Eine Art Fegefeuer — Schwerhörigkeit und die Fremdsprache VI

Sich mit Krümeln zufriedengeben und aus ihnen das Beste machen. Das kann als Definition von Schwerhörigkeit unter Flotthörenden durchgehen. Schwerhörig  ist, wenn Du dich auch im Kreis der engsten Freunde fühlst wie in einem Ausland, dessen Sprache Du kaum beherrscht. Im Unterschied dazu jedoch wird dies bei Schwerhörigkeit auch mit der Zeit nicht besser. Doch was ist, wenn Schwerhörige tatsächlich ins Ausland gehen? Dann, würde ich sagen, gehen sie durch eine Art Fegefeuer. Warum das so ist und wie man da am besten durchkommt — unten nach dem Klick!

Der Grund für diesen Eintrag ist: Ich hörte kürzlich erstaunt, dass ich einer von ganz wenigen sei, dass es nur ganz wenige Hörgeschädigte gebe, die an einer Universität in den USA waren, ohne dabei ASL, die amerikanische Gebärdensprache, zu verwenden. Schwerhörigkeit scheint für die allermeisten ein unüberwindliches Hindernis. Sie kommen entweder gar nicht auf die Idee eines Auslandsaufenthalts oder schlagen sie sich schnell wieder aus dem Kopf. Darum will ich hier knapp zusammenfassen und aktualisieren, was ich bereits zum Thema schrieb. Und Antwort auf ein paar Fragen geben, die mich immer wieder erreichen. Das Folgende ist meine privatpersönliche Erfahrung mit starker Schwerhörigkeit, Ihr könnt gern ergänzen…

Worauf muss ich mich einstellen? Meistens ist es ja so, dass Schwerhörige besser im Alltag zurechtkommen und verstehen, als es ihre in der Audiometrie gemessenen Werte vermuten ließen. Sie haben sich ihre Strategien zurecht gelegt. Sie haben Erfahrung in der Sprache. Sie sind Experten darin, aus Krümeln das Beste zu machen. All das fällt in der Fremdsprache weg. Man ist — vielleicht zum ersten Mal im Leben — tatsächlich auf das echte Hörvermögen zurückgeworfen. Lippenlesen funktioniert kaum. Ebensowenig  aus Bruchstücken zu rekonstruieren was gesagt wurde. Das kann eine ziemlich miese Erfahrung  sein. Sie zwingt zu radikaler Ehrlichkeit, sich selbst und anderen gegenüber. Man kann sich nicht mehr bescheißen und andere auch nicht. Gerade das kann aber auch eine reinigende Erfahrung sein und einen letztlich erheblich weiterbringen. Persönlich und im Umgang mit der eigenen Schwerhörigkeit. So ist das mit dem Fegefeuer gemeint.

Wie hast Du dich vorbereitet? Gar nicht. Ich hatte nur viel Angst vor dem nötigen Sprachgutachten und dem Vorstellungsgespräch für das Visum. Je nach Sprachniveau mag es sich aber anbieten, möglichst Filme oder Serien im Original mit (originalsprachlichen) Untertiteln zu gucken, um sich an die Laute zu gewöhnen. Und an die Mundbewegungen, zum Lippenlesen. Möglichst viel Film und Fernsehen gucken würde ich dann auch im Land empfehlen — es macht Spaß und hilft einfach.

Wie hast Du im professionellen Umfeld (also nicht Freizeitaktivitäten) auf die Probleme hingewiesen? Genauso wie immer. Bei der ersten Gelegenheit, bei der ich etwas nicht verstehe, sage ich, dass ich schwerhörig bin und erkläre was deswegen zu erwarten und zu beachten sei. Sorry, could you please repeat that/speak slowly? I’m hard of hearing, you know (aufs Hörgerät zeigen)? Immer wieder, jedes Mal wenn es passiert. Das stört so gut wie gar nicht, wenn man es beiläufig macht und ansonsten mit Blicken und kleinen Nachfragen bzw. Wiederholungen zeigt, dass man aufmerksam zuhört. Wenn abzusehen ist, dass es Schwierigkeiten geben könnte (z.B. mir im Anschluss an einen Vortrag Fragen gestellt werden), versuche ich vorher strategisch einzugreifen. Zum Beispiel durch die Sitzordnung , durch aktive Gesprächsführung oder dadurch, dass ich zu den Fragestellern hingehe. Oder dass ich jemand neben mir bitte, mir die Fragen aufzuschreiben.

