Aus den Augen, noch im Sinn

Als sich die Welt verschiebt, liege ich auf dem Boden. Fragen Sie mich nicht, wie ich dorthin gekommen bin, das tut hier nichts zur Sache. Wichtiger ist, was ich sehe. Nämlich: Die Decke meines Wohnzimmers. Da ist das Loch, das ich einmal hineingeschlagen habe, als ich es nicht lassen konnte, drinnen mit dem Bo zu trainieren. Am Hinterkopf, den Schultern, Po, Schenkeln und Hacken spüre ich die Härte des Bodens. Ich denke: Muss mal wieder die Pflanzen gießen, aus dem Blumentopf neben meinem Kopf riecht es nach sehr trockener Erde.

Auf diese Weise weiß ich genau, wo ich bin. Ich liege in der Mitte meines Wohnzimmers auf dem Boden.

Dann verschiebt sich die Welt. Alles bleibt wie es ist — und doch bin ich auf einmal gleichzeitig in der Küche.

Ich höre den Wasserkocher, der brodelt. Laut und deutlich als könnte ich die Hand danach ausstrecken. Dabei sind sogar noch drei Meter Flur dazwischen. Der Klick beim Ausschalten, so laut als stünde der Kocher direkt neben mir. Als ich dort hinsehe, steht dort nur die Topfpflanze.

Es ist selten, aber zuweilen paßt das Hören und das Sehen nicht zusammen. Ich weiß nicht, ob ich mich noch immer nicht vollständig daran gewöhnt habe oder ob es an der Einstellung des elektrischen Ohres liegt, jedenfalls holt das CI die Dinge ran. Meine Weltverhältnisse sind ganz andere, meine Umgebung endet nicht mehr an den Rändern meines Blickfeldes. Aus den Augen aus dem Sinn, so wie es bei Taubheit ist — das war einmal.

— Dieser Beitrag ist der zweite einer kleinen Reihe, in der ich Bilanz ziehe, nach etwas über einem Jahr elektrisches Ohr

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16 Antworten zu “Aus den Augen, noch im Sinn

  1. auch wenn ich mir vorstelle, dass das hin und wieder sehr verwirrend sein kann, ist das trotzdem wundervoll poetisch beschrieben.:) aus den augen, noch im sinn find ich gut…

  2. 🙂
    So krass wie oben beschrieben ist es selten, daher auch meist wie ein guter Trip genießbar. Aber es ist tatsächlich so, dass die Räume, die durch meine Wahrnehmung entstehen und in denen ich mich bewege, sich verändert haben. Die Verhältnisse von Sehen und Hören ändern sich. Und dabei war ich ja nicht mal lange taub, womöglich gar noch seit Geburt, bevor ich das CI genommen habe. Ich hatte mich „nur“ vom Hören unabhängig gemacht.

  3. Immer wieder faszinierend und interessant geschrieben. Danke fürs Teilen.

  4. Ich habe erst gestern dein Blog entdeckt und bin ziemlich beeindruckt, wie Du mit dieser Erkrankung umgehst und sie in Worte fasst. Einiges habe ich schon gelesen, bin dabei aber nicht auf die Antwort gestossen, dessen Frage sich mir anlässlich dieses Eintrages erst jetzt stellt: Wie hörst Du mit dem CI? Stereo, linksseitig, rechtsseitig, „mittig zentralisiert“? Die Verortung, woher ein Ton kommt, hat ja mit räumlichen Hören zutun.

    Oder braucht es dazu zwei CIs, und ist das wiederum technisch-medizinisch möglich, also käme das Gehirn mit den Signalen von CIs klar und könnte daraus „Surround Sound“ formen?

    Sorry, wenn ich so sehr auf diesen „technischen“ Aspekt anspringe, aber Du schreibst darüber sehr faszinierend. (Vielleicht bist Du darauf auch schon eingegangen und ich habs nur noch nicht gelesen, dann wäre ein Link nett.)

  5. kleiner eimer: dankeschön!:)

    HecPac, ich höre bimodal, d.h. ein CI, ein Hörgerät. Die sind lautstärkemäßig so angepaßt, dass ich einigermaßen „mittig zentralisiert höre“, wobei ich doch ab und zu Probleme habe, die Richtung zu erkennen, aus der Geräusche kommen.

  6. Ah, danke!

  7. Probier mal eine Miniport-Mikrofonanlage aus, die gibt es ergänzend zum CI, wenn man z.B. an Konferenzen oder Unterricht teilnimmt und die Dozenten verstehen muss. Da trennen sich Sehen und Hören auf geradezu dadaistische Weise, wenn man auf Klo geht (den Mikro-Empfänger noch angestellt), und gleichzeitig den Dozenten im ganz anderen Raum sprechen und mit Papier rascheln hört. Noch lustiger im Restaurant mit Freunden, wenn man alles am Tisch mithören kann, während man selbst auf Klo ist. Eine ganz neue Erfahrung von Raum und Gleichzeitigkeit …

  8. So aufregend!

    Und die Empfehlung von Pia mit dem Spionen-Mikrofon — das MUSST du ausprobieren, ja?

  9. Hehehe, klingt gut. 🙂
    Obwohl, wenn ich mir meine Freunde so angucke, dann fürchte ich den Schabernack, den sie dann mit mir treiben werden, wenn ich weg bin!

  10. Ja, das bleibt nicht aus. 😉
    In einer lauten vollen Kneipe muss ich immer nach vorn an die Bar und hinten im Raum sprechen mir meine Leute ins Mikro, was ich bestellen soll. (Das ist wie Regieanweisung beim TV oder diese Ohrknöpfe von Security-Leuten.)

    Falls du das beruflich gebrauchen kannst, Beethoven, probier´s mal aus. Miniportanlagen. Wurden ursprünglich für Schulunterricht entwickelt, aber ich habe meine für berufliche Seminare und Vorträge.

  11. Hihi. Da tun sich ja Möglichkeiten auf!

    Ich hab schon eins, hab’s nur recht lang schon nicht mehr benützt und könnte langsam mal ein neues gebrauchen.

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