Die Vorstellungs-Rochade

Ich bin kein Schachspieler, ich habe dafür keine Geduld. Trotzdem habe ich inzwischen den Eindruck, dass man aus dem Spiel allerlei fürs Leben lernen kann. Zum Beispiel die Lösung für ein doch recht peinliches Problem, die Vorstellungs-Rochade. Und die geht so:

Von allen Wörtern sind Namen für Schwerhörige am Schwierigsten zu verstehen. Gut, die drei beliebtesten Vornamen und häufigsten Nachnamen gehen. Aber sonst — ein Horror, erst recht wenn Ausländer involviert sind! Und oft genug aussichtslos. Auch nach fünfmal wiederholen verstehe ich nicht wie mein Gegenüber heißt —  unangenehm wird die Situation schon nach drei erfolglosen Wiederholungen. Ich habe mir angewöhnt, in dem Fall erstmal weiterzumachen, das Thema zu wechseln und das Gespräch irgendwie anders fortzusetzen. Später komme ich dann noch einmal darauf zurück und lasse mir entweder den Namen schriftlich geben (zusammen mit der Telefonnummer, Email-Adresse oder Visitenkarte) oder ich frage jemand anderes nach dem Namen der Person.

Das klappt auch ganz gut. Außer, ich renne mit der neuen Bekanntschaft in alte Bekanntschaft und muss dieser dann jene vorstellen. Auf Parties, Tagungen oder Empfängen passiert das leider recht häufig. Dann kommt die Rochade zum Einsatz. Ich beginne einen Vorstellungsansatz (à la „und das ist…„) und murmele dann unverständlich leise weiter oder verstumme ganz. Es ist erstaunlich wie oft sich das hinter einem Lächeln mit entsprechender Geste verbergen läßt. Als Reaktion darauf stellen sich dann die Leute einander selber vor. Eine elegante Lösung, finde ich, wenn auch mit dem für solche Methoden üblichen Preis: Sollte sich später dann doch noch herausstellen, dass ich den Namen nie verstanden habe, ist das umso peinlicher.

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14 Antworten zu “Die Vorstellungs-Rochade

  1. 🙂 genau das läßt sich auch anwenden, wenn man mit $altemBekanntem zusammensitzt, dessen namen man vergessen hat [war halt nur über drei ecken] und dann $andereBekannteLeute trifft, denen man den dann vorstellen muß. klappt natürlich ebenso.

    ist also ein ding, das auch nicht-schwerhörige anwenden können; wenn auch nicht ohne risiko…

  2. Die Rochade kostet allerdings Nerven, oder? Ich meine, wenn einem was peinlich werden könnte?
    Aber mit schlappen Ohren werd ich in manchen Situationen auch ökonomisch. Dann unterscheide ich: wie wichtig ist es, dass ich diesen Namen kennen muss. Wenn mir jemand wichtig ist, dann frage ich nach dem Namen, bis ich ihn verstehe – und kläre über die Schwerhörigkeit auf. Denn ich will ja dann den Kontakt intensivieren und kommunizieren.
    In anderen Situationen weiß ich, jetzt ist zwar nicht die Zeit dafür, aber ich weiß, dass ich die betreffende Person wiedersehen werde und dass ich dann wieder eine Chance bekomme, den Namen zu verstehen.
    Am Telefon ist es am einfachsten, da lasse ich mir die Namen der Anrufer buchstabieren und wiederhole dann das Verstandene.

    Und ja: mit einem Lächeln und einem Nicken geben sich viele Menschen zufrieden und glauben, es ist alles in Ordnung. Nur – für mich ja dann nicht, und das will ich eigenlich auch nicht.

  3. Ja, aus „Andreas“ wird in meinem Ohr immer hartnäckig ein „Hans-Gerd“. (Steht dem Andreas auch viel besser, finde ich.) Umgekehrt wird mein Name auch von Normalhörenden mal vergessen und es tut mir nix weh, wenn ich ihn wiederholen soll. Lustig ist, wenn man bei einem zufälligen Treffen mit früheren Bekannten in gemeinsamen Erinnerungen schwelgt und dann nach einer ganzen Weile beiderseits feststellt, dass *ähm* der Name entfallen ist.

  4. rebhuhn, 🙂 sag ich doch. Schachzüge sollte man kennen.

    livia, es ist keine wirkliche „Lösung“, nur ein den Moment überwinden und Zeit für weitere Züge gewinnen. Und klar, es gibt Situationen, da kann ich mir sowas nicht leisten. Berufliche z.B. Da muss ich’s mir buchstabieren lassen oder aufschreiben. Zum Glück gibts da häufig Karten oder man weiß eh schon wie die Leute heißen.

    Pia, Namen sind halt eine trickreiche Sache, nicht nur für Schwerhörige. Aber ich weiß nicht, ist „Hans-Gerd“ wirklich eine Schmeichelei? Wiederholen ist nun wirklich nicht schlimm. Aber fünfmal und trotzdem noch erfolglos — ich stelle immer wieder fest, dass so etwas beide Gesprächspartner ganz subtil unter Druck setzt.

