Ganz einfach

Wie wäre es wohl, mein Leben, wenn ich es mir so richtig einfach machen würde? Und für alles meiner Hörbehinderung die Schuld gäbe. Zum Beispiel so:
Die Avancen  wurden zurückgewiesen? Klare Sache. Den Job nicht bekommen? Was sonst. Kein Schwein ruft an, beim Bäcker zuletzt bedient worden, die Vögel scheißen von allen Autos nur auf Deins? Verstehe.

Vielleicht lebte es sich so ja gar nicht so schlecht? Nicht immer zweifeln, was jetzt woran lag. Nicht ewig auseinanderklamüsieren, inwiefern ich selbst Schuld und welche Löcher ich mir selber gegraben habe. Was ich selbst ändern müsste, wenn ich es anders haben wollte. Ich meine, man sagt ja nicht umsonst: Dumm fickt gut.

Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass ich das könnte. Aber vielleicht sollte ich es öfter mal probieren. So ganz einfach.

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15 Antworten zu “Ganz einfach

  1. …das schöne am ganz einfach ist genau das: Wir Hörgeschädigten haben keine Schuld – ist doch klar – oder zweifelt jemand daran? Ich nicht.
    Man kann den Spieß drehen und wenden wie man will – ich komme definitiv zu dieser Folgerung.
    Wir wollen einfach nur dazugehören zu Menschen die so herrlich selbstverständlich Karriere machen, teilhaben, an uns verdienen, weil das System alles andere als behindertenfreundlich ist und obendrein die Arbeitgeber so bezuschusst wird, dass man meinen könnte die Behinderung sei nur eine vorläufige Erkrankung mit Heilungsaussichten for ever. Ist doch komisch, wenn der Zuschuss aufgrund des „anerkannten“ Behinderungsgrad erst wirkt und der AG aber dann bei Anstelltung der Betroffenen staffelweise weniger bekommt. Also wenn ich Arbeitgeber bin und ich habe mehr Formaliäten zu bewältigen plus ein Amt an der Backe, dann kann ich manchmal sogar verstehen, dass die die Finger lassen. Schliesslich haben sie anderes zu tun als socialcorrecting, oder?
    Verstanden habe ich die Ermessungsgeschichte oder Willkür die gesetzlich als keine ausgelegt ist ohnehin noch nie und das ist gut so!
    Ich kann ganz klar schreiben: Ich erfahre durch die Ertaubung und Hörbehinderung genug Nachteile in der Arbeitswelt. Man bekommt einfach keinen adäquaten Job, zu seinen Leistungsfähigkeiten. Als Person bin ich zwischenzeitlich froh, nicht jeden gesprochenen Quatsch mitbekommen zu müssen. Ich bin mir sicher, dass die Normalhörenden im Oberstübchen in der Überzahl immer noch denken könnten. [Ach, jesses sind diese Leute dumm – immer haben diese Hörgeschädigten Probleme mit dem Verstehen oder was weiss ich…] – und so lange wir die Rahmenbedingungen, die so alt wie die BRD sind nicht dringends gesetzlich und finanziell ändern, sehe ich für uns Betroffenen keine Chance. Hier appelliere ich auch ganz klar alle Sozialverbände, die mehr Macht haben als der Einzelene, nur ob sie das Richtige vertreten vor der BRD – da bin ich mir zwischenzeitlich auch nicht mehr so sicher… Fazit: Glück kann man haben, Lebensqualität ist auch abhängig von der eigenen Denke. Aber Schuldzuweisung mit kaputten Ohren – das geht Gott, sei Dank wirklich nicht! Auch wenn es zu viele aus Bequemlichkeit machen. Es liegt auch an uns, ob wir diese perfide und subtile Gemeinheit annehmen oder nicht. Ich habe mich dagegen entschieden 🙂 Jetzt bin ich gespannt was noch hierzu gepostet wird.
    Die Logik spricht dagegen.
    In Sachen Arbeitsleben als Teil von Lebensqualität bezüglich Geldbeutel

  2. …oh, kleine Zeilenverrutschung. sorry letzte Zeile gerhört weg.

