Viel besser wäre doch: Schwerhörigkeit vermeiden

Wäre es nicht viel besser, das Kind gar nicht erst in den Brunnen fallen zu lassen, anstatt über Leute zu berichten, die mit einem oder zwei Kindern im Brunnen leben? Oder die Werkzeuge für das kinderlose Leben entwickeln? So zumindest verstehe ich einen Kommentar zum Interview mit Günther Beckstein über seine Ertaubung und sein Cochlea Implantat. Ich finde den so wichtig, dass ich darüber gern eine extra Diskussion anzetteln würde:

Es wäre schön, wenn es auch in ähnlichem Umfang eine Berichterstattung über den Hörsturz von Prominenten geben würde und diese Krankheitsform damit viel deutlicher in das Bewußtsein der Menschen kommt. Hier und in ähnlichen Artikeln wird hauptsächlich über die Behebung des Schadens berichtet, der Ansatz an der Vermeidung der Schwerhörigkeit durch Hörsturz ist meist keine Zeile wert.
[…] Der Hörsturz und seine Vorgeschichte (erste Warnhinweise usw.) sind nur wenigen in der Gesellschaft – meist Angehörige von Betroffenen – bekannt. Viele der aufgetretenen Hörstürze wären bei einer gezielten Info-Kampagne vermeidbar. […] Herr Beckstein sollte seine Popularität nicht nur dazu nutzen Schwerhörigen Mut zu machen, sondern ebenso deutlich in der Öffentlichkeit die Fehlentwicklung in seinem Leben aufzeigen, die zu dieser Situation geführt hat und dieses “Fehlverhalten” in Frage stellen. […]

Ich finde das auch. Also, dass Krankheitsbild, Risikofaktoren und deren Vermeidungsmöglichkeiten bekannt gemacht werden sollten. Aber ich denke, in diesem speziellen Fall wirken viele Dinge zusammen, die es kompliziert machen:

Mein Eindruck ist, dass über die Bedeutung von Hörhygiene und die Gefahr von Lärmschädigung durchaus berichtet wird. Nur interessiert das in allgemeiner bzw. wissenschaftlicher Form anscheinend kaum jemand. Kann man ja auch verstehen, denn Krach ist in unserer Gesellschaft auch ohne Kopfhörerbeschallung leider allgegenwärtig.

Persönliche Stories aber sind schwer machbar, weil außer bei Knalltraumata oder Leuten, die in lauten Umgebungen arbeiten (beruflicher Gehörschutz!), selten klar ist, woran es denn nun ursächlich liegt, dass jemand Hörprobleme hat. Obendrein kann ich schon verstehen, dass nicht jede ihre gesundheitlichen Probleme öffentlich ausbreiten will, zumal wenn sie in exponierten Positionen oder an der Spitze von Organisationen steht. (Obwohl, hier könnte es einen Trend geben, siehe Jaff Jarvis, Miriam Meckel etc.)

Wenn es nicht direkt um Lärm geht, wird es noch schwerer: Was genau Hörstürze sind, wie sie entstehen und therapierbar sind, ist — soweit ich weiß — immer noch eher unklar. Infusionen zumindest werden meines Wissens nach nur in Deutschland auf breiter Front als Therapie gemacht und Ruhe/ein paar Tage krankschreiben scheint fast die gleiche Erfolgsrate zu haben. (Falls es neue Infos gibt, bitte ich um Korrektur in den Kommentaren.)

Das Rezept „Schone Dich und Du wirst keine Hörprobleme bekommen!“ stimmt ja nun auch nicht so ganz. Manchmal kommen die einfach, so wie ja auch Nichtraucher Lungenkrebs bekommen. Man hat nicht immer etwas falsch gemacht, wenn man krank wird oder bleibt. (Ich will das nicht verharmlosen, weder das Rauchen noch Lärm und stressige Lebensweisen. Ich überlege nur, wie genau denn die bessere Berichterstattung konkret aussehen könnte.)

Natürlich kann man auch über die Bedeutung von Entspannung und ein gesundes Verhätlnis zum eigenen Körper berichten, aber auch das wird doch mit dem Wellness-Trend schon gemacht. Nur, dass das dann eben nicht mehr spezifisch mit Hörproblemen oder der Vermeidung von Hörstürzen zu tun hat.

Und wie seht Ihr das?

