Das Pfeifen im Saal: Unfähigkeit oder Unwilligkeit, mit Hörgeräteträgern zu kommunizieren?

Mir wird gerade erzählt, in München habe ein Künstler sein Konzert genervt unterbrochen und den Saal verlassen, weil im Publikum ein schlecht eingestelltes und/oder schlecht sitzendes Hörgerät pfiff! Weiß jemand was genaues?

Update — Ah, in der Süddeutschen von heute steht, es war bei einem Konzert des Pianisten András Schiff im Herkulessaal. „Ziemlich empfindlich“  habe da ein Hörgerät im linken Rang gepfiffen. Man liest, der Künstler habe abgebrochen, von neuem begonnen, doch das Pfeifen habe nicht aufgehört. „Empörung macht sich breit. Schiff spielt Mozarts B-Dur-Variationen KV 500 zu Ende und  verlässt den Herkulessaal.“ Danke, J., für den Hinweis!

Was soll man dazu sagen? Erstmal: Toll, dass eine/r mit Hörgerät trotzdem ein Konzert genießen kann! Ein Konzert in dieser Weise stören geht natürlich gar nicht. Man knistert ja auch nicht ständig mit Bonbonpapieren. Aber — wenn es denn so ausdauernd störte — warum sagte denn niemand was? In den allermeisten Fällen  zumindest läßt sich das Pfeifen doch durch etwas leiser Stellen des Gerätes oder leichtes ins Ohr Drücken des Ohrstücks beheben. Hat sich niemand getraut, dem Hörgeräteträger oder der Hörgeräteträgerin zu sagen, was los ist? Oder haben sich — die Konzertrezension deutet es ja an —  alle in schweigender Mißbilligung ergangen, so als habe sich ein Trottel ohne Umgangsformen  vor einem very sophisticated Publikum desavouiert? Der Hörgeräteträger, geschnitten wie das Arbeiterkind im elitären Tennisclub? Obwohl ein paar Worte hätten helfen können?

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15 Antworten zu “Das Pfeifen im Saal: Unfähigkeit oder Unwilligkeit, mit Hörgeräteträgern zu kommunizieren?

  1. ;-)))))

    Wenn ein Hörgeräteträger das Pfeifen nicht hört, dann helfen ein paar Worte vermutlich auch nicht weiter. Übertrage folgende Situation, die das Leben schrieb, einfach auf die Konzertsituation.

    Ich – links fast taub, rechts mittelgradig – sitze ohne Hörgeräte! und deshalb auch ohne Schallortung bei einer Freundin am Tisch. Die ist beidohrig an Taubheit grenzend, ihre alte Mutter vermutlich auch.

    Sage ich zu meiner Freundin: „Es piept“

    „Was?“

    „Es piept. Hier piept es irgendwo. Hast Du den Kühlschrank nicht richtig zugemacht?“.

    „HÄH? Nochmal.“

    „HIER P. I. E. P. T’s. HÖRST DU DAS NICHT? Das macht einen ja ganz kirre“

    „Ach so, das ist Mutterns Hörgerät, das piept immer. Schon seit sie das hat.“

    Und ich denke: JA, so deutlich muss eine Antwort in der Öffentlichkeit ggf. ausfallen. Diese beiden Mäuse nämlich wissen, dass dieses Hörgerät piepst und pfeift. Blenden das jedoch gekonnt aus. Da kommt keiner mal auf die Idee, dem Akustiker ordentlich auf die Füße zu treten und das Gerät vernünftig einstellen, ggf. austauschen zu lassen. „Das ist eben so“, denken die sich, „muss man durch“. Das ist deren Teil der nicht wahrgenommenen (Selbst-) Verantwortung.

    Der andere Teil liegt bei den betreffenden Akustikern, die man hälftig mit am Schlafittchen packen sollte. Wie kann man denn einen Kunden so derart schlampig versorgen? Zumindest das Eintrittsgeld und den entgangenen Konzertgenuss sollte man dem „20Euro x Anzahl Konzertbesucher“ in Rechnung stellen. Der entlässt danach niemanden mehr mit pfeifendem Hörgerät!

  2. Hehehe, nette Geschichte, die das Leben da schrieb. Und es stimmt, die Verantwortung liegt da wirklich bei beiden, Akustiker und Trägern. Erstaunlich, wie sehr sich Leute an das Pfeifen gewöhnen. Nachdem ich mein CI bekommen hatte, sagte mir jemand (Guthörendes) er vermisse das (bei mir nur ab und zu auftretende) Pfeifen, das gehöre für ihn einfach zu mir und fehle jetzt! 😉
    Ich kann mir aber eigentlich nicht vorstellen, dass Leute, die gut genug hören um ein Klavierkonzert zu verfolgen, nicht oder pampig auf Ansprache reagieren.

  3. Erstmal hallo, nqlt
    ich bin hier vor Monaten mal über deinen Blog gestolpert, da war ich auf der Suche nach „Gleichgesinnten“ (Welche die sich erst sträubten ein CI zu machen und dann wissen wollen WIE ist es denn jetzt mit?!) Gefällt mir gut deine Themen und bei manchem hatte ich Lust mitzuschreiben… Nur das Datum hielt mich zurück, da die meisten Beiträge „alt“ sind. (nuja, man könnte ja aus alt macht neu raufschubsen)

    So, nun zum Thema:
    Vielleicht hatten die Leute um den HG Träger den richtigen Zeitpunkt verpasst.
    So ähnlich wie wenn man einen Blödsinn beichten müsste, aber der Moment ist nie der Richtige! Irgendwann ist es zu spät und man fürchtet sich vor dem blöd angemacht werden mehr als vor der Schelte.
    Ich stelle mir vor, mein Gerät pfeift weiter nach dem erneuten Anspiel… welch Schmach und hochrote sich fast entzündende Birne wäre mir da beschert. uitsch, weiter denk ich gar nicht….

