Activate — Bewegende Momente online gestellt

Dieses Video macht gerade die Runde. Eine — wie sie sagt — taub geborene Frau hört nach 29 Jahren zum ersten Mal die eigene Stimme. Dank eines Hörimplantats.

Es ist nicht das erste seiner Art. Man suche nur mal bei youtube nach „CI“ und „activation“ und wird erschlagen von der Vielfalt. Ich fand das schon immer irgendwie seltsam.  Einerseits wirklich rührend. Andererseits — ich kann mir für mich nicht vorstellen, einen so privaten Moment im Video dauerhaft öffentlich zu machen. Darüber zu schreiben, aber sicher doch!  Aber Video?
Dann wiederum, vielleicht ist das einfach eine Charakterfrage, wie man intim-fröhliche Momente teilt oder auch nicht. Und was weiß ich schon darüber wie es ist, taub geboren zu sein und zum ersten Mal die eigene Stimme zu hören.

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43 Antworten zu “Activate — Bewegende Momente online gestellt

  1. Ist der Moment zwingend intim? Oder einfach nur sehr, sehr emotional?

  2. Hast natürlich recht, ist er nicht zwingend. Da steckt meine Wertung schon drin. Ich würde halt so ein Video nicht unbedingt im Netz öffentlich machen. Wer weiß ob ich’s nicht irgendwann lieber nicht drin hätte. Charakterfrage?

  3. Das Video ist in jedem Fall sehr rührend, aber auch wenn ich nicht weiß ob und was nebenher gesprochen wird, wirkt es auf mich irgendwie „seltsam.“

    Soweit ich das mitbekommen habe ist die Dame von Geburt an Gehörlos, weil ihr Hörnerv faktisch nicht funktionstüchtig sei. Heißt im Klartext: Sie hat keine „Hörimplantat“ in Form eines CI, sondern ein ABI (Hirnstamminplantat) bekommen.

    Da ich selber eins trage und weiß wie aufwendig das erste Einschalten zelebriert wird. (Intensivstation, zig Fachärzte, tausend Kabel, Zugänge für den Notfall etc.) frage ich mich: Was ist das in dem Video? Einschalten beim Akkusticker? Dazu ist die Sache wohl naturgemäß unter dem Gesichtspunkt der von Geburt an währenden Gehörlosigkeit für viele sehr emotional. Man kann sich das Ganze, als Außenstehender aber gar nicht vorstellen. Ich meine sie bekommt gesagt, dass sie jetzt ihre Stimme hört und freut sich. Es könnte aber alles mögliche sein, womit man die Diskussion über Sinn und Unsinn einer derartigen Implantation nach etlichen Jahren ohne Ton wieder befeuern könnte.

  4. Also wenn ich das richtig verstehe handelt es sich um implantierbares Hörgerät — ein Mittelohrimplantat, kein ABI. Und anscheinend ist auch „die eigene Stimme klar hören“ der bessere Ausdruck. Sie war wohl hochgradig schwerhörig/an Taubheit grenzend und hatte Hörgeräte, dh. konnte schon ein wenig bis sehr wenig hören: http://www.huffingtonpost.com/2011/09/30/sara-churman-deaf-woman-_n_989220.html

  5. Hmm… irgendwo habe ich von einem defekten Hörnerven gelesen. So’n Mittelohr-Dings ist wohl das neueste wa!? Habe ich noch gar nicht von gehört und kann ich mir auch nicht vorstellen, allerdings wäre die Geschichte mit dem defekten Hörnerven damit wohl erledigt.

    Die nächste Frage – auf die Emotionen bezogen – ist dann allerdings wie man das Video werten soll. Die Leute denken, sie hat niemals nie etwas gehört und kann es jetzt (dank modernster Medizin). Alles ein wenig verwirrend finde ich.

  6. Ich habe auch Mühe damit. Gut, vielleicht war ich damals, als ich mein erstes und dann später mein zweites CI erhalten habe, zu genau im Bilde, wie es funktioniert und was zu erwarten ist, so dass für mich das Ereignis relativ emotionslos war. Nicht, dass ich es unterschätzen würde, aber für mich war das im Grunde genommen wie eine normale Anpassung eines Hörgeräts, das ich schon mein ganzes Leben zuvor trug. Das so ziemlich Einzige, was mich damals beschäftig that, war die Neugierde. Wie wird es sich anhören? Sonst eigentlich nichts. Ich weiss ehrlich gesagt nicht mal mehr genau, an welchem Datum ich operiert wurde und wann es aktiviert worden ist. Ich müsste tatsächlich in den Akten nachschauen gehen.