Was machst Du, wenn Du öffentlich (z.B. als Redner oder Diskutant) etwas gefragt wirst, aber nicht verstanden hast, was vorher gesagt wurde? Wenn ich ein bißchen verstanden habe: Nach bestem Wissen und Gewissen eine sehr kurze Antwort geben und dann so etwas sagen wie But I’m not sure, does that answer your question? I might have missed something. (Geht natürlich nur dann ohne Gesichtsverlust, wenn ich vorher allen oder zumindest allen wichtigen Personen mitgeteilt habe, dass ich schlecht höre!) Wenn ich wirklich gar nicht weiß was los ist: Offen und unter Hinweis auf die Schwerhörigkeit sagen, dass ich leider vorher nicht recht verstanden habe und deswegen nicht gut antworten kann. Fragen, ob die Frage deswegen noch einmal kurz erläutert werden könnte.

Wie erklärst Du einem Kommilitonen/Kollegen, dass Du mit ihm gerne zum Lunch gehst, aber wegen der Geräuschkulisse keine Ahnung hast, was er dir während des Essens erzählt? Ich sage ihm genau das. Und zwar schon vorher, bei der Verabredung. Dann schlage ich, soweit mir bekannt, einen Ort vor, an dem es akustisch einigermaßen klappen könnte. Oder frage, ob er einen solchen kennt. Und dann probiere ich es einfach. Klappt gar nichts, dann: Essen relativ schnell beenden und noch einen Kaffee o.ä. in besserer Akustik anschließen. Oder sich noch einmal und anders verabreden. Auf jeden Fall den Kollegen nicht einfach sitzen lassen.

Was war Dein größter Fehler? Dass ich mitunter meinte  zu stören, wenn ich aktiv ins Geschehen eingriff. Oder zum Beispiel für ein kleines Uni-Seminar einen Schriftdolmetscher bestellte. Letzteres ging aber speziell an meiner Uni in den USA so einfach und schnell, das kann man sich in Deutschland gar nicht vorstellen. Also erkundigt Euch nach den Möglichkeiten, findet die disability offices und fragt was sie für Euch tun können! Ihr könntet überrascht sein, wie viel und wie problemlos das ist.

Schwerhörige ins Ausland? Ich würde jeden, der die Lust verspürt, ermutigen es zu wagen! Über Eure Ergänzungen oder auch Fragen in den Kommentaren würde ich mich freuen…

Weitere Einträge:
Not quite like Beethoven in Amerika (Schwerhörigkeit und die Fremdsprache I
Bei mir dagegen, ein Glücksspiel (Schwerhörigkeit und die Fremdsprache IV)
Souveränität und Sekundenbruchteile (Schwerhörigkeit und die Fremdsprache V)

Advertisements

20 Antworten zu “Eine Art Fegefeuer — Schwerhörigkeit und die Fremdsprache VI

  1. Noch ein Nachtrag zum Hörverstehensteil von Prüfungen wie dem TOEFL Test und dem Cambridge Certficate. Da kann man inzwischen überall drumherumkommen!
    http://www.cambridgeesol.org/exams/special-circumstances/hearing-speaking.html
    http://www.ets.org/toefl/ibt/register/disabilities/

