Die Königsfrage (und der Versuch einer Antwort)

Wenn Du eine Sache ändern könntest, um das Leben von Menschen mit Behinderungen zu verbessern, was wäre das?

Das fragte Christiane letzte Nacht in ihrem Blog. Und weil mich die Frage beschäftigt, würde ich das gern auch Euch fragen! Was meint Ihr?

Meine Antwort war übrigens folgende: Mich nerven die Automatismen, diese meist unbewußten, pauschalen und die ganze Person betreffenden Abwertungen (Behinderte sind krank, nicht leistungsfähig, uncool oder häßlich anzusehen etc.). In Wirklichkeit ist doch jeder Mensch ein bißchen anders — ganz egal ob behindert oder nicht, jeder hat andere Stärken und Schwächen, kann, will oder braucht anderes. Und das ändert sich auch noch einmal je nach Lebenssituation.

Darum würde ich vielleicht die pauschalen und die ganze Person betreffenden Aufwertungen abschaffen, also z.B. den “Schwerbehindertenausweis”. Denn der verbindet Stigmatisierung (man ist „ein Behinderter“) mit vergleichsweise ungezielten und im Einzelfall sogar mal ungerechtfertigten Begünstigungen. Ich würde ihn durch ein flexibles und niedrigschwelliges System von beantragbaren Nachteilsausgleichen bzw. deren Finanzierung ersetzen.

Ich denke, es macht durchaus einen Unterschied ob die Logik ist “X ist schwerbehindert, das heißt er braucht und kriegt a, b und c” oder “X erklärt, dass er dieses braucht um jenes machen zu können. Darum kriegt er es”.

Wobei ich durchaus sehe, dass ein „Ausweis“ und pauschale Regelungen auch Vorteile haben. Man muss sich nicht jedesmal die Mühe machen um Hilfen zu bitten. Und man kann besser Gleichstellungsmaßnahmen einführen, also z.B. sagen, dass „Schwerbehinderte grundsätzlich“ zum Vorstellungsgespräch einzuladen sind, wenn sie nicht aufgrund ihrer Unterlagen offensichtlich für den Job ungeeignet sind.

Wie seht Ihr das?

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14 Antworten zu “Die Königsfrage (und der Versuch einer Antwort)

  1. ich habe sofort, noch bevor ich deine antwort gelesen habe, gedacht:
    ich würde ‚machen‘, daß behinderung als etwas völlig alltägliches wahrgenommen wird, und daß menschen sich dessen _bewußt_ sind, aber eben im positiven sinne. auch so, daß sie mit jemandem im rollstuhl reden können, ohne sich unwohl zu fühlen etc. – dann würde, glaube ich, die masse der gesamten menschheit die schwierigkeiten schon schaukeln, die für behinderte menschen aus ihrer behinderung entstehen, und auch das positive daran sehen.

    daß das vielleicht nichts ist, was ich tatsächlich in der realen welt in der hand hätte [wie z.b. bei dir, schwerbehindertenausweise abschaffen], weiß ich, dachte aber, wir hätten absolute kreativität/narrenfreiheit.

    zu deinen punkten: dein logik-dings finde ich gut. ich finde auch, daß es einen unterschied macht, gebündelt bedarf unterstellt zu bekommen oder eben dinge aufgrund von eigen-[em] bedarf zu beantragen. erfordert aber einen hohen mehraufwand im gegensatz zu heute, glaube ich. meinste nicht auch?

  2. Über den deutschen Schwerbehindertenausweis wurde schon einige mal
    in Foren diskutiert und gelästert.
    Andere Länder haben andere Systeme für Nachteilsausgleich,
    das haben Behinderter Barrierefrei machen etc.
    Ich denke, jedes System hat Vor- und Nachteile, ein „Königssystem“
    gibt es nicht.
    In jedem System wird es Profiteure und Benachteiligte geben.
    ut finde ich das System in Skandinavischen Ländern.
    Dort gibt es einen monatlichen finanziellen Nachteilsausgleich und
    der einzelne Behinderte kann frei entscheiden, was er damit macht.
    Klar, auch da kann man einiges kritisieren.
    Was ich nicht mag wäre ein System wo man für jede einzelne Sache
    bürokratische Anträge stellen muß.
    Bei Kritik am „schweren Ausweis“ sollte man immer daran denken:
    Erst vor ca 45 Jahren (genaues Jahr nicht mehr im Kopf) wurden
    hochgradig Hörbehinderte als Schwerbehinderte anerkannt!
    Engagierte Hörbehinderte und hörende Angehörige haben dafür lange
    kämpfen müssen.
    Man muss aufpassen, das heute nicht am Ast gesägt wird, auf dem
    viele Hörbehinderte sitzen!
    Gewisse „Sparpolitiker“ warten nur darauf, das sie einen Vorwand
    bekommen um Vergünstigungen zu streichen ohne dafür mehr
    Barrierefreiheit zu schaffen.

