Handeln will gelernt sein

Manchmal läßt sich ziemlich exakt beziffern, wie viel Geld man durch Schwerhörigkeit verliert.

Bei einem Gebrauchtmöbelhändler wollte ich meine alten Ledersessel loswerden. Und hatte mir eine schöne Strategie zurecht gelegt. Man soll ja nie die erste Zahl nennen, denn dann hat man eigentlich schon verloren. Das hatte mir damals im Goldsouk von Aleppo ein alter Syrer geflüstert — natürlich nachdem er mich ausgenommen hatte. Sollte ich aber doch die erste Zahl nennen müssen würde ich 90 Euro sagen. Denn das sind, wie man herausstellen kann, noch nicht mal 100. Und dann würde ich mich höchstens auf 50 herunterhandeln lassen.

Ich hatte sogar Glück, der Händler nannte den ersten Preis. Doch was musste ich da hören? Fümn’eißig, nuschelte er. Ich, von so niedrigem Einstieg doch etwas verblüfft, kam ins Stammeln. Ich wollte die Dinger unbedingt loswerden. Jetzt noch meine ursprüngliche Preisvorstellung zu nennen, schien mir dann doch etwas übertrieben. Wir sind ja nicht in Syrien oder Indien, wo man als Tourist besser das vierfache (oder ein Viertel) als Gegenvorschlag nennt.

Also sagte ich, naja, ich hätte mir schon so was wie fünfundfünfzig vorgestellt. Und erntete einen erstaunten Blick. Ich zog die Augenbrauen rauf — und merkte, dass ich ihn falsch verstanden hatte: Er hatte fünundneunzig gesagt!

Tja. Leider kann man dann ja schlecht sagen: Ach, ich hör schlecht, ich meinte eigentlich hundertzwanzig. Oder zumindest verpaßte ich den kurzen Moment, in dem das noch möglich gewesen wäre.

Kostenpunkt diesmal also: 40 Euro.

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9 Antworten zu “Handeln will gelernt sein

  1. Da schlägst Du beim nächsten Handel was drauf … 😉 Es hört sich für mich aber auch nicht so an, als wärst Du der große Händler, da gibts ja Leute, die sind ein Ereignis, wenn man sie feilschen lässt – ich gehöre allerdings auch nicht dazu. Ist mir irgendwie peinlich, und wo lernt man so was schon in deutschen Geschäften. (Man muss wohl eine Naturbegabung sein. Oder so.)

  2. Beim Handeln ist es durchaus üblich, Zahlen auf Zettel zu schreiben. Du legst deinem Gegenüber Bleistift und Zettel hin und er soll seine Zahl drauf schreiben. Das Gebot wird bei Missfallen durchgestrichen und ein eigenes darunter geschrieben. Dann wieder der Andere, hin und her, bis eine Zahl stehen bleibt.

    Ausserdem gehört es zur raffinierten Taktik, erstmal zurückgelehnt zu fragen: „Wie war das? Wieviel?“ Das verunsichert das Gegenüber. Absoluter Vorteil für Schwerhörige!

    Handeln und Feilschen macht echt Spaß und hat nichts mit Geld zu tun: Man muss den eigenen Interessen treu bleiben und darf sie nicht voreilig aus Angst jemand anderem überlassen. Aus der Defensive in die Offensive. Üben, Andrea? Ja klar, Flohmärkte und Krempelläden sind ideal dafür.

  3. Andrea, eigentlich macht mir das Spaß und für gewöhnlich klappt’s auch. Mal mehr mal weniger gut. 😉 Der Punkt ist bei mir, dass klar sein muss, dass gehandelt wird (Gebrauchtwarenkauf, Ausland etc.) Ich bin nicht gut darin in normalen dt. Geschäften zu handeln, genauer: Den Übergang zum Feilschen unplatt zu bewältigen.

    Pia, hab ich noch nie erlebt so schriftlich. Stelle mir gerade dabei gerade eher „größere“ Dinge vor — Hauskauf in der Kanzlei oder so… Im obigen Fall war meine Schwäche, dass ich das ganze schnell und mit diesem über die Bühne bringen wollte. 🙂 Vom Summenwiederholenlassen habe ich bisher nur wirklich ungeübte sich verwirren lassen sehen.

  4. Ich war ja auch schon in Syrien und dort kann man wirklich prima Handeln üben, weil man wirklich um jeden Mist feilschen muss.
    Wenn man eine Flasche Cola nimmt und fragt: „How much?“, bekommt man als Antwort meistens: „One million dollar.“. Und ein fettes Grinsen. 🙂 Dann muss ihn auf einen Dollar oder so herunterhandeln.

    Das tolle am Handeln ist doch, dass man lernt den Wert der Dinge zu schätzen.

  5. 🙂 Nett, wo warst Du denn da?

    Den Wert der Dinge — joa, gut. Ich würde sagen, zuerst mal lernt man da, wieviel einem Dinge wert sind. Und dazu auch nach dem Kauf zu stehen. Wenn man nämlich feststellt, dass sie eigentlich viel weniger wert waren.
    Auf längere Sicht lernt man dann natürlich besser erkennen worauf es ankommt, wie man den Wert der Dinge besser erkennt.

  6. Na zuerst in Aleppo, dann auf der Burg Krak de Chevalier, Palmyra und dann noch die Hauptstadt Damaskus. (War eigentlich nur ein Zwischenstopp auf unserer Reise von Dresden nach Ägypten über den Landweg)

    Ich mag dieses Land, auch wenn man vorher wirklich Schiss hatte, da es ja angeblich ein Terrorstaat sein soll. Aber sobald man sich ein bisschen an die arabische Kultur gewöhnt hat will man nicht mehr weg. 🙂 Die Leute sind so verdammt freundlich und hilfsbereit, da wird man richtig verwöhnt (gemessen an deutschen Verhältnissen).

  7. Auf dem Landweg nach Ägypten? Sehr schön. Ich hab dort auch die Freundlichkeit genossen. Palmyra hab ich nicht geschafft, das kommt nächstes Mal…

  8. Palmyra ist absolut genial und dabei so völlig unbekannt. Jeder kennt Pompei oder die Akropolis, aber Palmyra? Nö. Dabei kann diese Stätte locker mithalten. Das ist touristisch völlig unerschlossen und man läuft da quasi alleine durch. Was ja nicht unbedingt ein Nachteil ist. 🙂

  9. Na, mit der politischen Lage da unten bleibt das sicher auch noch länger so.

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