  2. „Schwerhörigkeit scheint für die allermeisten ein unüberwindliches Hindernis. Sie kommen entweder gar nicht auf die Idee eines Auslandsaufenthalts oder schlagen sie sich schnell wieder aus dem Kopf.“
    Mmh.
    Naja, rein statistisch gesehen geht auch von der Masse der Hörenden nur die relativ kleine oberste Bildungsschicht ins Ausland, um zu studieren – von denen dann allerdings der größere Anteil, klar. Aber auch nicht alle. Man müsste dann also vergleichen, wie groß überhaupt der Anteil der oberen Bildungsschicht bei den Schwerhörigen ist und wieviele von einem Studium im Ausland profitieren würden. Da kommt man auf eine recht überschaubare Zahl, oder? Vielleicht gibt es gar nicht so viele Schwerhörige, die allein schon ein Studium in Deutschland packen würden – da erübrigt sich die weitere Überlegung.

    Wie ist das aber mit einer Berufsausbildung, die nicht so massenausgelegt ist wie ein Studium mit Hörsäälen und Vorlesungen? Wo mehr praktisch und in kleinen stabilen Teams gearbeitet wird? Könnte gehen.

    Fremdsprache lernen / trainieren mit Schwerhörigkeit:
    Uff. Höchstleistung! Ich packe die Aussprache nicht, trotz 100mal wiederholen, geht einfach nicht. Wenn Schrift und Ton nicht deckungsgleich sind, ist da nichts zu machen. Noch nicht mal Vokabeln lernen allein mit Buch. Ich kann sie lesen, aber nicht aussprechen lernen, geschweige denn akustisch verstehen. Hört sich ja alles wie kroatisch an – auch das Englische oder das Dänische.

    ABER:
    Schwerhörig sein im Ausland, das ist angenehmer als in Deutschland. Alle haben erstmal Verständnis für Verständnisprobleme, man liegt auf gleicher Höhe mit guthörenden Neulingen, hat durch die Kombinationsgabe und Eigenständigkeit den anderen schon was voraus. Das ändert sich dann aber nach einer Weile, leider. Mit Anderssprachlern in Deutschland mache ich die nettesten Erfahrungen, es gibt eine ganz selbstverständliche Rücksicht von „gleich zu gleich“.

  3. PS: Wie viele kennst du bzw. was schätzt du, wieviele Schwerhörige studieren und ins Ausland gehen würden – oder sogar gegangen sind? Ich dachte bisher, du bist mit deiner Vita fast eine Ausnahme. Wirst du von vielen gefragt, die ein Auslandstudium vorhaben? Oder die Jobs im Ausland suchen?

  4. „Meistens ist es ja so, dass Schwerhörige besser im Alltag zurechtkommen und verstehen, als es ihre in der Audiometrie gemessenen Werte vermuten ließen. Sie haben sich ihre Strategien zurecht gelegt. Sie haben Erfahrung in der Sprache. Sie sind Experten darin, aus Krümeln das Beste zu machen.“

    Meine Worte, aber besser ausgedrückt!

    „Aus Krümeln das Beste zu machen“. Genau das ist unser täglich Brot, innert Bruchteilen von Sekunden gehörte Brocken in vollständige Sätze umwandeln. Höchstleistung für das Gehirn. Oft frage ich zu schnell nach – „Wie bitte?“- denn während ich am Fragen bin meldet mir das Gehirn den vollständigen Satz zurück. Ich staune da oft selber.

    Für das Lernen von Fremdsprachen gilt für mich das gleiche wie für Deutsch (das für mich als Schweizer auch schon eine Femdsprache ist 😉 ): Lesen, lesen, lesen sowie viel TV und DVD gucken. So habe ich Englisch gelernt plus ein fünfmonatiger Aufenthalt in London. Sehr angenehm: Die Engländer reagierten viel unkomplizierter auf die Hörbehinderung als die Schweizer.

    Für mich interssant: Ich verstehe Hochdeutsch und Englisch besser als Schweizerdeutsch. Wahrscheinlich darum, weil in Schweizerdeutsch nicht geschrieben wird, diese Sprache lernt man nur über das Ohr.

