„Schwerhörige gelten als Personen mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit“

Klingt unglaublich, ist aber die Begründung, warum — der dpa zufolge —  eine französische Airline einer Gruppe von ihnen das Mitfliegen verweigert hat.  >>hier Sprachlosigkeit denken<<

Wie kommt man bitte auf sowas? Ich kann verstehen, wenn man Hörbehinderte nicht direkt an den Notausgang setzen möchte. Aber das Mitfliegen verweigern und sie am Flughafen sitzen lassen?! Es prüft ja auch keiner die Englischkenntnisse von Japanern bevor sie in Europa an Bord dürfen.

Das nennt man dann wohl synästhetische Diskriminierung, die Kopplung physisch miteinander unverbundener Bereiche in der eigenen Wahrnehmung.

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24 Antworten zu “„Schwerhörige gelten als Personen mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit“

  1. Was für´n Schnappes. Ist ja nicht zu fassen.
    Da müßten die sich doch höchstens bei Notlandung und Evakuierung (was man ja nicht hoffen möchte) speziell drum kümmern, weil die die Lautsprecherdurchsagen nicht verstehen.
    DEN Ärger kann ich nachvollziehen.

  2. Wie bitte?!? Wow, da bin ich auch erstmal sprachlos.

    Diese Argumentation ist absolut nicht nachvollziehbar. Menschen, die in keiner Weise behindert sind und die von den Flugbegleitern gesprochene Sprache verstehen, können in Extremsituationen aus reiner Panik (Blackout, was auch immer) auch zu einer Person mit eingeschränkter Bewegungsfreitheit werden. Am besten lässt man künftig niemanden mehr mitfliegen, ist eh alles viel zu gefährlich.

  3. Das hab ich eben auch gelesen und wollte dir schon den Link schicken. Da kann man nur mit dem Kopf schütteln.

  4. Es existiert leider so eine internationale Sicherheitsvorschrift im Flugverkehr.
    Vor über 40 Jahren habe ich es schon persönlich erlebt:
    Gehörlose Schachmannschaften aus Bremen, Hamburg, Hannover
    wollten ab Hannover zur Mannschaftsmeisterschaft der Gehörlosen
    nach Berlin fliegen.
    Von der Fluggesellschaft PAN AMERICA (damals durften Deutsche Fluglinien nicht die DDR überfliegen) wurde uns gesagt:
    Es dürfen nur maximal 3 Gehörlose in einem Flugzeug reisen.
    Ich hab damals mit viel bitten und sachlichen Argumenten erreicht, das
    wir ausnahmsweise gemeinsam fliegen durften.
    (Hab gelogen, ich könne im Notfall Anweisungen der Flugbegleiter
    fliessend Lippenlesen und den anderen Gehörlosen dolmetschen.)
    Vor einigen Jahren wieder was ähnliches, als eine Gruppe Gehörloser
    gemeinsam in die Türkei fliegen wollten.
    Da waren drei hörende Personen dabei und die wurden als „Sicherheitsbegleiter“ akzeptiert.
    Tip: Nicht als „Hörbehinderte Gruppe“ outen.
    Nicht im Flughafenbereich als solche Gruppe auffallen.
    Was mich wundert:
    Warum haben die internationalen Verbände der Hörbehinderten bisher
    nichts unternommen, damit diese uralte Sicherheitsvorschrift abgeschafft wird?!

  5. Oh, vielen Dank für die Erläuterung! Toll, wirklich toll, Dich mit soviel Erfahrung und Wissen hier zu haben. Wenn das Problem schon so lange existiert, wundere ich mich allerdings auch, warum noch nichts getan wurde von Seiten der Verbände…

  6. Oha, was für ’ne Story!

    Aber: Warum jetzt eingeschnappt sein? Klar ist die Reaktion des Piloten völlig daneben und für die betroffene Reisegruppe verschissen und enttäuschend.

