Filmtipp: Die Stimmen von El-Sayed

Das klingt doch mal wie ein wirklich spannender Dokumentarfilm. Ganz andere Perspektive auf Hörfreiheit und die Konflikte um das elektrische Ohr, die wir hier ja schon häufiger diskutiert haben:

Fast alle Einwohner eines kleinen Dorfes in der israelischen Wüste sind gehörlos. Niemand stört sich daran, niemand trägt ein Hörgerät, eine lokale Gebärdensprache macht Technik unnötig. „Bis“, so die Ankündigung von Arte, „eines Tages ein Vater beschließt, seinen Sohn operieren zu lassen und ihm mittels eines Implantats, die Möglichkeit zu verschaffen, wie ein Nichtbehinderter zu hören.“ (Details)

Heute um 16:45 Uhr bei arte, Wiederholung am 11.11. um 9:10 Uhr.

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25 Antworten zu “Filmtipp: Die Stimmen von El-Sayed

  1. Was für ein Zufall: Gerade habe ich den Film geguckt. 🙂
    Er hat mir sehr gut gefallen. Besonders von der Machart. Gebärdensprache immer untertitelt und oft, wenn ein Gehörloser im Bild war, totale Stille… keine Musik und kein sonstigen Ton. Manchmal auch erst mit Ton, zB in der Autowerkstatt, und dann beim Fokus auf den Gl plötzlich Stille. Das hat mir sehr gut gefallen. Vom Inhalt war er auch sehr interessant. Gehörlosigkeit ist in dem Dorf völlig normal. Es ist dort Tradition, dass Gehörlose immer einen hörenden Partner heiraten. Fast alle können Gebärden, in jeder Familie gibt es hd und gl Kinder. Etwas geschockt war ich, wie wenig die Eltern des Jungen über das CI informiert waren bevor er operiert wurde. Danach hat der Vater erst erfahren, wie es sich in etwa anhört mit CI und wie lange es dauert bis der Sohn anfängt zu sprechen, etc. Und die OP an sich fand ich ecklig, besonders das Aufsägen des Schädels.
    Aber insgesamt fand ich den Film total gut und sehr interessant.

  2. nqlB, danke für Hinweis auf die Arte-Sendung.
    Habe eben gesehen.
    War sehr interessant.
    In Gehörlosenpresse, bzw foren wurde schon mal über das
    Beduinendorf berichtet, wo alle Einwohner Gebärdensprache
    beherrschen und die Gehörlosen angeblich voll gleichberechtigt sind.
    Da war der Arte-Film etwas ernüchternd.
    Im Prinzip sind die Gehörlosen in diesem Dorf überwiegend „Underdogs“ und Hörende sind die „Bosse“.
    Ein Gehörloser erzählte, das sein hörender Chef ihn ausnutzt, zu wenig
    Lohn zahlt.
    Die Eltern wollen, das ihre tauben Kinder hörende Partner heiraten.
    Ehen zwischen Gehörlosen werden nicht gern gesehen.
    Begründung: Einer muss hören wenn die Babys schreien.
    Interessant war, wie ein Kleinkind CI bekam und damit nach und nach
    das hören lernte. Wäre interessant, wenn in einigen Jahren nochmal
    ein Film kommt, wo man sehen kann, ob das Kind tatsächlich gut
    in die Lautsprache gekommen ist.

  3. Ich fand ihn auch ziemlich ergreifend. Und dabei so nüchtern.
    Ihr habt die drei Punkte schon angesprochen, die mir auch aufgefallen sind: Erschreckend, mit wie wenig Aufklärung die da operieren. Die kommen nicht mal darauf, ihn zu fragen ob er Strom hat bevor sie ihm ein akkubetriebenes Gerät geben?! Die haben ihm nichts gesagt, wie lang es dauert und dass man nichts versprechen kann?! Und das bei so offensichtlich ganz einfachen Leuten??!! Die Sache mit den Arbeitern/Chefs ist mir auch aufgefallen. Das mag an dem Ausschnitt liegen, den der Film zeigt, aber wer weiß… Und schließlich die Geschichte mit der Heirat. Auch sehr spannend/spannungsreich.

    Unter dem Infolink oben gibt’s den Film jetzt auch 7 Tage frei in der Mediathek zu sehen.

