Behinderung, ein Smalltalk-Thema?

Heute mal eine kleine Leseempfehlung:  Domingos de Oliveira hat hier aufgeschrieben, wie man mit Behinderten umgehen sollte. Ich kann das alles unterschreiben!

Was ich interessant finde, ist die Unterscheidung, die er hier aufmacht:

Wir haben aber ein sehr feines Gespür dafür, ob sich jemand tatsächlich für die Behinderung oder für uns als Person interessiert oder nur Smalltalk betreiben möchte.

Ich verstehe natürlich, worum es geht. Nämlich darum, dass man nicht als Freak zum Thema werden und nicht anders behandelt werden möchte als andere. Daher sind wir, also Domingos und ich, vermutlich auch einer Meinung. Ich finde nur die Wortwahl und die Gegenüberstellung interessant und nehme sie zum Anlass für ein paar Überlegungen:

Vielleicht habe ich einfach nicht genug Schlimmes erlebt. (Oder es einfach nicht gehört, hahaha.) Aber ich denke: Man muss auch damit leben, wenn jemand unbedarft die Behinderung anspricht — als Gesprächseinstieg oder mittendrin mal. Für mich selber stelle ich mir gerade sowas vor wie: „Und, empfangen Sie auch Radio Eins mit dem Ding da an Ihrem Kopf?“ Wenn man denn in Geselligkeit machen will, muss man sich dann eben eine passende Antwort überlegen. Die kann dann das Gegenüber gerne auch etwas pieken, falls er z.B. eine große Nase hat, oder so. Dann ist es wieder am Gegenüber, cool und smalltalkish zu reagieren oder sich als beleidigte Leberwurst zu outen.

Das ist nicht einfach, klar, und manchmal hat man auch einfach keinen Bock mehr auf sowas. Aber unbedarfte, poltrige oder großspurige Leute gibt es überall. Das ist aber deren Problem. Und souveräner, vielleicht sogar für die Normalität von Behinderten in der Gesellschaft förderlicher als Entrüstung, eine Standpauke oder eine beleidigte Antwort ist es allemal.

Was denkt Ihr so?

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33 Antworten zu “Behinderung, ein Smalltalk-Thema?

  1. Ach, ich sehe das locker. Wenn mich jemand aus reiner Verlegenheit auf das CI anspricht und sich nicht wirklich dafür interessiert, merke ich das in der Regel recht schnell und werde dann einfach nicht so ausführlich. Viele Leute wechseln auch sehr schnell selbst wieder das Thema, weil es ihnen zu unheimlich wird. Ich hatte schon oft das Gefühl, dass viele gar nicht darüber sprechen wollen, weil es ihnen Angst macht (im Sinne von „OMG, hoffentlich brauche ich sowas nie!“)

    Ansonsten habe ich normalerweise kein Problem damit, darüber zu sprechen, wenn mich jemand freundlich darauf anspricht. Am letzten Freitag z.B. hat mich ein junger Mann unter Benutzung der Gebärdensprache angesprochen, weil seine Schwester gehörlos ist und auch zwei CIs hat. Leider hatte ich keine Zeit für ein richtiges Gespräch, weil ich umsteigen musste, aber das fand ich schon sehr toll.

  2. Mich hat neulich in New York auf der Straße auch ein Pärchen so angesprochen, fand ich auch sehr toll. Die wollten wissen wie’s so ist.

    Und was Smalltalk angeht: Genau, der zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass die Themen nicht wichtig sind und schnell wechseln. Da kann man schon mal durch „Uninteressantes“ „Unangenehmes“ durch, am besten noch mit einer pfiffigen Bemerkung und einem Themenwechsel, der einem selber gefällt.

  3. Pingback: Umgang mit Behinderten [Update] » nischenThema

  4. Ich finde direktes ansprechen besser, als neugieriges schauen.
    Mit meinen Kinder handel ich ebenso. Wir waren beim Eisessen und eine Gruppe Jugendlichen mit körperlichen und geistigen Behinderungen waren auch da. Meine große Tochter (5) hat immer wieder dort hingeschaut und wollte wissen , was sie haben. Ich bin mit ihr zu der Gruppe hingegangen und habe mit ihnen gesprochen.