  5. Aber warum denn dann dieses Spiel, diese Taktiererei und die Rochade? Ich merke gerade, wie ich mich total verspanne, wenn ich mir diese Situation vorstelle (die ich ja auch schon erlebt habe): 5 Mal wiederholen lassen, immer noch nicht verstanden, ins Schwitzen geraten, innerlich fluchen und dann noch mitfühlen mit dem Gesprächspartner (toll – wenn dann noch Energie dafür da ist!).
    Ich möchte gerne die Verspannung abschütteln. Ich kann ja nix für diese Situation. Der andere auch nicht. Also, Karten offenlegen
    – Visitenkarten und Namensschild für alle 😉
    – Grundkurs im Buchstabieren nach dem Fingeralphabet ab der Grundschule 😀

  6. Man muss das nicht machen. Ich mache es manchmal, weil es, meiner Erfahrung nach, Situationen gibt, in denen der Name im Augenblick nicht so wichtig ist und das Weiterfließen des Gespräches oder Erstmal-Weitermachen wichtiger. Zum Beispiel leite ich Kurse und wenn da Neue kommen, rede ich immer kurz mit ihnen. Aber manchmal ist vor Beginn nicht die Zeit, die Akustik oder das Papier, die es mir ermöglichen würden, den Namen zu verstehen. Dann vertage ich das auf später. In mehr Zeit, bessere Akustik oder mit Papier (oder Handy).
    Nachtrag: Namensschilder würde ich mir aber auch deutlich häufiger wünschen, bin ein großer Fan von ihnen! (obwohl ich durchaus verstehe, warum sie öfter „aus Gründen der Atmosphäre“ weggelassen werden).

  7. Na, das kommt mir aber bekannt vor. Wenn man sich jetzt noch mein mieses Namensgedächtnis dazudenkt…

  8. (Übrigens: Falsch, falsch, falsch. Nie wieder klein beigeben. Nie wieder überleiten oder einfach ja sagen, obwohl man nichts verstanden hat. Ich habe gestern Abend auch ein Gespräch einfach abgebrochen. Oder Leute gebeten, mir den Namen oder das gesagte aufzuschreiben. Klingt zu nächst anstrengend und man muss sich überwinden, mit der Zeit lebt man so aber erheblich besser.)

  9. Grundsätzlich hast Du recht. Andererseits, wozu sich die Mühe machen wenn man den Namen eh wieder vergißt 😉
    Nee, mal im Ernst, ich finde es auch wichtig, zu den eigenen Bedürfnissen zu stehen und auch mal abzubrechen, wenn’s eben nicht geht. Aber man darf schon entscheiden ob hier und jetzt der Ort ist, den Namen zu klären oder lieber etwas später und anders — je nachdem wie man die Situation einschätzt oder wie interessant die neukennengelernte Person. Ich finde nicht, dass das klein beigeben ist.

  10. Stimmt, das ist dann einfach ein gutes Selbstmanagement.

  11. Ich lasse mir mittlerweile jeden Namen aufschreiben, den ich nicht auf Anhieb verstehe. Ich habe auch jahrelang getrickst und geknifft und versucht, die namentliche Anrede irgendwie zu umgehen… und mir damit eigentlich nur (unnötige) Probleme gemacht.

    Grundsätzlich sollte man sich Namen immer vorher schriftlich geben lassen. Eine Liste der Leute, die am Meeting teilnehmen, kann man immer erfragen. Bei Vorstellungsgesprächen weiß man in der Regel auch, wie der Ansprechpartner heißt. Im Geschäftsleben gibt es Gottseidank immer noch Visitenkarten. Die werden zwar gerne erst am Ende des Meetings verteilt, aber mit Visitenkarten ist es wie mit Revolvern im Wilden Westen: Zückt man seine eigene, ziehen alle anderen sofort mit.

    Und auch in Situationen, wo man sich nicht schriftlich vorbereiten kann ist es doch viel einfacher zuzugeben, dass man Namen einfach schlecht verstehen kann, weil man dabei nicht kombinieren kann. Negative Reaktionen auf diese Bitte habe ich noch nie bekommen – denn jeder freut sich eigentlich, wenn sich der Gegenüber für ihn persönlich interessiert. Die Situation ist also eigentlich immer positiv und nie peinlich oder unangenehm.

    Unangenehm ist es, wenn man als Freiberufler nicht weiß, wie die Person heißt, mit der man eben gesprochen hat. Oder wenn man mit jemandem das erste Mal persönlich zusammen kommt, mit dem man vorher schon Mailkontakt hatte – und es nicht merkt. Das ist ein ziemlicher Worst Case…

    Dann lieber Stift und Zettel rausholen und ein nettes „ach DU bist das“ hinterher. Ist doch viel einfacher als Namensschach 😉

  12. „Namensschach“ hehehe. 🙂 Mir scheint, wie so oft, dass es im beruflichen Umfeld mal wieder viel einfacher ist als nach Feierabend — wer will schon auf Parties immer gleich mit Visitenkarten wedeln…

  13. Ich kann dich gut verstehen nqlb.
    Deshalb liebe Ich Veranstaltungen auf denen alle Namenschilder tragen…
    Anfangs hab ich mich auch immer gedrückt, und mein mieses Namensgedächtnis noch mieser gemacht als es ist…. Jetzt hol ich Zettel+Stift raus und lass es mir aufschreiben… Unter Rollenspielern benutz(t)e ich gern auch die Variante Du, das ist der/die mit dem ich / wir (hier Rollenspielsystem und Abenteuer einfügen z.B. Midgard „Ein Schatten und acht Beine“ ) auf der xy-Con/ Brunch gespielt hab. Rollenspielsystem und Charaktername bleibt am ehesten hängen, den beides kann ich nachlesen… Unterhaltungungen zwischen mir und meinen Freund gehen stellenweise so: Freund: …Stephan… Ich: Stephan ? Freund: Der, der beim letzten Brunch Dungeonslayers geleitet hat… Ich: Ach der….

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