    Hier hat wohl der Pilot ganz einfach einen Aussetzer gehabt. Und, wie jemand hier schon geschrieben hat, wir wissen nicht wie sich die Reisegruppe verhalten hat.

    Diese Sicherheitsvorschrift gehört abgeschafft. Verbände + PolitikerInnen: Der Ball liegt bei Euch!

  7. Schwerhöriger

    Was ich hier von dieser Airline lese, ist Diskriminierung an die Hörbehinderung!
    Ich selber persönlich bin schwerhörig und weiss wie es mit der Kommunikation läuft. Was viele nicht wissen, dass wir eigentlich genauso leben wie die Nichtbehinderten! Nur weil wir nicht hören brauchen wir keine Sonderstellung um eine Begleiter im Flugzeug zu brauchen! Wir nehmen alles visuell auf und wissen dann was es bedeutet oder vermuten es. Wenn eine volle flugzeug plötzlich anschnallen dann weiss man dass ich auch anschnallen muss! Ich nehme mir ml Beispiel mit dem Zug! Da gibt auch kein Begleiter wie in Zug aber wir wissen selber wenn was ist oder so fragt man halt höflich die andere Passagier. Notfall hat man ja ein Stift und papier oder ne Handy um leichter zu kommunizieren. Ich könnte gegen diese Airline anzeigen und vor allem blöde Sicherheitsratvorschriften müsste man was dagegen tun!!!

  8. Ich bin grundsätzlich gegen übertriebene Gleichstellung – wie sie die EU beispielsweise derzeit an Schulen durchsetzt – wenn die Regelung besagen würde, dass maximal die Hälfte der Reisenden taub sein dürfen, hätte ich absolut Verständnis, aber nicht jeder Höhrgeschädigte hat die gleichen Einschränkungen. So mancher von der Regelung Betroffener dürfte besser höhren als der Träger eines voll aufgedrehten MP3 Players neben ihm oder der Konzertbesucher von gestern Abend.

  9. Wie ist denn die Regelung genau, weiß das jemand? Und wo finde ich die? Habe mal gesucht, aber nichts gefunden…

  10. Hmh, im myhandicap-Artikel steht auch etwas von wegen „mobilitätseingeschränkt“… Ich erinnere mich vage, dass ich auf meinen ersten Antrag für einen Schwerbehindertenausweis hin ein Schreiben erhalten hatte, in welchem tatsächlich etwas von Einschränkung der Bewegungsfreiheit stand. Ich nehme aber an, damit ist nicht die Mobilität gemeint. Ich habe das eher so interpretiert, dass ich mit dieser Hörschädigung eben nicht alles tun kann, was ich sonst könnte (alles hören z.B.)
    Ist das etwa ein Übersetzungsfehler, ein Verständnisfehler bezüglich Mobilität und Bewegung?

  11. Danke, He write silent, für den Hinweis.
    Mein Eindruck ist, dass es dort u.a. (bzw. viel) um mobilitätseingeschränkte Behinderte geht. Warum nun Hörbehinderte mobilitätseingeschränkt sein sollten, verstehe ich immer noch nicht. Die Airlines haben ja auch unterschiedliche Kürzel für unterschiedliche Behinderungen (WCHR etc für mobilität und DEAF für hörbehindert)

    Livia, das ist ja interessant, dass damals so etwas geschrieben wurde. Aber das wäre dann wirklich ein seeehr weites Verständnis von Mobilität. Vielleicht war es damals auch so wie in dem myhandicap-Link, dass dort im selben Text auch über Mobilitätseinschränkungen geredet wurde, obwohl die dich als Schwerhörige gar nicht betreffen?

  12. Hallo – jetzt habe ich doch mal geforscht – ich muss das verwechselt haben mit diesem Begriff hier: „Dauernde Einbuße der körperlichen Beweglichkeit“
    siehe folgenden Link http://www.global-help.de/merkzeichen-gesundheitliche-voraussetzungen/211.shtml – hierunter fallen auch Schäden an Sinnesorganen wie Seh- und Hörbehinderung.

