefster innerer Überzeugung nicht teilnehmen. Ich bin auf email und sms stehen geblieben. Und wenn ich dann feststelle, das viele Informationen NUR noch über Facebook getauscht werden, bekomme ich da schon etliches nicht mehr mit!

    Wenn ich mir nun einfach vorstelle, ich hätte einen Account – und wäre mittendrin – und bekäme alles mit, wie viel Zeit würde das in Anspruch nehmen? Wie viel Zeit, die ich dann eben ständig vor dem Rechner sitzen würde um ja nix zu verpassen – und genau dann verpasse ich doch mein reales Leben!!!

    Elektronische Kommunikation – über Internet oder gsm oder sonstwie – ja bitte! Um sich zu verabreden – um sich „in echt“ zu treffen! Alles andere klaut nur meine Zeit. Wenn ich meinen „facebookenden“ Kollegen über die Schulter schaue wie sie jeden Tag ihre Kontakte abgrasen um so wichtige Details zu erfahren wie das dem einen die Waschmaschine kaputt gegangen ist und ein anderer wegen Erkältung zum Arzt muss… Mich würde mal interessieren, was man als Facebook User so an Zeit verbrennt, wenn man 900 Kontakte hat – und was unterm Strich an relevanten Informationen bleibt – die man dann sicher in 2-3 kurzen Telefonaten deutlich netter hätte transportieren können…

    Der Trend in diesen Plattformen zu „kommunizieren“ geht doch auch in Richtung Exibitionissmus – übertriebene Selbstdarstellung. Alle müssen sehen was ich grade mache – und wo ich es mache.

    Too much information!

    Back to the roots – ich schreibe wieder Postkarten und ich will meine Leute SEHEN! (nicht über die Webcam…)

  43. Das ist ja irgendwie auch persönliche Ansichtssache und immer das, was man daraus macht. Ich scharre keine 900 Freunde um mich, weil ich glaube, dass man 900 Leute um sich herum nicht als solche bezeichnen kann. Stattdessen nutze ich Facebook vor allem, um mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die ich zum Beispiel auf Konferenzen kennen gelernt habe oder aber die, wie Regenbogen es sagt, zu weit weg sind.
    Meiner besten Freundin schreibe ich keine persönlichen Nachrichten darüber, sondern rufe sie an oder treffe sie zum Kaffee (auch wenn ich dafür mindestens 150km fahren muss). Und selbst wenn sie dann auf einer solchen Plattform mit mir „befreundet“ ist, und?
    Ich schreibe eben zusätzlich oder genauso auch Postkarten, Briefe, E-Mails.

    Ich verstehe nicht, warum man sich da für eins entscheiden muss.

  44. Pia, das Phänomen habe ich gar nicht bestritten. Im Gegenteil, ich bin der Meinung, dass es unterschätzt wird. Als jemand, der gezwungen ist, den Leuten sehr genau zuzuhören, stelle ich fest: Auch offline hört kaum jemand zu. Die meisten reden deutlich mehr mit sich selbst als mit anderen — beim mit anderen Reden. Das ist also nichts, was das Internet für sich gepachtet hätte.
    Und was die schriftliche Telekommunikation angeht: Auch da finde ich, muss man genauer hinsehen als nur zu sagen „je Internet desto anonymer desto häufiger“. Auch mit schluffi45 kann eine persönliche Beziehung entstehen.
    Ich sage mal etwas plakativ: Was da oft fehlt ist Zuhörenkönnen und -wollen, in diesem Falle also und so derb es klingt: Lesefähigkeit (von Mitteilungen eines anderen Menschen). Und auch Lebenserfahrung im Internet. Dann kennt man nämlich z.B. die von Dir geschilderten Dynamiken und hat die Möglichkeit, das Verhalten zu ändern. Wenn es auch manche trotzdem nicht tun.

    Anfänger, Postkarten schreiben ist wundervoll! 🙂 Was facebook angeht: Die Sache mit den AGBs und dem Druck zum Mitmachen weil einem sonst was entgeht, finde ich deutlich triftigere Gründe für Ablehnung als die Isolations-These. Wenn ich mir vorstelle, Du hättest einen Account — dann würdest Du ab und zu mal reinsehen und definitiv nicht ständig vor dem Rechner sitzen um ja nichts zu verpassen. Das ist nicht Deine Persönlichkeit.
    Trotzdem denke ich, dass etwas an der Struktur der Online-Kommunikation, nämlich dass es keine unmittelbar wahrnehmbare (und möglicherweise Mißbilligung oder Desinteresse ausdrückende) Reaktion gibt, selbstdarstellerische Charaktere durchaus begünstigt.