  7. CharlyBrown

    Es ist ein grosser Unterschied zwischen Menschen, die stocktaub waren,
    nie (oder Jahrzehnte lang) etwas gehört hatten und Menschen, die das
    Hören mit Hörgeräten kennen.
    Ich war seit achtem Lebensjahr taub.
    Über dreissig Jahre später bekam ich das CI.
    Ich hatte gute Erinnerung an hören.
    Aber es war doch ein emotionales Erlebnis, als das CI erstmals
    eingeschaltet wurde und ich mich selbst sprechen hörte.
    Bei Menschen, die tatsächlich von Geburt taub sind, ist das erste Hören
    mit CI sehr wahrscheinlich nicht emotionell sondern nur
    ein vollkommen fremdes Gefühl im Kopf, das erstmal verwirrt.
    Emotionen entstehen ja nur durch Ereignisse, die ein Mensch
    verstandesmässig kennt, zuordnen kann etc.
    Darum denke ich, die Frau in dem Video war von Geburt resthörig,
    kannte das unzulängliche Hören mit Hörgeräten.
    Mit CI hat sie plötzlich um ein vielfaches deutlicher, lauter etc gehört.
    Verständlich, das es starke Emotionen ausgelöst hat.
    Ob man sowas persönliches ins Internet stellt, ist eine andere Frage,
    Da gibt es im Internet noch ganz andere „Extreme“.

    .

  8. Also zum einen hab ich mich wohl geirrt, dieses Esteem ist kein MIttelohrimplantat sondern nochmal was anderes. Zum anderen kriegt das ganze inzwischen wirklich erstaunlich viel Aufmerksamkeit. Angeblich ist die junge Dame gerade auf dem Weg um bei NBC im Fernsehen aufzutauchen (nationales US TV). Außerdem bekommt sie von der Firma ihr zweites Implantat gratis. Schlaue Firma, schnell auf den Zug aufzuspringen.

  9. @Typeerati Ich war ja die letzte Woche zur CI-Operation in einer Uni-Klinik und habe mir da auch mal die typischen „Forschungsposter“ (Überblick über den derzeitigen Stand der Forschung im jeweiligen Fachgebiet in laienverständlicher Form; ich hoffe es ist klar, was gemeint ist) durchgelesen. Mein Eindruck dabei war, dass es immer mehr spezialisierte Implantate gibt, die für ganz verschiedene Typen von Schwerhörigkeit in Frage kommen. Das fängt bei implantierten Hörgeräten an (das scheint mit das zu sein, was die Frau bekommen hat), geht über verschiedene Implantate die kaputte Mittelohrbestandteile ersetzen/überbrücken können, hin zu den „großen“ Lösungen wie CI oder (derzeit AFAIK die extremste Variante) Hirnstammimplantaten.
    Es scheint auch so zu sein, dass bei vielen Hörverlusten, bei denen es früher nur Hörgeräte gab, mittlerweile über Implantate ein noch besseres Hörvermögen erzielt werden kann. Ob man sich in diesen Fällen dann wirklich unter’s Messer legen sollte, muss jeder für sich entscheiden. Erstaunlich fand ich aber die Aufenthaltsdauer im KH für einige Mittelohr-Implantate, bei denen die Patienten am Tag nach der OP schon wieder entlassen wurden. Bei CI dauert das ja deutlich länger und ich war nach der OP auch deutlich klappriger auf den Beinen als diese Patienten (was aber auch daran liegen könnte, dass ich eine siebenstündige OP hatte, da das zuerst eingebaute CI nach der Implantation defekt war und dann sofort ausgetauscht werden musste).

    Ich bin übrigens ganz ehrlich: Ein Hirnstammimplantat hätte ich mir nicht einsetzen lassen und habe enormen Respekt vor der Entscheidung dafür!

  10. Als ich dieses Video angeschaut habe, dachte ich zuerst, es sei CI. Als dann dieses Implantat aktiviert wurde und dann das „Aktivierungsgerät“ abnahm (ab 0:33), sah ich: „Neee, das ist doch kein CI“. Dann habe ich überall geschaut, was könnte dieses „Implantat“ sein.
    Das Esteem ist eine vollimplantierbares Mittelohrhörgerät, anders als DACS und Vibrant Soundbrigde. Satt die Schall auf ein Mikrofon des Sprachprozessors wird diese (Esteem) über den Trommelfell empfangen und leitet so weiter zum Implantat, wird zur elektrischen Impulse umgewandelt und von dort aus wird dann die elektrische Reize zum Bewegung des Steigbügels gebracht. -> nur mal grob erklärt, was ich von esteem-Webseite verstanden habe!