  3. Übrigens erlebe ich Menschen mit Behinderungen selten so agierend. Ich erlebe eher Menschen so, die wirklich in ihrem Leben noch nie vor einem echten Problem standen und sich so vor einer aufgezwungenen Entwicklung drücken können – oder gerne Menschen, die einen Schnupfen ein halbes Jahr lang zelebrieren.

    Und über „dumm fickt gut“ müssen wir auch noch mal reden. Da „hört“ man auch immer öfter, dass der Spruch nicht so richtig viele Treffer bringt. ,-)

  4. „Dumm fickt gut. Die Tragik der Hochbegabten.“ (Bov Bjerg, Horst Evers, Manfred Maurenbrecher)

  5. Carole, ich bin unsicher ob wir hier das Gleiche vor Augen haben oder vielleicht auch ganz Unterschiedliches. Um das Beispiel „beworben aber Job nicht bekommen“ zu nehmen — „Die wollten mich nicht wegen der Behinderung!“ macht die Sache einfach: Die sind Schuld, ich bin Opfer. Ich selbst muss mich nicht angucken oder akzeptieren, dass es besser geeignetere Leute gegeben haben könnte, dass mir Qualfikationen fehlen oder die Entscheidung sowieso ungerecht/willkürlich war. Ist doch oft eher schwer herauszufinden was nun der Beitrag der Behinderung war.
    Was macht man bei solcher Unentscheidbarkeit? Man macht es sich einfach oder schwer, je nachdem, wie man drauf ist. Und ich dachte einfach, was gibt es überhaupt für Gründe, es sich hier schwer zu machen?
    Womit ich keineswegs sagen will, es gäbe keine Diskriminierung, ganz und gar nicht.

    creezy, ich erlebe es (zum Glück) genauso. Spaß daran, eigenes Unglück oder irgendwelche Wehwehchen zu dramatisieren, zu zelebrieren und dadurch jemand zu sein, hat man wohl nur wenn man sich das gewissermaßen als Hobby leisten kann. Und da gibt es durchaus schönere (für einen selbst auch).
    Ansonsten, Treffer. Lassen Sie uns darüber reden, was Treffer bringt! 🙂

    Achim, exakt so. Ich habe das damals allerdings leider nicht mitbekommen, obwohl gibt’s das nicht inzwischen als CD?

  6. Ich meine, es ist doch klar, dass immer die anderen schuld sind;-)

  7. Erfreulich, dass das mal jemand in der gebotenen Klarheit sagt. 😉

  8. Nachtrag zur Vervollständigung 🙂
    Danke für Deine Gedanken, also so einfach ist das selbstverständlich nicht.
    Ich in meinem Fall habe verstanden, dass ich seit lebens zwischen den
    Stühlen sitze.
    Bei den Gehörlosen höre ich zu gut – bei den Schwerhörigen spreche ich zu
    gut und bei den Normalhörenden komme ich zu Normalhörend rüber und scheitere
    im Berufsleben, weil dieses zwischen den Stühlen sitzen eben nicht so
    einfach ist.
    Es gibt genug Situationen wo ich in einem ruhigen Tisch zwei Personen im
    Gespräch verfolgen kann wenn sie recht gut sprechen.
    Sprechen sie sehr leise oder einen anderen Dialekt wird es schon sehr
    schwierig – auch mit CI!
    Und in einer geräuschvollen Kulisse muss ich den Kürzeren ziehen.
    Die Normalhörenden können ja auch nichts dafür, dass sie gute Ohren haben
    und unsere Probleme nicht verstehen, von daher kann man nur appelieren eben,
    dass sie vielleicht etwas wiederholen, wenn man es nicht verstanden hat.
    Bisher habe ich die Erfahrung gemacht, dass hauptsächlich arrogante Leute
    sich zu fein sind aber im Durchschnitt habe ich immer eine Antwort bekommen,
    weil ich kurz bescheid gegeben habe, dass meien Ohren eben irgendwie kaputt
    sind.