    Neous, ich denke auch nicht, dass man sich da für etwas enscheiden muss. Aber den Punkt, dass es Kreise gibt, in denen man ins Hintertreffen gerät, viele Dinge, zB Verabredungen, einfach nicht mitbekommt, wenn man sich facebook verweigert — den finde ich bedenklich. Das geht dann doch in Richtung Druck zum Mitmachen. Man würde isoliert, wenn man sich auf die Realwelt zurückzieht.

  45. @ Anfänger: Stimmt genau, kann immer nur nicken bei dem, was du schreibst. Und es geht ja schon vielen Leuten genauso. Interessant ist bei der Entwicklung im Internet, dass immer zuerst die Angebote da sind (ohne Bedarf, niemand hat sich Facebook oder Twitter gewünscht, bevor es da war) und die Leute probieren aus – mit ordentlich Gruppendruck dahinter: Was alle machen, MUSS man auch machen. Man macht erst seine Erfahrungen durch Mitmachen, und dann wird es wieder abgelegt oder zurückgeschraubt, weil man die Nachteile erlebt hat (siehe second life und andere verstorbene Massentrends). Es gibt also nicht das „bessere“ Kommunikationsmittel, sondern Trendphasen. Im günstigsten Fall baut sich jeder seine eigenen Wege und Gewichtungen. Mich ängstigt eben nur der Gruppendruck, dass man nicht wirklich an etwas interessiert ist, weil man es möchte, sondern Angst hat, was zu verpassen.

    Eine interessante Umkehrung des Isolierungstrends ist „flashmob“: Leute aus virtuellen Netzwerken treffen sich spontan auf einem Platz und machen eine Aktion. Kann lustig sein (Kissenschlachten) oder gefährlich (Neonazis). Die Medien werden dazu genutzt, um das reale Blitztreffen zu ermöglichen.

  46. Vielleicht für einige ganz interessant in diesem Zusammenhang: Online? „Scheinrelevantes Getrödel, um nicht nachdenken, entscheiden und handeln zu müssen. “ http://faz-community.faz.net/blogs/deus/archive/2010/08/31/googles-priority-inbox-und-ihre-kaputte-existenz.aspx

  47. Wenn nicht, fängt man an, diesen Strom an Nachrichten und Infobrocken wichtig zu nehmen.

    Wenn man kein Glück hat, steht darüber. Was denn für ein Glück?
    Ich schreibe es nochmal: Jeder ist doch für sich selbst verantwortlich und für das, was er daraus macht. Einerseits wird hier argumentiert, dass man in einem gewissen Gruppenzwang steht. Das mag ja durchaus stimmen, aber jeder auch nur etwas reflektierte Mensch sollte in der Lage sein, diesen wahrzunehmen und sich dem entweder zu stellen oder es zu verweigern. Das heißt dann aber noch lange nicht, dass man auch alle Anwendungen verweigern muss, oder?
    Dann kann ich doch auch argumentieren, dass Bücher das Risiko mit sich bringen, dass man sich als Einsiedler auf sein Sofa zurückzieht und nichts mehr von Politik und Wirtschaft mitbekommt, weil man sich in fiktive Welten verirrt.

    Wie sehr ich mich vom Internet einfangen lasse, bestimme doch immer noch ich selbst. ICH fahre den PC hoch, ICH setze eine Statusmeldung ab. ICH bin es, die sich die „Freunde“ oder „Gefällt mir“s aussucht.

    Natürlich kann das soweit führen, dass es nur noch „scheinrelevantes Getrödel“ ist, andere nennen es Prokrastination. Oft genug ertappe ich mich dabei, noch einmal schnell die RSS-Feeds zu lesen, bevor ich das Abstract schreibe. Aber ich weiß auch, wann es genug ist und ich mich wieder vielleicht wichtigeren Dingen zuwenden muss.

    Ich streite nicht ab, dass manche dieses Wissen vielleicht verlieren. Aber wer auch nur ein paar Minuten mit solchen Artikeln oder Diskussionen wie diese hier verbringt, sollte in der Lage sein, den Mittelweg zwischen gar nicht und so, wie es mir Spaß macht zu finden. Oder?