  5. suzie traktor

    ansprechen ist wohl immer besser als einfach nur schauen. allerdings kann ich mir vorstellen, dass es mir auf die nerven geht, wenn ich etwa 5 mal täglich angesprochen werde. andererseits, wenn man es nicht zum riesigen thema macht, darf ich auch einfach abwinken: jetzt nicht. ich hab ja nur die erfahrung gemacht mit meiner chemotherapie-glatze, das fällt ja unter krankheit, nicht unter behinderung, insofern kann ichs wahrscheinlich nicht ganz beurteilen. behindert füble ich mich seither eher aufgrund meiner angststörung, aber die sieht man halt nicht.

  6. Pingback: Aus unserem Netzwerk: April, Mai 2011 » Blogpatenschaften

  7. Myra, ach weißte, neugieriges Schauen ist auch okay. (Im Gegensatz zu abfälligem Starren etwa.) Aber wenn die Tochter es wissen will ihr beizubringen, hinzugehen und (höflich) zu fragen finde ich klasse!

    Suzie, mit den unsichtbaren „Behinderungen“ ist das eine zwiespältige Sache. Mißverständnisse, ohne dass man’s merkt. Manchmal bin ich ganz froh, dass ich ein sichtbares, äußerliches Zeichen habe — obwohl auch das erstaunlicherweise oft übersehen wird.

    Übrigens, ich habe nochmal überlegt und würde, glaube ich, sogar noch weiter gehen und sagen, ich kann mir sogar vorstellen meine Hörprobleme selbst als Smalltalkthema einzubringen. Natürlich nicht gleich die ganz großen Dinge, aber so kleinere Begebenheiten…

  8. Pia Butzky

    Hatte noch nie Probleme damit, dass jemand das CI ansprach. Oder aus dem Hörproblem ein Small Talk Thema machen wollte (unterbinde ich eh sofort, weil langweilig). Ist mir aber eigentlich wurscht. Manchmal ergibt sich ein gutes Gespräch, einfach weil das CI eine echt interessante Technik ist, die eher die intelligenteren Menschen fasziniert. Schon sitzt man mit den Richtigen zusammen.

    Also, eigentlich habe ich als Behinderte noch nie ein wirklich doofes Thematisieren der Behinderung erlebt. Ganz im Gegenteil. Freue mich oft über persönliches Interesse, wenn die Leute selbst auch von sich oder von Familienmitgliedern erzählen, die Hörprobleme haben. Meistens haben solche Gespräche mehr Verbindlichkeit und Nähe als der übliche Small Talk.

    Nur einmal war ich etwas genervt, als ein Holzklotz ziemlich plump daher kam mit: „Ach, meine Oma hört auch schlecht.“ Da habe ich gesagt: „Bedaure, damit kenne ich mich gar nicht aus, meine Oma hört ganz ausgezeichnet.“

    (War wirklich so: Meine hochbetagte Oma fand es ganz betrüblich, dass ich viel schneller als sie das Gehör verlor. Dafür hat sie dann schneller als ich das Leben verloren, die Gute.)

  9. Möge sie in Frieden ruhen. Ansonsten, wer weiß, vielleicht sind wir Schwerhörige, Ertaubte und CI-Träger dann doch ein Sonderfall und bei Leuten, die nicht oder nur sehr schlecht sehen, ist’s schon anders?

  10. Pia Butzky

    „Möge sie in Frieden ruhen.“
    Danke, werde ich ihr ausrichten. *lach*

    Um mal dreist Small Talk zum Thema Tod zu machen: Der „Frieden“ richtet sich nach dem kostenpflichtigen Liegedauervertrag mit der Friedhofsverwaltung. Wenn der Vertrag endet, wird das Grab ausgehoben bzw. eingeebnet und wieder neu belegt, unabhängig von organischen Restbestandteilen. Unsere Oma hat sich deshalb auf eigenen Wunsch verbrennen lassen und ab jetzt noch weitere 30 Jahre Zeit für die vollständige und friedliche Rückkehr in den Naturkreislauf. Das wird locker reichen, meinte sie.

    Ab wann ist es eigentlich Small Talk, wenn man über Themen wie Tod, Erkrankung, Behinderung spricht? Ab wann ist es kein Small Talk? Darf jemand, der nichts damit zu tun hat, die Themen besetzen oder haben nur Betroffene ein Anrecht darauf? (Und ist es dann nicht auch eigentlich hirnzellenerweichender Small Talk, wenn man sich gegenseitig seine Hörkurve vorbetet oder nach der Dauer der Batterienleistung fragt? Muss nicht manchmal gerade unter Hörbehinderten das Hören als Gesprächsthema herhalten, weil man sonst kein Thema hat? Und ist das nicht eigentlich ödester Small Talk?)

