Der Knuddelreflex und seine Kehrseite

Die Geschichte des Jungen, der sich ein Bärenkostüm anzog, damit ihn endlich mal jemand umarmte. Habt Ihr vielleicht schon gesehen, aber falls nicht: Schaut Euch mal dieses äußerst beindruckende Video an, das der schweizerische Verein Pro Infirmis hat produzieren lassen. Ein Aufruf zur Annäherung an die Behinderten.

Der Spot drückt gekonnt die Tasten der Rührseligkeit, auch bei mir — aber er zeigt eben auch, und das sehr gut, wie sehr unsere Reaktionen von Äußerlichkeiten und von ästhetischem Empfinden gesteuert sind. Was schön, süß und weich ist, wird geknuddelt. Darauf reagieren wir positiv. Auf das andere–selbstverständlich nicht. Ist ja irgendwie, gefühlsmäßig, auch okay so.  Aber wer sich mal mit dem Thema Intimität und Sexualität bei sichtbar Behinderten befaßt hat, weiß, in welche Probleme das führt.

„Müssen wir uns verkleiden, damit wir uns näherkommen?“ — fragt der Film. Und die allgemein zustimmungsfähige Antwort kann ja nur sein: Nein, das sollte nicht sein. Eine Lösung bietet der Film nicht,  Umarmungen lösen ja keine gesellschaftlichen Probleme (und der Claim von Pro Infirmis am Ende, „Wir schaffen Behinderung ab“, stößt mir in diesem Zusammenhang auch etwas sauer auf).  Aber er führt das Problem eindrucksvoll vor Augen und vielleicht dazu, dass wir demnächst mal jemand mit Wärme begegnen — obwohl wir ihn oder sie nicht besonders appetitlich finden. Einfach weil wir es können und uns dafür entscheiden.

Update: Sehe gerade, Enno hat auch dazu geschrieben…

Und was meint Ihr dazu?

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49 Antworten zu “Der Knuddelreflex und seine Kehrseite

  1. Auch ich finde den Spot deshalb so gut, weil er mir als Betrachterin mein „Awwwww!“ am Ende um die Ohren haut.
    Seit ich das Filmchen gesehen habe, arbeitet es mir noch viel mehr, dass Behinderte in Deutschland so viel weniger zum Alltag gehörn (also nicht Teil der Gesellschaft sind) als zum Beispiel in England oder Spanien. Und ohne Anwesenheit keine Nähe. Mist, blöder.

  2. Regenbogen

    Und wie super wäre das, wenn das jetzt mal nicht nur auf Behinderte bezogen würde, sondern auch auf Leute, die dreisterweise (Sarkasmus off) einfach nur häßlich sind….

  3. Da hat sich Jung von Matt wohl ein wenig von der „Free Hugs“-Kampagne inspirieren lassen, auch wenn die nichts mit Behinderung zu tun hat.

    „Die Geschichte des Jungen, der sich ein Bärenkostüm anzog, damit ihn endlich mal jemand umarmte“ finde ich etwas krass formuliert. Einen fremden Menschen zu umarmen liegt generell nicht in unserer Natur (und auch nicht in den gesellschaftlichen Konventionen), ob er behindert ist oder nicht. Wenn ich mich in die Fußgängerzone Stelle und die Arme ausbreite, würde mich wohl auch niemand spontan umarmen. 😉

    Mit einem „Free Hugs“-Schild in der Hand fällt es schon leichter, aber auch hier musste erst mal jemand den Damm brechen. Ein Bärenkostüm schafft hingegen Distanz zum Menschen darin. Man knuddelt eine Fantasiefigur, für die gesellschaftliche Konventionen nicht gelten. Es ist also schon ein wenig schwarz-weiß dargestellt. Aber immerhin bringt es uns zum Nachdenken und Diskutieren, kann also nicht generell schlecht sein.

    Den Satz „Wir schaffen Behinderung ab“, kann man ja auch so interpretieren, dass Behinderung nicht im Menschen liegt, sondern in der Umwelt. Man ist nicht behindert, sondern man WIRD behindert und dass Pro Infirmis sich dafür einsetzt, alle Barrieren abzuschaffen. Wobei das natürlich schon ein wenig größenwahnsinnig ist. Aber wer sich eine teure Werbeagentur leisten kann… 😉

  4. Pingback: voller worte » Blog Archive » Umarmen

  5. Wie ich schon in meinen eigenen Kommentaren schrieb: Was ist so schwer daran, eine Metapher als solche aufzufassen? Ich finde es seltsamn, dass sich so viele Leute einen über knuddeln und geknuddelt werden abbrechen. Das ist ungefähr so, als würden wir bei einem Gespräch über Jesu Gleichnisse, anfangen detaillierter über die Beschaffenheit von Kamelen und Nadelören zu diskutieren.

  6. (Bin da BTW ganz bei Kaltmamsell.)

  7. Als Mutter zweier behinderter Menschen sehe ich das natürlich mit gemischten Gefühlen. Mein Sohn sieht ‚komisch‘ aus, ist sehr klein und spricht dazu noch ‚eigenartig‘. Bei Ihm greift der Beschützerinstinkt, bei den größeren behinderten Menschen nicht. Mein Vorkommentartor schreibt, man wird behindert – ja, dem stimme ich voll und ganz zu. Und nicht nur die Behinderten selber, such die Angehörigen werden behindert.