16 Antworten zu “Viel besser wäre doch: Schwerhörigkeit vermeiden

  1. Ich finde den Titel des Postings etwas unglücklich, mein erster Gedanke dazu war: „Hä, wie soll denn das gehen?!?“ Warum ich so dachte? Ganz einfach, weil meine Schwerhörigkeit angeboren und vermutlich genetisch bedingt ist und ich natürlich wieder als erstes von mir ausgegangen bin.😉

    Mehr Aufklärung zu den Gefahren von Lärm, zur Vermeidung von Hörstürzen und dergleichen wünsche ich mir allerdings auch. Alle werden nicht darauf hören, ich kenne einige Leute, die z.B. wussten, was sie riskieren, indem Sie sich Woche für Woche der sehr lauten Disco-Musik aussetzten. Obwohl sie mich kannten und ihnen halbwegs bewusst war, wie schwierig es ist, mit Schwerhörigkeit zu leben, gingen Sie weiter regelmäßig und ohne Hörschutz in die Disco, ganz nach dem Motto „ach, ich höre so gut, mir passiert bestimmt nichts!“ Das ist halt dasselbe wie mit vielen Rauchern, die glauben, dass sie garantiert keine Raucherkrankheit bekommen. Wenn aber nur einigen Leuten bewusst wird, was sie aufs Spiel setzen, wenn sie leichtfertig mit dem Gehör umgehen, kann man doch etwas erreichen.

    Ein Problem ist auch, dass nur sehr schwer zu vermitteln ist, wie das eigentlich ist, wenn man mal schwerhörig ist. Ich merke oft beim Erklären, dass viele Leute nicht erfassen können, wie ich etwas wahrnehme, ganz einfach deshalb, weil das eine Nummer zu krass ist. Da bräuchte man konkrete Hörbeispiele, die an bestimmten Hörkurven festgemacht sind. Beispiele, die den Leuten klar machen, wie sich eine Unterhaltung anhören *kann*, wenn man infolge eines Hörtsturzes schwerhörig geworden ist. Das würde helfen, die Problematik zu verstehen.

  2. Es steht jedem frei, sich Gedanken darüber zu machen, wie die eigene Lebensweise eine Behinderung oder Erkrankung beeinflusst haben mag. Und daraus kann man dann eigene Erkenntnisse ziehen. Aber ich würde vorsichtig sein mit Generalisierungen. Wenn man das Thema so angeht, ist man ganz schnell dabei, mit dem Finger auf Schwerhörige zu weisen: „Selber schuld! Hättste dich so oder so verhalten, wär das gar nicht passiert.“
    Natürlich sind Berichte über vorbeugende Maßnahmen richtig und wichtig. Ich sehe es aber auch so, dass diese Themen nur diejenigen wahrnehmen, die es angeht. Heißt: Erst seit ich selbst schwerhörig bin, fallen mir diese und andere Themen rund um Hören und Gehör in den Medien auf.
    In der letzten Zeit war zum Beispiel viel über Burnout und Depression zu lesen. Auch das ist etwas, das vor allem der liest und versteht, der schon mal damit zu tun hatte.
    Interessanter als die Berichterstattung in den Medien wäre für mich z.B. ein Schulfach „Gesundheit“ oder „Gesundheitsbewusstsein“ oder „Körperbewusstsein“ oder wie auch immer man das nennen mag, das sollte etwas mehr als Sport sein.

  3. Dieses „selber schuld“ durfte ich mir als Teenager schon anhören. „Wenn du nicht so oft in die Disco gehen würdest, würdest du jetzt auch normal hören!“ Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie eine Disco von innen gesehen …

    Viele Leute sind schnell mit ihren Urteilen. Sie vermuten etwas und glauben, dass das auch stimmen muss, ohne dass sie sich die Mühe machen, nachzufragen. Dieses Problem werden wir immer haben, unabhängig davon, wie gut die Aufklärung ist.