  11. Ja, genau. Also doch ein Mittelohrimplantat. Die Bezeichnung „Hörgerät“ ist ja ungenau, für die meisten sind ja auch CIs „Hörgeräte“ und dem Wortsinn nach haben sie ja auch recht. Vermute, dass die Hersteller gern das unschöne Wort „Implantat“ vermeiden wollen.

  12. Ich bin etwas irritiert. Ohne den Text hätte ich gedacht, die Frau sei spät ertaubt. Sie spricht so klares Englisch und versteht die Technikerin anscheinden auf Anhieb ohne Probleme. So weit ich weiß, muss man erst mal lernen die Geräusche zuzuordnen und die Wörter zu verstehen. Außerdem spricht sie nicht so „typisch gehörlos“.

  13. Kann Deine Irritation nachvollziehen. Aus dem Text in der HuffPost, den ich in meinem 2. Kommentar oben verlinkt habe, entnehme ich, dass sie sehr schlecht hören konnte und viel Sprachtraining hatte. Und was man nicht vergessen darf ist, dass diese Mittelohrimplantate eigentlich ganz normal klingen (also Hörtraining viel weniger notwendig ist als beim CI, falls es nicht sogar ganz ausfällt).

  14. Die jüngere Generation sieht YouTube und das Internet nicht als fremde Öffentlichkeit, eher als „kleinen Schulhof“ an und präsentiert ihr ganzes Privatleben mit wirklich allen Komponenten im Netz. Gern und ohne Rückhalt. Von daher ist, was die Privatsphäre angeht, das Video vergleichsweise eher unspektakulär. Das akustische Erlebnis macht allerdings schon sehr neugierig.

    Es gab mal vor ein paar Jahren einen Werbefilm mit einer Mutter und einem kleinen Jungen beim Audiologen oder Akustiker. Dem Kind wurde eine neue (nicht genauer erklärte) Hörtechnik angepasst. Erste Töne. Und während die Mutter in Entzücken und Rührung verfiel, blieb das Kind emotionslos, aber konzentriert – also still und aufmerksam. Zum Glück. Alles andere wäre unglaubwürdig gewesen.

    Der Werbefilm war superschick und „clean“ fotografiert, mit hübschen Modellmenschen bestückt und natürlich von einer Firma, die irgendwelche Hörtechnik herstellt. Hoffentlich bauen die Hersteller so ein „emotionales“ YouTube-Video wie oben nicht mal als Werbefilm nach …

  15. Na zumindest im Nachinein hat in diesem Fall die Firma ja erkannt, dass es sich um ein wunderbares Werbevideo handelt.
    Der andere Werbefilm, wo hast Du den denn gesehen? War das im Fernsehen?

  16. Also, mmh, soweit ich erinnere, war das ein TV-Werbefilm. Muss einige Jahre her sein. Mich hatte gewundert, wer da so viel Geld für eine so kleine Zielgruppe ausgibt, die ja sowieso nicht woanders hinlaufen kann. Es war aber kein CI-Hersteller und es ging nicht konkret um ein Produkt, sondern um Imagewerbung für eine Hörakustik-Firma. Ich war bloss froh, dass die Modells in dem Film es nicht so dicke übertrieben mit der Emotion, nur Kamera und Schnitt machten das übliche weichgezeichnete Überblendungs-Killefitz, das zur Klavierbegleitung gewöhnlich für softige Stimmung sorgen soll. Insgesamt eigentlich ganz OK, keine nennenswerten Beanstandungen.

    Die YouTube-Filme und der Hang zum „Sichausstellen“ kommen den Werbeabteilungen auch ganz entgegen: Man macht jetzt einfach pseudojournalistische Beiträge wie Interviews oder Studiogespräche – hat überzeugende, authentische Werbung und kaum Kosten. Wenn man als „Werbefigur“ was bezahlt kriegen würde dafür: Gern! Lukrative Angebote bitte an Butzky (mit 10 % Vermittler-Provision an Beethoven). 😉

  17. CharlyBrown

    Gestern hab ich zufällig im Fernsehen (weis nicht mehr welches Programm)
    zwei schon recht alte Männer beim bla, bla und rumalbern an einem Strand gesehen. Erst nach einigen Sekunden erkannt: Huch, der eine ist „Winnetou“
    Pirre Price, der andere „Bösewicht“ Mario Adorf.
    Die machten Werbung für Hörgeräte!
    Da könnte Pia vieleicht mitmachen, als Frau zwischen zwei Männern?!
    (Nur zwei Männer is ja etwas langweilig, bzw „schwul“. )

  18. Ha! Danke, hab’s gerade mal gepostet! 🙂

  19. Es klingt nach so viel Skepsis jetzt vielleicht dämlich, aber ich finde: Der Film sagt mehr als 1000 Worte über das Gehör und seinen Wert. Ich habe mehrfach ähnlich reagiert, wenn mein gutes Ohr nach einem Absturz wieder aufgetaucht ist (nicht, dass ich mich dabei filmen lassen möchte). Ich bin gleich selber in Tränen ausgebrochen, als ich es gesehen habe. Es hat einen hohen pädagogischen Wert.