  4. Japp, das mit den Infos über die CI-OP war schon erschreckend. Die haben ja tatsächlich (wenn die Übersetzung richtig war) gesagt, dann kann Ihr Kind hören, genau wie ein hörendes Kind. Was ja Blödsinn ist; man hat ja hinterher gesehen bzw. gehört, wie das wirklich klingt. Und der Vater hat ja daraufhin auch gesagt, hätte er das gewußt, hätte er der OP wohl nicht zugestimmt.
    Ist das immer noch an der Tagesordnung?
    In der Sendung von Planet Wissen zum Thema Gehörlosigkeit hatten die HNOs auch gesagt, so ähnlich klingt das – aber das spielen wir den Eltern nicht vor, sonst könnten sie sich gegen ein CI entscheiden….

  5. Danke für den Tipp, nqlb. 🙂

    Vom Film habe ich noch nicht mal eine Minute angeschaut (sehe ihn mir in der Mediathek), fällt mir was auf.
    Ich zitiere mal aus dem Film(anfang): „Hier gibt es den weltweit höchtsten Anteil tauber Menschen. Dennoch gibt es kaum Hörgeräte.“
    -> Als ob Gehörlosigkeit mit Hörgeräten zu beheben wäre?! (mit CI ja, aber normale Hörgeräte? Die bringen doch bei Gehörlosen für das Sprachverstehen sowieso nicht viel…(behaupte ich mal))

  6. Danke sehr für den Link. Ehrlich gesagt breitet mir das Ansehen des Filmes Übelkeit 😦

    Regenbogen, was würde es bedeuten? Geht es den HNOs also wohl kaum um Wohl der tauben Kinder und ihrer Eltern?

  7. @bengie,
    erstens gibt es natürlich auch bei Ärzten solche, die aus Berufung Arzt geworden sind, und solche, deren Berufung eher im Zweitporsche liegt – das bestreitet niemand.
    Die Ärzte im Film (immer vorausgesetzt, daß die Übersetzung korrekt war) gehörten definitiv zur zweiten Kategorie, da gebe ich Dir recht. Und sowas ist natürlich auch kein Einzelfall, sonst gäbe es nicht immer wieder in den Printmedien Artikel, die für jemanden, der es nicht besser weiß, klingen nach „Implantat – und wupp, hört man wieder ganz normal“.

    Es ist nur so, daß es halt auch Leute gibt, die sehr glücklich damit sind, und auch Kinder, die damit wohl gut zurechtkommen.
    Das CI gibt es halt, es ist EINE Möglichkeit, und grundsätzlich drauf hinzuweisen, ist völlig okay und sogar Pflicht des Arztes. Allerdings wäre er meiner Meinung nach verpflichtet, ALLE Argumente pro UND contra detailliert mitzuteilen.

    Ich habe absolut nichts dagegen, wenn man so eine OP ablehnt. Ich selber bin grundsätzlich keine Freundin des Rumschnippelns (- darum hab ich ja auch meine Schilddrüse noch, da wollen sie mir schon seit Jahren dran, ich hab aber viel zu viel Schiß vor der OP und der Narkose), nur fand ich es seinerzeit nicht in Ordnung, daß Du mal geschrieben hast, den Eltern, die implantieren lassen, gingen die Gefühle ihrer Kinder am A…. vorbei. Das glaube ich nicht. Mag sein, daß sie eine falsche Entscheidung treffen, aber so völlig offensichtlich ist das nicht, daß ich das als klaren Ausdruck von Gleichgültigkeit verurteilen könnte – genauso wenig, wie Eltern, die das CI ablehnen, das Kindeswohl gefährden (Quatsch, natürlich!).

    Nebenbei….ein bißchen übel geworden ist mir beim Film auch. Eule hat ja schon geschrieben, daß sie die Bilder der OP eklig fand….ich hab da auch weggeguckt (nun gut, ich kann allgemein nicht gut Blut sehen), aber zusätzlich habe ich ja noch dieses Fräsen im Knochen gehört. Buah, fürchterlich. Bohrer beim Zahnarzt hoch 10. Schreckliches Geräusch.

