Sand im Getriebe des Alltags — Schwerhörigkeit als Krisenexperiment

Schwerhörige sind der Sand im Getriebe des Alltags. Da wir uns gerade über Strategien des mehr oder weniger eleganten Vertuschens von Nichtverstehen unterhalten hatten, hier zwei klassische Beispiele für heftige Auswirkungen der unschuldigen Nachfrage „Wie meinst Du das?“ Undercover-Soziologen stellten sie systematisch und guckten, was geschah:

Beispiel 1 — Herr C. und Herr K. teilen sich ein Auto. Bei der Übergabe erzählt C., was ihm gestern auf dem Weg zur Arbeit passierte.

C:   Übrigens, ich hatte gestern einen Platten.
K:   Hä, wie meinst Du das?
C  (guckt kurz überrascht, dann abwehrend): Was soll das heißen, „Wie meinst Du das?“ Ein platter Reifen ist ein platter Reifen! Das ist, wie ich das meinte. Nichts besonderes. Was für eine verrückte Frage!

Beispiel 2 — S. trifft E. auf der Straße und winkt erfreut. Sie begrüßen sich und dann erzählt S. erst einmal alles was ihm in den letzten Tagen passiert ist. Schließlich fragt er.

S:  Aber genug von mir. Sag mal, wie geht’s Dir?
E:  Hm, wie meinst Du das?
S:  Wie geht es Dir?
E:  Könntest Du nochmal sagen wie Du das meinst, dann kann ich besser antworten?
S  (aggressiv): Hör mal, ich wollte nur höflich sein. Ehrlich, mir doch egal wie’s Dir geht!

Diese Beispiele habe ich aus Harold Garfinkels klassischem soziologischen Buch Studies in Ethnomethodology von 1967 leicht verändert übersetzt (und das 2. Beispiel zudem aus dem US-amerikanischen Kontext geholt). Garfinkel hatte die kluge Idee, unpassendes Verhalten (hier die Nachfrage „wie meinst Du das?“ bei sehr einfachen Sachverhalten) ganz gezielt einzusetzen  um die Normen des Zusammenlebens zu erkunden. An der Heftigkeit der Reaktionen auf diese sogenannten Krisenexperimente erkannte er, dass und welche er gefunden hatte. In diesem Fall ging es darum, dass bestimmte Deutungskompetenzen und Kenntnis sozialer Umgangsformen einfach vorausgesetzt werden. Wer dagegen verstößt…

Na, wie findet Ihr das? Kommt Euch das bekannt vor?

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10 Antworten zu “Sand im Getriebe des Alltags — Schwerhörigkeit als Krisenexperiment

  1. Jau, 1967 ist auch schon lange her, oder? Jau, wir benutzen Floskeln und Rituale im Alltag. Neuere Floskel ist „Schönen Abend noch“ von den Supermarktbilligkettenkassensklaven und -sklavinnen. Frag die mal „Meinen Sie das jetzt ehrlich?“ und du kriegst den Einkaufswagen schwungvoll in die Weichteile geschoben.
    Das ist dann ganz ehrlich gemeint.

    (Die Stolperfrage „Wie meinst du das?“ ist übrigens nicht gleichzusetzen mit Schwerhörigkeit. Sie fordert zu mehr Kommunikation auf, während Schwerhörigkeit sie reduziert und unterbindet.)

  2. Es ist weit verbreitet, auf eine Aussage hin mit „Oh, wirklich?“ oder „Ja ehrlich?“ zu reagieren, obwohl man nichts anzweifelt, nur Zeit braucht für die nächsten Massnahmen. Kürzlich hatte ich mal mit einem geistig Behinderten zu tun, der mir sagte, er habe sich weh getan. Ich reagierte unbedacht mit „Ja, ehrlich?“ in der Absicht, gleich irgendwelche Helfereien zu starten. Er antwortete ganz ernst: „Ja, ehrlich! Das tut ehrlich weh.“ An seiner Reaktion merkte ich erst, dass man im Alltag gewohnt ist, die Floskel nicht wörtlich zu nehmen und als das genaue Gegenteil zu verstehen.