  3. Arrgh, wieder mal zu schnell getippt.
    Korrektur zu obigem Beitrag:
    fünfte Zeile streichen.
    In Zeile Neun fehlt als erster Buchstabe g.

  4. rebhuhn, wenn sie Königin von Deutschland wäre, darf jede die Frage so verstehen wie sie möchte! (Außer denen, die die app-codes gewinnen wollen, die müssen Christianes Geschmack treffen 😉 )

    Wenn das System gut durchdacht wäre, wäre auch der Aufwand nicht so hoch, denke ich. Man müsste es halt einfach und flexibel gestalten, so dass im Endeffekt nur ein Brief und irgendeine Form von Nachweis geliefert werden müsste. Und so, dass Gleiches/Gleichbleibendes nicht ständig wieder beantragt/verlängert werden müsste. Kann also sein, dass das Ganze am Ende doch wieder auf eine Art Ausweis hinausliefe, eine Art Nachteilsausgleichssammelkarte.

    Mein Gedankengang kam halt vor allem aus der Ecke, dass mir auf den Keks ging, dass Leute, die irgendeine Behinderung haben, dann immer gleich „Behinderte“ sind, mit allen dazugehörigen Assoziationen.

    Charly Brown, klar, Vor- und Nachteile gibts immer. Kriegt man denn in skandinavischen Ländern die Summe, ganz egal ob man gerade Bedarf an irgendetwas hat oder nicht? Und sicher, man müsste aufpassen, dass es fair zuginge und Erreichtes nicht den Bach runter ginge. Unstrittig wäre das alles nicht.

  5. nqlb, soweit ich richtig informiert bin, bekommen Gehörlose dort
    (und in Italien) jeden Monat eine feste Summe überwiesen ohne
    jedesmal einen Bedarf zu begründen.
    Ich denke, es ist ein gerechter Ausgleich dafür, das hochgradig Hörbehinderte im Berufsleben nie dasselbe Einkommen erreichen
    wie vergleichbare Hörende.
    Natürlich ist es etwas problematisch, wenn Gehörlose aus einer reichen
    hörenden Familie auch so eine Geldzahlung bekommen.
    Jedes System hat irgendwelche „Ungerechtigkeiten“.

  6. Normalerweise wehre ich mich gegen die Aussage „Behinderte sind nicht krank“, vor allem wenn sie in Form von Facebook-Kettenbriefen von Nichtbetroffenen daherkommt, abr Dir – als Betroffenem – gestehe ich diese Meinung natürlich zu.

    Keiner ist verpflichtet, seinen Ausweis zu beantragen oder vorzulegen, schlimmer stelle ich mir einen Antrag für jeden Einzelfall vor, vor allem wenn wie bei Bea weit mehr – verzeih mir die Pauschalisierung – als ein Höhrgerät notwendig ist.

    Ob Geld immer der richtige Weg ist und ob jeder Behinderte dadurch einen finanziellen Nachteil hat, möchte ich auch dahingestellt lassen, ich kenne auch einige Ausweisinhaber die nicht mehr eingeschränkt sind als andere ihres Alters. Nicht jeder Behinderte ist krank und nicht jeder Kranke behindert, aber irgendwo muss man natürlich die Grenze ziehen.

    Aber genau so wie Nichtbetroffene selten wissen wovon sie reden, neigen Behinderte wie Angehörige meiner Erfahrung nach auch häufig zur Projektion der eigenen Situation auf andere ebenso klassifizierte – ich bin da keine Ausnahme.

    Ob allerdings – um zur ursprünglichen Frage zurückzukommen – die Pauschale Abschaffung aller Vorurteile und Diskriminierungen irgend etwas verbessern würde, wage ich auch zu bezweifeln. Wären Behinderungen wirklich „normal“, gäbe es gesellschaftlich keine Basis mehr für einen Ausweis oder irgendwelche Vorteile/Ausgleiche.

  7. He write silent

    Apropos „Schwer“behindertenausweis: EU-Kommision will innerhalb 5 bis 10 Jahren einen europäischen Behindertenausweis (statt Schwerbehindertenausweis) einführen.

  8. Ich finde es gut, dass Ihr mir hier soviel erläutert und soviel zum Nachdenken gebt. Dankeschön!

    Sebastian, keine Sorge, ich bin hier nicht empfindlich, ich will diskutieren. Ich finde einfach, dass „krank“ bei einem gleichbleibenden Symptom nicht der treffende Ausdruck ist (gleichbleibendes Symptom heißt übrigens nicht gleichbleibender Zustand). Gegen „behindert“ dagegen habe ich nichts. Das finde ich durchaus zutreffend. Mit der Idee oben verbinde (bzw. inzwischen eigentlich: verband) ich auch nicht die Hoffnung, alle Vorurteile und Diskriminierungen abzuschaffen (so träumerisch bin ich nicht), sondern den behördlichen Umgang damit anders aufzuziehen. Den kann man nämlich immer noch leichter ändern als „die Gesellschaft“.

    Hewritesilent, weißt Du mehr darüber wie dieser Ausweis funktionieren soll?