  48. Jaaa. Interessant!
    Obwohl: Gesetztere Bildungsbürger stehen den neueren (Massen)-Medien ja sowieso kritisch gegenüber, man ist insgeheim wohl beleidigt, zum simplen Mitmachen genötigt zu sein, anstatt selbst zu lenken. Allerdings ist ja viel Internetzeug in Studentenkreisen entstanden, also höhere Bildungschicht. Ob es wohl schichtenbezogene Verhaltensweisen gibt? (ist ja immer mein Lieblingsthema)

    Man spricht von der Reifeentwicklung bei der Mediennutzung (teils auch auf Konsum und politische Systeme bezogen): Wir haben die Freiheit des Angebotes, aber jeder Einzelne muss für sich herausfinden, was für ihn gut oder schlecht ist. Das ist dann die individuelle Entscheidung.

  49. Ähm, ich meinte: Jaaa, interessanter LINK.

    @ Neous: Warum bist du ein reflektierter Mensch, wer hat dich darin gefördert? Und kannst dich aus Gruppendruck befreien? Und sind andere auch reflektierte Menschen?
    Du bestätigst, dass die Internetkommunikation nur dann gut ist, wenn man sie beherrscht und kontrolliert. Das Phänomen ist aber, das viele Nutzer diese Beherrschung verlieren und sich vereinnahmen lassen. Es entsteht ein Automatismus (teils sogar Suchtverhalten) oder eben der berühmte Gruppendruck.
    Wirklich nur ein Problem der paar unreflektierten Leute?

  50. Ich glaube, reflektiert zu sein, ja. Vielleicht klingt das arrogant oder zu sehr von mir selbst eingenommen, mag schon sein. Aber ich weiß, dass ich manche Social-Media-Sachen gerne nutze und zwar aus bestimmten Gründen (die ich auch schon genannt habe), andere wiederum begründet nicht nutze. (An StudiVZ zum Beispiel habe ich nie Gefallen gefunden. Ich habe es ausprobiert und mich dann wieder abgemeldet, NICHT weil alle da sind, sondern weil ICH keinen Nutzen daraus ziehen konnte.)
    Wer mich darin gefördert hat? Vermutlich schon meine Eltern in ihrer Erziehung und vermutlich ich mich selbst, einfach dadurch, dass ich mal über ein paar Dinge nachdenke, bevor ich sie einsetze oder beurteile.
    Und weil ich für mich entscheide, ob ich etwas nutzen will oder nicht, kann ich mich auch aus einem Gruppendruck befreien, klar. Klingt das zu naiv?

    Aber vielleicht kann ich deswegen einfach nicht verstehen, warum ein Mensch, ob nun reflektiert oder nicht, so in einen Automatismus verfallen und sich daraus nicht wieder befreien kann. Die Frage ist wahrscheinlich, ob er will oder nicht.
    Als gestern Nachmittag Facebook für ein paar Stunden nicht funktionierte, gab es etliche Twitter-Meldungen, dass das so ist und wie furchtbar das denn so ist. Das fand ich amüsant. Weil ich keinen Drang hatte, es zu nutzen und ich es nur wahrgenommen habe, weil ich Twitter nebenher lese und benutze. Ist das schon ein Zeichen von Gruppendruck? Dass man dann gleich in einem anderen Social-Media-Gedöns über ein nicht funktionierendes anderes Gedöns spricht? Und sich gegenseitig zujammert, wie schlimm das doch ist?

    Und nein, ich sage nicht, dass Internetkommunikation schlecht ist, wenn man sie nicht beherrscht. Vielleicht für einige Menschen schlecht, weil sie nicht gelernt haben, „richtig“ oder sinnvoll damit umzugehen – und das auch wohl nie lernen werden. Aber das so zu verallgemeinern wäre vermessen.
    Der Unterschied liegt in Relevanz und Qualität der Kommunikation.
    Aber auch hier kann ich nur noch einmal schreiben: das ist in den meisten Fällen ein individuelles „Problem“.
    Vielleicht wäre „Abschalten“ tatsächlich einfach in manchen Fällen besser.