  11. >Ab wann ist es eigentlich Small Talk

    Oben in dem Ausgangsbeispiel war’s ja etwa so definiert: Unter Unbekannten und wenn weder besonderes Interesse an der Behinderung noch an der Person besteht, sondern „nur“ geredet wird. Da fiele Beh-zu-Beh-Talk schonmal raus. Aber das interessiert wohl nur Gesprächswissenschaftler. 😉

    Kann ansonsten nur von mir sagen, dass ich immer versuche, was von der Situation und dem Gespräch zu haben, und dementsprechend die Themen auswähle. Natürlich nur innerhalb des geringen Bereiches, der mir in der Situation einfällt. 😉

  12. Hallo und danke für die Erwähnung meines Beitrags. Ich finde auch die Diskussion hier sehr interessant, Behinderung als Einstiegsthema in ein Gespräch finde ich auch in Ordnung. Ich habe nur kein Interesse daran, auf die Behinderung reduziert zu werden, aber das hast du ja schon beschrieben.

    beste Grüße
    Domingos

  13. Gern geschehen, gerne wieder!

  14. liebe pia: ich zitiere dich: Ab wann ist es eigentlich Small Talk, wenn man über Themen wie Tod, Erkrankung, Behinderung spricht?

    genau diese frage stelle ich mir auch. bzw. auch: bringe ich die anderen „small talk themen“ (ungewollt) zum schweigen, wenn ich zb. meine hoffentlich überwundene krebserkrankung an oder ausspreche. ich möchte nicht reduziert werden, aber ich möchte auch das recht haben, zu sagen, dass die worte „histologischer befund“, nachsorge, gesundheit für mich eine „besondere“ bedeutung haben.

    andererseits: wenn mich JETZT jemand fragt, wie es mir geht, habe ich bisher noch nie etwas anderes gesagt (zu sagen gewagt?) wie „alles okay“, weil es eben nicht mehr darum geht, ob ich IRGENDWELCHE alltagssorgen habe, sondern ob die „krebsnachsorge“ okay war.

    danke euch für das thema. ich bin zwar anders als ihr betroffen, aber es beschäftigt mich gerade im hinbliock auf „small“ oder „big“ talk.

    alles liebe! suzie

  15. Ich bin gar nicht so sicher ob es die Themen selbst sind, die den Smalltalk ggf verstummen lassen oder nicht vielmehr unsere jeweilige Haltung dazu. Man kann doch über alles scherzen, aber auch alles mit so deutlich sichtbarem Ernst vortragen. Wie Du ja schreibst, wenn Begriffe einem wichtig sind und man nicht will, dass das Gespräch einfach weiterfließt, was bestimmtes rüberbringen will — dann erschwert das wohl die Geselligkeit. Nicht aber unbedingt den Austausch mit anderen Menschen.
    Oder?

  16. Pia Butzky

    @Suzie:
    Unter Small Talk verstehe ich eigentlich auch eher floskelhaftes Sprechen an der Oberfläche. Fragen nach „Wie geht´s?“ würde ich auch immer mit Floskeln beantworten wie „Gut, danke.“ Das ist eine allgemein verabredete Höflichkeit, warum also nicht. Wenn echte Freunde fragen, spricht man ja auch ausführlicher und ehrlicher. Deine Krebsnachsorge war OK? Na, ist doch super und ein tolles Thema! Kein Grund, sich zu verstecken. Tanze auf den Tischen, wenn dir danach ist. 🙂

    Übrigens bist du nicht unbedingt „Stimmungskiller“, wenn du deine Krebserkrankung ansprichst. Ich habe gerade in den letzten 2 Jahren mehrere Leute kennengelernt, die angstmachende Erkrankungen haben wie Krebs, Multiple Sklerose, Schlaganfall mit kaum 40 Jahren, usw. Die Leute leben damit, wir arbeiten ziemlich ehrgeizig zusammen, sie führen Regie in ihrem Leben und sie sprechen ihre Krankheit ganz selbstverständlich in dem Moment an, wenn es als Information angebracht ist. Wie ich es auch mache als Ertaubte mit CI. Früher war ich ziemlich dumm und dachte, Leute mit „Schäden“ sind schwächer als die supertollen Alleskönner. Mittlerweile habe ich gelernt. Untereinander bemitleiden wir uns nicht. Jeder hat seine Baustelle zu machen. Man respektiert sich, lässt sich aber auch in Ruhe mit dem Thema. Wenn jemand gerade eine Krise hat, erzählt er oder sie davon, die anderen hören zu. Dann arbeiten wir wieder weiter, wenn es möglich ist. Diese Art von Umgang finde ich klasse.
    Kein Kopftätscheln oder Bemuttern.