  4. „Schuld“ im Zusammenhang mit Behinderung zu suchen / zu sehen, finde ich – gelinde gesagt – wenig hilfreich. Es gibt eine Reihe von Ursachen von Schwerhörigkeit und es gibt eine Reihe von Schwerhörigkeiten, deren Ursachen unklar sind. Natürlich gibt es auch (!) Möglichkeiten der Prävention, diese sind allerdings sehr begrenzt und greifen u.a. nicht bei erblichen bedingten Hörschädigungen.
    Aufklärung ist gut und schön, die Begrenzung von Lautstärke (Disco usw.) sollte vorangetrieben werden, aber ansonsten halte ich es für wichtiger, Betroffene mit ihrer Schwerhörigkeit zu unterstützen, mit ihnen Möglichkeit zur Verbesserung ihrer Lebensqualität zu entwickeln und insbesondere die Versorgung mit zeitgemäßen Hilfsmitteln durch die öffentlichen Kostenträger umzusetzen. Rückwirkend kann man nichts ändern,!

  5. Wenn ich mir ein taubes Kind wünsche, werde ich dann als Rabenmutter vorgeworfen oder als Idiotin stigmatisiert.
    Aufklärung allein bringt nichts.

  6. Na, da wird mir jetzt aber ganz schlecht.
    Das ist geradezu unverschämt, wenn Ertaubte ihre Erkrankung erklären sollen: „… deutlich in der Öffentlichkeit die Fehlentwicklung in seinem Leben aufzeigen, die zu dieser Situation geführt hat und dieses “Fehlverhalten” in Frage stellen.“

    Wo leben wir denn? Mittelalter?
    Eltern müssten also erklären, welches Fehlverhalten zur Behinderung ihres Kindes geführt hat (wie war das nochmal bei den Nazis?) und ein Patient muss sich vor dem Arzt rechtfertigen, der sich keine Mühe mehr mit der Diagnose zu machen braucht.
    Noch ganz frisch in der Birne?

    Während meiner Erkrankung (Morbus Meniere) waren die Ärzte völlig ratlos, weil die Erkrankung noch nicht erforscht ist, gaben mir aber ständig belehrende Ratschläge, um mein Verhalten als ursächlich vorzuschieben, damit ich ihre Hilflosigkeit nicht merkte. „Patient hat schuld“ ist sehr beliebt bei „Arzt hat keine Ahnung“.

    Das Spiel ging so:
    Ich komme mit Hörsturz in die Klinik und beschreibe auf Frage des Arztes, dass ich am Wochenende gemütlich mit dem Fahrrad unterwegs war. Dann Gehörverlust. Arzt darauf: „Sie sollten aber nichts Anstengendes machen, denn Stress führt zu Hörsturz.“ Zwei Wochen später muss ich wieder in die Klinik, weil auch das andere Ohr abstürzt. Ich hatte das Wochenende lesend im Bett verbracht und alle Anstrengungen vermieden. Arzt: „Aber Sie sollten den Kreislauf mehr anregen und für Durchblutung sorgen, zum Beispiel Radfahren.“ Ich habe dann bei den folgenden 10-12 Hörstürzen immer was anderes erzählt, um den Arzt zu testen. Sein Muster war: Egal was ich sagte, genau das war immer falsch. Hatte ich Möhren gegessen, waren Möhren falsch. Hatte ich Möhren vermieden, war genau das falsch.

    Ich ging dann in die Praxis eines renommierten Facharztes, der ganz ehrlich zu mir war und sagte: „Man weiß nicht, was die Krankheit verursacht und es gibt keinen bestimmten Patiententypus oder ein auslösendes Verhalten. Umgekehrt gibt es nichts, womit man sich gegen die Erkrankung schützen kann. Es kann jeden erwischen. Sie werden ertauben und man kann es nicht verhindern.“ So hart wie das war, aber zu dem Arzt hatte ich endlich Vertrauen.

    Die „Schuldnummer“ ist was für Dumme, die wie im Mittelalter glauben, es hat jemand irgendwie was „Böses“ gemacht, sonst wäre er nicht krank (Strafe Gottes).

    Von wem stammt denn eigentlich der obige Blödsinn mit dem „Fehlverhalten“? Die Person soll mal namentlich öffentlich erklären, wieso sie soviel Müll im Kopf hat und sich nicht die Mühe macht, klüger zu werden.
    Na los!

  7. Krass, wie unterschiedlich man das interpretieren kann. Ich habe das nicht so aufgefasst, dass man sich gefälligst für seine Schwerhörigkeit rechtfertigen sollte, sondern eher so, dass man mit einer besseren Aufklärung z.B. die Symptome eines eventuell kommenden Hörsturzes besser erkennt, schneller handeln kann und *vielleicht* das Schlimmste noch verhindern kann, was ja durchaus wünschenswert wäre. Der Verfasser des obigen Zitats hat sich etwas unglücklich ausgedrückt, das stimmt, aber ich glaube nicht, dass er es so gemeint hat, wie es die meisten hier interpretieren.