  51. Facebook fluppt nicht – und schon ist das ne Katastrophe für die User?
    Das klingt aber tatsächlich verdächtig nach Sucht, wie Pia ja auch schon andeutete.
    Ich bin ja auch mal ab und an gern online – aber ich habe gemerkt, daß ich meinen Urlaub im Schwarzwald zwei oder sogar drei Wochen lang hervorragend genießen konnte, obwohl es dort kein Internetcafe gibt….
    Ich war ziemlich erleichtert festzustellen, daß die SUCHT bei mir denn wohl doch noch nicht zugeschlagen hat. 😉

  52. @ neous: Du bist ein Beispiel für den o.g. Reifegrad bei der individuellen Nutzung. Ich frage mich aber (das tut Butzky ja immer), wie groß die Gruppe derer ist, die ihre Kontakte und Lebenweise vom Online-Medium stark dominieren lassen. Die ernsthaft etwas aufgeben zugunsten des Chattens und Twitterns und Mailens. Die im Cafe am Laptop hängen und nicht etwa einen Flirt mit der netten Bedienung starten. Noch schlimmer: Die nicht mehr rausgehen zum Leute-treffen, sondern anonym online tippen.

    Je größer die Menge, desto gesellschaftlich relevanter. Man kann sich ab einem bestimmten Level nicht entziehen, z.B. wenn man Geburtstagspartys verpasst, weil man nicht bei Facebook reingeschaut hat, wo die Einladung verbreitet wurde, oder wenn man im Beruf Stress bekommt, weil man getwitterte Nachrichten nicht erhält. Man kann nicht mehr selbst bestimmen, ob man diese Form des Kontaktes überhaupt will, wenn alle anderen diese Form verwenden. Das ist so wie mit dem Handy-Zwang. („Wie, Sie haben kein Handy?!“)

    By the way: Das Fax stirbt aus! Ist schon tot. So schnell kann´s kommen.

  53. Der Autor des Artikel in faz-community.faz.net macht nach
    meiner Meinung genau das, was er bei anderen kritisiert.
    Zitat aus dem Artikel:
    „habe ich die Autobiographie von Dali gelesen, Cocteaus Kinder des Olymp, und Walter Mehring. Irgendwelche anderen Touristen lasen die Gossenmedien aus der Heimat, aber wir nicht. Es war eine tolle Zeit.“
    Es ist arrogante Selbstdarstellung pur, sich mit „hochintellektueller“
    Urlaubsliteratur gegen „Gossenmedien lesende Touristen“ abgrenzen.
    Er ist mit Mamas Auto zum Comersee gefahren, hat dort gesurft und
    eine tolle Zeit gehabt.
    Das ist im Prinzip auch nur was er anderen Menschen vorwirft:
    „Scheinrelevantes Getrödel, um nicht nachdenken, entscheiden und handeln zu müssen.“

    Mit dem Internet ist es wie mit vielen anderen Dingen:
    Es kommt auf den einzelnen Menschen an, ob es positiv oder
    negativ benutzt wird.
    Es ist im Prinzip wie beim Lesen.
    Man kann durch lesen seine Bildung erweitern.
    Man kann aber auch sein Gehirn mit Schund- und Pornolesen zumüllen.
    (Nichts gegen Menschen, die sich nach hartem Arbeitstag
    mit Heimat-,Wildwest- oder anderen Trivialromanen entspannen).
    Ohne Internet sind früher manche Hör- und andere Behinderte in
    Dörfern und Kleinstädten echt vereinsamt.
    Durch Internet haben diese Menschen heute Kontakte weit über den örtlich
    begrenzten Kreis.

    Scheinrelevantes Getrödel, um nicht nachdenken, entscheiden und handeln zu müssen.

  54. Der letzte Satz im vorigen Posting sieht aus wie Ironie.
    Ist aber nur versehentlich stehengeblieben beim kopieren aus faz-com…

  55. Ich spiele ja auch immer wieder mit dem Gedanken, mich zum Cyborg zu machen. Aber oben wird schon sehr gut geschrieben, warum Telefonate für einen *schwer* Schwerhörigen das reinste Drama sein können. Ich kann eigentlich mit mir bekannten Personen („Hallo Mama“) noch recht gut telefonieren. Ich tue es aber nicht. Ganz einfach um die Erwartungshaltung heraus zu nehmen. Man soll bitte schön im Beruf nicht von mir erwarten, dass ich mit wem telefoniere. Alles wird schriftlich geregelt. Das hat (mit etwas Disziplin) zwei riesenriesenriesengroße Vorteile: Dadurch dass alles schriftlich vorliegt, gibt es erheblich weniger Streit und Missverständnisse und ich kann mir meine Zeit einteilen. Ich kann mein E-Mail-Postfach bewusst nur alle x Stunden anschauen, beispielsweise. Das Telefon zerhackt jeden Arbeitstag gnadenlos. Das E-Mail-Postfach muss es nicht, wenn man das Programm nicht ständig laufen lässt. Aber für das Fernbeziehungstelefonat mit der Liebsten, da gibt es auch kreative Lösungen. Z.B. gleichzeitig chatten *und* telefonieren. Oder einfach nur etwas vorlesen, wenn man selber kaum noch versteht. (Die Uhrzeit, zu der solche Telefonate gerne stattfinden, ist ja meistens eine, wo die Konzentrationsfähigkeit und das Zuhörenkönnen auch nicht mehr gerade die besten sind – geht es hier noch jemandem wie mir, dass mein Vermögen, zuzuhören stark von der Tageszeit und -form abhängt?).