  5. Wunderbar. Ich hoffe, es regt den einen oder die andere an, trotz Schwerhörigkeit die Koffer zu packen.

  6. Hi everyone!

    Ich werde mich in baldiger Zukunft auch um ein Auslandsjahr in den USA oder Kanada bewerben (Zwinker an Beethoven) und ich habe mich über die vielen Aspekte in diesem Artikel gefreut. Ein paar Sachen davon kommen mir sehr verdächtig bekannt vor und andere Sachen kenne ich noch aus einer anderen Perspektive.

    Ich war schon das ein oder andere Mal in den USA unterwegs und habe dabei Parallelen zu den Schilderungen festgestellt. Als ich das erste mal in die USA reiste, war das Englisch aus der Schule schon sehr lange her und ich wusste nicht einmal, was „wie bitte“ auf Englisch heißt. Ein fataler Fehler 😉 Ich war damals in Washington DC, wo ein bisschen Akzent in der Sprache mitschwingt und ich konnte dort nicht einmal einen Burger bestellen. Dort musste man nämlich jede einzelne Zutat einzeln benennen und dann stehe ich hinter dem Tresen und die Burgerbelegerin fragte tatsächlich bei jedem einzelnen Gemüse, ob ich das möchte. Zum Glück war nur mein Mitreisender hinter mir in der Schlage, denn das war wohl Bestellzeitrekord.

    Als ich aber das zweite Mal in den USA und diesmal ich derjenige mit den besseren Englischkenntnissen war und alles bereden musste, ging es am Anfang genauso schleppend. Die Person, mit der ich in New York war, musste jedoch ins Krankenhaus und da war ich gezwungen korrekt und in rasender Geschwindigkeit zu übersetzen. Als ich dann die ganze Nacht in dieser Notaufnahme wartete (die sind dort übrigens tatsächlich so wie man sie aus Sendungen wie Scrubs kennt – und sogar das Personal ist so lässig wie die Darsteller von Scrubs), kam ein Doktor nach dem anderen und spätestens beim dritten sprach ich flüssig. Mit flüssig meine ich: wie in Deutsch. Ich kannte nicht jedes Wort und manches musste ich nachschlagen, damit ich das richtige sagte, aber ihr kennt bestimmt diese Mechanismen, die man als Schwerhöriger hat, wenn man zumindest die altgewohnte Strategie verwenden kann. Das war in meinen Augen der Übersprung vom „tatsächlich auf das echte Hörvermögen zurückgeworfen sein“ hin zum alltäglichen Verstehen. Die Evidenz, die ich daraus ziehe, lautet, dass da noch Möglichkeiten bestehen, mit einer Fremdsprache zurechtzukommen. Ich höre übrigens 70% Sprachverstehen mit Hörgeräten und mit Störlärm sind es noch 20%.

    Bitte nehmt das nach meinem Hinweis aber nicht zu locker, denn es ist natürlich immer noch so, dass es eine Grenzerfahrung wird. Ich hätte wohl nie Englisch so konzentriert verstanden, wenn nicht der Zwang dazu gewesen wäre. Ob ich in einer Vorlesung auch so reagieren würde? Oder würde ich vielmehr das Nichtverstehen hinnehmen und auf meine Hörsituation schieben? Würde ich wirklich anderen Personen durch aktive Gesprächsleitung sozusagen den Schneid abkaufen? Ihr seht schon, dass es meistens „nein“ wäre. Und genau da liegt das Problem mit den Fremdsprachen, denn man muss den Mangel an jahrzehntelangem Training mit zusätzlichen Maßnahmen kompensieren und dazu noch ohne Anleitung. Wir haben niemanden, der als Vorbild schon Verhaltensweisen vorlebt. Es gibt niemanden, der Hörgeschädigte auf die Problemzonen hinweist. Wir betreten da jeder für sich Neuland, so wie es notquitelikebeethoven auf seinem Gebiet gemacht hat und ich es auf meinem machen werde.