    @NQLB:
    Witziges und Späße sind nicht unbedingt oberflächlich oder verletzend, kommt wirklich auf die Situation an. Vermeintlicher Ernst (siehe dein Thema zu „Betroffenheitsgroupies“!) kann auch nerven, wenn man sich selbst gerade nicht zum Thema machen lassen will. Richtig schwerstblöd sind aber die Hitparadenfreunde mit dem „Sei froh, dass du nur … es gibt Schlimmeres.“ Eine Plage.

  17. Pia Butzky

    Hitparade der schlimmen Schicksale – das darf nur Einer: Der einzigartige Matti Pellonpää in der letzten Episode („Helsinki“) des ansonsten eher enttäuschenden Episodenfilms „Night on Earth“ von Jim Jarmusch. Unerreicht gut, der Finne. Zum Lachen böse und respektlos.


    und

  18. CharlyBrown

    Ein ehemaliger Kollege ist vor Jahren an Krebs gestorben.
    Er hatte bis zuletzt einen „pechschwarzen“ Humor.
    Auf Fragen nach seiner Erkrankung oder wie es ihm geht,
    hat er geantwortet:
    Die Lage ist hoffnugslos aber nicht ernst.

  19. Regenbogen

    Hab auch mal was gelesen über jemanden, der gesagt hat (so ungefähr):
    Ich weiß nicht – andere tun sich so leicht mit dem Sterben, aber mich bringt es schier um.
    (Auch jetzt mit Galgenhumor gemeint.)

  20. Regenbogen

    Hoffentlich verletze ich mit dem og. Posting nicht jemanden, der betroffen ist, das liegt nicht in meiner Absicht…
    Ich vermute mal, daß so jemand versucht, sich nicht ganz hängen zu lassen und das Unabänderliche so zu nehmen, daß man wenigstens noch ein wenig Lachen hat im Rest des Lebens….vielleicht fällt es den beiden Leuten, von denen Charly Brown und ich erzählt haben, dadurch etwas leichter, damit umzugehen.

  21. Pia Butzky

    Soso. Muss denn jemand, der nicht lebensbedrohlich erkrankt ist, nicht sterben? Und woher nimmt man denn die Gewissheit, dass man länger lebt als jemand, dem die Ärzte (oft nur spekulative) Prognosen erstellt haben? Der Unterschied ist, man lebt „nach vorne offen“, weil man sich frei von jeder Bedrohung fühlt, obwohl das objektiv gar nicht stimmt. Kein einziger Mensch hat eine Ausnahmegenehmigung, aber alle tun so, als ob nur die Erkrankten sich mit dem Tod befassen müssen (und die Alten natürlich). Man kann also schon sehr früh damit beginnen, Angst zu haben. Oder man kann auch als bedrohlich erkrankter Mensch „nach vorne offen“ leben. Die schleimige Betroffenheitsnummer ziehen eh die anderen ab … 😉

    Ähnliche Verdrängung auch bei Behinderung:
    Es sind immer die Anderen, die das Problem haben, so dachte ich ja früher als Gesunde auch. Man denkt, man gehört dem Club mit absoluter Gesundheitsgarantie an. Ist objektiv nicht so. Macht aber trotzdem Sinn, so zu leben, als ob „nach vorne alles offen“ ist.

  22. Pia, guter Punkt! Wer es schafft, offen zu leben oder einigermaßen frei zu entscheiden wo/inwiefern er oder sie nicht offen ist, ist wirklich zu beneiden. Auf sowas kommt’s an. Aber wo gab’s nochmal die Formulare für den Eintritt in diesen Club der Gesundheitsgarantie? 🙂
    Danke auch für den Link auf Night on Earth — das ist schon so lange her, ich muss den unbedingt mal wieder gucken! Und vielleicht einen Kaurismäki hinterher. 😉

  23. Regenbogen

    Klar muß ein „Gesunder“ auch sterben und natürlich kann es bei dem noch viel schneller gehen als beim vermeintlich oder tatsächlich Todkranken….
    Ich glaube aber, daß man sich zwar in jedem Fall mit dem Tod beschäftigen und irgendwie auch abfinden kann, daß aber viele das nicht tun, sondern halt erst, wenn der Doktor was findet. Der Tod ist doch irgendwie ein Tabuthema in der heutigen Gesellschaft (wobei Ausnahmen die Regel bestätigen), oder?