  3. Hast Du evtl. »what do you mean?« mit »wie meinst Du das?« übersetzt? Das wäre hier nicht angebracht, weil das im Englischen oft synonym mit »wiebitte?« benutzt wird.

  4. @Tom „Wie meinst du das?“ ist hier ganz klar eine metakommunikative Frage, die im Kontext oben aber auch so gewollt ist. Sonst würde ja das ganze „Experiment“ nicht funktionieren.
    Synonym zu „wie bitte?“ wäre sowas wie „Was meinst du?“ im Gegensatz zu „Wie meinst du das?“, was allerdings hier nur den relativ großen Unterschied zw. Deutsch und Englisch in den Formulierungen aufzeigt.

    Ich wurde übrigens sofort an von mir so gehasste Situationen erinnert, in denen mein Vater immer eine doofe Antwort auf Lager hat(te), die natürlich nie die eigentliche war, die man hören wollte:
    „Geht das? Soll ich dir helfen?“ – „Nee, geht natürlich nicht, ich muss es schon tragen.“ (Wenn es etwas zu transportieren/tragen gibt)
    „Kannst du mir bitte das Salz geben?“ – „Ich weiß nicht, ob ich das kann.“

    Wenn Garfinkel also eigentlich nur „Normen“ des Zusammenlebens beschreiben will (ich kenne wohl die Studie im Allgemeinen, aber das Buch leider nicht), hat er auch ganz viel Sprachanalyse betrieben. „Wie meinst du das?“ fragt nach, ob der Sprecher die tatsächliche wörtliche Bedeutung der Äußerung meint oder ob er etwas anderes impliziert hat. Vom Sprecher allerdings wird antizipiert, dass der Hörer sowohl das eine als auch das andere – oder einfach: das, was er meint – versteht, und er erwartet eben keine metakommunikative Antwort. Erst recht nicht, weil es relativ banale, alltägliche Fragen sind.
    Was aber interessant ist (und ich auch ganz schön verwundernd finde): Normalerweise ist Metakommunikation ein Mittel zur Aufklärung von Missverständnissen oder führt teilweise auch zu etwas persönlicheren Gesprächen, die eben nicht mehr so oberflächlich sind. Hier passiert das genaue Gegenteil. Wohl einfach, weil nicht erwartet. Dass der Fragende tatsächlich so „krass“ reagiert, finde ich doch schon ein bisschen seltsam und lässt mich ein bisschen an der Nichtkonstruiertheit der Beispiele zweifeln.

  5. Pia, die Erkenntnis damals war gerade dass die „Floskeln“ nicht (immer nur) „leer“ sind, sondern etwas tun (zwischenmenschlich). Das ist in den beiden Beispielen sehr Unterschiedliches. Ansonsten hatte das v.a. methodisch-theoretischen Wert.

    Ich finde es lustig, dass Schwerhörige sich fast genauso benehmen wie diese Forscher und dass sie auch öfter Mal solche Reaktionen zu spüren kriegen. Und natürlich haben wir auch voll den Durchblick was Kommunikationsrituale angeht, oder? Sonst könnten wir gar nicht soviel verstehen obwohl wir nichts verstehen.
    Darum habe ich auch etwas frei übersetzt:

    Tom, im Original geht das jeweils ein bißchen anders, was vielleicht auch die heftigen Reaktionen erklären könnte, Janina. Da steht dann: „Wie meinst Du das, Du hattest einen Platten?“ und „wie meinst Du das, in Bezug auf meine Gesundheit, meinen Kontostand, meine Schulnoten?“ Das signalisiert ja, dass akustisch richtig verstanden wurde (und, wie Janina anmerkt, auf eine metakommunikative Ebene gewechselt wird). In meiner Version dagegen bleibt offen ob akustisch verstanden wurde bzw. die heftig reagierende Person muss, damit es paßt, das einfach annehmen, obwohl sie es nicht sicher wissen kann. Darum wirkt das auch etwas gekünstelt.
    Ich bin aber ansonsten auch nicht sicher wie akkurat diese Sequenzen sind, die mittlerweile in tausenden Lehrbüchern stehen. Vielleicht gab es ja Vorgeschichten zwischen diesen speziellen Personen. Übrigens scheinen sie mir im US-amerikanischen und dort in speziellem Milieu noch plausibler als hier in D, man ist dort schon sehr aufmerksam für Umgangsformen und ihre Störungen. Aber: Wäre doch mal interessant, wenn sich herausstellte, dass damals leicht verschönert wurde, damit die Ergebnisse rocken 😮

  6. OK, hatte den Text nicht gründlich gelesen und dachte, es ginge von vornherein um Reaktionen von Schwerhörigen … sorry.