    Deswegen finde ich solche Aktionen, mit anschließender Aufklärung so wichtig. Auch der Einwand, dass hässliche Menschen einfach lieb genommen werden sollten, ist berechtigt. Aber was ist hässlich? Sollten wir nicht unsere Vorurteile ganz weglassen, nicht auf Stand, Geld und Schönheit oder Intelligenz und Nichtkönnen schielen?

    Wer sind wir, wenn wir urteilen? Hallo, sind wir Gott? Lasst uns freundlich und liebevoll durch die Welt gehen…

    Genug geschwafelt – ich danke fürs lesen.

  8. „Wir schaffen Behinderung ab“ hat sich auch die EU auf die Fahnen geschrieben und quält behinderte Kinder in Zukunft in „normalen“ Schulen. In einigen, wenigen Fällen vielleicht sinnvoll – aber da gab es ohnehin schon seit Jahren Möglichkeiten (z.B. eine Begleitperson im Unterricht), aber bei schwereren Fällen bedeutet dieses EU-Gesetz eine große psychische Belastung für Behinderte und Nichtbehinderte.
    Bea’s Schule hat glücklicherweise eine Sondererlaubnis zum Fortbestehen bekommen – vorerst.

  9. An die free-hugs-Aktionen, ohrenblicke, dachte ich auch schon. Naja, wie Enno ja auch sagt, das Ganze ist höchst symbolisch gemeint. Das Problem liegt, denke ich, darin, dass es dann doch nicht nur ein Bild ist.
    piri weglassen sollten wir das schon, nur ist es halt nicht so einfach, das eigene ästhetische Empfinden zu ändern. Aber auch dabei hilft nur Präsenz im Alltag, ganz wie Frau Kaltmamsell sagt.
    Sebastian, Du hier, das ist ja eine Überraschung 🙂 Und danke für den wichtigen Hinweis. Ich denke, man sieht die Grenzen des Spruchs „behindert ist man nicht, behindert wird man“ gut daran, wie schlecht sich das Behindertsein durch bloßes Gleichbehandeln oder gar zu einfach verstandene Inklusion abschaffen lässt. Müsste man auch nochmal aufgreifen, das Thema.

  10. Regenbogen

    @piri:
    jepp, sollte man.
    Das Dumme ist nur, daß die Leute heutzutage mehr denn je auf das fixiert sind, was man so als schön bezeichnet (obwohl auch das natürlich relativ ist; manchmal diktiert die Modewelt – meist sind so Ideale ja Models – einfach: Dies oder jenes ist schön, und wusch, versuchen alle, so auszusehen).

    Jemand hat mal gesagt (weiß leider nicht mehr, wer), daß der heutige Körperkult, Schönheits-, Gesundheits-, Fitness- und Jugendwahn so eine Art Ersatz für Spiritualität sein könnte.
    Früher hatte man was anderes, was man anbeten konnte.
    Heute, nachdem man Religionen quasi „abgeschafft“ hat, bleibt nur noch der irdische Körper und der muß dann vollkommen sein und das wird sozusagen vergötzt.

    In dem Zusammenhang; weiß gar nicht, ob das untertitelt gesendet wird:
    Lt. meiner Programmzeitschrift kommt am Freitag abend um 22 Uhr auf SWR die Talksendung „Nachtcafe“ mit dem Thema „Botox to go – wohin führt der Schönheitswahn“.
    Und ich finde tatsächlich, daß Ablehnung von Behinderten und von dem, was nicht dem Schönheitsideal entspricht, aus demselben Holz sind. Beides ist halt „nicht perfekt“.

  11. Pia Butzky

    By the way:
    Pro Infirmis als unkommerzielle, spendenabhängige und sozial engagierte Organisation (Verband? Verein?) wird diesen Spot kostenfrei von Jung von Matt bekommen haben innerhalb des agentureigenen Budgetreservoirs zur Unterstützung solcher Projekte – und gar nicht mal bloss frech zur eigenen Fassadenglättung (Firmenimage), denn dort bei den Werbern arbeiten ja auch Menschen mit Idealen und Werten, die sie in der Gesellschaft besser umgesetzt sehen wollen.
    Wie wir alle.

    Umgekehrt gibt es den eher unerwünschten Knuddelfaktor bei Behinderten, die scheinbar putzig und ulkig wirken, aber längst eigenständig und erwachsen sind – und trotzdem von anderen oft unerwünscht angefasst oder betüdelt werden. Tscha. Machsten dann?

    Einen auswachsenen Mann mit Anzug und Krawatte fasst man nicht an – never ever -, wenn man ihm was zeigen will, aber z.b. einen mongoloiden und vielleicht etwas kleineren, rundlichen Menschen schon, weil die Hemmschwelle nicht da ist.
    (Kindchenschema wie bei dem Teddy).

  12. Regenbogen

    Ich glaube, SO wörtlich ist das auch gar nicht gemeint mit dem Knuddeln.
    Egal wie ich aussehe oder ob ich behindert bin, ich möchte auch nicht von allem und jedem „geknuddelt“ oder sonstwie berührt werden.
    Ich glaube, es geht vor allem darum, daß so eine Art „Abscheu“ überwunden werden sollte.