  24. CharlyBrown

    Mich hat es manchmal genervt, wie Normalos über Behinderte
    Small-Talken. Zum Beispiel „was ist schlimmer? taub oder blind oder
    gelähmt?“ Bin mal zufällig dazu gekommen, wie hörende Kollegen
    über dieses Frage smalltalkten. Ich hab denen grob gesagt, das so eine
    Frage Unsinn ist, sie sollen einfach froh sein, nichtbehindert zu sein.
    Ganz schlimm war vor vielen Jahren ein „Smalltalk“ von hörenden
    KollegenInnen:
    Die standen labernd zusammen am Kaffeeautomaten und als ich einen Kaffee holte, wurde ich mit der Frage konfrontiert:
    „Sind von Geburt taubstumme Gehörlose psychisch nicht normal?“
    Ich war erstaunt und fragte:“Wie kommt ihr auf so einen Unsinn?“
    Sie zeigten mir die Bildzeitung.
    Da stand auf Seite eins in riesigen Buchstuben ein Bericht über
    den „taubstummen Vampir von Nürnberg“, einen irren Mörder, der
    das Blut seiner Opfer getrunken haben soll.
    Habe mich sehr geärgert über diese doofen Hörenden.
    Denen habe ich gesagt:
    „Die Hörenden sind viel gefährlicher, ich habe täglich Angst, das ein
    hörender Mörder mich auf der Strasse absticht. Jede Woche stehen
    in Bild furchtbare Verbrechen von Hörenden!
    Aber wenn alle zehn Jahre ein „Taubstummer“ etwas schlimmes macht,
    fragt Ihr Idioten, ob viele Gehörlosen nicht richtig ticken.“

  25. Die sind wirklich nervig! Aber ich weiß gar nicht ob ich diese Beispiele Smalltalk nennen würde. Kommt mir so vor als seien die, von denen Du berichtest, der Meinung gerade *keinen* Smalltalk zu führen, sondern ernsthafte Unterhaltung. Das aber eben sehr unbedarft.

  26. Pia Butzky

    Statistisch gesehen sind wohl Normalos gefährlicher als Behinderte, schon wegen der zahlenmässigen Überlegenheit. Aber Bildschmuddel „lesen“ halte ich für eine weit schlimmeres Defizit, weil es mit fehlender intellektueller Entwicklung und mangelhafter Bildungs- und Lernfähigkeit zu tun hat. Obwohl: Der Mensch hat auch ein Recht auf Dummheit.

    Gefährlich aggressiv ist aber die Absicht der „Redaktion“, der Unterschicht nur eine extrem reduzierte Interpretation der Dinge zu erlauben sowie dumpfen Voyeurismus, Vorurteile, Rassismus, Sensationsgier zu fördern.
    Übler Tratsch eben.

    Tratsch:
    Das Rumreichen von platten Klischees – gern über Abwesende – soll nur von Spannungen untereinander ablenken. Wenn die Personen A und B über den abwesenden C herziehen, haben sie während dessen Waffenstillstand. Kommt C hinzu, wird eben die abwesende Person D zum Tratschobjekt. Dieses Prinzip bedienen die Unterschichtenmedien.

    Small Talk hat die gleiche Funktion:
    Spannungsabbau, Waffenstillstand für die Zeit des Gesprächs, Schulterschluß auf möglichst minenfreiem Gebiet (deshalb sind komplexe oder kontroverse Themen tabu. Schöne Filmszene hierzu übrigens in „A Fish named Wanda“ mit John Gleese als konventionsgestresstem Engländer.)

    Wer also gegenüber einem Behinderten die Behinderung zum Small Talk machen will, tritt ins Fettnäpfchen, weil er/sie die Small Talk Regeln absolut nicht begriffen hat. Obwohl: Der Mensch hat auch ein Recht auf Plumpheit.

  27. Oder er hat die Gabe, dem Thema doch was Interessantes abzugewinnen. 😉
    Ich erinnere mich nicht mehr so gut, kannst Du mir nochmal in Erinnerung rufen, was Du da beim Fisch namens Wanda vor Augen hast?

