„Da sind ja überall Menschen!“ — Was das elektrische Ohr mit dem Tabakladen gemein hat

Um in einer fremden Stadt anzukommen, um wirklich da zu sein im Gegensatz zum Durchlaufen und wieder Verschwinden wie ein Geist, pflegte Heinrich Böll einen Tabakladen aufzusuchen. So zumindest beschrieb er es in seinem Irischen Tagebuch. Er kaufte nicht mehr als eine Schachtel Zigaretten und ein paar Streichhölzer. Doch diese Transaktion mit einem Einheimischen machte für ihn den Unterschied. Ich fand das schon immer eine schöne Geschichte. Doch wirklich verstanden was Böll damit meinte habe ich erst, als ich ohne die Sprache zu können durch Aleppo streifte,  mich trotz stundenlangen Laufens wie durch eine Glasplatte von den Einheimischen getrennt fühlte und schließlich nach dem Kauf eines Hähnchenspießes feststellte, dass ich mehr getan hatte als nur meinen Hunger zu stillen. Plötzlich war ich dort.

Einen ganz ähnlichen Quantensprung des Da-Seins bescherte mir das elektrische Ohr. Denn Menschen sind zwar überall in meiner Heimatstadt und die Sprache stellt dort auch kein Hindernis dar. Doch wenn jede noch so kleine Unterhaltung, jedes Angesprochenwerden stockt, weil ich nicht verstehe, was mein Gegenüber will — dann gleitet man irgendwann durch die Straßen und erledigt dort nur das, was man zu erledigen hat. Es laufen zwar Leute überall neben einem, doch die Barriere, sie anzusprechen (oder sich ansprechen zu lassen) ist so groß als könne man ihre Sprache nicht. Man geht zwar einkaufen, doch außer der zu zahlenden Summe und einer Reihe Hallos, Bittes und Dankes geschieht nicht viel. Es hat eine gewisse Geisterhaftigkeit. Oder vielleicht auch nur Touristenhaftigkeit. Und das obwohl man nicht in der Fremde sondern ganz zu Hause ist.

Seit ich nun auf der einen Seite elektrisch höre sind überall Menschen. An der Ampel, hnter der Kasse, am Tresen und neben dem Regal. Natürlich rede ich nicht mit all denen. Aber wenn ich angesprochen werde, verstehe ich oft auf Anhieb was los ist. Und erstaunlich oft ergibt sich beim Bezahlen oder beim Warten ein kleiner Wortwechsel und erstaunlich oft bin ich dabei frech, manchmal übermütig oder gar kokett. Die allerallermeisten dieser Menschen sehe ich nie wieder. Und doch sind diese kleinen, nichtsnutzigen Wortwechsel ein großer Gewinn. Meine Welt ist bevölkerter, ich bin in der Öffentlichkeit mehr da. Und es macht Spaß!

Wie ist es denn so, nach anderthalb Jahren mit dem Cochlea Implantat? Weitere Resümees gibt es hier:
Teil 1: Einmal Blackout und zurück
Teil 2: Aus den Augen, noch im Sinn
Teil 3: Das Karussell
Teil 4: Niemanden bitten müssen
Teil 5: Zufrieden mit dem elektrischen Ohr?

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9 Antworten zu “„Da sind ja überall Menschen!“ — Was das elektrische Ohr mit dem Tabakladen gemein hat

  1. NQLB: Genauso empfinde ich täglich beim Einkaufen, bei der Post oder im Café: ich verstehe (95%) der Fragen, die mir gestellt werden!!! Nicht, dass ich diese kleinen Gepräche brauche, aber meine Welt war (viele Jahre) erstaunlich still OHNE diese kleinen Gepräche. Diese „Glasplatte“ von der Du schreibst war 24h gegenwärtig!!! Ich liebe mein Leben OHNE diese Glasplatte und mein Umfeld (Familie, Kunden, Freunde, …) ist DANKBAR, dass diese Glasscheibe endlich weg ist!