    Aus studentischer Sicht ist noch anzufügen, dass man im Ausland die ganzen Hilfen wie Mitschreibekräfte oder Dolmetscher nicht mit Eingliederungshilfe bezahlen kann. Das fällt also weg, sofern man es denn gebrauchen könnte. Gerade das verstärkt die Notwendigkeit dessen, was ich als zusätzliche Maßnahmen bezeichnet habe. Wir müssen im Ausland Wege finden, wie wir sowohl Hörschädigung + Fremdsprache + Sprachkenntnismangel + Aussprachefehler unter einen Hut bringen können und zwar auf eine solche Art und Weise, dass wir noch in der Lage sind, genug Ressourcen für unsere eigentlichen Aufgaben (Arbeit, Studium, etc.) übrig zu haben. Denn dafür sind wir ja eigentlich ins Ausland gegangen.

    Ein kleiner Lichtblick ist, dass in den USA und Kanada ganz anders mit Behinderungen umgegangen wird. Ein kleiner Hinweis bezüglich „hearing impaired“ reicht schon, damit die andere Person sofort den Kopf in deine Richtung fixiert und langsam spricht. Ich verwende übrigens den Begriff „hearing impaired“, weil ich „hard of hearing“ mit der deutschen Schwerhörigkeit vergleiche und ich auch hier hörgeschädigt besser finde. Ganz toll finde ich im Deutschen den Begriff hörbeeinträchtigt, der auch bei der UN Konvention verwendet wurde.

    Wenn es finanziell nicht wagemutig ist, dann würde ich auf jeden Fall über den See schippern und ein paar Monate dort verbringen. Bei all den Problemen gewinnt man eine große Menge an Souveränität im Umgang mit der Hörbehinderung, was sehr vorteilhaft für das alltägliche Leben und die großen und kleinen Probleme mit dem Verstehen und Nichtverstehen ist.

  7. Pia, über die genauen Gründe kann man, da hast Du Recht, nur spekulieren. Ich kriege immer mal wieder Emails von Leuten, die das Blog entdeckt haben und mit die meisten bekomme ich zu der Fremdsprachenthematik. Von Leuten, die gehen wollen, sich aber nicht recht trauen. Den Eindruck, dass es niemand tut habe ich von jemandem, der seit 15 Jahren in der BHSA (Bundesarbeitsgemeinschaft Hörbehinderter Studenten und Absolventen) aktiv ist und in der Zeit viel rumgefragt hat. Da geht’s dann nicht um absolute Zahlen, sondern um den Prozentsatz von denen, die studieren. Vielleicht äußert sich die Person ja selbst noch.
    Das angenehme, erhebende Gefühl, dass die Schwerhörigkeit für eine Zeitlang egal ist, weil man wie alle anderen tatsächlich die Sprache nicht kann, kenne ich auch. Danke, dass Du nochmal darauf aufmerksam gemacht hast.

    Dominik, jaja, die leicht verzögerte Rückmeldung. Kommt mir bekannt vor. Ein seltsames Ding, dieses Gehirn! Hab nicht so übermäßig viel Erfahrung mit Schweizerdeutsch, könnte mir aber vorstellen, dass die auch echt schwer abzulesen sind?

    Berlinessa, das hoff ich auch! Es soll ja eigentlich ein ermutigender Artikel sein, keiner der Hoffnungen zerstört.

    flowersincalifornia, hehehe, Deine „Burgererfahrung“ kenn ich gut! Das ist wirklich typisch in den USA. Hier mal in der Version für Kaffee. Und natürlich kann man ganz wie man Lesen und Schreiben lernt auch das Schwerhörigverstehen einer Fremdsprache noch lernen, besonders wenn man jung ist. (Nur die vielen Akzente können ein Problem sein.) Wenn Du an einer Uni in den USA eingeschrieben bist, hast Du die gleichen Rechte wie alle anderen Studenten auch, auch auf bezahlte Mitschreibkräfte oder Schriftdolmetscher. Zumindest war das in meinem Fall so, das könnte evtl von Uni zu Uni verschieden sein. Je nachdem wie viel Geld sie haben.
    Allgemein muss kann ich Dich wirklich ermutigen, denn die ganzen Geschichten, über die ich da schreibe/schrieb, erlebte ich als ich schon deutlich schlechter hörte als Du!