  13. @Regenbogen: eine gewisse Distanz ist notwendig, nicht um Teufel komm raus Nähe zeigen. Das ist dann wieder übergriffig und genau das Gegenteil von dem, was erwünscht ist. Menschlichkeit und gucken, den Anderen annehmen, in all seiner Unvollkommenheit und nicht dumm schauen oder gar wegsehen…

  14. Pia, „Umgekehrt gibt es den eher unerwünschten Knuddelfaktor bei Behinderten, die […] oft unerwünscht angefasst oder betüdelt werden.“ — Theoretisch klingt’s ja stimmig mit dem Kindchenschema, aber — ist das tatsächlich oft so? Habe da gar keine Ahnung…

    Denke, der Knackpunkt ist genau was piri sagt, Menschlichkeit. Problem ist dann, dass das so ein wahnsinnig schwammiger Begriff ist. Nur Interaktionserfahrung mit Behinderten kann da helfen, aber die setzt eben Aufmerksamkeit/Interesse voraus. Und da sind wir dann wieder bei dem Spot.

  15. Regenbogen

    @piri und Nqlb:
    Ich weiß nicht, ob piri oder Ihr beide mein Posting jetzt mißverstanden habt – ich denke, wir wollen auf genau dasselbe hinaus. Knuddeln, wenn´s angebracht ist (etwa als Eltern mit dem eigenen Kind, ein Kind kann ja auch von seinen Eltern abgelehnt werden), und ansonsten halt keinen, wie ich es sagte, Abscheu hegen. Das schließt explizites angeekeltes Wegschauen genauso ein wie ein verweigerter Händedruck beim Kennenlernen etc.

  16. Sie haben sich von einer ganz anderen Kampagne „inspirieren“ lassen: http://www.youtube.com/watch?v=Y3bCEhHgTLc Das ist deutlich offensichtlicher als von der free-hugs-Geschichte. Wenigstens hat der Bär eine andere Fellfarbe bekommen…

  17. Regenbogen, ich glaube, ich habe nichts mißverstanden 🙂

    Lasse, oje, danke für den Hinweis, das sieht ja wirklich so *dermaßen* ähnlich, mir fällt es schwer an Zufall zu glauben. Andererseits wär’s bei einem doch einigermaßen bekannten Regisseur doch auch *sehr* dämlich, so offensichtlich zu kopieren. Bin ratlos.

  18. Pia Butzky

    @ Lasse:
    Uuiih, der Spot mit dem weißen Bären ist viel besser und schlüssiger in seiner Aussage und im Überraschungsmoment. Da merkt man im direkten Vergleich (abgekupfert !!!), dass die Aussage des „Behindertenspots“ doch sehr fluffig ist: Soll uns der Typ im braunen Kostüm denn nun leid tun, weil er sich angeblich verstecken muss oder soll man behinderte Leute echt mehr knuddeln oder sollen sie öfter mal ein kuscheliges Kostüm anziehen? Oder soll man sie auch ohne Kostüm putzig finden oder nicht angucken und in Ruhe lassen… ja was denn nun?
    Was ist die Aussage?

    Der tolle Spot, der den HIV-Virus so überzeugend darstellt (uuhah, den Typen will ich echt nicht anfassen, buaah), lässt keine Fragen offen: Lieber ein pelziges Kondom als vom bösen Punk gepackt werden. Echt gecheckt!

    Aber ist das jetzt nicht auch wieder total diskrimierend gegenüber den Mitmenschen, die sich für Tattoos, Piercing und Irokese entschieden haben, weil es einfach zu ihrer Subkultur gehört? Haben diese Menschen nicht auch ein Recht auf unser Verständnis und sollte man sie nicht so voreilig zu „den Bösen“ machen? Vielleicht möchte auch ein grölender Punk in der Fußgängerzone einfach nur mal geknuddelt werden?

  19. Pia Butzky

    (Mal ganz am Rande: Lustig ist, dass die Body Modified People oder wie sie heißen, sich angesichts des Spots mit dem Typen im weißen Kostüm ernsthaft darüber beschweren, man würde sie nicht tolerieren und sogar ablehnen! Na aber. Zuerst irgendwelche absichtlich schrägen, fiesen Dinger mit dem Körper anstellen, damit sie so richtig schocken (!) und sich dann weinerlich beklagen, man habe es schwer in der Gesellschaft und werde ausgegrenzt. Also.
    Hirnzellen zu doll gepierct?!

    *heul*
    Ich muss leider auch damit leben, dass meine individuelle Leidenschaft „irgendwo Feuer machen und Sachen abbrennen“ von der Umwelt überhaupt nicht toleriert wird. Die wird richtig unfair, die Umwelt, wenn ich das mache … sooo gemein!)

  20. CharlyBrown

    Inspiriert von dem Knuddelbär wollte ich beim Stadtbummel einfach
    mal eine mollige Dame umarmen.
    Sie hatte einen traurigen Gesichtsausdruck und darum dachte ich, sie freut sich
    über eine Umarmung.
    Im letzten Moment hab ich es sein lassen, aus Angst womöglich
    wegen sexueller Belästigung angezeigt werden.
    Komisch, fast schizophren, finde ich, das Bären zum kuscheln angesehen werden.
    Tatsächlich sind Bären sehr gefährliche Raubtiere, denen man besser nicht
    zu nahe kommt.
    Jetzt ernsthaft:
    Mir gefällt es grundsätzlich nicht, wenn manche „Aktivisten“ mit solchen
    Aktionen glauben „wir schaffen Behinderung ab“ oder „wir sind nicht behindert,
    wir werden behindert“. Manche Gehörlose (besonders junge hübsche Frauen)
    wehren sich vehement gegen die Bezeichnung „behindert“.
    Den Schwerbehindertenausweis mit Freifahrt im Nahverkehr wollen sie aber
    gern behalten.
    Ich vermute die Ablehnung des Wort „behindert“ kommt aus dem Missverständnis
    behindert mit hässlich gleich zu setzen.
    Wen es interessiert: Im Forum Gl-Cafe.de und dort unter Soziales gibt es einen
    Tread „fühlst Du Dich behindert“. Dort wird seit fast acht Jahren teilweise sehr
    erbittert darüber diskutiert ob behindert die richtige Bezeichnung ist.