  4. Die hätten doch was sagen können!
    Selbst wenn er es nicht gehört hätte, sein Sitznachbar bestimmt. Dann hätte der eben ihn etwas resoluter ansprechen müssen.
    Man kann sich das Leben auch unnötig schwer machen!

  5. Jemand direkt vis-à-vis ansprechen verlernt man in Zeiten von SMS, E-Mail und Foren, wie mir scheint.

  6. @nina
    klar deiner Meinung, mir sagen das auch alle die wissen dass ich ein HG habe, weil ich es nicht hör. Aber ich frag mich grad, weiss das jeder automatisch, dass das ein Hörgerät ist oder fragt man sich derweil „was pfeifft denn da so empfindlich??“
    (vielleicht hatte ja auch jemand sein HG in der Tasche..?) 🙂
    Und die Hemmschwelle jemanden anzusprechen und vielleicht falsch zu liegen ist tatsächlich nicht jedermanns Sache. Hätte ja auch was anderes sein können, oder nicht?

  7. @bubble
    Klar ist das blöd wenn man falsch liegt.
    Aber es ist doch noch blöder ständig ein Gepiepse zu hören, oder der andere fragt sich vielleicht noch warum er von der Musik so wenig mitbekommt.
    Wenn man Menschen nett und freundlich anspricht, dann kann man fasr alles offen ansprechen.
    Mir persönlich ist der Eiertanz um verschiedene Befindlichkeiten meist zu doof.

  8. Axel Erator

    Also als, wie ich gerade gelernt habe, Akustiker muss ich auch sagen: dass das von einem Hörgerät kommt, da wäre ich kaum drauf gekommen. Ich hätte auf irgend ein Gebäudemangel getippt (so wie pfeifende Heizung oder so). Aber auf ein Hörgerät wäre ich wirklich nicht gekommen. Darauf werden wohl die Meisten nicht gekommen sein. Viele würden es wahrscheinlich nicht einmal mehr denken, dass ein Hörgerät (moderne Zeiten!) überhaupt piepen kann. Piept das einfach so oder liegt das schon an den Tönen oder Frequenzen oder Lautstärke oder wie??? Je ne sais pas!

  9. bubble, freut mich, dass es gefällt.

    Ich versteh’s auch nicht mehr. Wer weiß, vielleicht hat der Rezensent aus der SZ ja auch Unrecht und man muss den Umstand, dass keiner was gesagt hat so interpretieren, dass es kein Hörgerät war?

  10. Pia Butzky

    Bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe: Das Hörgerät piepte? Und? Da muss doch niemand was sagen, das hört man doch selbst als Träger am Lautesten, wenn man überhaupt noch was hört auf dem Ohr und in Konzerte geht. Der Mensch mit der Rückkopplung ist doch nicht debil oder ganz taub, dass er es nicht selbst als Erster merkt. Verstehe ich jetzt nicht.

    Liest sich wie erfundener Sommerloch-Nachrichten-Quark. Denn so eine banale Situation kann man auch aufblähen und aus den Schwerhörigen wieder die üblichen „tumben Nixmerker“ machen.

    Sollte doch was dran sein an der Geschichte: Na, es ist noch nicht aller Tage Abend und der Musiker in der gefährdeten Risikogruppe für Hörschäden. Dann wird er sich später vielleicht auch mal an gelegentliches Piepen gewöhnen müssen …

  11. Nee, das kann ich nicht bestätigen, das man das immer hört. Hängt davon ab, wie schlecht man hört und wo das ärgste Loch ist. Dazu noch Musik und vielleicht ein ebenfalls pfeifender Tinnitus…

  12. Ich hab’s leider auch schon erlebt, daß das Umfeld sich nicht traut, einen Behinderten auf irgendwas Störendes aufmerksam zu machen. Weil die Leute vage (und meistens völlig unberechtigt) Angst haben, dann als behindertenfeindlich oder zumindest als unsensibel angepampt zu werden. Egal ob ein Hörgeschädigter ein pfeifendes Hörgerät hat oder ein Blinder ihnen mit dem Langstock in den Hacken rumstochert. So wird das Ganze dann zum Teufelskreis, wenn keiner den Mund auf und den Anfang macht.

    Aber wie schon gesagt wurde: Vielleicht war der Grund für das Pfeifen ja ein ganz anderer.

  13. Das wäre ja dann Social Media at its best: Viel heiße Luft um nichts. 🙂
    Ansonsten, Teufelskreis trifft’s ganz gut.

  14. Weihnachtsessen bei Schwiegereltern. Schwiegervater hat ein Hörgerät. Ich habe Tinitus. Sein Gerät pfeifft – bei mir krampft sich alles zusammen. „Dein Teil pfeifft!!!“ Er drückt es etwas weiter ins Ohr – Pfeiffen weg. Der nächste Happen Ente mit Rotkohl – er kaut – fiiep fieeeeep fieeeeeeeeeeeep…. „Dein Teil pfeifft…“ Ich habs dann irgendwann unterlassen permanent darauf hinzuweisen, das wurde nämlich von allen Anwesenden als deutlich störender empfunden als das Pfeiffen selbst. 4 Malteser und ein rasch gestürztes Becks hat mir dann geholfen das akustische Desaster in meinem Kopf zu betäuben. Solche Situationen sind in der Praxis oftmals schwieriger als in der Theorie…

  15. Das wäre eine Erklärung! Der Pianist oben hat hinter der Bühne auch erstmal einen gekippt.
    Ich hoffe, der Schwiegervater wurde wenigstens danach nochmal beim Akustiker zur Nachjustierung des Gerätes oder neuer Ohrstücke vorstellig!

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