  8. PS
    Einer von denen, die den Müller-Zaracko-Artikel sehr negativ kritisiert haben (zu Recht), war, wenn ich mich recht erinnere, ein Arzt einer CI-Klinik….es gibt also tatsächlich auch andere, die die Leute nicht auf Teufel komm raus überreden oder gar nötigen wollen. 😉

  9. @Regenbogen:
    Ja, die Geräusche beim Auffräsen des Schädels fand ich auch am schlimmsten. Dazu die Bilder…. Mir wird immer noch ganz anders, wenn ich daran nur denke. Wenn man das gesehen hat, dann kann man nicht mehr denken, dass da kein Risiko besteht. Mal ehrlich, oder?

  10. Klar gibt es Risiken. Die soll man klar benennen, aber auch nicht dramatisieren. Ich habe noch nie gehört, dass gar kein Risiko bestünde, wer sagt denn sowas?

  11. „Die Stimmen von El-Sayed“ war bislang der wertvollste Beitrag, den es überhaupt zum Thema gab. Er giert nicht nach Sensation, sondern hebt sich wohltuend ab von den übrigen Berichten, die inmer wieder in den Medien erscheinen und den Eindruck von machbarer Perfektion hinterlassen. Diese aber wird es in der Medizin ohnehin niemals geben. Das ist auch beim CI nicht anders, denn die Ausgangslage dazu ist viel zu kompliziert und unvorhersehbar.

    Die Tortur, die das Kleinkind im Film über sich ergehen lassen mußte, steht auch den Kindern in Deutschland oder sonstwo bevor. Der Unterschied besteht darin, daß uns dann jedoch schönere Bilder geboten werden, die weniger schmerzen.

    Um nicht falsch verstanden zu werden: Meine Haltung gegenüber dem CI ist nicht „Pro“ oder „Kontra“, sondern die Entscheidung bleibt immer den Eltern überlassen. Diejenigen, die sich gegen die Operation aussprechen, lieben ihre Kinder im gleichen Maße wie die Befürworter, setzen aber andere Prioritäten, die ebenfalls nicht von der Hand zu weisen sind. Wer sein Kind operieren läßt, sollte sich mit der ganzen Komplexität dieser Operationen beschäftigen. Und genau das geschieht meiner Meinung nach zu wenig.

    Ein gutes Beispiel war ja die „Planet Wissen“-Sendung. Ein Elternpaar teilt ein Zimmer mit einem Kind, das von einem CI überhaupt nicht profitieren konnte. Hier müßte schon mal eine große Nachdenklichkeit einsetzen, die es nur kurz gab. Lachend tritt dann der Doc an – selbst mit einem CI versorgt – und schon sind alle Bedenken zerstreut. Hier liegt meiner Meinung nach ein großes Fehlverhalten vor, das es so nicht geben dürfte. Denn die Operation muß nicht unbedingt im positiven Sinne ausfallen. Hier haben noch andere Interessen den Ausschlag gegeben.

    Das Risiko dieser Operation ist schon in den Wind geschlagen worden, wo abzusehen war, welche Folgen es geben könnte. Robert Enke´s Tochter hat die CI-Operation nicht überlebt. Wenigstens hier – bei einem derart vorbelasteten Kind – hätte man sich dagegen aussprechen müssen.

    Im Gefolge der CI-Operationen mußten sich die Langzeitertaubten in Nichtbeachtung gedemütigt vorkommen. Und tatsächlich wurde ihre Lage so interpretiert, als wäre ihre akustische Welt im Laufe der Zeit vollständig im Nirwana untergegangen. Man vergißt aber nach einem ehemals vollwertigen Hören niemals so viel, wie einem Toddler angezüchtet werden kann…