  8. Schwerhörigkeit im Ausland-Mir kommts so vor,das ich dort manchmal fast besser zurechtkomme wie wie in Deutschland.Nicht das ich ein“Sprachgenie “ wäre,nee,bestimmt nicht.Aber wenn ich nachfrage meinen die ,ich hätte es sprachlich nicht kapiert und wiederholen oder meist umschreiben das gesagte.Viele „spechen “ auch mit den Händen,wenn sie einen“Ausländer „sehen.Und langsam und deutlicher.Alles Sachen,die Schwerhörige mögen.
    Gruß Frank

  9. Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Wenn die Leute denken, man habe es sprachlich nicht kapiert, dann machen sie es fast öfter richtig als wenn sie denken oder wissen man sei schwerhörig.
    Spätestens bei längeren Auslandsaufenthalten oder wenn man die Sprache eigentlich gut kann, gibt sich das dann wieder, meiner Erfahrung nach.

  10. Das wären für mich gleich zwei Hürden – einmal Studium, einmal Ausland. Studium kommt mit meinen grauen Haaren sowieso nicht mehr in Betracht, aber im Ausland mal eine Weile leben und arbeiten, das ist immer noch im Hinterkopf, das „wirklich wahre Leben“.

    Da ginge es mir erstmal um das Land an sich, mit allem drin und dran: Landschaft, Politik, Lebensweise, Klima, Kultur, erst dann die Sprache. Englisch in England sprechen – ja, würde mich reizen, weil ich England interessant finde (trotz deren knüppelharter Schichtenabgrenzung). Das Englische ist für mich als Schwerhörige sehr angenehm, wenn es so richtig british mit langen naselen Vokalen daher kommt. Italien wäre toll, schönes Land trotz Berlusconi, aber die sprechen schnell schnell schnell. Mit Italienisch stünde ich am Anfang, wüsste aber von Grundkenntnissen her, wie es ausgesprochen wird. Italien ist paradiesisch für Schwerhörige mit leichter Senkung in der Kurve, also ohne Hörtechnik, denn die sind LAUT, die Italiener. Für Leute mit Mikro am Ohr scheppert und kreischt es den ganzen Tag.

    Ins Ausland gehen bedeutet für mich auf jeden Fall, die Sprache nahezu neu lernen, denn auch mein Schulenglisch reicht nur für Urlaubsfahrten. Und Amerika: Gern, ein Jahr lang durch den ganzen Kontinent, von Nord nach Süd, von Ost nach West. (Sponsoren mit zuviel Geld können es gern bei mir abgeben, danke!)

  11. „Erst dann die Sprache“ — ich merke immer wieder, zuletzt in Polen, dass ich mich unwohl fühle, wenn ich in fremden Ländern nicht zumindest ein bißchen die Sprache kann. Ich fühle mich dann abgeschnitten. Bei mir wäre es glaube ich darum idealerweise andersrum. (Praktisch nicht unbedingt.)
    Ich habe mit elektrischem Ohr noch gar nicht so eine Sprachen-Hitparade. Muß ich mal machen. 🙂 Was ich weiß ist, dass ein Italiener angenehm laut sein kann, aber 100 Italiener…!

  12. Ich habe neulich in einer Email einige der Fragen gestellt und war auch derjenige, der Alexander den Hinweis gab, dass es nur wenige Hörgeschädigte gibt, die sich in die USA/Kanada gewagt haben. Das letzte Mitglied war 1996 in den USA und auch außerhalb des Vereins kenne ich nur Personen, die mit Hilfe der American Sign Language kommunizierten.