  20. Nein, klingt ganz und gar nicht dämlich, Frau Frogg. Da fließen wohl bei vielen Menschen, die schwankendes Hörvermögen haben, an den seltenen, kostbaren, guten Hörtagen die Tränen. Ein Gefühl, also ob der Schmerz nachlässt.

    Gibt es auch Tränen an schlechten Tagen, wenn wieder etwas weg geht, bei Verlust? Als es bei mir so richtig schlimm war (fortschreitende Ertaubung), konnte ich gar nicht mehr heulen. Da war ich nur noch erschöpft. Das Gefühl ist eher bleiern, dunkel, eher stumpf und schwer, wenn man merkt, es wird schlechter.

    Die CI-Anpassung und ersten Töne empfand ich als fremd. Es strengte auch hochgradig an. Bin danach immer in die falsche Bahn gestiegen und war völlig groggy. Ein paar Tränen kommen jetzt nur noch, wenn ich minutenlang hässlichen Krach höre und dann zufällig lese, dass es meine wunderschöne frühere Lieblingsmusik ist, die ich in diesem Moment noch nicht mal mehr erkennen kann. Jedesmal ein Schock und dann wird eine Runde geheult. Das filmt zum Glück niemand.

  21. Beim Thema „Musik mit dem CI“ gibt es krasse Unterschiede zwischen
    CI-TrägerInnen.
    Einige (auch ich) empfinden die meiste Musik nur als Krach, Lärm.
    Andere gehen angeblich begeistert in Konzerte.
    Manche Menschen sind taub wegen einem Defekt irgendwo im Mittelohr.
    Andere sind taub wegen Ausfall der Häärchen in der Cochlear.
    Alle bekamen ein CI implantiert.
    Meine Theorie: Jene, bei denen die Ursache der Taubheit ein Defekt
    im Mittelohr liegt, ist die Cochlear praktisch funktionsfähig und das
    CI bringt sehr gute Erfolge.
    Ist die Ursache der Taubheit ein Defekt in der Cochlear (Ausfall der
    Häärchen, bzw Nervenenden) sind die Erfolge mit CI nicht so gut.
    Also, kann sein, meine „Theorie“ stimmt so nicht.
    Die von Geburt taube Frau in dem Video hat anscheinend nicht ein CI,
    sondern eines der neuartigen Mittelohr-Implantate?!
    Das hat mich auf obige „Theorie“ gebracht.

  22. Deine Theorie hat nur einen Haken: Bei einem Defekt im Mittelohr würde man dort operativ ansetzen und nicht an der Cochlea (da gibt es mittlerweile die tollsten Implantate).
    Die Härchen in der Cochlea sind zudem bei einem CI – meines Wissens nach – vollkommen egal, da der Witz an dem CI ja ist, dass der Nerv durch Stromstöße direkt gereizt wird und somit die Härchen komplett umgangen werden.

    Was mir aber aufgefallen ist: Unter dem Begriff Cochlea Implantat verstehen die meisten Leute teilweise ganz verschiedene Sachen. Ein Kollege von mir war z.B. ganz erstaunt, dass ich keinen „Stecker“ am Kopf hätte, da er dieses vor kurzem so bei einem „CI-Träger“ gesehen hätte. Er war dann ganz überrascht darüber, dass es zig verschiedene Implantate gibt und er wahrscheinlich ein BAHA (oder jemand mit einem ur-ur-ur-alten CI) gesehen hat.

  23. Bitte die Verpätung zu entschuldigen. frau frogg, ich schließe mich da Pia an, nicht dämlich. Was meinen sie denn mit pädagogischem Wert, das würde mich interessieren? Meine Erfahrung ist außerdem sehr ähnlich der Pias, irgendwann versiegen beim Hörverlust die Tränen und die Gefühlsausbrüche. Das ist aber nicht unbedingt nur gut, und es kann auch aus nichtigem Anlass dann doch alles wieder hervorbrechen. Ich vermute mal, Charly Brown, dass Du grundsätzlich recht hast, je zerstörter das Innenohr desto schlechter die Erfolgsaussichten bei einem CI. Und, Lars, die Härchen sind nicht egal, zum CI zusätzlich nutzbares Resthörvermögen spielt eine Rolle.