  12. Schon mal in die Lage versetzt, wie es sich wohl anfühlt in einer Umgebung/Familie aufzuwachsen, die komplett hörend ist? Keiner die Gebärdensprache kann oder versteht und man überhaupt nicht anständig kommunizieren kann?! Ich selbst habe ein gehörloses Kind, habe mich nach langem Hin und Her für ein CI entschieden, mittlerweile hat sie das 2. CI erhalten. Und es hat mich keiner dazu gezwungen oder überredet – im Gegenteil. Ich wurde aufgeklärt, habe andere CI Kids kennengelernt und bereue keinen einzigen Tag diese Entscheidung getroffen zu haben! Es ist ein wenig „Normalität“ in unser Leben eingekehrt. Meine Kleine spricht toll, kann problemlos alleine beim Bäcker einkaufen, Passanten nach der Uhrzeit fragen, bekommt Klavierunterricht und liebt Musik über alles…und sie ist vor allem auf keinen Dolmetscher angewiesen. Trotz allem ist und bleibt sie gehörlos – nur kann sie selbständig ihren Weg bestreiten. Ich akzeptiere jegliche Entscheidung der Betroffenen und Eltern, schätze die Gehörlosenkultur! Und trotzdem möchte ich ein wenig mehr Verständnis, wenn man den anderen Weg geht. Man sollte sensibler mit seinen Äußerungen umgehen. Denn die größte Mehrheit lebt nicht in einem kleinen Dorf, wo der Anteil der Gehörlosen überwiegt! Wer nicht betroffen ist, kann auch nicht einschätzen, nachfühlen, welche Alltagsschwierigkeiten die Gehörlosigkeit für die Kinder und Eltern mit sich bringt. Und übrigens: Für uns Hörende hört sich das CI „schrecklich“ an, aber ein Gehörloser hat keine Hörvergleiche und es hört sich für die CI Träger „normal“ an. Das Gehirn lernt schnell mit dem CI zu hören und zu verstehen. Den besten Vergleich habe ich ja zu Hause – meine Tochter spricht nicht „kehlig“, sondern sehr melodisch und liebt Musik – die besten Anzeichen, dass das alles nicht so schrecklich sein kann, wie hier vermutet. Außerdem gibt es keinerlei OPs die Risikofrei sind – und ich wüßte nicht, welche OP ästhetisch anzusehen ist?!

  13. @Lou:
    Soweit ich weiß, ist das Ergebnis schlicht und einfach fallabhängig.
    Klar, es gibt Kinder wie offenbar Deines, wo es richtig rund läuft – das freut mich auch für Euch.
    Ich finde auch nicht, daß ab jetzt Ärzte und alle Leute NUR noch die eventuellen negativen Seiten benennen sollen und damit vom CI abschrecken.
    Denke nur, daß man halt alle relevanten Punkte erwähnen sollte.

    Und nee, klar ist auch keine sonstige OP ästhetisch anzusehen (darum hab ich ja u.a. auch nicht Medizin studiert; durch klinische Semester muß ja jeder durch). Das war jetzt auch einfach ne Feststellung zum Film, die in keiner Weise eine Wertung für oder gegen das CI sein soll – von mir jedenfalls nicht. Klang halt gruselig – sorry, ist so. Und sah auch genauso aus. Andere hätten das vermutlich einfach für voll interessant gehalten.
    (Hab ich mal im Bio LK gemerkt. Da stand eines Tages das Sezieren von Kuhaugen an. Ich war diejenige, die gesagt hat: no way – ich seh sonst für die nächsten Wochen den Klodeckel von unten. Zwei weitere haben´s gemacht, konnten aber ne ganze Weile nichts mehr zu essen runterkriegen – und ein weiteres Mädchen hat´s gemacht und danach in der Pause ihr Brot gegessen, als wär nix gewesen. Die Sensibilität von Menschen ist halt unterschiedlich…. 😉 )

  14. just like B., nett, wieder von Dir zu hören! Was war denn das für eine Planet Wissen Sendung? Hast Du da einen Link?
    Beim Fall von Enkes Tochter wäre mal interessant zu wissen wer, da gedrängt hat. Müssen ja nicht unbedingt die Ärzte gewesen sein. (Das sage ich von Fallkenntnis weitgehend befreit.)

    Lou, schön zu hören, dass es so gut läuft! In diesem Thread auch wichtig, das zu sagen.

    Es wäre wirklich wünschenswert, sehr genaue Beschreibungen von den Fällen zu haben in denen es nicht gut läuft, möglichst auch eine Statistik. Bis dahin, und das kann noch lange dauern, müssen wir uns mit den teils recht alten Mythen und Anekdoten herumschlagen. Von Gegnern wie Befürwortern.