  2. 🙂 Erstaunlich, nicht war? Es gibt ja genügend Situationen wo diese Glasplatte dennoch da ist, also zB in angeregten Gruppengesprächen in lauter Umgebung.
    Aber diese kleinen Wortwechsel mit den Menschen mit denen man im Alltag so zu tun hat ohne sie zu kennen…

  3. Jaja, ganz erstaunlich. In lauter Umgebung ist natürlich Schicht im Schacht, wenn der Krankenwagen vorbeijault.. Bei mir ist die Glasplatte auch weg. Habbich gestern erst wieder beim Ausflug zu Games Workshop mit meinem Freund gemerkt. War übrigens die einzige Frau im Laden, hihi… Da habbich verstehen können was der Verkäufer dem Spieler erklärt hat… Naja, und dass ich die wichtigsten Begriffe für Tabletop und Rollenspiel kenne half auch…

  4. Vom früheren Hörenkönnen bin ich es auch noch sehr gewohnt, wenn Menschen da sind, sie einfach anzuquatschen, locker Kontakt zu machen. Den Impuls habe ich immer noch, aber dann kommt immer der Reaktionsmoment, wo die Leute munter drauf eingehen – und ich nichts verstehe. Mit CI. Es reicht bei weitem nicht für „mittendrin“ sein. (Oder bin ich echt so mies eingestellt? Immer wieder diese Unsicherheit.) Hinzu kommt der Stadtlärm, die Geräuschesuppe um einen rum, egal wo, egal wann. In einer ländlichen Umgebung ist es geradezu paradiesisch, da klappt sogar das entspannte Genuschel über den Gartenzaun hinweg. Vielleicht sollte ich umziehen. Immer diese Unsicherheit …

  5. Oja, diesen Moment kenne ich gut, genau das meine ich. Schrecklich, und auf die Dauer schrecklich demotivierend. Glaube aber, es ist trotzdem gut, sich den Ansprechimpuls zu bewahren. Für die wenigen Fälle, in denen was draus wird. In Sachen Stadtlärm finde ich Berlin, diese Ansammlung von Dörfern, da noch vergleichsweise schwerhörigenfreundlich. Übrigens, die Unsicherheit woran’s jetzt liegt, ist genau der Grund warum ich neulich so laut über Disclaimer nachgedacht habe.

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  7. Genau hier fahre ich auch oft voll gegen die Wand! Da ich bei einem Gespräch 1:1 in einem ruhigen Raum sehr gut verstehe (und darum mit dem CI noch warte…) bin ich etwas falsch getickt und vergesse, dass das draussen nicht geht. Standardisierte Dialoge wie z.B. an einer Kasse im Warenhaus – „Haben Sie die Kundenkarte?“ – „Nein, eine Kundenkarte habe ich nicht…“ funktionieren, auch wenn ich nix verstehe. Aber wehe, wenn eine ungeplante Frage kommt wie – „Wollen Sie den Kassenbeleg?“ – „Nein, eine Kundenkarte habe ich nicht….“ – dann merke ich am Gesichtsausdruck schnell, dass da etwas nicht stimmt.

    Werde ich in der Stadt (übrigens: ich wohne in Zürich, alle sind herzlich willkommen!) angesprochen merke ich meine Grenzen. Oft muss ich nachfragen, wird es zu mühsam weise ich auf die Hörgeräte. Das hilft, vor allem Touristen aus England oder den USA reagieren oft sehr ungezwungen.

    Die mitlaufende Unsicherheit ist lästig und führt bei mir oft zu einem Vermeidungsverhalten. Anstatt kurz jemanden zu fragen versuche ich mich alleine durch zu wursteln. Nicht optimal, da ich so dem direkten Kontakt aus dem Weg gehe.

  8. Dieses Vermeidungsverhalten bzw. die Abwesenheit dessen ist genau das worum es mir hier geht.
    Trotzdem ist natürlich auch klar, es gibt immer auch charakterliche Unterschiede. Der eine guckt halt in der fremden U-Bahnstation erstmal auf den Stadtplan, die andere fragt sofort jemand wo die Kopenhagener Str. ist. Die eine plaudert halt ein wenig beim Bäcker, oder mit Leuten auf der Straße, der andere nicht.

  9. Pingback: Vorm Supermarkt sind alle gleich. Auch die Schwerhörigen. | Not quite like Beethoven

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