  56. Pingback: Tweets that mention Rechtzeitig zur letzten Ölung? Die Rückkehr zum Telefon | Not quite like Beethoven -- Topsy.com

  57. @Pia:
    Das Fax stirbt aus?
    Aber höchstens im privaten Bereich, da kann ich das nicht beurteilen (da hab ich nie gefaxt).
    Beruflich z.B. bei uns ist das immens wichtig, weil auf dem Postweg Fristen versäumt werden.

  58. Neous, ich stimme Dir zu („ICH“ mache es oder nicht, kein Grund das eine oder andere komplett zu verweigern). Auch wenn es sicher suchtähnliches Verhalten gibt (dann ist aber nicht „das Internet“ das Problem). Und auch wenn man es vielleicht oft nicht einfach entscheiden kann, sondern auch per trial und error lernen muss.

    Charly Brown, Abgrenzung ist es sicher, was der Autor da macht, auch mit arrogant Einschlag. Aber gerade für eine kleine Polemik finde ich das Beispiel doch ganz gut gewählt. Wobei ich finde, dass was Internet für Hörbehinderte bedeutet, hier ein wirklich schöner, wichtiger und ergänzender Punkt ist! Vielleicht verirren sich ja ein paar Leser von dort nach hier.

    Pia, natürlich gibt es schichten- und milieubezogene Einstellungen, was für eine Frage? 🙂 Was „das Internet“ angeht, würde ich allerdings sagen, das geht quer, da sind die Pros und Contras nicht so klar verteilt. Höhere formale Bildung (Studenten) ist jedenfalls nochmal was ganz anderes als Bürgertum, das ist übrigens auch eins von Don Alphonsos Lieblingsthemen.

    Übrigens hast Du nochmals anonym und online tippen gekoppelt — ich finde es wichtig zu sehen, dass online nicht automatisch anonym bedeutet. Selbst wenn man den Namen nicht weiß.

    Enno, schön Dich mal wieder zu sehen! Genau! Die Erwartungshaltung der anderen in den Griff zu kriegen und sich davon nicht dominieren (und auch nicht deprimieren) zu lassen, halte ich für das wichtigste überhaupt. Ob nun mit oder ohne CI, es sind nur jeweils andere Erwartungen. Man muss sich bewußt sein persönliches Kommunikationsverhalten basteln.
    Vermögen zuzuhören hängt bei mir auch von Zeit und Form ab, wobei das CI es inzwischen ein bißchen einfacher macht (nach einer Phase in der es sehr anstrengend war).

  59. @ Enno: Naja, du hast auch mit CI die freie Wahl, zu telefonieren oder auch nicht. Und du wirst kein Cyborg, sondern nur ein Mensch mit einer winzig kleinen Prothese. Ich persönlich möchte soviel rausholen aus dem Ding, wie nur geht, deshalb das Telefonieren. Jedes gute Telefonat ist ja auch ein schönes Erfolgsgefühl, da nimmt man die schlechten in Kauf.

    @Regenbogen: Echt wahr?! Keine Mails, sondern Fax? Noch mit Handkurbel? Arbeitest du in einem Museum? 🙂

    @Beethoven: Doch doch, „sich nicht kennen“ ist „sich nicht kennen“. Hatte mal einen ganz tollen, flirthaften Mail-Austausch mit jemandem, den ich dann ein paar Wochen später live getroffen habe. Wir waren beim Mailen ganz begeistert voneinander und auf einer Wellenlänge. Aber dann beiderseits: „Oh je, bloss nicht … “ Der echte wirkliche Mensch ist anders als die Vorstellung, die beim Lesen entsteht (siehe oben: Projektionen). Man hat ein verzerrtes, selbsterzeugtes Bild von jemandem, egal ob „Kalle K.“ wirklich „Kalle K.“ heißt. Er bleibt ein Phantom.