  28. an pia: ich zitiere dich: „Früher war ich ziemlich dumm und dachte, Leute mit „Schäden“ sind schwächer als die supertollen Alleskönner. Mittlerweile habe ich gelernt. “

    geht mir genauso.
    danke für deine postings. ich finde deine gedanken sehr nachvollziehbar!
    suze

  29. Axel Erator

    Ich bin Assistent einer Spastikerin im Rollstuhl. Also sie kann feinmotorisch nicht viel und sie sitzt im Rollstuhl. Und sie hat einen PowerTalker mit Augenkontrolle, weil sie auch nicht sprechen kann bzw. nur sehr eingeschränkt und wenn man im Zuhören schon etwas geübt ist.
    DIe macht es jedenfalls so, dass sie Kindern, die auf sie zukommen immer sagt (sie wählt das recht schnell aus in ihrem Sprachgerät), sie sollen ruhig näher kommen und schauen und sie sagt das auch zu den Eltern, die nicht ganz wissen, ob das gerade ok ist (was ich erstmal eine legitime Zurückhaltung finde, weil diee fürchten die Frau gerade irgendwie zum Schauobjekt zu machen, nehme ich an). Alllerdings kann sie das dann, weil es auch etwas umständlich ist mit dem Sprachgerät, nicht alles erklären und es dauert eben bissi mit dem Sprachgerät. Plus Eingabefehler. Sie müsste dann auch ihre halbe Medizingeschichte erzählen. Manchmal erkläre ich dann ein bisschen, wie dieses Gerät funktioniert (ich habe selbst 2 Monate gebraucht um das Prinzip zu verstehen), wobei sie auch nicht schlimm findet, wenn ich das eben erkläre. Aber selbst wenn so ein kleines Gespräch nur 1 MInute dauert und nun eben nicht die letzen Jahrzehnte Krankengeschichte und nicht-barrierefreie Gesellschaft erklärt würde, finde ich das nicht unbedingt Smalltalk, nur weil es kurz ist. Smalltalk wäre, wenn die Eltern zu ihren Kindern sagen würden, ach guck da nicht hin und ihnen hinterher irgendwas zur Ablenkung erzählen, damit sie das gerade wahrgenommene vergessen. Das wäre für mich Smalltalk.

  30. So wie Du’s beschreibst, finde ich es auch ziemlich gut. Souveräner Umgang mit der Situation und gleichzeitig ein bißchen erzählen!

  31. Pia Butzky

    @ Axel Erator:
    Das wäre wohl auch das Gegenteil von Smalltalk, wenn Kinder (und Erwachsene) persönlich erfahren möchten, wie die Frau mit der Technik umgeht und warum sie diese braucht. Das sind ja Informationen, mit denen beide Seiten überhaupt erst abklären können, wie ein Gespräch möglich ist. Ist doch wichtig, die erste Annäherung. Geht auch gar nicht anders, man kann ja nicht sagen: „OK, heute verzichte ich mal auf meine Technik und tu so, also ob nichts wär.“ Anders herum würde ich mich bei absoluter Gleichgültigkeit der Umgebung auch fragen, ob das schöner wäre? Wäre doch erst recht krampfhaft, so zu tun, als ob man über nichts und niemanden erstaunt ist.

    @ NQLB:
    „A Fish named Wanda“ – Der ganze Film spielt mit dem Kontrast zwischen Derbheit und Benimmregeln. Nicht gesehen? John Cleese beklagt sich neben dem sowieso schon kontrastreichen Gerangel mit seinem amerikanischen Gegenspieler (toll: Kevin Kline) in einer Szene ausgiebig darüber, in Höflichkeitskonventionen eingezwängt zu sein, sinngemäß so: „Es ist ja so furchtbar, Engländer zu sein. Wir haben Angst, jemanden beim Dinner nach dem Befinden seiner Ehefrau zu fragen, denn sie könnte ihn ja gerade verlassen haben. Oder man fragt oberflächlich nach dem Vater und der ist gerade gestorben. Entsetzlich peinlich.“ etc.
    Gerade das Abweichen vom Small Talk scheint demnach für die englische Middle und Upper Class traumatisch zu sein, zumindest zieht der Film daraus seine Komik. (Die englische Unterschicht wird wohl genauso derb, direkt und aggressiv sein wie die deutsche auch, wenn man einige ganz andere Filme hinzuzieht.)

  32. Doch, schon gesehen, ist aber lange her. Machst mir aber Lust, ihn nochmal rauszukramen! 🙂

  33. Pingback: Umgang mit Behinderten [Update] – Kreative Strukturen

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