Einmal Blackout und zurück

„Es war toll mit Dir“, sagte sie und zwinkerte mir zu. „Wie wir uns die letzten Tage unterhalten haben!“ Ich begann, mir Sorgen zu machen.

Was sollte man sonst tun, wenn anscheinend lange Abschnitte des eigenen Lebens einfach fehlen. Auch ohne dass Drogen im Spiel wären. Ohne Zweifel war es der jungen Dame ernst: Sie hatte Dinge mit mir genossen, über mehrere Tage, von denen ich keinen Schimmer hatte. Dass sie mich verwechselte, war ausgeschlossen. Zu gut kannte ich sie.

„Äh“, sagte ich. Und lächelte. Gucken und Lächeln kann ich als alter Schwerhöriger aus dem Effeff. Immer gut zum Zeitgewinnen, zumindest besser als ein verdattertes „Ich war gut?“

„Ja“, sagte sie, als habe sie meine Gedanken erraten. „Wollte ich Dir gern sagen.“ Dann drückte sie mich und ging.

Während ich zusah, wie sie in der Ferne verschwand, fiel der Groschen — wie so oft pfennigweise: Wir hatten uns nicht unterhalten. Jedenfalls nicht aus meiner Sicht. Für jemand, der über lange Jahre hinweg ertaubt ist, finden Gespräche nämlich nur dann statt, wenn ich mich mit einer Person absondere und wir uns wechselseitig ansehen. Ich kenne nur à deux, ohne Störung durch Andere — oder gar nicht. Alles andere ist akustisch unmöglich. Gespräche in einer Gruppe von mehr als drei gibt es nicht.

Doch wir hatten die Feiertage über viel Zeit im selben Raum verbracht, zusammen mit noch vier anderen Menschen. In dieser großen Runde hatten wir gegessen, getrunken, gespielt — und geschwatzt. Wie man das halt so macht, alle mit allen, niemand speziell mit jemand speziellem. Ich hatte mich selbst schon gefreut, einigermaßen mitzukommen. Jetzt weiß ich, dass auch die anderen sich gefreut haben, weil sie das Gefühl hatten, ich sei da. Mit ihnen.

Man sieht daran noch einmal, wie fürchterlich eigentlich starke Schwerhörigkeit in einer flotthörenden Gruppe ist — für alle Beteiligten. Wenn jemand körperlich anwesend ist, aber im Gespräch nicht da. Könnte auch geistig erloschen sein. Eine leere Hülle.

Ich habe also mein Repertoire erweitert, an Gesprächsformen und Arten des Nicht-Allein-Seins. Nur die Schablonen im Kopf, die müssen erst noch hinterherkommen.

— Dieser Beitrag ist der erste einer kleinen Reihe, in der ich Bilanz ziehe, nach etwas über einem Jahr elektrisches Ohr

Advertisements

21 Antworten zu “Einmal Blackout und zurück

  1. Ich bin zwar nicht schwerhörig (zumindest glaube ich das), aber wenn ich an einem Tisch sitze, wo sich mehrere Leute unterhalten, dann ist das wie ein großes Hintergrundrauschen, und ich kann mich kaum auf das konzentrieren, was mein Gesprächspartner sagt. So kann es passieren, dass ich einen ganzen Abend lang kaum etwas mitkriege, wenn alle durcheinander reden.

  2. Wahrscheinlich bist Du einer derjenigen, denen die Unterscheidung von Signal und Störgeräusch schwer fällt. Ist unterschiedlich. Ich glaube, das nennt sich Cocktailparty-Effekt.

  3. Danke, sehr interessant! Genau das ist es.

  4. Pingback: Tweets that mention Einmal Blackout und zurück | Not quite like Beethoven -- Topsy.com

  5. So etwas in der Art erlebe ich auch immer wieder. Nämlich in der Familie am Esstisch. Freundin und Tochter plappern munter miteinander, ich mag nicht immer nachfragen, um was es grad geht, und ein paar Tage später heisst es dann „Das haben wir doch neulich besprochen“, und ich weiss von nix 🙂
    Auch in solchen Situationen ist man also anwesend, aber nicht wirklich da 🙂

  6. Bibi Blocksberg

    @nqlb was war denn anders / was hast du anders gemacht diesmal, dass deine Freunde einen Unterschied empfunden haben? Ich erlebe es manchmal, dass wenn ich mich wirklich entspanne und aufhöre, unbedingt hören zu wollen, dass ich dann tatsächlich mehr mitbekomme und präsenter bin, als wenn ich mich die ganze Zeit bemühe, teilzuhaben und so viel wie möglich zu verstehen.