    .

  21. Pia, Du und Deine individuelle Leidenschaft, Ihr habt mein Mitgefühl. 😉
    Übrigens wenn ich lese, was Du an dem ursprünglichen Spot fluffig findest, bin ich gar nicht so sicher, dass der der „Behindertensache“ wirklich so einen Bärendienst erweist. Denn zum Nachdenken (im Sinne von „ja was *soll* man denn nun machen?“) regt er ja offensichtlich an. Wenn er das bei vielen täte, wäre ja gut.

    Charly Brown, Dir kann man aber auch NICHTS zum Angucken geben ohne dass es schlimme Folgen hat 😉 Ansonsten stimme ich Dir zu, ich finde die Ablehnung des Wortes behindert oft auch etwas vorschnell. Selber vertrete ich ja die Meinung, dass man Ross und Reiter nennen sollte, indem man sagt, was einen wobei behindert. Dann wird daraus ein ganz neutrales, sachlich beschreibendes Wort.

  22. Ich bin Schweizer und kenne die Pro Infirmis gut. Diese laufende Kampagne ist sicherlich einer der besseren von Pro Infirmis. Aber was mich ganz grundsätzlich bei PI stört, ist, dass sie immer auf das Mitleid zielen. Das machen sie auch in diesem Video, wenn auch weniger offensichtlich und mit einer etwas besseren Message als sonst. Was sie aber NICHT machen, ist zu zeigen, wie man es eigentlich richtig machen würde. Normalerweise wird man nicht – einmal von der Free Hugs Kampagne abgesehen – einfach so umarmt. Deswegen bietet sich dieses Thema schlecht für eine Bewältigung für das eigentliche zentrale Thema an: Wie geht man mit Behinderten um? Dieses Thema wird nämlich nicht wirklich angesprochen. Es wird nicht angesprochen, dass Behinderte nicht inkludiert werden. Es wird nicht darauf hingewiesen, dass Behinderte ebenfalls ihre Rechte hätten (und das ist in der Schweiz ein viel wichtigeres Thema als in Deutschland!). Was in diesem Video gemacht wird, ist: Betroffenheit erzeugen. Sich fragen, hätte man das gemacht, hätte man das gewusst? Ende der Message, weiter geht es nicht.

    Was mir bei PI immer wieder in den Sinn kommt ist etwas in dieser Richtung:
    http://www.zslschweiz.ch/news/detail.php?iid=845&aid=4

    Man darf nicht vergessen, dass PI der reichste Behindertenverband der Schweiz ist. Allerdings habe ich bisher nur sehr wenig gesehen, das auch wirklich den Behinderten geholfen hätte, denn die PI ist eigentlich ein Verband der Fachhilfe.

  23. Hallo Charly,
    die Diskussion verstehe ich auch nicht. Bei „uns“ (Autisten) gibt es die autistic-pride-Bewegung. Da sind manche mit einem dermaßen überzogenem Selbstwertgefühl unterwegs, dass ich sie die Ich-bin-stolz-ein-Aspie-zu-sein-Fraktion getauft habe. Diese Menschen schaden dem Ansehen und der Integration derer mit etwas weniger Selbstwertgefühl und verursachen bei Nichtautisten eine ziemliche Anti-Haltung; dummerweise auch eben gegen die, ohne dem überzogenen Anspruch.

    Gruß und so

  24. Ich frage mich, ob Jung von Matt den Machern des HIV-Videos die Rechte abgekauft haben oder ob da von den „Menschen mit Idealen und Werten“ (Zitat Pia 😉 ) ganz dreist gezuguttenbergt wurde? Ich muss auch sagen, dass ich den HIV-Spot gelungener und schlüssiger finde.

    @Enno:
    „Das ist ungefähr so, als würden wir bei einem Gespräch über Jesu Gleichnisse, anfangen detaillierter über die Beschaffenheit von Kamelen und Nadelören zu diskutieren.“

    Der Vergleich dieses Spots mit biblischen Gleichnissen hinkt aber gewaltig. Der Spot hat doch in erster Linie das Ziel, den Zuschauer emotional zu berühren und nutzt dafür Musik kombiniert mit rührseligen Bildern. Ich denke, dass bei vielen Zuschauern am Schluss sowas wie Mitleid bleibt. Ob das im Sinne „der“ Behinderten ist, möchte ich nicht beurteilen.

