Das Karussell

Meine Schläfe brennt. Eine Schürfwunde. Und diesmal schmecke ich Gras zwischen den Zähnen. Aber wie das so ist, spucke ich aus, lache, und greife wieder nach der Stange am äußeren Rand des Karussells. Ich renne so schnell ich kann und schiebe es dabei an. Die beiden anderen, auf dem Karussell, lachen auch. Dann springe ich auf und genieße den Drehwurm, der sich langsam meinen Bauch raufwindet.

Wenn wir als Kinder auf den nahegelegenen Spielplatz gingen, wollten wir zum Karussell. Wir trieben es mit aller Kraft an — und manchmal stürzten wir herunter. Natürlich ging es darum, sich möglichst wenig festzuhalten. Die, die drauf blieben, fanden es toll und wollten nur noch schneller im Kreis rasen.

Dieses fast vergessene Gefühl — herunterzufliegen während sich die anderen an der Geschwindigkeit berauschen — habe ich in letzter Zeit wieder kennengelernt. In Kneipen, auf Parties, in Cafés — überall wo sich Gruppen treffen und gelöst unterhalten. Mit dem elektrischen Ohr komme ich gerade so mit, meist. Immer mal wieder bin ich kurz voll dabei. Doch obwohl ich optisch mit am Tisch sitzenbleibe, akustisch treibt mich die Fliehkraft des rasenden Gespräches meterweit weg. Und von dort verstehe ich dann nichts mehr vom dem, was geredet wird.

Großer Frust ist das. Aber man muss auch sehen, woher das kommt. Es kommt daher, dass ich meine Grenzen nicht mehr kenne. Oder noch nicht wieder. Bevor ich ein Innenohrimplantat bekam, wäre ich in diesen Situationen nicht mal raufgekommen, auf das Karussell. Wenn möglich wäre ich der ganzen Situation von vornherein ausgewichen. Jetzt weiß ich noch nicht, wann ich es gar nicht erst versuchen muss. Und das ist auch gut so. Denn auf diese Weise bin ich öfters dabei. Wer nur manchmal runterfliegt, gibt sich nicht auf.

– Dieser Beitrag ist der dritte einer kleinen Reihe, in der ich Bilanz ziehe, nach etwas über einem Jahr elektrisches Ohr. Teil 1: Einmal Blackout und zurück, Teil 2: Aus den Augen, noch im Sinn

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34 Antworten zu “Das Karussell

  1. Sehr schönes Bild, das Karussell. So kann man sich übrigens auch als normal hörender Mensch ausklinken. Das bietet sich ja doch gelegentlich auf Empfängen und Konferenzen an, wenn die wichtigen Heissluftgebläse sich gegenseitig die Haare schönreden.

  2. Hmm, Kiki, für einen Normalhörenden ist das aber freiwillig.

  3. *lol* Ja, so freiwillig wie man sein Auto alle paar Jahre dem TüV vorfahren muss.

  4. Ähm, bitte? Nur, weil es in dem Fall halt mal eben in den Kram passt, nicht zuhören zu müssen ist das immer noch etwas anderes, als es gar nicht zu KÖNNEN – um im Bild zu bleiben: Der eine lässt freiwillig los und springt, während sich der andere festkrallt und trotzdem runterfliegt.
    Ob du nun freiwillig auf langweilige Empfänge und/ oder Konferenzen gehst oder nicht ist mir dabei ziemlich wurscht.

  5. Oha, ich wittere ein Mißverständnis.

    Damals als Kinder war das Runterfliegen einigermaßen gleich verteilt, es war niemand dabei, der oder die, sagen wir, schwache Hand- und Armmuskeln gehabt hätte und trotzdem bei voller Geschwindigkeit mitspielen wollte. Heute, beim metaphorischen Karusellfahren ist das doch etwas anders.
    Was nicht heißen soll, dass ich mich nicht manchmal auch einfach so aus der Kurve tragen ließe, weil mich die heiße Luft langweilt.