    Die sind Schuld, ich bin Opfer ist mir mit Verlaub zu billig – und das ist
    gut so 🙂

    Netten Gruss Carole

  9. Pia Butzky

    Mag sein, dass manche Betroffene ihrer Behinderung etwas zuschieben, was im konkreten Fall mit ihr gar nichts zu tun hat, aber das schließt nicht aus, dass Außenstehende tatsächlich einen Makel darin sehen – aber dies nicht offen aussprechen. (Frei nach dem Spruch: „Auch einen Paranoiden kann man heimlich verfolgen und beobachten.“)

    Mal was ganz anderes:
    Was gerade in Japan passiert, lässt mich nicht mehr schlafen. Macht ihr euch auch Sorgen? Obwohl es weit entfernt ist, geht es mir nahe. Die ultimative Gefahr durch atomare Strahlung steht den bisherigen alten Denkweisen aus Technik und Mechanik gegenüber, bei denen man immer noch eine Chance zur Lösungsuche oder zur Reparatur hat, wenn was schief geht. Dieses „irgendwie kriegen wir es dann später wieder hin“ gilt aber nicht mehr, wenn ein großes Gebiet für Jahrhunderte verstrahlt ist. Bisherige zynische Denkweise: „Ein bischen Verlust ist immer.“ Ein GAU ist einkalkuliert, und zwar nicht als diffuses potenzielles Risiko, sondern als tatsächlicher Unfall. Wie die Unfallquote beim Autofahren: Man gewöhnt sich dran, solange es nur die anderen trifft.

  10. Immer ICH!
    Immer scheißen MIR die Vögel aufs Dach. Immer stehe ICH in der langsamsten Schlange im Supermarkt. Ausgerechnet ICH – war ja wieder mal klar!
    Ich bin mir sicher, das ein solches Denken zwangsläufig zu eklatanten Wahrnehmungsverschiebungen führt die letztlich in Depressionen enden. Wenn man so denkt und lebt wird doch alles was passiert negativ mit dem eigenen ICH verbunden. Das erleichtert gar nichts – das hat nur ganz schlimme Spätfolgen, oder?

  11. Pia, natürlich schließt es das nicht aus. Zu Atomkraft, ich finde, der Witz beim Konzept eines GAUs ist ja, dass dieses beinhaltet, dass er technisch beherrschbar ist. GAU ist also „kein Problem“, damit kann man arbeiten. Und angeblich: leben. Wie sinnvoll das ist, sieht man daran, dass die Idee des GAUs zwangsläufig die des Super-GAUs nach sich zieht, der die Planungserwartungen überschreitet. 😉

    Anfänger, das meinte ich nicht. Sondern dass man, wenn etwas negatives passiert, es grundsätzlich und komplett auf äußeres Verschulden (die Behinderung) zurückführt. Die Beispiele mit der Schlange und den Vögeln klappen natürlich nicht ganz, war eher ein Witz 😉

  12. In irgendeiner Zeitung (Achtung: gefährliches Halbwissen) habe ich mal von irgendeinem asiatischen Weisen gelesen: Sowie man Anderen die Schuld gibt, wird man automatisch Opfer. Hab ich mir gemerkt. Puh, jetzt hab ich aber mal so richtig in die Vollen gegriffen, was?! :-))) Ich finds ganz schön verallgemeinernd. Wenn ich jetzt noch wüsste, wer genau das war … kopfkratz

  13. Ich kann auch nicht sagen wer das war, aber den Gedanken kenne ich. Verallgemeinernd finde ich ihn übrigens nicht, ich kann ihm vorbehaltlos zustimmen.
    Sagen wir, etwas passiert und betrifft mich (z.B. der Eimer Wasser, der aus dem Fenster kam, oder — wie oben — der Job, den ich nicht bekommen habe). Wenn ich nun sage, das sei ganz klar die Folge des Handelns von jemand anderem, jemand anders sei verantwortlich, dann sage ich damit gleichzeitig, dass ich selbst nicht schuld bin, dass es mich nur passiv betrifft. Dass ich es erleide.
    Findest Du nicht?