    Den einen spricht der Spot an, den anderen nicht, das ist okay. Ändern wird er die Gesellschaft wohl kaum. Aber ich finde es schon mal gut, dass er zum Diskutieren anregt. Auch das bringt die Menschen näher zusammen. 🙂

  25. eyeIT, na da scheint PI ja wirklich eine eher zwiespältige Sache zu sein. Der Link ist ja heftig. Kenne die Situation in der Schweiz leider kaum (ein wenig von frau frogg), aber warum sagst Du, dass Behindertenrechte dort noch wichtigeres Thema seien als in D? Und was genau heißt „Verband der Fachhilfe“? Warum haben die so viel Geld?

    Lasse, interessant! Ich wußte, dass das Modell black power/gay pride in ziemlich viele andere Bereiche übertragen wurde, aber autistic pride kannte ich noch nicht.

    Jens, laut den Kommentaren unter dem HIV-Vid bei youtube sagt J/vM, sie hätten die Idee unabhängig gehabt. Beim Claim „Kommen Sie näher“ liege „Umarmung“ und „Bärenkostüm“ ja nahe.

  26. NqlB, das liegt in der Natur der Sache, dass man /davon/ nicht so viel mitbekommt… XD

    Morgen ist http://de.wikipedia.org/wiki/Autistic_Pride_Day und die Medien werden wohl wieder nicht berichten. Ist eben nicht so laut und bunt wie bei den queer-Kollegen.

  27. Hehehe, stimmt. Und in Sachen morgen, gibt es denn interessante Aktionen?

  28. Auf jeden Fall, immer wenn jemand „Kommen Sie näher“ zu mir sagt, dann denke ich ganz spontan an Bären. 😉

    Aber im Ernst: Bärenkostüm, umarmen und Fußgängerzone ist das eine, aber die Idee, dass am Schluss jemand die Maske abnimmt und anders aussieht, als man erwartet, liegt die auch so nahe? Wenn es da im Vorfeld keine Vereinbarungen gab, dann ist es ein eindeutiges Plagiat. Gehen Jung von Matt die Ideen aus?

  29. Pia Butzky

    Lache mich gerade vom Stuhl.
    Erstmal Charly Brown mit seinem Knuddelimpuls (komisch, geht mir nur bei manchen Männern so. Zu den von der Gesellschaft mit Vorurteilen belegten knuffigen Endvierzigern bin ich immer echt lieb und verständnisvoll, ehrlich!)

    Dann EyeT mit dem Link zum „Spendenmodellagentur“-Video. (Toll! Erfrischend frech. Traut man Behinderten ja auch nicht zu, oder? Zynisch sein, witzig sein, andere hochnehmen und so richtig auflaufen lassen. Cool. Und vor allem zutreffend. Fühle mich auch selbst ertappt dabei.) Und sein Hinweis mit der kitschigen Tränendrüse beim PI-Spot trifft auch ins Schwarze. Es gibt einen ganzen Haufen solcher Spots, die bloss in Richtung „Gutmenscheln“ gehen und sich gut anfühlen, aber keine Brücke zur Realität haben. Der Nebeneffekt: Meine Ablehnung gegen Comicfiguren-Kostüme aus Polyester bei abgeschmackten Werbefiguren für Billigketten, um die ich gewöhnlich einen Riesenbogen mache, werde ich nochmal überdenken. Es könnte ja ein behinderter ausgebeuteter Billigjobber drin stecken.

    (Spotähnlichkeiten rein zufällig? Jau. Auch die identische Dramaturgie, die gleiche Schlußeinstellung, die absolut identische filmische Erzählweise mit Musikeinsatz und Schnitt. Kann ja nur Zufall sein. Aber egal, der Plagiatsverdacht macht den Spot ja nur noch bekannter.)

    Ich habe rein zufällig vor kurzem mit geistig und körperlich Behinderten zusammen was gearbeitet (nicht therapeutisch, nix mit „Gutsein“ oder Helfersyndrom, sondern von Gleich zu Gleich, es ging dabei um was ganz ganz anderes als um Behinderung). Meine Erfahrung war, dass sie eigenständig sein wollen und sich schnell dagegen verwahrt haben, wenn irgendwo schleimige Bemutterung oder Onkelhaftes durchbrach. Es gibt Dinge, die sie körperlich oder geistig nicht können, wo Unterstützung nötig war, aber in unserem Umgang untereinander haben sie sofort gespürt, wenn man nicht echt war. Fand ich gut, habe viel gelernt. Die Nummer mit dem „So, macht mal Platz, hier komme ich Gutmensch, ich mache alles richtig mit Behinderten“ zieht einfach nicht, keine Chance. *hüstel* *lach*

  30. Interessante Diskussion.
    Einerseits habe ich vor langer Zeit kurz in einem Kindergarten für Behinderte als Praktikum gearbeitet und dies recht schnell wieder abgebrochen. Ich hatte zu viel Mitleid, aber auch Scheu vor den Kindern, um wirklich mit ihnen arbeiten zu können. Sowas sollte jeder für sich entscheiden.
    Andererseits habe ich schon behinderte Menschen kennengelernt, die ich allein aufgrund ihrer Persönlichkeit faszinierend oder abstoßend gefunden habe. Und das unterscheidet sie nicht von gesunden Menschen.
    Abgesehen von allem anderen mag ich übrigens auch nicht von Fremden geknuddelt werden. Ich denke, das gebietet die persönliche „Space Bubble“ und dafür muss man kein Sozialphobiker sein.