  6. notquite, ich zumindest hatte das schon so verstanden 😉

  7. Ich glaube, ich bin nicht die erste, die das hier feststellt: Sobald Menschengruppen kommunizieren, verstehe ich auch als Normalhörende zu 80% nichts, sondern nicke und lache, wenn es mir nötig erscheint. Es darf nur keiner eine Frage an mich richten.
    Bei mir ist es eine Kontakthemmung, die mir Smalltalk in Gruppen so gut wie unmöglich macht. Ich stehe so unter Streß, daß ich blockiere.
    Ich schleppe Leute, die mich interessieren, lieber in eine ruhige Ecke, um mich dann „richtig“ mit ihnen zu unterhalten.

  8. Tja, das mache ich eigentlich auch … nur kommt es nicht immer gut an. Manche Menschen wollen lieber nur auf der Oberfläche surfen und sich nicht in tiefsinnige Gespräche verwickeln lassen. Der schöne Effekt, der dabei raus kommt: „Boah, ist das mit dem anstrengend. Der ist immer so ernsthaft.“

  9. bios, ich auch 🙂

    kittykoma, dass auch Flotthörende Probleme haben, ist die Basis für Verständigung in dieser Sache. Da kann sich dann jede Seite in der anderen wiedererkennen. Glaube, das Problem liegt in der (oft) deutlich unterschiedlichen Schwelle. Wo’s für die einen noch problemlos geht, fliegt der andere schon weg. Und wo’s für den einen gerade ganz gut geht (weil’s so laut ist, dass alle lauter und deutlicher reden müssen) wollen die anderen auf einmal lieber woanders hin (wo’s etwas leiser ist, für sie besser, für den einen schlechter). 🙂

    Ralph Raule, bei mir gibt’s noch oft den Fall, dass es (noch) gar nichts speziell mit einer Person zu besprechen gibt, so dass es komisch kommt, wenn man sich absondern will ohne Thema oder Grund. zB auf Konferenzen oder Schulungen, wo sich gerade alle kennenlernen.

  10. Bios, ich weiß nicht, warum Du mich so angiftest. Es gibt durchaus Parallelen, auch wenn Du das nicht wahrhaben willst. Kittykoma hat eine weitere Parallele aufgezeigt.

  11. Ja, das Karussel ist ein sehr gutes Bild. Manchmal will man aufspringen und es haut einen voll auf den Boden. Alles wuschelt und wischelt vor den Augen -äh- Ohren. Im Comic werden diese niedlichen Sternchen gezeigt, wenn es unscharf flimmert vor den Augen. Was dann wohl um die Ohren fliegt, wenn man nix Scharfes hört? Wespen? Und immer wieder versucht man, aufzuspringen.

    In der Ausprobierphase mit CI ist man noch hoch motiviert und versucht es gern und oft, weil ja das Ergebnis auch manchmal positiv ist. Aber nach einer Weile kommt man wieder an eine Grenze.

    Noch springe ich aufs Karussel und fliege oft wieder runter, geht ja nicht anders. Ich frage mich aber, was mir an unendlich vielen Infos und Termin/Tipps und Sprachwitz und Formulierungen und Erzählungen entgeht, die mein Leben vielleicht sonst mehr verändern und bewegen würden. Ich empfinde nach solchen „Polka-Abenden mit Karussel“ eine Leere, weil nichts Neues passiert ist, nichts Neues in meinen Kopf gekommen ist, nichts Neues von einer Person oder einem Eindruck in mich gelangt ist. Nichts Inspirierendes, nichts Melancholisches, nichts Charmantes, nichts Entzückendes und nichts Geistreiches, nichts Zauberhaftes, nichts Freches und nichts Mitreissendes.

    Bei allem sportlichen Eifer auf dem Mitmachkarussel: Die Leichtigkeit ist verschwunden. Dabeisein ist harte Arbeit. Die 5 oder 6 Hörbrocken, die man ergattert hat, riechen wie nasser Karton und der Arsch tut weh vom Hinfallen.

    Butzky, mies drauf.

  12. Kiki, ohne für Bios sprechen zu können, aus meiner Sicht ist das (Normalhörende/Nichtbehinderte haben auch…) so ein typischer Punkt, an dem es oft zu Knatsch zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen kommt. Weil die Betroffenen es als unzulässige oder sogar abwertende Relativierung empfinden. Man kann darüber denken wie man will (und ich glaube, ich muss mal drüber schreiben!). Aber man muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass es so ist.