    Mir sind einige Leute bekannt, die dank Erasmus im europäischen Ausland waren, darunter auch Irland oder Spanien. Mit Erasmus ist es für Behinderte deutlich einfacher, wegzugehen und auch abgesicherter zu leben. Das fängt bei Versicherungsangelegenheiten an und geht über zu der Studienplatzvergabe. Wer in die USA/Kanada will, muss dort gegenüber allen anderen Bewerbern bei der Platzvergabe bestehen. Man muss außerdem alles selbst organisieren und die Sprachtests sind auch wieder eine Herausforderung für sich. Auch finanzielle Aspekte sind wichtig, denn Erasmus bietet noch einen Sondertopf für behinderungsbedingte Sonderausgaben.

    Neben den universitären Aspekten sind die Fremdsprachproblematiken eben ein Problem, auch wenn diese eher universell sind. Daher habe ich neulich Alexander eine Email geschrieben und ihn gebeten, für das universitäre Umfeld ein paar Erfahrungen in einem Artikel zu schreiben.

  13. BHSA (Bundesarbeitsgemeinschaft Hörbehinderter Studenten und Absolventen). Wow!

    Na, das ist ja mal eine feine Adresse. Da schau ich mal rein: http://www.bhsa.de/ Schon allein, um das blöde Vorurteil loszuwerden, dass Hörbehinderung eine höhere Bildung kaum möglich macht. Doch dass man die hörbehinderten Auslandsstudenten wirklich an einer Hand abzählen kann, das würde mich nicht überraschen. Wenn es so happig ist mit Zulassungstests usw., muss man sich fragen, ob man tatsächlich davon profiert oder es ein Desaster wird. Ich denke mal, ein Praktikum, ein Job, ein Training im Ausland, das für den Beruf nützlich ist, bietet da vielleicht bessere Rahmenbedingungen? Kommt auf das Fachgebiet an.

  14. Hallo Pia,
    es gibt sehr viele hörbehinderte Studierende, die irgendwann einen Teil ihres Studiums im Ausland verbracht haben. Dieses „sehr viele“ ist natürlich in Relation zu der Gesamtzahl der hörbehinderten Studierenden zu sehen. Während bei nichtbehinderten Studierenden ungefähr 20% ins Ausland gehen, würde ich das bei hörgeschädigten Studierenden auch auf ein ähnliches Niveau zählen. Leider wird das nirgends erfasst. Nur ist es eben so, dass wir insgesamt eine eher kleine Gruppe sind und daher selbst 20% (wenn es denn ungefähr stimmen würde) eine kleine Anzahl wäre. Man sollte nicht unterschätzen, wie viele über Erasmus im europäischen Ausland unterwegs sind. Davon kenne allein ich schon ungefähr 20 Leute. Für die USA gelten eben ganz andere Aufnahmebedingungen und die sind für alle, ob behindert oder nicht, ziemlich aufwändig, da wir nämlich als „out of state“ Bewerber gelten. So zahlen wir nämlich gerne mal das Dreifache an Studiengebühren (die Ivy League verlangt um die 50-60.000 $, die durchschnittlichen Universitäten immerhin noch um die 30.000$ pro Jahr). Wer der Gebärdensprache fähig ist, der kann sich über ASL dort gut zurechtfinden. Es gibt sogar in den Starbucks Mitarbeiter, die ein paar Wörter gebärden können.
    Ich hoffe, dass ich ein bisschen verdeutlichen konnte, dass es zwar wenige Studierende sind, aber das hauptsächlich daran liegt, dass wir insgesamt eine etwas kleinere Gruppe sind. Nach Nordamerika ist die Gruppe dann noch einmal etwas kleiner, was eben zumeist finanzielle Gründe hat. Daher habe ich Alexander gebeten, zu ein paar Fragen seine Erfahrungen aufzuschreiben, da es sehr hilfreich für die Interessierten wäre.