  13. Interessant, vielen Dank! Verstehen tue ich es allerdings immer noch nicht.
    Gut, da steht „in besonderen Fällen“, damit ist schon mal klar, dass es auch behördlich von Hörbehinderung nicht automatisch auf Bewegungseinschränkungen geschlossen wird. Aber was soll das heißen, in besonderen Fällen? Bei Hörbehinderung kann ich mir da eigentlich nur die Sonderfälle vorstellen, in denen das Gleichgewicht betroffen ist (Meniere und Co.).

  14. He write silent

    Was mit Definition „mobilitätseingeschränkt“ betrifft kann ich mir schon vorstellen, warum sie so ausgedacht haben. Man muss sich vorstellen, in wieviel Sekunden man geschafft hat, den kompletten Airbus A380 mit voller Besatzung leer zu räumen können? Dies wurde mal getestet und da kam man auf unglaubliche 80 Sekunden (!) bei 875 Teilnehmer. Eine Notsituation ist schon sehr heftig und verläuft schnell. Für so eine schnelle Abwicklung ist das schon ganz nachvollziehbar und sogar „besser“ für unser Leben, wenn die normalhörende Passagiere sich am Notausgang/Notausgangsfenster befinden, weil die alles schnell mitbekommen können, was aufgerufen wird oder in Hektik/Panik von der Crew gesagt/geschrien wird. So eine Situation hast du noch nie erlebt und es ist wirklich ein „Tempokampf ums Überleben“. Wenn wir mal einen Airbus A380-Test machen mit vielen Hörgeschädigten (die angeblich mobilitätseingeschränkt sind) an den Notausgänge, dass man nicht auf 80 Sekunden kommen würde, sondern mehr! Und das würde bei einem Unglück „mehr“ Menschenleben fordern (bei Feuerausbruch zum Beispiel). Wer Rollstuhlfahrer ist, dauert noch länger als „mobilitätseingeschränkte Hörgeschädigten“. Es hat was mit Definition mobilitätseingeschränkt zu tun.

  15. Also, ich bin von geburt an taubheit-grenzend Schwerhörig und verstehe daher auch die Aufregung von vieler Hörgeschädigte.
    Ich würde akzeptieren, wenn die GL-Gruppe nur die Sitzplätze nehmen dürfen, die ausshalb von diversen Notausgängen sind. So könnte die GL im extremsituation sehen, daß die guthörenden und die Flugbegleiter irgendetwas am Notausgänge zu bewältigen und handieren, dann werden die GL recht schnell begreifen: „Oh, Notfall…wir müssen auch schnell raus“, daher glaube ich auch fest daran, daß diese Weise ähnlich schnell reagieren und aus dem Flugzeug fliehen können wie die Guthörende.
    ABER, ich würde NICHT akzeptieren, diese GL-Gruppevor dem Flug komplett aus dem Flugzeug abzuweisen! Die Argumente von dieser frz. Fluggesellschaft halte ich für lächerlich und empfinde auch selber diskrimierend!

  16. Als ich das gelesen habe kam mir die Galle hoch. Ich kann das immer noch nicht verstehen, was der Pilot sich dabei gedacht hat.

    Warum sortiert man, dann nicht die Menschen dann aus, och sie können kein Englisch, dann werden Sie die Sicherheitsbeschriftungen und Ansagen einer amerikanischen oder englischen Airline nicht verstehen. Am den Boden bleiben. oder och Sie sind Brillenträger dann werden Sie die Notausgangsbeschriftungen nicht schnell genug lesen können….man könnte die Liste beliebig weiter führen.