  31. Interessante Aktionen? Für gewöhnlich nicht. Picknick im Park oder ein paar Infostände von diversen Vereinigungen. Solange die von Nichtautisten geführten Verbindungen und Vereine die Sache ignorieren (warum wohl?), werden es die selbstbestimmt lebenden Autisten kaum auf die Reihe bringen, dies in notwendiger Größe und Sichtbarkeit zu veranstalten. Schon mal mit perseverativ insistierenden Autisten diskutiert? Da fehlt so ziemlich _jedem_ Menschen die Geduld, das bis zu einer Lösung durchzuhalten 😀

    Da eben auch „laut, bunt und viele Menschen“ eher wenigen zusagt, bleibt uns nur die kontinuierliche Aufklärung über die Institutionen und gelegentliche Auftritte in den größeren Medien. Bei mir stehen z.B. noch ein Interview diesen oder spätestens nächsten Monat mit dem bayerischen Rundfunkt aus.

  32. Miss Fairytalez, dazu gehört aber auch Mut, zuzugeben, dass bestimmte Situationen nichts für einen sind — Respekt. Bei Anziehung und Abstoßung fällt mir gerade ein Büchlein von Carson McCullers ein, The Ballad of the Sad Café (klick o klick). Vielleicht muss ich das nochmal lesen und dann was drüber schreiben.

    Danke, Lasse, für die Erläuterungen, also ist ein autistisches Medienspektakel wohl sowas wie ein Widerspruch in sich. Sehr symphatisch, eigentlich. Bin gespannt auf das Interview.

  33. @notQuiteLikeBeethoven:
    Es ist so, dass in der Schweiz die Rechte der Behinderten tendenziell abgebaut werden und immer weniger Rechte und Geld erhalten, ein Leben führen zu können. In Deutschland zum Beispiel gibt es die Behindertenräte, die politisch besser vertreten und positioniert sind als die Verbände in der Schweiz. Es ist, so viel ich weiss, eine staatlich organisierte Struktur, in denen die Betroffenen selbst Einsitz nehmen können. In der Schweiz ist es aber so, dass häufig die reichsten Verbände auch den grössten Einfluss haben. Das sind in aller Regel Fachhilfeverbände, denn die haben nicht nur die Ressourcen, dafür Geld einzutreiben, sondern auch eine Lobby, da dahinter eine „Industrie“ steht. Die Tendenz ist, dass diese Verbände lieber die Behinderten verwalten möchten. Okay, ich übertreibe etwas, aber es zeigt deutlich, was die Tendenz ist. Denn sie vertreten in erster Linie ihre eigenen Interessen. Dazu gehört zum Beispiel, dass es den Behindertenheime gut geht. Geht es ihnen gut, sind auch Jobs und Löhne sicher. Das ist durchaus verständlich und man kann das natürlich auch so rechtfertigen, dass gesicherte Arbeitsplätze natürlich auch den Behinderten zukommen. Aber es zeigt trotzdem, dass da nicht nur Altruismus dahinter ist. Das ist ein heikles und schwieriges Thema. Berücksichtigt man aber dann, wer eigentlich wirklich was zu sagen hat, dann sieht man in der Regel, dass der Behinderte am kürzeren Hebel sitzt.

  34. Danke. Sind denn in diesen (Fachhilfe-)Verbänden Behinderte selbst aktiv und am Ruder? Oder ist das mehr „Fremdverwaltung“ durch Nichtbehinderte?

  35. eyeIT übertreibt nicht mit der Aussage: «Die Tendenz ist, dass diese Verbände lieber die Behinderten verwalten möchten.»
    Das beschreibt ziemlich genau die Situation in der Schweiz. In den grossen Verbänden bestimmen vor allem Nichtbehinderte über die Belange von Behinderten. Weil diese Verbände zum grossen Teil vom Staat finanziert werden und es eine gesetzliche Klausel gibt, die ihnen vorschreibt, dass die Staatsgelder nicht für politische Zwecke benutzt werden dürfen (etwas vereinfacht ausgedrückt), geht es in der Tat mehr ums Verwalten und «ruhig halten» der Betroffenen, als darum, zum Beispiel bessere gesetzliche Grundlagen für Behinderte zu schaffen.
    Im Prinzip: je schlechter die Gesetze für die Behinderten sind, desto mehr Beratungs/Unterstützungsvolumen können die Behindertenorganisationen und -verbände generieren und desto mehr gesunde Sozialrbeiter/Juristen/Psychologen einstellen, die dann den «armen Behinderten» helfen.

  36. Oje, das klingt ja nicht gut! Mit Behindertenverbänden in Deutschland kenne ich mich nicht so gut aus, keine Ahnung ob es da tatsächlich besser oder anders ist (in Punkto „Verwaltung, hauptsächlich durch Nichtbehinderte“). Weiß da wer was, kann wer vergleichen?

  37. Pia Butzky

    Gibt es den Dr. Ulrich Hase noch? War mal (ist immer noch?) Behindertenbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein und selbst hörbehindert.
    Gibt es solche Behindertenbeauftragten, die auch selbst behindert sind, eigentlich in anderen Bundesländern oder Ländern? Soll ja in Deutschland angeblich so sein. Was tun die? Habe keine Ahnung davon, ob die überhaupt irgendwelchen Einfluss haben. Vermutlich ist das eher eine Koordination von verschiedenen Bereichen oder Kontaktemachen mit Verbänden, denn Behinderung ist ja extrem unterschiedlich, also auch die Situation der Leute.