  15. I loved this! Especially the part about not hesitating to ask for university services.

  16. Das unterschreibe ich mal so! KLasse Bericht und ich finde mich da so oft wieder!

    Ich war in den USA (High School – ungewollt auch auf einer Deaf School), auf Erasmus in Irland und hatte dann noch diverse Trips in die USA in einer zweijährigen Beziehung zu nem hörenden Ami. Hab meine Diplomrbeit in Englisch geschrieben und finde ich kann mich auf Englisch eh „cooler“ ausdrücken als auf Deutsch. Ist alles irgendwie nicht so holprig 😉

    Finde es so amüsant, dass ich eigentlich die gleichen Strategien entwickelt hab. Nur das mit dem Mitschreiben von Fragen bei Vorträgen etc. werde ich mir echt mal merken. Macht sich sicher auch im kommenden Berufsleben gut!

    Und für alle die drüber nachdenken und dann gehen: fragt echt einfach an der Uni oder wo auch immer ihr seid, ob ihr Hilfestellung bekommt. Ich hab in Irland total unbürokratisch einen Schriftdolmetscher bekommen, der mir in Deutschland nach ewigem Papierkrieg nie genehmigt wurde. In den USA habe ich bei einer Uni-Veranstaltung (war so ne Art Konferenz) nen Dolmetscher gestellt bekommen. Ist alles kein Biggie!

    @Beethoven: schön weiterschreiben 🙂 Hab den Blog erst kürzlich entdeckt und find ihn toll, vor allem, weil ich mich von der Vita her doch manchmal selbst erkenne!

  17. Pingback: Aus unserem Netzwerk: Juli – September 2011 » Blogpatenschaften

  18. Das ist ja lustig, dass sich Deine Erfahrungen und Strategien so ähneln. Freut mich, danke fürs Bescheidsagen!

  19. Ist zwar ein alter Beitrag, aber um die gefühlte Quote von Schwerhörigen im Ausland mal zu erhöhen, hier ein „Hier!“ von mir.
    Ich habe ein Jahr im englsichsprachigen Ausland studiert, allerdings funktionierte da mein Hören noch wunderbar, somit bin ich auch in der Aussprache halbwegs fließend in Englisch. Mittlerweile bin ich hochgradig schwerhörig und habe gerade eine Stelle in Frankreich begonnen (Post-Doc). Französisch in der Schule habe ich schon immer gehasst und meine Rettung ist, dass auf Arbeit die Umgangssprache Englisch ist. Das klappt halbwegs.
    Meine Französischkenntnisse sind zwar nicht ganz null, lesen und dieses verstehen klappt sogar ganz ordentlich (reicht zumindest, meinem Kind die Kinderbücher zu übersetzen), aber beim Hörverstehen versage ich quasi total. Da man sich trotzdem ja doch halbwegs integrieren will, beginne ich nun einen Französischkurs auf unterem Niveau als ich vllt als Normalhörender eingestiegen wäre, aber einfach um eine Chance zu haben. Habe vorher mit dem Kursleiter gesprochen und ihn auf meien Schwerhörigkeit hingewiesen. Na mal schaun wie das wird.

    Ich glaube als Schwerhöriger seine gewohnte Umgebung zu verlassen und eine neue Stelle anzutreten erfordert immer Mut, egal ob im In- oder Ausland. Gespräche beim Essen in der Großkantine würde ich auch im besten Deutsch nicht verstehen, da bekommt Frankreiche einen Bonus, da hier das Mensaessen saulecker ist 😉

  20. Was ja auch wieder die Gespräche erleichtern kann, wenn man sich gegenseitig so viel übers Essen erzählen kann. Leichter zu verstehen als abstrakte Themen.
    Und wenn man nichts versteht, hat man immer noch das gute Essen. : )

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s