    Ich bin mehrmals in NY gewesen und im Frühjahr war ich ebenfalls mit meiner gehörlosen Freundin unterwegs gewesen. Überhaupt kein Problem und in NY hatten wir auch das Bodenpersonal informiert, weil wir die Durchsagen der Sitzreihen nicht verstehen könnten. Kein Problem..Sie haben uns sehr gut behandelt und deutlich gesprochen. (Danke an das Personal von JFK)

    Nächstes Jahr fliege ich mit weiteren 3 hörgeschädigten Personen nach Chicago, wir haben keinen hörenden Begleiter und nun? Das Reisebüro hat uns nicht gesagt, da müssen wir aber mal gucken ob das überhaupt geht. Ganz normal und wie will man es bei einer Onlinebuchung überhaupt prüfen?

    Und seit wann sind wir mobilitätsbehindert? Ich dachte, ich hätte eine Kommunikationsbehinderung. Ich glaube, wir sollten die Gehörlosen und Schwerhörigenverbände dazu mobilisieren, dass so was in der EU nicht mehr passiert.

    Liebe gebärdensprachliche Grüße

    nitquakemake

  17. He write silent und Arno, na wie gesagt, am Notausgang kann ich auch verstehen. Aber darum ging es ja allem Anschein nach nicht.

    Ich bin auch nicht so ganz sicher ob ich Sebastians Ansicht teile. Einerseits klingt es natürlich schlüssig, dass ab einer gewissen Anzahl Hörbehinderter im Flugzeug die Gefahr größer ist, dass was schiefgeht oder länger dauert, was dann Menschenleben kostet. Andererseits stelle ich mir vor: Das müsste schon eine *sehr* hohe Anzahl sein. Ich habe auch zuwenig Erfahrung mit Flugzeugproblemen um wirklich sagen zu können ob akustisches Verstehen hier wirklich so entscheidend ist wie es auf den ersten Blick scheint (Im Gegensatz zu Dingen wie Ruhe bewahren, die Sicherheitshinweise verfolgt haben und ansonsten den (auch gestischen) Anweisungen folgen.) Ich könnte mir zumindest vorstellen, dass es das nicht ist (oder zumindest relativ einfach so geregelt werden könnte dass es das nicht ist). Gibt doch sicher Forschung dazu, oder? Ich meine welche Form von Anweisungen überhaupt verstanden werden, welche wichtig sind…

    nitquakemake, im Reisebüro kann man angeben, dass man hörbehindert ist, ich weiß allerdings nicht, was dann passiert. Im Internet habe ich auch noch nie ein entsprechendes Feld gesehen.
    Ich wünsche jedenfalls guten Flug, New York liebe ich und nach Chicago würde ich auch gern mal wieder!

  18. @Arno:
    Ich hätte sogar eher gedacht, die Gl an den Ausgängen zu plazieren, damit
    entweder das Personal oder andere Passagiere quasi auf dem Weg zum eigenen Ausstieg die Gl „mitnehmen“ können….sonst werden die am Ende vergessen. Aber vielleicht ist mein Gedanke auch nicht so gut.

  19. Es geht bei dieser Sicherheitsvorschrift um eingeschränkte Beweglichkeit.
    Bei GL und anderen Nixhörenden geht es aber nur Kommunikationsprobleme.
    Was ist dann mit Gruppen von Chinesen, Indios, etc die kein englisch können?!
    Die verstehen auch nicht die Anweisungen der Flugbegleiter!
    Es genügt, wenn bei Antritt der Reise den Gl der Notausgang
    gezeigt wird und sie bei Gefahr warten, bis ein Flugbegleiter ihnen
    mit Handbewegung anzeigt, zu diesem Notausgang gehen und raus.

  20. Der jüngste Fall ist nicht der einzige, es gab in der Vergangenheit immer wieder solche Fälle – hier kann man es nachlesen:
    http://meinaugenschmaus.blogspot.com/2009/08/schutz-vor-behinderten-oder-schutz-der.html

  21. Danke für den Hinweis, hatte ich damals gelesen aber schon wieder vergessen. Das ist ja dann wirklich die Höhe, fürchten zu müssen, dass man die Reise nicht antreten kann, weil vielleicht noch ein anderer Hörbehinderter dazukommt. Echt ein Grund, inkognito zu reisen.

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