    Pia, ich würde Dich jetzt gerne aufheitern. Nur leider fällt mir dazu nichts Schlaues ein. Ich hatte das Karussell-Bild eigentlich gerade deswegen genommen, weil ich sagen wollte, dass ich es zwischendrin durchaus drauf schaffe und dort auch Spaß habe. (Ganz im Unterschied zum Hund-hinterm-Bretterzaun-Bild, das ich auch nicht mehr loswerde!) Aber da zeigt sich dann wohl mal wieder wie unterschiedlich Menschen dies erleben.

  13. Es kommt darauf an, wie oft man auf dem Karussel mitfährt und wie oft man runterfällt. Psychologisch hat man in der ersten Phase mit CI ja auch ein Gefühl von Zugewinn. Es kommt immer ein Stückchen hinzu, das bisher nicht ging. Trotzdem kommt dann doch mal die Grenze, wo man merkt, da wird´s nicht besser, da geht es einfach nicht weiter. So eine Bilanzphase. In der bin ich jetzt wohl. Die ist nicht so pralle.

    Bisher habe ich immer gedacht: „OK, heute in der Kneipe nichts verstanden, aber das lasse ich mir noch technisch am CI einstellen. Oder das nächste Mal nehme ich die FM-Anlage mit. Oder die wichtigen Gespräche mache ich ja dann sowieso später vis-a-vis mit den einzelnen Leuten. Oder das war ja vermutlich alles nicht so wichtig, ist ja egal.

    Das Letzte macht mir Sorgen. Keine Ahnung, was da flöten geht an Kontakt und Nähe mit anderen, an Verstehen und Neues-in-den-Kopf-kriegen. Man kann sich die wirkliche Welt nicht nur anlesen. Die wirkliche Welt ist das, was entsteht im Zusammensein. Und mit CI steht man immer hinter einer dicken Glascheibe. Oder liegt am Boden, während alle auf dem Karussel fahren. Das zermürbt.

    Wie wären Freundschaften, wenn ich Leute gut verstehen würde. Was würden andere empfinden, die merken, ich höre zu und erfasse, was sie sagen? Mir schwant, dass die Hör-Distanz auch die Intensität von Kontakten prägt. Umgekehrt bin ich selbst erschrocken, wenn ich nicht verstanden werde von jemandem. Da entsteht keine Nähe, man fühlt sich eher allein. (Das Thema war hier schon mal auf Partnerschaften und Liebesbeziehungen bezogen.) Wie entfernt sieht mich meine Umwelt, zu der ich mit Kraftaufwand die Verbindung halte? Ich habe keinen Schimmer davon, wie sehr sich jemand von mir alleingelassen fühlt, weil ich ganze Passagen nicht verstanden habe. Da macht man doch innerlich das Rollos runter. Ich würde es tun, wenn mich jemand nicht hört.

    The Butzky Crisis.

  14. @Pia kann ich voll und ganz unterschreiben. Zwar ohne CI und nur mit HG – dafür gibt’s dann auch immer mal wieder Tage, die zum ohnehin schon fetten Tinnitus noch einen Hörsturz hinten drauf packen. Da kommt dann zum Isolationsgefühl noch Panik dazu von der Terror-Lautstärke im Kopf. ABER:

    Was mich immer wieder beschäftigt, ist die Tatsache, dass das Empfinden von taub Geborenen oft ganz anders ist. Ja, okay. Sie kennen es nur so, während spät Ertaubte meist darunter leiden, etwas verloren zu haben. Trotzdem zeigt es mir auch, wie sehr es um den Blickwinkel zu gehen scheint.

    @alle: Versteht Ihr, was ich meine? Lässt sich da vielleicht ein Schalter umlegen? So im Sinne von Eckhart Tolle, der wohl sagen würde, dass wir in erster Linie an unseren Gedanken und Geschichten über etwas leiden.

    Hm.

  15. P.S. Wie funktioniert so eine FM-Anlage? Ist das ein kleines Gerät, das am Körper getragen wird oder so groß, dass es irgendwo abgestellt werden muss?