  7. Pia Butzky

    Naja, so toll fände ich das nicht, wenn mir jemand sagen würde „War toll mit dir“ und dann eigentlich das Zusammensein mit Anderen meint. Wenn man es selbst nicht als toll empfindet und weiterhin immer am Bretterzaun* hochspringen muss, um was mitzukriegen, dann stimmt da doch was nicht. Mir auch passiert mit einem meiner früher allerbesten Freunde, der nach einer Party sagte: „Ich finde es toll, wie du mit deiner Schwerhörigkeit umgehst.“ Wir hatten auf der Party kein einziges Wort miteinander gesprochen, nix miteinander zu tun gehabt. (Früher, als ich noch supergut hören konnte, waren wir beide immer mitten in aufregenden Themen oder am Jux reden und kabbeln.) Das war eher entäuschend als ermutigend.

    * Am Bretterzaun hochspringen:
    Irgendwo habe ich mal einen kleinen Hund gesehen, der nicht über einen blickdichten Zaun kam, aber immer gerade so hoch springen konnte, dass er die Leute dahinter zumindest sehen konnte. Das machte er ununterbrochen, weil er es nicht aushielt, allein hinter dem Zaun zu sein. Aber drüber kam er nie. Er war nach einer Weile völlig fertig, hechelte sich die Zunge aus dem Leib, aber nach kurzer Pause sprang er wieder. So ist das manchmal mit dem Hörenwollen – und nicht können.

  8. Banane, da bleibt wohl nur ein Schild rauszuhängen, wie im Hotel. Bzw. auf den Tisch zu stellen. Oder so eine Art Aufmerksamkeitsampel. Stell ich mir lustig vor. 🙂

    Bibi Blocksberg
    , ich habe mich am allgemeinen Gruppengespräch beteiligt, das habe ich anders gemacht. Weil ich es konnte.
    Die Geschichte mit dem Durch-Entspannung-Besser-Hören passiert mir jetzt nicht mehr so. Als ich das CI neu hatte war’s ganz extrem so.

    Pia Butzky, es ging hier — zum Glück! — nicht darum, dass eigentlich das Gespräch mit anderen statt mir geführt worden wäre. Ich war schon dabei und auch angesprochen. Nur eben genauso wenig oder genauso viel wie alle anderen Anwesenden auch. Und das ist eine Kommunikationsform, die ich verlernt und in den letzten 10 Jahren schon fast vergessen hatte. Außerdem fand ich es auch vorher schon schön (das habe ich oben nicht so deutlich gesagt).
    Trotzalledem ist das in der Gruppe natürlich eine weniger persönliche Art der Unterhaltung als zu zweit, die letztere nicht ersetzen kann. Aber komplementieren.
    Wie der Hund habe ich mich übrigens schon lange nicht mehr benommen. Wenn’s nicht geht, dann stehe ich eher etwas betrübt am Bretterzaun rum und warte ob auf meiner Seite des Zauns auch was passiert. Und schließlich gehe ich woanders hin.

  9. „Man sieht daran noch einmal, wie fürchterlich eigentlich starke Schwerhörigkeit in einer flotthörenden Gruppe ist — für alle Beteiligten.“

    Kann ich bestätigen, hatte ich erst letzte Woche wieder durch. Bei Freunden eingeladen, 10 Hörende, die keine Gebärdensprache können, und 1 Gehörloser. Es war grausig. Die Hörenden haben alle munter durcheinander geplaudert, und ich habe mich alleine mit dem Gehörlosen unterhalten. Aber nach 2 Stunden hat man dann den ganzen Lebenslauf durch und irgendwie gehen dann die Gesprächsthemen aus. Und alles zu Übersetzen, was die anderen gerade reden, bringts auch nicht, denn das bleibt ein Monolog und ist für den Gehörlosen nicht weniger frustrierend. Was habe ich gehofft, dass mal einer von den Hörenden ein bisschen Initiative zeigt, und den Versuch macht, mit dem Gehörlosen zu kommunizieren (war ja alles kein Problem, ich war ja dar zum Übersetzen). Aber nix… war ein sehr frustrierender Abend für mich (als Hörende :-)) manchmal hab ich den Eindruck, dass es für mich sogar noch frustrierender war, als für den Gehörlosen selbst. Der ist so daran gewöhnt, dass er schon lange nichts anderes mehr erwartet… oder er versteckt seine Frustration nur besser.

    Der Hund, der hinterm Bretterzaun nicht mehr hochspringt… da bin ich halt kurzerhand über den Bretterzaun gesprungen auf die andere Seite. Sehr frustrierende Erfahrung, aber keine wirkliche Lösung.