  15. just like B, die letzten Zeilen Deines Posting verstehe ich nicht.
    Ich bin ja auch ein Langzeitertaubter (seit achtem Lebensjahr) und
    bekam erst mit 47 Jahren ein CI. Klar, das nach so langer Taubheit
    keine so guten Hörerfolge möglich sind wie bei jungen Menschen,
    die nur kurze Zeit taub sind und dann ein CI bekommen.
    „Demütigung durch Nichtbeachtung“ habe ich nie erlebt.
    Warum nennst Du die Kinder, die heutzutage mit CI erstaunlich gut
    Sprache verstehen, Toddler?
    Ich gönne es diesen Kindern, das ihnen ein harter Lebensweg mit
    Taubheit erspart bleibt.
    Anderseits gibt es Kinder, denen mit CI nicht geholfen ist, die
    besser früh mit Gebärdensprache erzogen werden.
    Es kommt sehr auf die jeweilige Familie und örtliche Umfeld an,
    welcher Weg besser ist.
    Schlimme Fälle wie die Tochter von Enke sind sehr traurig.
    Ich verstehe auch nicht, warum die Eltern trotz Herzkrankheit einer
    CI-Operation zustimmten. Die Mediziner hätten auch davon abraten
    sollen.
    Es ist aber grundfalsch, diesen traurigen Fall zum Anlass nehmen,
    das CI und die Mediziner pauschal verunglimpfen.

  16. not quite, manchmal ist es besser, sich eine Auszeit zu nehmen, um erst
    dann wieder auf einen Beitrag einzugehen, der aus dem Rahmen fällt. Und bei besagtem Film war das der Fall. Einen Link zur Planet Wissen-Sendung habe ich leider nicht. Aber vielleicht kann Dir Regenbogen mehr dazu sagen, denn weiter oben ist schon mal die Rede davon. Die Sendung wird oft gleich von mehreren Dritten Programmen am Nachmittag ausgestrahlt. Sie liegt ungefähr so 1,5 Jahre zurück. Natürlich kann ich mich auch verschätzt haben.

    Was die Operation anlangt hatte ich die gleichen Gedanken. Es wäre auch möglich, daß ein Drängen von den Eltern ausgegangen ist. Die Operation hätte dann wegen der bestehenden Vorbelastung trotzdem verweigert werden müssen.

    Charly Brown, es gibt Dinge, in denen wir übereinstimmen, aber auch welche, mit denen ich überhaupt nicht einverstanden bin. Meist dann, wenn
    Du dich im Fahrwasser der alten Lehrmeinung befindest, wonach Erfolge bei langer Taubheitsdauer automatisch schlechter sind. Das halte ich für grundfalsch. Zunächst einmal bist auch Du an Meningits ertaubt, aber nicht in diesem aggressivem Ausmaß wie ich. In Deinem Fall konnte sicher auch gewählt werden, auf welchem Ohr Du am besten operiert wirst. Bei mir dagegen haben Entzündungsprozesse eingesetzt und ich mußte 1 Jahr nach der Ertaubung 2x operiert werden und hatte plötzlich kein Innenohr mehr. So war schon mal die Voraussetzungen für eine Operation zu 50% hinfällig und es blieb nur die rechte Seite. Doch auch da gab es eine schlimme Schneckenverknöcherung. Wenn ich mich mit ganz bescheidenen Erfolgen begnügen muß, beziehe ich das jedoch auf die anatomischen Unzulänglichkeiten, nicht aber auf die Taubheitsdauer. Einmal gehört zu haben ist nämlich ein großer Schatz. Sieh mal, ein Kleinkind soll innerhalb von 5/6 Jahren in die Sprache gebracht werden. Das kann nicht leichter sein, als wieder etwas zu regenerieren. Bei weniger guten Leistungen führst Du das familiäre Umfeld an, was aber nicht ausreicht. Es besteht dann immer noch die unterschiedliche Veranlagung, die bei diesen Kindern nie gleich ist. Und diese Veranlagung muß auch den Langzeitertaubten zugebilligt werden. Hat nicht schon das CI-Zentralorgan „Schnecke“ von solchen Erfolgen gesprochen, wo sogar ein Telefonieren möglich war? Das sollten wir nie vergessen und nicht schon von vornherein gute oder sogar sehr gute Ergebnisse infrage stellen. Diese sind nämlich sehr wohl möglich. In meiner unseligen Situation ist immerhin ein Test gemacht worden, in dem ich ich 7 eingegebene Töne definieren mußte. Alle Töne habe ich richtig zugeordnet, und erst jetzt war an der renommierten Klinik erst mal Interesse vorhanden. Bis dahin bin ich durch die Instanzen mit Nichtbeachtung gegangen. Das zu Deiner Frage.