    Dass Viele den Unterschied zwischen verschiedenen Implantaten nicht kennen, wundert mich nicht. Ist ja eher ein Spezialgebiet. Ich bin schon froh wenn sie nicht mehr darauf beharren, auch das CI sei doch ein Hörgerät. (Obwohl sie ja irgendwie auch recht haben…)

  24. @pia: Ja, die Tränen kommen mir manchmal auch, wenn ich das Gehör verliere – vor allem, wenn der Verlust schnell und heftig ist und bodenlos scheint. Manchmal bin ich dann aber auch einfach nur entsetzt oder bestürzt. In letzter Zeit hatte ich auf dem guten Ohr eher leichte Hörnachlässe. Die bereiten mir leise bis halblaute Angst und sind – wegen des Ohrendrucks – unangenehm. Bleiern finde ich oft die Zeit nach einer Krise. Dann weiss ich jeweils: Mittelfristig gibt es wenig Hoffnung und was ich jetzt bekomme, ist nur ein Aufschub.
    @nqb: „Pädagogischer Wert“… ja, gute Frage. Ich habs ein wenig flüchtig geschrieben. Ich meinte im Prinzip so etwas wie: Man sollte es Leuten zeigen, damit sie begreifen, wie wertvoll das Gehör als Sinn ist. Zum Beispiel jungen Leuten, die fahrlässig ihr Ohren an laute Discos schleppen und denken, sie seien taffe Kerle, wenn sie am nächsten Morgen einen Tinnitus haben. Aber das klingt so altbacken. Ich habe das früher ja auch ein paarmal gemacht (wobei ich so gut wie sicher bin, dass das keinen Einfluss auf den jetzigen Verlauf der Meniere-Erkrankung hatte).
    Meine Eltern hatten einen Bildband voller Magnum-Bilder. Die habe ich mir als Kind oft angeschaut. Da war ein Foto von einem wahrscheinlich mittelohr-hörgeschädigten Kind, das sich mit völlig verzücktem Gesicht ein Tamburin an den Kopf hält. Das habe ich mir als Kind oft angeschaut. Es hat mir den Eindruck gegeben, dass das Gehör mehr als alle anderen Sinne einer ist, mit dem wir uns dem Göttlichen nähern (schreibe ich als überzeugte Agnostikerin).

  25. Ja, (auch ohne Überhöhung ins „Göttliche“): Der Hörsinn ist eng an Gefühle gekoppelt, sonst wäre die Musik gar nicht erst erfunden worden. Kürzlich habe ich einen Sprechtrainer über unangenehme Stimmlagen dozieren hören und dass manche Sprecher nur wegen ihrer Stimme sofort abgelehnt werden. So wichtig ist also Klang für Wohlbefinden, Sympathie und Antipathie! Und überhaupt …

    Früher wollen mir guthörende Leute doch tatsächlich weismachen: „Es gibt Schlimmeres.“ Als ob man auf das Hören einfach so verzichten könnte. Na ja, es gibt halt auch viele strunzdumme Leute …

    Übrigens lässt sich Meniére nicht durch ein „Falschverhalten“ auslösen. Als ich früher wegen Meniére und Tinnitus wieder mal in einer Klinik war, sagte mir ein Arzt: „Es gibt unzählige Leute, die haben extreme Mangelerscheinungen, saufen sich den Verstand weg, schlafen zu wenig und sind im Dauerstress, nehmen jahrelang Gifte und Drogen zu sich, gehen katastrophal mit ihrem Körper um – und niemand von denen hat Ohrprobleme. Die haben ein gesundes Gehör, dabei dürfte das doch gar nicht sein.“ Damit wollte er mir sagen, dass es keinen Auslöser gibt, den man irgendwie beeinflussen könnte. Auch gesundes Leben schützt nicht vor Morbus Meniere oder Tinnitus.

  26. @Pia Butzky: Danke, dass Sie mir das ab und zu wieder sagen (das mit dem Falschverhalten). Ich vergesse es manchmal.

  27. Ja, das kenne ich, das muss man sich auch immer wieder vor Augen halten, besonders wenn der gegenwärtige Trend ja zu sein scheint, dass man für alles was einem widerfährt verantwortlich ist (weil man nicht ordentlich X, vergessen hat zu y, etc.). Es gibt halt einfach Dinge, die widerfahren einem.