    Irgendwie bin ich etwas vom Thema abgeschweift, aber ich musste einfach mal Frust ablassen :-))

  10. Oja, das ist genau so ein Beispiel für was ich im Kopf hatte! Außerdem noch, dass es auch für Flotthörende beschwerlich ist, Schwerhörige/Gehörlose dauerhaft mitzunehmen. Das soll keine Entschuldigung sein für fehlende Initiative (wie in Deinem Beispiel), nur die Situation umfassender beschreiben!

    Aber zurück zu Deinem Beispiel: Nicht mal der Gastgeber hat sich ab und an mit dem Gehörlosen unterhalten? Sowas finde ich wirklich mies. Gastgebersein hört doch mit dem Öffnen der Tür nicht auf.

  11. @Atchoum: Kann ich nachvollziehen.

    Aber wäre es denn eigentlich möglich, jemanden direkt anzusprechen und mal freundlich einzuladen, sich mit dem Gehörlosen bekannt zu machen? Das muss auch nicht plump sein, es kann um Sport oder Hobbys oder um die öffentlichen Verkehrsmittel im Winter gehen … Es steckt ja oft keine wirkliche Arroganz oder Ablehnung dahinter sondern Unsicherheit.

    Das aktive Kontakte-machen fällt auch Hörenden schwer, man rettet sich immer in seine bekannten Kreise. Aber manche können es und machen es aus Neugier sowieso gern. Macht durchaus Spaß. (Den Frust kenne ich als Schwerhörige allerdings auch. Mal so, mal so.)

  12. Wer sich mit dem Kontaktemachen nicht wohlfühlt (generell oder gerade an diesem Abend) hat’s schwerer, das stimmt.
    Lustigerweise stelle ich immer wieder fest, dass sich viele besonders schwer damit tun, Kontakte für andere zu vermitteln, obwohl’s eigentlich einfacher sein müsste. Zum Beispiel als Gastgeber oder auch in der oben beschriebenen Situation.

  13. „Aber wäre es denn eigentlich möglich, jemanden direkt anzusprechen und mal freundlich einzuladen, sich mit dem Gehörlosen bekannt zu machen?“

    Hab vergessen, zu erwähnen, dass ich einige Tage vorher ein persönliches Gesprach mit einem der Anwesenden hatte, in dem ich ihm die Gefühle von Gehörlosen bei Mahlzeiten mit Hörenden deutlichst erklärt hatte und sogar konkrete Gesprächsideen vorgeschlagen hatte (viele Hörende haben ja oft Angst, das Thema „Gehörlosigkeit anzusprechen, zu fragen, warum jemand gehörlos ist etc) … so hatte ich eigentlich mehr Initiative erwartet.

    Allerdings muss ich zur Verteidigung der Hörenden was hinzufügen: nachdem ich mich dann mal ausgeklingt hatte, um ein lang erwartetes Telefongespräch entgegenzunehmen, und nach ner halben Stunde wieder in den Raum kam, teilte mir der Gehörlose ganz erfreut mit, dass einige während meiner Abwesenheit das Gespräch mit ihm gesucht haben!!! Letztlich frage ich mich – war es gar mein Fehler? Hat meine Initiative die anderen gelähmt? Haben Sie sich gesagt „sie redet ja mit ihm, da werden wir mal nicht unterbrechen“? Habe ich womöglich die falschen Signale gesendet? Vielleicht müsste ich mich beim nächsten Mal bewusst zurückhalten, damit die Hörenden eher mal auf ihr eigenes Verhalten blicken und was ändern?

    @ Pia – das nächste Mal werd ich deinen Rat ausprobieren. Einfach direkt nen Hörenden anschleppen und ein Gespräch zusammen beginnen. Vielleicht auch eine Kombination beider Methoden (vorherige Erklärung und spontane Einladung).

    @ Not quite – Der Gehörlose hat die Gastgeberin selbst angesprochen und ihr viele Fragen gestellt. Sie hat auf alle geantwortet, aber selbst keine einzige Frage an den Gehörlosen gestellt. So blieb die ganze Sache wieder nur Monolog. Es ist so schade, weil sich Gehörlose und Hörende gegenseitig so viel geben können, wenn die Kommunikation zweiseitig ist.