  7. Bitte, kein Grund sich zu entschuldigen. Ich hatte das ja auch vorher alles nicht ganz so klar gesagt.

  8. Je nach Kulturkreis spürt man diese unterschiedlichen Gepflogenheit auf Reisen oder bei Besuchen: Während man in Deutschland durchaus auf die Frage „Wie geht es dir?“ den vollen Koffer seiner derzeitigen Sorgen auffährt und alles haarklein thematisiert, ohne dass sich jemand darüber wundert, erwartet man vermutlich in USA wirklich keine Antwort sondern das Mitspielen im Ritual. Zumindest in Deutschland ist das „Du, wie geht es dir eigentlich?“ der Aufmacher für gaaanz tiefe Gespräche.

    Auch Gespräche über das Wetter dienen dazu, die Beziehungsebene klar zu machen, nicht etwa einen Sachinhalt zu vermitteln. Deshalb ist Schwerhörigkeit nicht bloss das Problem, an irgendwelche Informationen zu kommen, sondern sie stört erheblich die Beziehungsfähigkeit. Andererseits wieder helfen die Rituale und Floskeln sogar Schwerhörigen dabei, mitzuziehen. Man muss nicht wirklich verstanden haben, man muss nur das Ritual kennen.

    By the way:
    In Griechenland hatte ich mal im letzten Jahrhundert eine Ferienbekanntschaft mit afrikanischen Schiffsbaustudenten gemacht, die mich zum Essen einluden. Wir konnten kaum ein Gespräch führen mit unseren paar Sprachbrocken aus englisch, französisch und griechisch, aber ich wurde mit den Worten verabschiedet, es sei eine ganz besondere Freude und ein erhebendes Erlebnis gewesen, mich kennengelernt zu haben (sinngemäß, die Formulierung erinnere ich nicht mehr, aber sie war ungewöhnlich überschwänglich). Zuerst war ich ganz stutzig, weil ich ja nicht die Welt gerettet oder irgendeine Heldentat vollbracht hatte, bloss dabei gesessen bin. Dann merkte ich, dass es eine Abschiedsfloskel war, die immer in so einem Moment benutzt wird.
    Nice, isn´t it?

  9. Japp, auch wenn´s nicht immer auf tiefen Gefühlen für einen beruht, tun so ein paar gute Worte doch gut.
    Siehe auch das „wünsche Ihnen noch einen schönen Abend“.
    Klar ist den meisten das eigentlich egal, wie mein Abend ist, und wenn ich es sage, isset mir auch oft wurscht, aber manchmal, wenn man down ist, baut einen ein bißchen Freundlichkeit doch wahnsinnig auf……
    Deshalb, nach Möglichkeit immer nett sein, man ahnt gar nicht, wem man wieviel Gutes damit tut….. 😉

    In diesem Sinne und jetzt ganz ehrlich, nicht nur als Floskel:
    Schönen Abend Euch allen. 😉

  10. Tja, dass es beim Reden soviel mehr zu beachten und zu verstehen als nur das was gesagt wird, ist für Schwerhörige Fluch und Segen zugleich.
    Mir wird gerade wieder klar, wie unglaublich schwer es in dieser Hinsicht seit früher Kindheit Schwerhörige oder Gehörlose haben, die die Verknüpfung der inhaltlichen Ebene mit dem sozialen Darüberhinaus nie richtig mitbekommen und darum nur so unglaublich schwer lernen können, sich unter Leuten wirklich gewandt zu bewegen. (Im Unterschied zu Spätertaubten, die in ihrer Taubheit auf früher erlernte Kompetenzen zurückgreifen können, die „die Rituale kennen“, wie Pia sagte).

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