    Der Höhenflug auf Kinder hat eingesetzt, weil diese weniger kritisch sind und das Hören gar nicht kennengelernt haben, also gar keine Vergleichsbasis besitzen. Lou schreibt von Erfolgen, verhehlt aber auch nicht, daß sich das CI für Hörende furchtbar anhört, das Kind aber dieses Hören für normal hält. Und hierin besteht der große Widerspruch. Man kann keine Normalität ausgeben, die nicht vorhanden ist. Wie es leider immer wieder geschieht.

    Neben diesem realen Hören gibt es noch das innere Hören, und es ist sehr fraglich, ob solch ein Kind mit seinem CI diese Musikalität erlangt, die sich mir erst in der Taubheit erschlossen hat. Ich möchte nichts überbewerten, aber eine Leistung war das schon. Wem das gelingt, der könnte auch mit guten CI-Erfolgen rechnen, wären die Voraussetzungen gegeben. Das sind meine Gefühle, die ich mir durch gewisse Denkmuster nicht zerreden lassen möchte.

  17. Korrektur:

    Voraussetzung für eine Operation…

  18. Just like Beethoven,
    Zitat:”..Du dich im Fahrwasser der alten Lehrmeinung befindest,
    wonach Erfolge bei langer Taubheitsdauer automatisch schlechter sind.“
    Mit medizinischen Lehrmeinungen habe ich nichts am Hut.
    Es ist einfach meine persönliche Erfahrung und Beobachtung, das die
    im Kleinkindalter implantierten jungen Leute sehr viel besser Lautsprache
    frei verstehen als ich und andere Langzeitertaubte.
    Stimme Dir zu, es liegt nicht direkt an der jahrelangen Taubheit,
    nicht am verlorenen Hörgefühl im Gehirn.
    Es liegt vermutlich indirekt an fortschreitenden anatomischen Veränderungen in der Cochlear (verknöcherung etc) das ein CI bei Langzeitertaubten nicht die Erfolge bringt wie bei Kurzzeitertaubten und Kleinkindern.
    Habe mir manchmal Gedanken gemacht, wie das CI (oder etwas ganz Neues) weiter entwickelt werden kann, damit ein echt normales hören möglich ist und auch jenen tauben Menschen geholfen wird, denen das derzeitige CI wenig nutzt.
    Leider werden CI-Firmen und Mediziner keine Anstrengungen machen, solange es genug Kunden gibt, die mit heutigen CI zufrieden sind.

    Eine ganz andere Sache ist sprechen.
    Da müssen die frühimplantierten Kinder alles mühsam lernen, was
    wir schon vor der Ertaubung konnten.

    Noch etwas habe ich anders gemeint, als Du verstanden hast:
    „Bei weniger guten Leistungen führst Du das familiäre Umfeld an, was aber nicht ausreicht.“
    Mit dem familiären Umfeld (und örtlichem Umfeld) meinte ich die Entscheidung für oder gegen CI, nicht die individuellen Leistungen der CI-Kinder.
    Beispiel1: Vater und Mutter sind gehörlos, Kind von Geburt gehörlos.
    Sie leben in einer Stadt mit gut funktionierender Gl-Gemeinschaft und gute
    Schulische Möglichkeiten für Hörbehinderte.
    Sie entscheiden gegen CI und wollen ihr Kind mit Gebärdensprache erziehen.
    Beispiel2:
    Ähnliches Gl-Elternpaar lebt in einer kleinen oder mittel großen Stadt.
    Verwandte, Freunde und Bekannte am Ort sind hörend.
    Die nächste große Stadt mit Gl-Verein ist über 50 Kilometer weit.
    Dieses Elternpaar entscheidet für CI, damit ihr Kind im hörenden Umfeld
    bessere Chancen bekommt als sie selbst hatten.