    Falls mal was sein sollte – also so behindertenrechtemässig – an wen wendet man sich denn dann in seinem Landkreis / Bundesland / Staat? Also: An welche politischen Vertreter und Gremien? Sind das eben diese Beauftragten? Da wäre ich jetzt echt überfragt, null Ahnung.

  38. @notquitelikebeethoven: Es gibt durchaus Selbsthilfeverbände, ich war selber jahrelang Vorstandsmitglied mehrer solcher Verbände. Aber es wird als Selbsthilfeverband immer schwerer, unterstützt zu werden und der politische Kampf wird immer härter. Das hat auch damit zu tun, dass sich die Rahmenbedingungen für die Selbsthilfe sich in den letzten 20 Jahren grundlegend verändert haben und viele Anfangs mit den Veränderungen sehr schwer taten und manche tun es sich heute noch schwer. Kommt dazu, dass die Selbsthilfeverbände häufig nur wenige oder sogar gar keine Angestellte einstellen können, um sie zu vertreten.
    Ganz anders ist hier die Situation der Fachhilfe. Wer sich als Fachmann politisch betätigt, kann sich im berufsleben profilieren und damit zu Anerkennung kommen. Das kann sich dann auch auf das Salär niederschlagen, womit eine „ehrenamtliche“ Tätigkeit sich lohnen kann. Bei der Selbsthilfe ist es aber häufig so, dass die Behinderten einer Arbeit nachgehen, die mit dem Verband nichts zu tun hat. Dann vergisst man oft, dass diejenigen, die es sich leisten können, so was zu machen – nebst der Arbeit mit Behinderung auch noch eine ehrenamtliche Tätigkeit nachgehen – auf Vieles verzichten müssen. In meinem Fall war es oft so, dass ich am Wochenende schlicht ausgelaugt war. Ich selber bereue es nicht, denn ich habe in meinem Fall viel Spannendes erlebt, aber es gibt andere, die daran fast zerbrechen. Ich wäre mittelfristig sogar bereit, wieder einzusteigen, derzeit schlägt mir u.a. die Hilfsmittelverordnung ziemlich auf den Magen.

  39. CharlyBrown

    Pia,
    den Dr.Ulrich Hase gibt es noch.
    Soweit ich weis, ist er immer noch Leiter des Rehazentrum in Rendsburg.
    Er war auch mal acht Jahre lang Präsident des Deutschen-Gehörlosen-Bund.
    (ist inzwischen schon viele Jahre her, hab im Moment nicht die genauen
    Jahreszahlen im Kopf)
    Er hat damals den Deutschen-Gehörlosen-Bund sehr aktiv voran gebracht.
    Weis nicht, ob er immer noch Behindertenbeauftragter in Schleswig-Holstein ist.
    Die Behindertenbeauftragten in Ländern und einigen grossen Städten
    werden von manchen Behinderten als „Abwimmel-Beauftragte“ bezeichnet.
    Echte Interessenvertreter für Behinderte sind nach meiner Meinung nur
    die von Betroffenen selbst geleiteten Vereine und Verbände.
    eveIT,
    ich war oft als Skifahrer und Bergwanderer in der schönen Schweiz.
    Habe so nebenbei etwas über die Situation Gehörloser in der Schweiz
    mitbekommen.
    Vor über vierzig Jahren sind gehörlose Schweizer nach Deutschland
    und sogar nach Schweden ausgewandert.
    Grund: In der Schweiz mussten sie eine Sondersteuer zahlen, weil sie
    für den Wehrdienst ungeeignet waren!?
    Damals dachte ich, die erzählen mir Unsinn.
    Zu der Zeit hatten Gehörlose in Deutschland und anderen Ländern
    schon Steuerfreibeträge. Das Behinderte in der Schweiz damals
    höhere Steuer zahlen mussten als Nichtbehinderte konnte ich einfach
    nicht glauben.

  40. CharlyBrown

    Pia,
    den Dr.Ulrich Hase gibt es noch.
    Soweit ich weis, ist er immer noch Leiter des Rehazentrum in Rendsburg.
    Er war auch mal acht Jahre lang Präsident des Deutschen-Gehörlosen-Bund.
    (ist inzwischen schon viele Jahre her, hab im Moment nicht die genauen
    Jahreszahlen im Kopf)
    Er hat damals den Deutschen-Gehörlosen-Bund sehr aktiv voran gebracht.
    Weis nicht, ob er immer noch Behindertenbeauftragter in Schleswig-Holstein ist.
    Die Behindertenbeauftragten in Ländern und einigen grossen Städten
    werden von manchen Behinderten als „Abwimmel-Beauftragte“ bezeichnet.
    Echte Interessenvertreter für Behinderte sind nach meiner Meinung nur
    die von Betroffenen selbst geleiteten Vereine und Verbände.
    eveIT,
    ich war oft als Skifahrer und Bergwanderer in der schönen Schweiz.
    Habe so nebenbei etwas über die Situation Gehörloser in der Schweiz
    mitbekommen.
    Vor über vierzig Jahren sind gehörlose Schweizer nach Deutschland
    und sogar nach Schweden ausgewandert.
    Grund: In der Schweiz mussten sie eine Sondersteuer zahlen, weil sie
    für den Wehrdienst ungeeignet waren!?
    Damals dachte ich, die erzählen mir Unsinn.
    Zu der Zeit hatten Gehörlose in Deutschland und anderen Ländern
    schon Steuerfreibeträge. Das Behinderte in der Schweiz damals
    höhere Steuer zahlen mussten als Nichtbehinderte konnte ich einfach
    nicht glauben.
    Off Topic
    Ein ganz wichtiges Motiv für Urlaub in der teuren Schweiz und Tagesfahrten
    nach Basel war damals für mich und andere Gehörlose:
    In Schweizer Kinos sind fremdsprachliche Filme deutsch untertitelt.
    Damals gabe es noch keinen Videotext im Fernsehen un nur ganz
    selten Filme im Original mit Untertiteln.