  14. Die Einstellung mit „ich-armes-Opfer!-Allein-nur-wegen-meiner-Behinderung-geht-alles-schief“-Einstellung kenne ich und teile sie generell eigentlich mal gar nicht. Klar denke ich mir auch manchmal könnt ja „anders“ schon iiirendwie einfacher sein… (und ich hab bis ich 18 war noch sehr gut gehört – ich bin jetzt 25), aaaaaaaber das wäre ja nicht ICH sage ich mir dann immer. Meine Schwerhörigkeit und, mittlerweile auch sehr schnell, mein CI – das gehört zu mir. Das bin ich. Klar ich war mal guthörend, aber ich muss sagen ich habe sehr viel über mich und andere gelernt als mein Gehör immer und immer schlechter wurde und dank CI wieder besser *juhuu* Ich war damals ganz schlimm perfektionistisch, ich sag gern schon fast so Art Roboter. Hilfe habe ich nie angenommen – habs ja nicht nötig *hust* Ich muss sagen ich bin menschlicher, aufmerksamer und vorallem dankbarer geworden und ich würde mich auch vorher nicht als undankbar ansehen. Klar es ist nicht immer leicht, aber ich mag mal grundsätzlich nicht nur so ein „okay“-Leben, da hab ich ein Leben mit seinen Up and Downs doch lieber. Das heisst richtige Emotionen durchleben. Nur alles okay fühlt sich gefühlsmäßig taub an.. des brauch ich dann nicht auch noch 😉 uuuuuund haaaaaallo seien wir doch mal stolz auf uns! Wir können gewisse Dinge nämlich auch viel besser als die manchmal scheints blinden „Normalos“ da draußen 😉

    und jetzt hab ich den faden verloren 😀 ääähm…

    naja was ich auch sagen wollte: so „Opfer“ finden sich sehr schnell.. auch in der „Nicht-Behinderten-Welt“. Da würde ich ja fast in die Runde werfen, dass es die Behinderten da ja fast einfacher haben,.. sie haben ja schon nen offensichtlichen „Grund“. „Nicht-Behinderte“ finden allerdings auch immer Gründe komischerweise…

    Natürlich ist ja sehr leicht anderen oder seiner Behinderung die schuld zu geben… man müsst ja sonst tiefer die Dinge ergründen. So einstellungen von schwerhörigen mit „die verstehen mich alle einfach nicht“ – mag irgendwo auch stimmen. Allerdings muss ich sagen hab ich dann wohl das Glück, dass ich Menschen um mich habe, die mir zuhören. Ich erkläre WIE ich Dinge höre und ehrlich gesagt interessiert sie das auch. Klar gibt es welche die machen sich null Mühe, aber da ist dann auch wieder ein Vorteil der Behinderung, vllt erkenne ich dann grad so Menschen schneller und kann die dann gleich aussortieren.. also warum an solche Leute meine Zeit verschwenden?! Natürlich verletzt das auch ab un an ziemlich – keine Frage. aber machen wir uns doch nichts vor.

    auf jeden fall um mal bissl auf den Punkt zu kommen *grins*
    so abwegig finde ich den Satz von Anfänger mit den Spätfolgen nämlich nicht. ich Nqlb könnte es nämlich auch nicht. Ist mir wohl nicht in die Wiege gelegt geworden.. aber ich würd auch mal sagen: MANCHMAL ist es schon einfacher, bei Gewohnheit würde mir das nervlich aber zu sehr zusetzen. Ich denk dafür wohl zuviel, das könnt ich mir auch net auf Dauer einreden und zu einfach wärs mir dann wohl auch…. ehm ja 😀 und überhaupt ich kann hier nicht aufhören zu schreiben *uups*

    nur noch eins 😀 : Sowieso war ich noch nie so ein was-wäre-wenn-Mensch. „Ja wenn ich guthörend wäre, wäre alles so einfach und alles würde klappen und mir einfach zufliegen…“ *blabla*… – klingt mir ehrlich gesagt auch bissl zu langweilig… 😀

  15. Faden verloren hin oder her, Dein erster Absatz ist toll (und übrigens auch der Rest)! Ich finde es klasse, wenn Leute drauf sind wie Du.

    Zu der Opfergeschichte nochmal, ich kann das auch nicht. Darum dachte ich ja oben gerade mal darüber nach wie es wäre, wenn ich es (dauerhaft) könnte. Man will ja immer das was man nicht hat (zumindest mal ausprobieren) ;-). Und mir fällt noch dies hier ein.

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