  16. @Bibi: Die FM Anlage, das ist ein kleines Mikro und ein Empfänger, der an das CI gesteckt wird. Ist etwas unpraktisch, aber reicht aus, um einen Sprecher mit Mikrofon im Störlärm oder auch in großen Räumen zu verstehen (Schule, Unterricht, Seminare). Privat nehme ich sie auch und halte den Leuten in der Kneipe das Mikro hin, das sieht dann aus wie ein Interview. Manchmal lustig, manchmal eher störend.
    Ja, der eigene Blickwinkel und das eigene Empfinden sollten schon sein, denke ich. Das darf auch mal besch… sein. Dann spürt man, wenn etwas fehlt und kann was ändern. Sicher empfindet jeder anders. Aber wenn mir kalt ist und jemand schwitzt, ziehe ich mir trotzdem den Mantel an. Und wenn mir heiß ist, aber alle anderen frieren, ziehe ich den Mantel aus. Genauso mit dem Hören: Wenn ich bemerke, das Bedürfnisse auf der Strecke bleiben, nützt es nichts, dass andere das Bedürfnis gar nicht haben. Oder noch nie gehabt haben. Und wenn jemand eine Hörsituation erfreulich findet, kann man selbst trotzdem etwas vermissen. Jeder hat ganz eigene Empfindungen.

    Und das ist auch gut so.

  17. „Bei mir ist es eine Kontakthemmung, die mir Smalltalk in Gruppen so gut wie unmöglich macht. Ich stehe so unter Streß, daß ich blockiere.
    Ich schleppe Leute, die mich interessieren, lieber in eine ruhige Ecke, um mich dann „richtig“ mit ihnen zu unterhalten.“

    So wie kittykoma gehts mir auch. Außerdem kann ich mit Smalltalk nix anfangen, da der meist zwangsläufig auf ein Thema angelangt, der mit meinem Beruf zu tun hat. Und dann kommen immer dieselben Fragen…

    @notquite – Dein Beitrag regt zu regen Diskussionen an, das ist schön, bei aller Tragik.

  18. Pia, gut gesagt (22.2. 15.09h). Aus dieser Plateuphase/Bilanzphase in punkto CI werde ich noch einiges berichten. Das finde ich eines der wichtigsten Dinge überhaupt, die man über ein CI wissen sollte. Grundsätzlich denke ich, man muss halt akezptieren, dass der Hörverlust da ist und nicht ungeschehen gemacht werden kann. Und auf der Basis gut leben. (Sagt sich leicht, ich weiß.)

    Bibi, ja, dieses Trauern ist vielleicht DIE Defintion von Spätertaubung. Und das ist in der Tat ein wichtiger Ansatzpunkt.

    Felios, das ist für mich übrigens eins der Dinge, die *guten* Smalltalk ausmacht, dass er sich nicht nur um Beruf dreht. Ist schwierig. Ich freu mich auch sehr, dass der Text Kommentare anregt!! So tragisch war er übrigens gar nicht gemeint, eher zwiegespalten. Finde es interessant, dass hier in der Diskussion eher der tragische Aspekt rauskommt.

  19. Das mit dem Karussel ist ne gute Beschreibung.Ich schaff vielleicht mit HG ein paar Umdrehungen mehr als mancher mit CI, aber dann flieg ich auch gnadenlos raus.Wenns ganz schlimm wird,schalt ich meine „Horchies“ kurz aus und gleich wieder ein,dann bin ich meist wieder „auf dem Teppich“ und etwas zufriedener

  20. Kiki, ich fand dein *lol* einfach unangemessen und fand und finde, du hast den Vergleich entweder nicht verstanden oder auf etwas übertragen, auf das man es nicht übertragen kann. Mit angiften hat das wenig zu tun, eher mit dem, was notquite meinte. Wobei, @notquite, hier ist es ja keine Relativierung, sondern eher: Aber schau mal, Normalhörende machen das auch und für die ist es sogar TOLL.
    Es hat auch nichts damit zu tun, dass ich etwas nicht „wahrhaben will“ (das ist zwar kein Giften deinerseits, kann aber durchaus als unterschwellige Stichelei verstanden werden 😉 ). Die Parallele von kitty ist insofern eine Parallele, als dass sie ein PROBLEM beschreibt. Dein Beispiel ist gewissermaßen das Gegenteil dessen, was hier eigtl. das Problem ist. Bzw. ist es (und das hab ich im vorherigen Beitrag auch so geschrieben) das Äquivalent zu freiwillig loslassen und das gut finden vs. loslassen MÜSSEN und das nicht gut finden.