  60. @Pia:
    Nicht weit davon entfernt.
    Einige Kollegen waren mal in einer Ausstellung zum Thema Arbeitsschutz etc. und sahen dort ein paar Möbel, uralt und mehr oder weniger schrottreif. Der Museumsführer erklärte, das seien Möbel, wie sie die Stadt…… vor 20 Jahren benutzt habe. Und hat sich gewundert, warum die ganze Truppe sich vor Lachen kringelte. Wir sitzen nämlich immer noch in diesen Schrotthaufen. gggg (Ernsthaft jetzt: An meinem Aktenschrank bricht die Rückwand weg….)

    Fax und keine Mail? Ja, klar. Wenn Heime eine Heimaufnahme melden nebst fristwahrendem Sozialhilfeantrag, machen sie das meist per Fax. Damit haben sie dann auch einen Nachweis darüber, daß und wann sie die potentielle Sozialhilfebedürftigkeit bekanntgegeben haben. Sozialhilfe setzt ja frühestens ab dem Tag der Bekanntgabe ein.

  61. Jetzt mal eben das Thema von der anderen Seite beleuchtet: Telefon oder Tippen – die Unterschiede merkt man nach einem langen Bürotag. Acht bis zehn Stunden nur am PC, mit verkrampften Schultern und eingeschlafenen Füßen, brennenden Augen, das reduziert das „körperliche Vorhandensein“ auf ein Minimum, sag ich jetzt mal so.

    Wenn ich aber telefoniere, höre ich neben dem Telefonpartner natürlich auch wieder meine Stimme, die Atmung wird tiefer, man kann mal lachen oder das Gesicht verziehen, sich hinstellen (Bücherregal putzen) oder Kniebeugen machen. Die Welt nimmt lebendige Teile (Stimme) wahr, man ist existent. Auch das Telefon zwingt in eine gewisse starre Haltung, erlaubt aber mehr Lebendigsein, sag ich jetzt mal so.

    Noch besser natürlich das echte Treffen:
    Man wird gesehen und bemerkt, kann sich nett zurecht machen (anders anziehen 😉 ), sieht andere und nimmt sie mit den Augen wahr (für mich seeehr viel wichtiger als hören), kann sich bewegen, kann sich knuddeln und kabbeln, gestikulieren, lachen, streiten – ich meine das körperlich. Dagegen ist doch der netteste Mailkontakt ne fade trostlose Sache. Wer also seine echten Kontakte zugunsten der social media verkümmern lässt, bekommt langfristig sicher psychische Probleme.

    Ach, was mach ich denn grad hier … nix wie raus.

  62. Zitat:
    Wie sehr ich mich vom Internet einfangen lasse, bestimme doch immer noch ich selbst. ICH fahre den PC hoch, ICH setze eine Statusmeldung ab. ICH bin es, die sich die „Freunde“ oder „Gefällt mir“s aussucht.

    Erzähl das mal einem Alkoholiker – das er seinen Konsum doch schließlich selbst bestimmen kann, oder einem Raucher…

    Manchmal muss man auch die unvorsichtigen vor sich selbst schützen. Wenn man das nicht bräuchte, gäbs am Balkon keine Geländer und die Autobahn hätte keine Leitplanken.

  63. Du hast Recht, ganz klar.
    Ich denke auch, dass man eine gewisse Medienkompetenz erwerben muss und man gerade Kindern dies von klein auf mitgeben muss bzw. dies auch eine Aufgabe der Schulen oder schon Kindergärten sein muss. (Wie das auszusehen hat, ist ein anderes, sicherlich ebenso schweres Thema.)

    Aber: einem Alkoholiker seine Grenzen zu zeigen, ist die eine Sache. Dass er selbst in diesem Falle „krankheitswillig“ werden muss/soll, ist die andere. Und da ist man wieder beim Thema der Selbstreflexion. Ist diese nicht vorhanden, weder beim Alkoholiker noch beim Raucher, kann man noch so viele Grenzen aufzeigen… (Ich spreche da leider aus Erfahrung.)

    Und mal andersrum gedreht: Irgendwann hat irgendwer mal beschlossen, dass eine Leitplanke auf Autobahnen sehr sinnvoll ist. Dieser Jemand hat nachgedacht und vermutlich zunächst mal auf sich selbst und seine Sicherheit geachtet. Da fängt’s an…

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