    In Sachen Pädagogik, frau frogg, verstehe ich jetzt auch, was Sie meinen. Das Magnum-Bild kann ich mir wirklich sehr eindrucksvoll vorstellen. Ich habe mal versucht, es zu finden, aber leider nichts gefunden. Nunja, leider könnte ich es ja sowieso nicht hier im Blog zeigen….

  28. Bin bisschen spät dran, aber ehrlich gesagt halte ich das Video, auf das ich erst kürzlich aufmerksam gemacht wurde, für ein Fake oder doch zumindest die Hintergrundstory für falsch.
    Laut Eigenaussage war sie von Geburt an taub und konnte mit Hörgeräten maximal „vibrations and very loud noises“ hören. Und dann versteht sie auf ANHIEB und ohne hinzugucken das, was die Akustikerin zu ihr sagt?? Never ever. Ich selbst bin an Taubheit grenzend schwerhörig und dümpele irgndwo bei 90dB rum. Jahrelang mit nur einem Hörgerät völlig unterversorgt habe ich vor ein paar Monaten richtig tolle Phonak Brummer bekommen. Was ich damit alles höre, ist schon fast beängstigend, aber verstehen kann ich damit immernoch wenig (wenn auch mehr als vorher) und mache mit einer Logopädin auditives Wahrnehmungstraining, um mich überhaupt erst mal wieder an den Klang von Lauten zu gewöhnen, die ich vorher gar nicht mehr gehört und irgendwie verlernt habe.

    Noch dazu kommentiert sie das frisch eingeschaltete Gerät mit „It’s beeping“. Woher will sie wissen, was ein Beepen ist, wenn sie zuvor ihr Leben lang taub war? Ein Blinder, der erstmalig im Leben sehen kann, würde sicherlich auch nicht als erstes sagen, was der Raum doch für eine schöne blaue Tapete hat.

    Dazu kommt dass laut Herstelleraussagen das Esteem einen Indikationsbereich von 30-75 oder günstigstenfalls 80dB hat. Selbst 80dB ist nicht das, was ich unter „taub“ verstehe.

    Der Moment ist ohne Zweifel sehr emotional, und ich denke, sie freut sich sicherlich aufrichtig über Dinge, die sie zuvor nicht (mehr?) gehört hat, aber von Geburt an TAUB und nur Vibrationen gehört, das stimmt nie im Leben, und für mich hat dieses Video damit einen sehr schalen Beigeschmack.

  29. Du hast recht und ich denke, die Hintergrundstory ist falsch. Ob bewußt oder unbewußt weiß ich nicht. Aber es ist bei Geschichten über taube Menschen (oder „deaf“ oder „cannot hear“) immer ganz interessant genau hinzusehen bzw. zu fragen wieviel sie denn nun genau hören. Die Diskussion gab es ja z.B. bei Evelyn Glennie (hier und hier) auch.

  30. Die Diskussion über Evelyn Glennie hatte ich gar nicht mitbekommen, ist aber interessant!

    Allerdings bin ich generell oft erstaunt, was als gehörlos bezeichnet wird bzw wer sicht selbst so sieht. Ich selbst würde mich nie als gehörlos bezeichnen (auch wenn ich manchmal denke, dass wäre nach außen hin einfacher, denn wenn ich sage, das sich schwerhörig bin, gucken die Leute erstmal und wiederholen das Gesagte dann einfach in zweifacher Lautstärke). Ich höre doch was, nur eben schlecht/wenig und es reicht zum Verstehen schon lange nicht mehr aus. Dann bin ich vllt „verstehlos“, aber doch nicht gehörlos? Taub oder gehörlos, das ist für mich schon vom Wortsinn her (nahezu) gar nichts hören.

    Bei Sarah Churman kann ich einfach nicht glauben, dass „unwissentlich“ die Geschichte geschönt wurde. Sie tingelt mit der Story ja auch durch Talkshows und erzählt freundlich lächelnd immerzu, dass sie so gut sprechen kann, weil sie sich eben schon immer dafür interessiert hat und genau hingeschaut hat usw. Und die Leute glauben das dann auch noch!
    Auf FB hat jemand das Video als „bewegendstes Video des Jahres“ gepostet, natürlich ein Normalhörender. Der fand zwar auch, dass sie bemerkenswert gut spricht, ihm ist aber nicht aufgefallen, dass sie auf Anhieb Geräusche kommentiert, die sie gar nicht kennen dürfte und dass sie auch auf Anhieb wirklich VERSTEHT, nachdem ihr Sprache eigentlich eher fremd sein müsste, weil sie doch nichts gehört hat. Und genau das scheint man mit dem Video ja auszudrücken wollen: Was für ein Wunder hier geschehen ist und wie leicht es ist mit den geeigneten Hilfsmitteln wieder zu hören. Und genau das ist es eben nicht.