  14. Es ist natürlich unmöglich, dass wir ohne dabeigewesen zu sein nun sagen können woran es lag. Aber ich denke, es könnte schon möglich sein, dass Deine Unterhaltung mit dem Gehörlosen sehr hermetisch und abgeschlossen wirkte. Der intensiven Aufmerksamkeit und Zuwendung wegen ist das ja schon bei Unterhaltungen mit Schwerhörigen so, dass die sehr „fokussiert“ wirken. Und wenn dann noch Gebärdensprache hinzu kommt….
    Vorwürfe allerdings solltest Du dir nicht machen. Es kann ja an wirklich allem möglichen liegen, zB auch die Sache mit dem keine Fragen gestellt.

  15. CharlyBrown

    Danke für diese interessante Diskussion.
    Im Laufe meines schon recht langen Leben bekam ich immer wieder
    von verschiedenen Hörenden die Frage:
    „Warum sind Gehörlose in der Freizeit lieber unter sich?“
    Manchmal auch:
    „Die Gehörlosen isolieren sich selbst in ihrem Verein.
    Sie sollten sich mehr in die hörende Gesellschaft integrieren..“ usw.
    Ich hatte dann immer einige Mühe, diesen gutmeinenden Hörenden
    die Sache zu erklären.
    Ab jetzt werde ich solche hörende Frager auf diesen Blog hinweisen.
    Dann werden sie besser verstehen (hoffentlich).

  16. @ Atchoum: „… nachdem ich mich dann mal ausgeklingt hatte … und wieder in den Raum kam, teilte mir der Gehörlose ganz erfreut mit, dass einige während meiner Abwesenheit das Gespräch mit ihm gesucht haben! Letztlich frage ich mich – war es gar mein Fehler? Hat meine Initiative die anderen gelähmt? Haben Sie sich gesagt „sie redet ja mit ihm, da werden wir mal nicht unterbrechen“?“

    Japp. Erfasst.
    Wenn ich als Schwerhörige mit jemandem rede, ist das (notgedrungen wegen der Anstrengung) mit ununterbrochenem Blickkontakt, räumlicher Nähe und Konzentration so eng, dass niemand anderes so leicht dazwischen kommt. Wer das von außen sieht, hält Abstand. Bei Gebärdensprache wird das ähnlich sein.

    Mich wundert aber auch, wie sehr du in eigenen Eindrücken verhaftet bist und vermeintlich „für den Gehörlosen“ agierst und empfindest, obwohl der ein ganz anderes Erleben haben könnte. Glucken-Syndrom?

    In der Pädagogik gibt es das hohe Ideal, sich als Helfer überflüssig zu machen – ein anspruchsvolles Ziel. Man nimmt keine Aufgaben ab, sondern unterstützt darin, dass das Gegenüber es selbst tun kann. Du kannst in einer Situation wie oben zum Beispiel mit dem Gehörlosen gemeinsam aushecken, wie er selbst Kontakt herstellen kann oder mit wem im Raum er gern mal sprechen würde. Und ihn dann den Kontakt auch selbst machen lassen, du bleibst einfach dabei, nur um zu übersetzen.
    Im Übrigen finde ich es sehr gut, dass du dir hier Gedanken machst dazu. Kommt gut rüber.

  17. @ Pia – „Gluckensyndrom“ – sehr interessanter Gedanke. Damit hast du vermutlich den Nagel auf den Kopf getroffen! Werd ich mir merken beim nächsten Mal.

    Ich habe vor kurzem den Gehörlosen mal nach seinen Eindrücken von diesem Abend gefragt (um eben zu sehen, ob das Erleben ähnlich war), ich zitiere „Ich fühlte mich wie ein Loch“. Schon als Satz sehr hässlich, aber glaub mir, die Gebärde ist noch n Zacken schärfer… und haben dann über Möglichkeiten diskutiert, wie man das in Zukunft vermeiden kann. Und siehe da, in den folgenden Tagen (wir haben zusammen an einem gemeinsamen Projekt gearbeitet: Gehörlose und Hörende, die teils gebärden konnten, teils nicht) lief alles dann viel besser. War richtig erstaunlich, wie gut die Kommunikation plötzlich geklappt hat, weil beide Seiten sich bemüht haben. Sogar ohne Übersetzen!!!

    Auf jeden Fall vielen Dank für den pädagogischen Einblick! Unbewusstes bewusst zu machen ist der erste Schritt nach vorn!

  18. Pingback: Das Karussell | Not quite like Beethoven

  19. Pingback: Mein Vater | Not quite like Beethoven

  20. Pingback: Zufrieden mit dem elektrischen Hören? Über das Leben mit dem Cochlea Implantat | Not quite like Beethoven

  21. Pingback: „Da sind ja überall Menschen!“ — Was das elektrische Ohr mit dem Tabakladen gemein hat | Not quite like Beethoven

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s