  9. He write silent

    Ich habe zwar keine genaue Informationen, aber dafür habe ich einen Link (http://www.eu-info.de/leben-wohnen-eu/5861/8257/behinderte-reisen) entdeckt, die nach deutschem Vorbild auf dem Weg bringen könnte.

  10. Das Leben von Behinderten verbessern? Ja, klar! Zum Beispiel durch mehr Geld und Gerechtigkeit für Contergan-Geschädigte und ein offizielles Schuldbekenntniss der Verursacherfirma Grünenthal! Die Contergan-Geschädigten haben heute mit sehr vielen Gesundheitsproblemen zu kämpfen und bekommen keine ausreichende Entschädigung von Grünenthal. Das ist eine Sauerei. Als autokratische Königin würde ich da mit der Faust mächtig auf den Tisch hauen.

    Alle Imageprobleme (dass Menschen mit Behinderungen als „Behinderte“ bezeichnet werden) sind mir ehrlich gesagt wurscht. Und lassen sich auch durch Sprachkosmetik á la „Migrationshintergrund“ nicht abschaffen. Wer sich von der vermeintlichen Geringschätzung durch andere getroffen fühlt, muss sich fragen, ob er/sie nicht selbst innerlich diese Haltung hat und sich tatsächlich insgeheim anzweifelt oder abwertet. Wenn nicht, ist man eh immun dagegen.

    Die Bürokratie kann ihre Ausweise von mir aus nennen, wie sie will. Mit meinem „Schwerbehindertenstatus“ habe ich nur extrem selten zu tun, etwa beim Vorlegen des Ausweises für vergünstigten Eintritt. Ansonsten im Alltag: Wurscht. An dieser Stelle mal: DANKE, deutsche Ämter, für die echt vielen Vergünstigungen und Erleichterungen, die ich als Hörbehinderte nutzen darf. Kann nicht klagen, wirklich nicht. Steuerfreibetrag, Hilfgeräte für die Berufsausübung, GEZ-Freistellung und vieles mehr. Finde ich echt nett. Bin zufrieden.

    Nein, ich denke mal, es geht uns gut. Wir leben schmerzfrei und können uns behaupten. Oder etwa nicht? Aber den Leuten, die echt bedrohliche Erkrankungen, Schmerzen, schwere Lähmungen, gefährliche Krämpfe haben, die nichts allein machen können, denen sollte viel Erleichterung zukommen. Behinderte, die echt in der Klemme sitzen, die viel Hilfe brauchen, die nicht arbeiten können, die sollten nicht für jeden Kleinkram demütigende Anträge stellen müssen. Und in armen Ländern müsste es eine ausreichende Grundversorgung für Behinderte geben, denn was wir hier in Deutschland haben, das ist vergleichweise schon königlich – ach, kaiserlich.

  11. Also, wenn ich allmächtige Königin wäre und eine konkrete Sache für Behinderte ändern dürfte: Dann würde ich Fahrstühle und Aufzüge im öffentlichen Raum (S und U-Bahn!) vom hintersten Ende des Bahnsteigs in erreichbare Nähe umsetzen. Die Aufzüge würden auch wirklich zum Anschlußbahnsteig oder zum Ausgang führen und nicht in ein stinkendes, schlecht ausgeleuchtetes Zwischengeschoß. Und dann würde ich Wachpersonal postieren, das von jedem miesen Ecken-Pinkler eine richtig saftige Strafe einkassiert, für die Reinigung.

    Nur ein einziger Tag in Deutschland auf Rollstuhlfahrerhöhe – und du kriegst das kalte Grausen! Dreck, Uringestank und Sackgassen.

  12. Hewritesilent, danke für den Link. Dafür wär ja ein europaweiter Ausweis wirklich mal gut!

    Pia, ich finde Verwaltungshandeln und Verwaltungskategorien durchaus was anderes als ein Imageproblem. Und ich kam darauf, weil ich was gesucht hatte, das alle Behinderungen betrifft. Aber dass „wir“ im Vergleich zu anderen sehr gut dastehen und man dort vielleicht eher oder zuerst was machen sollte, keine Frage.

  13. Ach so, ich dachte, du meinst mit „Königsfrage“: Was hätte oberste Priorität?
    Eine Behinderung ist ja eigentlich schlichtweg Schicksal, aber bei einer Schuldfrage muss fairer und gerechter gehandelt werden. Dass die Fa. Grünenthal die Contergan-geschädigten Leute so hängen lässt – da kommt mir die Galle hoch. Und dringlich ist das auch, weil die Leute JETZT im zunehmenden Alter unter den Folgen nochmal doppelt schwer leiden und viele sogar schon gestorben sind. Der Staat zahlt eine Art Sozialhilfe, aber die Verursacher zahlen nichts und machen weiter dicke Gewinne.
    Unfair.

  14. Na, nichts haben sie ja zum Glück nicht gezahlt. Du hast aber recht, die sollten gerade jetzt etwas mehr für die Leute tun.

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