  41. Pia Butzky

    @eyeIT: „Dann vergisst man oft, dass diejenigen, die es sich leisten können, so was zu machen – nebst der Arbeit mit Behinderung auch noch eine ehrenamtliche Tätigkeit nachgehen – auf Vieles verzichten müssen. “

    STIMMT!
    Wobei aber auch die Fachleute im Selbsthilfeverband ihre Freizeit dafür aufwenden, also z.B. ein Akustiker oder Audiologe engagiert sich in zusätzlichen Stunden nach dem Arbeitstag oder am Wochenende. Aber das wird mehr geachtet als die behinderten Mitglieder. Man denkt, wer Fachmensch ist, „schenkt“ den Behinderten was durch das Engagement. Aber die behinderten Mitglieder sieht man anders, man denkt, die machen das ja quasi aus „Eigennutz“.
    Das ist wirklich absurd und unfair.

    @Charly Brown: Ach so. Weil der Dr. Hase auch hörbehindert ist, blieb mir der im Gedächtnis. Der hatte mich vor ein paar Jahren sehr beeindruckt, ich hatte Verschiedenes von ihm gelesen.
    (… und wie sagte Obelix? Die spinnen, die Schweizer!)

  42. @CharlyBrown

    Tatsächlich ist es so, dass man eine so genannte Wehrpflichtersatzsteuer zahlen muss. Wer als Mann diese Steuer zahlt, muss keinen Dienst leisten. Früher mussten die Behinderten den tatsächlich zahlen. Ich weiss aber leider gerade nicht mehr, ob wir den tatsächlich zahlen mussten oder dies die Invalidenversicherung zu übernehmen hatte. Ich weiss nicht mal, ob sich die Situation sich geändert hat, jedenfalls musste ich die Wehrpflichersatz nie zahlen. Möglich, dass nur der administrative Aufwand sich geändert hat oder dass sie seit mindestens 20 Jahren schlicht weggefallen ist.

  43. @notquitelikebeethoven
    Danke! Die Beschreibung des Buchs (bzw Hörbuchs) klingt sehr interessant. Das könnte man wirklich mal lesen.
    Mir hat es damals leid getan, das Praktikum abbrechen zu müssen und ich hatte auch ein schlechtes Gewissen, aber es wäre einfach nicht gegangen. Es ist schon wichtig, die eigenen Grenzen kennen zu lernen.

  44. ich wäre mir gar nicht so sicher, ob das so viel mit ästhetik zu tun hat. in Deutschland hat man doch generell probleme mit Körperkontakt, vor allem bei Fremden. In anderen Ländern ist das durchaus anders und da spielen äußerlichkeiten keine so große Rolle. Mir würde das auch gar nicht gefallen, das ist meinem Empfinden nach eher ein Zeichen von Respektlosigkeit. Ich wurde mal von einem Postbeamten geduzt, da war ich 25 und hatte den Mann noch nie in meinem Leben gesehen. Bei einem Nicht-Behinderten hätte er das sicher nicht gemacht.
    BTW. finde ich Behinderung und Sexualität ein spannendes Thema und finde es gut, dass du auch darüber schreibst.

  45. Ehrenamtliches Engagement bleibt natürlich solches, Aber dass vollkommen verkannt oder unterschätzt wird, was die Arbeit in Selbsthilfegruppen und politischen Verbänden „kostet“, auch und gerade wenn man betroffen ist, das habe ich auch oft erlebt.

    Domingos, stimmt, die „deutsche körperliche Umgangsformen“ generell spielen sicher auch mit rein! Hmm, einen Sex-Artikel gab es hier schon lange nicht mehr, mal sehen… 🙂

  46. Pia Butzky

    @Domingos: „Bei einem Nicht-Behinderten hätte er das sicher nicht gemacht.“
    Genau das meinte ich mit der fehlenden Schranke bei Behinderten, die schneller angefasst – oder eben geduzt – werden, als Nichtbehinderte, die womöglich noch wichtig auftreten mit Anzug und so.

    Da fehlt eher das „mehr Ernstnehmen“ als das „mehr Liebhaben“. (Mal ganz zu schweigen von sexuellen Übergriffen auf behinderte Kinder und junge Frauen, die sich ganz sicher nicht wünschen, noch mehr Körperkontakt von Fremden zu bekommen. Echt nicht.)

    Wenn man schon einen Spot abkupfert, dann muss man die Kopie besser machen als die Vorlage. Aber hier ist es umgekehrt: Tollen fetzigen Spot kopiert und Larifari draus gemacht. „Piep piep piep – wir ham uns alle lieb.“

  47. Der letzte Satz ist leider ein sehr treffender Kommentar.

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