    Es gibt auch hörende Ehepaare, die gegen CI für ihr taubes Kind entscheiden.
    Auch da sind familiäre und örtliche Faktoren wichtig für die Entscheidung.

  19. Charly Brown,

    die an Meningitis Ertaubten haben als CI-Kandidaten die schlechtesten Karten. Denn es ist die unbeliebteste Ertaubungsursache, der am schwierigsten beizukommen ist. Wird von schlechteren Erfolgen aufgrund des Krankheitsbildes oder Cochlearveränderungen gesprochen, ist das noch erheblich leichter hinzunehmen. Pauschal muß aber oft der Eindruck entstehen, die Welt der Sprache habe sich diesen Menschen entfremdet, was so überhaupt nicht zutrifft. Die Affinität dazu ist im Gegenteil sogar sehr, sehr groß. Trotz der kläglichen anatomischen Voraussetzungen habe ich es sogar fertig gebracht, unter gewissen Bedingungen kleine Sätze zu verstehen. Der Arzt hat die fehlenden Verhältnisse bedauert, die Erfolgsaussichten unter anderen Bedingungen aber als super bezeichnet.

    Unsere Meinung in Bezug auf Sprachverstehen geht auseinander, und da wird wohl jeder bei seinem Standpunkt bleiben. Ich stimme anderen Abhandlungen zu, die nicht anders denken. Es gibt Trainingszentren, die ehrlich sagen, daß der Aufwand Kleinkindern gegenüber sehr viel größer sein muß und Erwachsene ihn weniger in Anspruch nehmen müssen. Das ist doch schon ein indirekter Hinweis, daß diese Patienten nicht schlechter sind, zumal sie auf Erinnerungen zurückgreifen können. Wir dürfen nicht vergessn, daß das Verstehen von Kindern auch anders wahrgenommen wird. Sie sind unbelasteter und wirken lebendiger, was ein positiveres Urteil begünstigt. Demgegenüber erscheinen Langzeitertaubte bedächtiger; zudem sind sie durch die Jahre auch gestresster, aber nicht unbedingt schlechter in ihrer Leistung.

    Der Mythos Kleinkind zeigt sich auch anderswo im Leben und kann sich leicht als trügerisch erweisen. So schicken z. B. Ehrgeizlinge ihre Kleinkinder noch vor dem Einschulung in Privateinrichtungen, weil sie denken, so lernen sie Englisch spielend. Auch hier liegt der Gedanke zugrunde: „Wenn wir nur früh genug damit anfangen“. In verschiedenen Filmen konnte ich mir ansehen, daß diese Kinder überhaupt keinen Bock auf Sprache haben und die Sache am Ende scheitert. Erwachsenen wird auch hier wieder am wenigsten zugetraut. In Wirklichkeit können sie auch im Erwachsenenalter noch sehr gut in eine andere Sprache hineinwachsen. Interesse und eine entsprechende Begabung sind hier wichtiger als das Alter.

    Weil es immer darauf ankommt, wie ein Mensch gestrickt ist, können auch in der CI-Therapie bei Kleinkindern die Erfolge nicht von der Stange kommen.

  20. Leider gibt es hier keinen Texteditor, sonst hätte ich im vorletzten Absatz schon längst was korrigiert – wegen einer Wortwiederholung, die mir nicht gefällt.

  21. … der Einschulung… – 3. Absatz 🙂

  22. Also, nen genauen Sendungstext haben sie im Archiv vom 17. Februar 09 wohl nicht mehr – vielleicht gilt das Angebot noch, daß man sich einen Sendungsmitschnitt zu privaten Zwecken bestellen kann…..

    (Hoffentlich hab ich mich jetzt nicht vertippt.)

  23. Nee, scheint nicht zu fluppen….
    Gehe unter Sendungskalender auf den 17.02.09.

  24. In dem Zusammenhang….
    kommenden oder übernächsten Dienstag (weiß ich jetzt nicht mehr so genau) kommt abends auf West 3 – ich meine, bei Quarks & Co. – der Beitrag „Cochlea Implantat – Wie Natalie Hören lernt“.
    Könnte schon mal gelaufen sein, aber wer´s noch nicht gesehen hat….
    Wenn ich mich recht an die Ankündigung in der Programmzeitschrift erinnere, wird das auch mit Untertiteln gebracht.

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