  21. @Pia, was du schreibst trifft es sehr gut, finde ich. Und diese Plateau-Phase empfinde ich als wirklich schwierig.

  22. Frank, verstehe, Du führst einen Reboot durch 😉

    Bios, freut mich, dass Du dich noch einmal erklärst!

  23. @kiki und @bio und @alle:
    Ja, ich beneide die Hörenden darum, dass sie hören können. Und freiwillig zu- oder weghören können. Aber so kontrovers stehen wir gar nicht gegeneinander. Hörende fliegen auch mal vom Karussel. Und das tut denen auch weh, wenn sie sich Schrammen dabei holen.

    Letztens an einem lauten Kneipenabend mit Freunden und Bekannten saß mir ein netter Typ am Tisch gegenüber, der zufällig aus allen Gesprächen raus war, weil rechts und links von ihm heftig geflirtet wurde. Andere saßen zu weit weg von ihm, und ich verstand ihn in dem Krach nicht. Er sah einsam und gelangweilt aus und ich gab ihm Zeichen, sich doch einfach einzumischen, einfach Kontakt zu machen (wie ich es gewohnt bin). Er sah mich lächelnd an und gab mir mit Achselzucken zu verstehen, dass ich ihn ja leider nicht verstünde, sonst würde er sich gern mit mir unterhalten. Nach kurzer Zeit ging er.

    Das gab mir zu denken. An dem Abend hatte ich mich mit einem Freund direkt neben mir unterhalten (angestrengt, weil akustisch schwierig). Ich war also dabei, zwar nicht auf dem Karussel, aber im Duett, sozusagen. Es war eh so laut, dass man nur den Sitznachbarn verstand. Der Typ, der gegangen ist, hat mir leid getan, weil mir die Situation ja sehr bekannt ist. Im Nachhinein habe ich ihn sogar beneidet um die Freiheit, den Abend für „gelaufen“ zu erklären und zu gehen. DAS würde ich auch gern mal machen! Aber dann könnte ich nirgendwo mehr bleiben. Denn wie gesagt: Karussel, 2 Runden und – schwupps- draussen. Raufklettern, halbe Runde – und schwupps – draussen. Wieder rauf, 1 Runde und …

    Butzky, die mit den Schrammen.

  24. >“beneidet um die Freiheit, den Abend für ‚gelaufen‘
    >zu erklären und zu gehen“

    Das versteh ich nicht ganz. Wie meinst Du, Du hast ihn beneidet und sonst könntest Du nirgendwo mehr bleiben? Wenn’s keine Chance gibt aufs Karusell raufzukommen und niemanden, der mich interesiert oder irgendwie offen für ein Zweiergespräch scheint, dann gehe ich. Bleibt mir, also uns, zwar gar nichts anderes übrig als zu entscheiden, was und wer die Mühe wert ist. Leider. Und ich will auch nicht immer der sein, der früh geht. Aber entscheiden können wir doch, oder? Ich meine, sonst reibt man sich doch nur auf und es kommt dennoch nix bei rum.

  25. >> Hörende fliegen auch mal vom Karussel.
    Das bestreite ich gar nicht, Pia. Nur war das Beispiel, das ich oben kritisiert hatte, das genaue Gegenteil davon.

    Hmm, notquite, ich finde auch manchmal, dass es keine wirkliche Entscheidung mehr ist.

  26. Also, ich gehe nicht.
    Zumindest bin ich noch nie gegangen, weil ich die Gespräche der anderen nicht verstanden habe. Ich bleibe da, auch wenn ich nicht aufs Karussel komme. Der Punkt ist: Wenn das Nichtverstehen in lauten Runden zur Ausgeschlossenheit führt (ja, tut es) und das ein Grund ist, zu gehen, dann müsste ich ja jedesmal gleich umkehren, wenn ich einen Raum mit ein paar Leuten drin betrete. Das meine ich damit.