  31. Schwerhörig/Gehörlos/“Verstehlos“ — genau die Problematik hat mir auch schon zu schaffen gemacht. Lustig zu sehen, dass Du fast haargenau schreibst, was ich dachte. 😉

    Ich finde einiges was nach dem ersten Video oben begonnen hat (Talkshowbesuche etc), auch ziemlich unschön, das ist manches wirklich kaum was anderes als bessere Marketingaktionen.
    Andererseits, genau wie Du sagst, die Leute *wollen* solche Geschichten glauben… Ist so schön dramatisch.

  32. Ja sicher ist das wunderbar dramatisch, und ich gebe zu, dass sogar ich im ersten Anlauf ein Tränchen sitzen hatte, weil sie ja so spontan losheult bzw der Momment schon irgendwie sehr emotional ist.
    Die Leute glauben es aber eben auch aus Unwissenheit. Für jemanden, der nie erfahren musste, wie anstrengend Verstehen sein kann und dass das bei uns nichts ist, was so schön geschmeidig nebenher abläuft, ist es sicher auch schwer vorstellbar. Es liegt nahe, dass man dann denkt „Ach wie schön – Gerät angeknipst, sie hört und versteht erstmals was und weint natürlich vor Freude!“ Umso ärgerlicher, dass dieses Video nicht eben dazu beiträgt, mit solchen Missverständnissen aufzuräumen, sondern eher im Gegenteil.

    Was dieses gehörlos/schwerhörig Dilemma angeht, ich glaube das hängt vor allem damit zusammen, seit wann das so ist. Ich glaube, wir haben zumindest eine ähnliche Hörbiographie. Ich selbst bin ca. ab dem 8. Lebensjahr „hörauffällig“, allerdings anfangs noch sehr schwach und diffus und mit keiner klaren Diagnose. Das wurde über die Jahre konstant schlechter, und jetzt bin ich mit Mitte 30 bei den erwähnten 90dB angelangt. Ich bin unter Hörenden aufgewachsen habe jahrzehntelang nicht mal Hörgeräte gehabt, ich habe ausschließlich normalhörende Freunde. Ich habe mich immer als hörend empfunden – nur eben wie gesagt schlecht hörend 😉 Kann mir schon vorstellen, dass jemand, der mit meinem Gehör zur Welt kommt (der aufgrund dessen auch nicht „richtig“ sprechen lernen kann) und dann auch die entsprechenden Hifsmittel bekommt, ggf auf eine Gehörlosenschule geht usw. sich eher als gehörlos empfindet. Manchmal denke ich, ich „höre“ auch noch viel aus der Erinnerung heraus und weiß leider oftmals auch noch sehr genau, wo ich was verpasse, wo ich was genau hören müsste usw. Vielleicht spielt auch das eine Rolle.

  33. Die Sozialisierung spielt ganz sicher eine große Rolle. Die ist bei mir ja genau wie bei Dir „hörend, schwer hörend“. Und sie bleibt ja auch die gleiche, auch wenn das Gehör schlechter wird oder sogar verschwindet — es sei denn man orientiert sich aktiv um bzw. weg davon. (Ich glaube, wir Langzeitertaubenden lösen uns vom Hören, aber aktiv wegorientieren ist nochmal was anderes.)

    Trotzdem ist es mir auch schon passiert, dass ich es im Alltag hilfreicher fand, zu sagen ich sei taub, gehörlos anstatt schwerhörig — und direkt auf schriftliche Verständigung umzuschalten. Kein nutzloses Geschreie, kein anstrengendes, aber letztlich erfolgloses Verstehversuchen.

  34. @Maren: Neben den medizinischen Diagnosen gibt es ja noch die kulturelle Zugehörigkeit. Ich bin z.B. im medizinischen Sinne gehörlos (auch wenn ich noch ein kleines Restgehör habe), würde mich aber nicht der Gruppe der Gehörlosen zurechnen, da ich kulturell hörend bin (wie bei Dir: komplett hörendes Umfeld).

