White Cube: Der Schwerhörige als Museumsliebhaber

Samstagnacht, 1.30 Uhr morgens, eine Party wie jede andere. Durch Dunkelheit und Musik,  Gelächter und Geschrei der Leute bahnt sich wieder eine dieser bizarren Erkenntnisse den Weg in meinen Geist. Diesmal: Mit starker Schwerhörigkeit sollte eine Vorliebe zur Musealisierung des Lebens einhergehen. Liebhaber freier Wildbahn dagegen — haben’s schwierig.

Wie das Kunstwerk im Museum, so brauche ich diejenigen, mit denen ich mich unterhalten mag: Nicht so wie sie das Leben eben bringt, sondern freigestellt vom Kontext. Hinweg mit den anderen Leuten und ihren Neben- und Störgeräuschen. Nur so verstehe ich: Stillgestellt, neutraler Hintergrund und von schlechtgelaunten Wärtern umgeben, die alle anderen zum leisen Flüstern oder gar ganz zur Stille zwingen und am selber mit dem Kunstwerk interagieren hindern. Das akustische Lebenskonzept des Schwerhörigen heißt: White cube. Suchen oder soweit wie möglich Schaffen.

Bah, denke ich. Langweilig! Und nehme drauf noch ein Bier.

Suchen oder soweit wie möglich Schaffen.
Advertisements

8 Antworten zu “White Cube: Der Schwerhörige als Museumsliebhaber

  1. The metaphor of the white cube makes me think of the blogging in first-person, in and of itself. The reader’s interaction with the writer is overtly guided. The writer hangs the subject matter on a white wall; the reader idealliy shuts out everything else on the screen, to give himself over to a single object. The writer says, look here, and now look there. First-person narratives can enrapture me. But they also can sometimes feel very controlled. The ways that the subject can blow up in your face are limited, because the Interpreting Voice is always nearby.

  2. With respect to guiding, pointing and interpreting, how’s writing in third-person any different?

  3. I didn’t mean to make a value judgment, like first or third person voices are „better“ or „worse“. But there are differences in the reading experiences. For me it involves how much I am meant to trust the speaking voice. In the case of your blog, I trust your voice completely and feel led into a new world, like Dante guided by Virgil. In third person narratives, I’m more naturally distrustful, or skeptical–often the voice(s) are outright lying, or misinterpreting, or missing important cues. In the narratives you describe, the „NQLB“ figure performs actions and follows trains of thought or lines of inquiry, and the stark honesty and skill with which you interpret yourself is a main „Reiz“. This is the parallel I saw to a curated museum exhibit.

  4. I didn’t take it as a value judgment either. The more I think about it the less am I sure whether I understand your point, are you saying that one of the two (1st- or 3rd-person) in and of itself is more „museal“ than the other with respect to the reader’s experience? I’m not sure about that, but if I had to chose, then I would guess the one that more easily facilitates detached contemplation would be 3rd-person.
    Anyway, for what it’s worth: this blog’s background is white. 🙂

  5. Es gibt noch einen zweiten Aspekt zum „white cube“, besonders beim Hören mit CI. Bekanntlich kann man mit CI nicht schichtenweise hören, also nicht Vordergrund vor Hintergrund hören wie mit normalem Gehör. Es passt quasi immer nur 1 Tonreiz in die Leitung, nichts gleichzeitig. Deshalb nerven „Nebengeräusche“ auch so sehr: Sie sind eben nicht „nebenher“ sondern „vorgedrängelt“. Ist ein Tonreiz dominant, sprengt er alles andere weg, egal wie weit entfernt die Quelle ist. Beispiel: Kinderstimmen 100 m entfernt, während man gerade mit jemandem eine ruhige Unterhaltung versucht. Die Kinderstimmen (extrem hohe Frequenzen) sind immer schon vorher im CI, bevor die tiefere Stimme des nahesitzenden Gegenübers ankommt. Nervt, nervt, nervt …

    Jetzt das Phänomen mit dem „weißen Rand“:
    Manche dominanten Geräusche sprengen andere Hintergrundgeräusche so doll weg (lassen keinen Platz mehr in der Leitung), dass quasi wieder Ruhe einkehrt. Wenn der Wasserhahn aufgedreht ist, höre ich keine Stimmen mehr, auch nicht ganz in der Nähe (die Nummer ist bekannt aus den Spionagespielfilmen, da haben die Abhörmikros genau das gleiche Problem). Nun ist zwar Wasser zu hören, aber sonst null – nüschte. Zusätzlich passt nichts mehr rein ins CI, egal wie laut der Raum sonst noch ist.

    Oder noch besser:
    Ein Saxophonspieler an einer sehr lauten Straßenkreuzung hat mir mal mit jedem Ton das Autogetöse weggelöscht. Das CI schaffte nur ENTWEDER das Saxophon ODER die Autos, nicht beides. Jeder Ton des Saxophons erstickte den Krach, aber bei jedem Luftholen, jeder kleinsten Pause tosten und kreischten die Autos wieder. War einzigartig. Das kennen Hörende nicht. Die hören nur Lautes über Lautem über noch Lauterem.

    Ich nenne das mal „weißer Rand“, denn es fühlt sich so an wie ein kurzer Moment des Wegwischens, des Freistellens, aber es ist eher ein technisch bedingtes Ausblendephänomen. (By the way: Die Saxophonmelodie habe ich nicht erkannt, ich kann keine Tonhöhen erkennen. Keine Ahnung was der Typ gespielt hatte. Aber ich hatte mal sowas wie Ruhe, mitten in der krachigen Stadt.)

  6. Hehehe, das kenn ich, Leid und Freud digitaler Störschallerkennung und -unterdrückung. 🙂 Ich finde, white cube trifft es hier sehr gut. Denn diese digitalen Strategien versuchen tatsächlich genau das, erreichen es manchmal sogar — nur mit akustischer Wildbahn hat das dann eben nichts mehr zu tun.Obwohl man die Künstlichkeit ja auch genießen kann, manchmal.

  7. Hey, hier muss ich definitiv intervenieren. Das Konzept des White Cube gilt für Kunstwerke. Und die allerwenigsten Gespräche sind solche.

    Wenn schon eine Metapher aus der aufregenden Museumswelt, dann doch die (zugegeben viel schnödere) Vitrine: Da kommen die Alltagsobjekte rein, schön abgeschirmt mit konservatorisch verordnetem Klima und Luxzahl.

    Und zu Elizabeths Kommentar: Ich sehe auch Parallelen zwischen einem Blog und einer Ausstellung. Und in diesem Blog ist dieselbe Person Kurator, Künstler und Kunstwerk.

  8. Diese Mischung macht es auch für mich ganz spannend, da kann ich immer mal die unterschiedlichen Aspekte davon betonen. Dazwischen liegt Freiheit.

    Und echt? Alltagsobjekte und White Cube-Konzept gehen nicht zusammen? Das ist ja lustig, hätte ich nie gedacht. Ich dachte White-Cube sei im Grunde nur die Radikalisierung des Freistellungsgedankens und somit auf alles anwendbar. Na, wieder was gelernt!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s