    Natürlich gehe ich, wenn irgendwas langweilig oder doof ist, natürlich auch wenn ich müde bin. Aber das Nichtverstehen von Gesprächen durfte nie ein Grund sein, denn dann kann man ja kaum noch irgendwo bleiben. Gemeint sind die lauten Partys, Kneipenabende, Treffen in großen Runden. Da müsste man dann gleich ganz wegbleiben.

    Stattdessen strenge ich mich an, nehme Kontakt auf, stelle Fragen, die man mit Nicken/Kopfschütteln beantworten kann, habe eine Kritzelheft dabei, in das die Leute reinschreiben, wenn ich nicht verstehe, rede selbst ziemlich viel, mache Späßchen. Und bleibe.

    Es gibt diese Frustdurchhänger, diese kleinen schwarzen Löcher zwischendrin. Aber wenn man dann geht, ist es eine Niederlage, fürchte ich. Man verliert an Boden. Ich kann also nicht gehen, wenn ich ein Missempfinden habe wegen der schlechten Akustik, weil das ja immer so ist. Es gibt ja keinen“ irgendwie anderen“ Abend, an dem dann alles „irgendwie besser“ ist. Laut ist laut. Mehrere Leute auf einem Haufen – schon komme ich nicht mehr aufs Karussel.
    Das meine ich damit.

  27. Ist eigentlich kein Wunder, dass man erschöpft ist, wenn man es so macht, oder? Tsss …

  28. bios, bin nicht sicher ob ich Dich verstehe, vielleicht könntest Du nochmal erläutern was „es“ bei Dir ist? Verstehen oder nicht Verstehen ist keine Entscheidung, klar. Aber Gehen oder Bleiben und ggf. irgendwie die Initiative zu übernehmen? Ich finde schon.

    Pia, nein, kein Wunder. Danke für die Erläuterung, ich glaube, wir liegen gar nicht so weit auseinander. Ich finde aber die Vorstellung, man müsste, wenn man es als freie Entscheidung definiert wie ich, dann immer gehen, wenn es mit dem Verstehen nicht so klappt, etwas schräg. Dann wäre es doch gerade keine Entscheidung mehr sondern ein Automatismus.

  29. Sagen wir mal so:
    Ein Normalhörender würde sich eine Auszeit nehmen, wenn er/sie an einem Abend so schlecht verstehen würde wie ich. Das würde als besonderes Ereignis abgebucht unter: „Was für ein furchtbarer Krach bei Pauls Geburtstag, man konnte sich nicht unterhalten. Ich bin nach 10 min gegangen.“

    Für mich ist es aber die alltägliche Rahmenbedingung. Wenn ich Rücksicht auf Missempfinden und Anstrengung nehmen würde, würde ich tatsächlich nach 10 min gehen. Du schreibst interessanterweise: „Und ich will auch nicht immer der sein, der früh geht.“ Das ist es eben. Ob das eine freie Entscheidung ist, wenn man wegen Hörproblemen keine Lust mehr hat? Vor dem Aufgeben, dem Rückzug, habe ich mehr Angst als vor der Überanstrengung. Ich turne viel am Karussel herum, bin aber die wenigste Zeit oben drauf. Doch unten liegen bleiben (und nach Hause gehen), das geht nicht, weil das eine noch schmerzhaftere Einschränkung wäre.

    Sich einzugestehen, dass hier einfach die (Hör-)Grenze ist, dass das unbeschwerte Mittendrinsein definitiv nicht zu schaffen ist, das fällt mir echt schwer.

  30. Wie gesagt, ich denke so weit auseinander liegen wir gar nicht. Ich würde immer noch drauf bestehen, dass es eine freie Entscheidung ist und dass es auch eine bleiben sollte — für die eigene geistige und körperliche Gesundheit. Nur dass eben das Kriterium für „Gehen“ nicht das gleiche sein kann wie bei Flotthörenden, also nicht „verstehe grad nix“, sondern „heute zu müde dafür“, „in dieser Umgebung hat es keinen Sinn“, „diese Leute sind nicht so interessant, dass es das wert wäre“ oder auch „sie sind so interessant, ich hole mir die Kontaktdaten und spreche sie irgendwann nochmal an. Heute aber gehe ich.“ Nur mal so als Beispiel.

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