  35. Lars, das ist interessant! Es greift wohl ineinander mit der kulturellen Zugehörigkeit und dem sozialen Umfeld.
    Ich habe vor ein paar Jahren erstmals überhaupt andere Schwerhörige meines Alters kennengelernt, weil ich da begann, mich mal damit auseinanderzusetzen, statt es zu verdrängen. Das war einerseits eine Offenbarung, zu sehen, denen gehts wie dir, die leben trotzdem gut. Und ie Kommunikation war sooo viel leichter! Schon deswegen weil man wusste, die anderen wissen, wie sie sprechen müssen und haben auch Geduld, wenn du 4x nichts verstehst.
    Trotzdem hab ich mich da unwohl gefühlt und gemerkt, da gehöre ich auch nicht wirklich dazu, denn die waren alle von Geburt an „gehörlos“ und haben untereinander oft die Gebärdensprache benutzt. Und die verstehe ich noch weniger als gesprochenes Deutsch – nämlich gar nicht! 😀

  36. Interessant! Bei mir ist gerade die Kommunikation mit anderen Schwerhörigen oft sehr sehr mühsam gewesen. Gegenseitiges Verständnis war zwar in Masse da, aber ich hab die oft nicht verstanden und die mich auch nicht (frag mal den Enno 😉 ). Zumindest prä-Ci.

  37. Vielleicht kommt mir das im Nachhinein auch besser vor als es war 😉 Klar ist das mühsam, aber das Schöne war für mich, dass ich eigentlich erstmals seit Langem das Gefühl hatte, mich nicht nach dem 2. Nichtverstehen desselben Satzes entschuldigen zu müssen. Und ich verstehe oft mehr, wenn ich mich entspannen kann, Nervosität ist bei mir der absolute Killer.
    Verstanden hab ich glaub ich deswegen vergleichsweise gut, weil die anderen ein recht klares Mundbild hatten (was sicherlich auch durch die Gewöhnung an die LBG kam).

  38. Dieses Gefühl, sich entschuldigen zu müssen, kenn ich auch gut. Ich versuche, mir das abzutrainieren. Bin auch schon besser geworden, aber in stressigen Situationen nicht einfach. Die hohe Schule des guten Lebens bei schlechtem Ton.

  39. Bin inzwischen dazu übergegangen, oftmals (augenzwinkernd) zu sagen „Ich weiß, es ist anstrengend – aber für mich auch“. Das ist so ne halbe Entschuldigung bzw. zeigt Verständnis auf für den anderen, dem die Kommunikation ja genauso erschwert wird wie mir. Andererseits will ich damit auch sagen, dass es eben auch (oder gerade) für mich anstrengend/nervig/peinlich ist, mich mitunter nur etwas holprig unterhalten zu können.

  40. Ich finde das einen guten Spruch. Und zwar auch deswegen, weil ich finde, dass er keine halbe Entschuldigung ist. Er sagt nüchtern, wie es ist.
    Irgendwo gab es mal eine Diskussion darüber ob man den Hinweis „ich bin schwerhörig“ mit „Entschuldigung“ einleiten soll. Ich fand, das sollte man lassen bzw nur dann machen, wenn man dafür jemanden unterbricht (und sich „Entschuldigung“ auf die Unterbrechung bezieht).

  41. Eigentlich muss man sich nicht entschuldigen, da hast du recht. Man kann ja nix dafür, wofür soll ich da um Verzeihung bitten? Um Verständnis bitten und den Gesprächspartner darauf hinweisen, wie es ist und was auf ihn zukommt, ja. Aber dieses entschuldigen ist immer so eine zweischneidige Sache, mit der man sich selber keinen Gefallen tut. Trotzdem werde ich dieses blöde Gefühl nur schlecht los, dass ich „schuld“ daran bin, wenn eine Unterhaltung nur schleppend voran geht oder sich der Gesprächspartner meinetwegen blöd oder genervt fühlt. (Dabei kann der andere auch so viel tun, dass ich ihn besser verstehe und gleich viel weniger „schuldig“ bin. Und eh, was kann ICH denn bitte dafür, dass mich auf Parties generell Männer ansprechen, die schauerlich lispeln oder Fistelstimmchen haben etc.?! ;-))

    Diese Situationen werde ich immer hassen, und oft wünsche ich mir dann das berühmte Erdloch, das sich doch neben mir auftun möge. Und deswegen habe ich mich oft schon immer automatisch entschuldigt.
    Der obige Spruch ist mir aber angenehmer, denn damit mache ich mich nicht so klein, wie es ein „entschuldige bitte“ machen würde. Da fühlt man sich meistens gleich noch mal blöder. (Darauf gekommen es so zu formulieren bin ich übirgens mal durch eine wirklich extrem schlechte Erfahrung, bei der mir eine Bekannte tatsächlich mal augenrollend vorwarf, wie anstrengend und „nervig“ es doch sei, sich mit mir zu unterhalten.)

  42. Hehehe, das kenn ich auch, dass gute Ideen die Frucht extrem sehr schlechter Erfahrungen sind….

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