  8. ich verstehe es auch so wie Nikana. Dass man darauf hinweist, WAS einen Hörsturz verursachen kann, z. Bsp. Stress, Überarbeitung etc..
    Nur, was beim Einen einen Hörsturz verursacht, kann beim anderen einen Herzinfarkt auslösen. Ich glaube fest daran, das jeder Mensch anders auf Belastungen reagiert. Der eine ist anfällig auf Herzerkrankung, der andere bekommt Magengeschwüre, ein Dritter Tinnitus oder Hörsturz. Darum gibts kein Rezept. Das einzige Rezept ist, die Warnhinweise des Körpers zu realisieren und seinem Geist UND dem Körper die verdiente Entlastung zu geben. Dazu braucht man nicht erst eine Krankheit. Es soll ja Kettenraucher geben die werden 100 Jahre alt und sind „gesund“ (will heissen, die sterben nicht an Lungenkrebs)
    Aufklärung ist gut, aber nicht jeder Mensch wird dann auch umsichtig mit sich und seinen Ressourcen umgehen, weil die meisten doch denken: „mich triffts so nicht“.

  9. Ui, das freut mich ja, das Euch das Thema auch so anregt…
    Was die abschreckenden Beispiele angeht: Wie müsste denn sowas aussehen, damit es wirkt, wo müsste man darüber stolpern? So ähnlich wie die Texte und (in anderen Ländern) krassen Bilder auf Zigarettenschachteln, bloß auf Kopfhörern? Im Eingang zum Club? Als Bildschirmschoner, wenn man abends um 22h noch bei der Arbeit sitzt?

    Nikana, es hat funktioniert!!!🙂 (Der Titel.) Ansonsten, also ich kenne glaube ich ca 50% Leute, die nur mit Gehörschutz in die Clubs gehen und 50%, die sich die Haarzellen wegpusten, so schnell es geht. Aber die ersten 50% machen es nicht wegen mir und meinen Erzählungen.

    Livia, ein Fach Körper-/Gesundheitsbewußtsein — interessante Idee, find ich gut. Aber ich glaube, und da nehme ich mich selbst nicht aus, das ist nicht lehrbar, bis man irgendwann einmal Probleme bekommt (was manche halt schon im sehr frühen Alter tun).

    Maryanne und Pia, genau, diese Sache mit den Schuldzuweisungen ist manchmal sehr subtil, aber immer perfide. Wobei ich allerdings vermute, dass r_s das nicht so gemeint hat. Aber vielleicht äußert er/sie sich ja nochmal…

    XX, dass Aufklärung allein nicht ausreicht, da stimme ich dir zu!

    Bubble, ich sehe es genauso: Jeder hat Schwachstellen, bei einigen der Magen, bei anderen das Kreuz, bei wieder anderen die Ohren. Wobei, wie gesagt, das unbewußte „mich trifft’s nicht“-Denken, glaub ich, gar nicht grundsätzlich schlecht ist.

  10. Das „mich triffts ja nicht“ find ich auch nicht wirklich schlecht, man (Mensch) will ja leben und Spass haben. Wenn man die ganze Aufmerksamkeit auf mögliche Krankheiten und Auswirkungen setzt, wird man ja paraonid, und hat ja keinen Spass mehr.
    Ich hab ne eineiige Zwillingsschwester und die hört 1A. Nix, nicht den kleinsten Pieper den sie nicht hört.
    Ich als schwerhörige/fast ertaubte Mutter bin natürlich viel empfänglicher für Lärm, und meine Kinder lernen von mir, dass dies für die Ohren nicht gut ist. Genauso weiss ich aber auch, dass Bewegung gut und gesund ist, aber da ich ein Bewegungsmuffel bin, ist es mir nicht immer so wichtig, dass sie sich bewegen. Da ist dann mein Gedanke, „sie werdens dann schon tun, wenn sie Interesse/ od. Personen finden denen es wichtig ist, und denen zuliebe sie sich bewegen möchten“

    Gerade bei Hörstürzen glaube ich nicht dran, dass Prominente mit Aufklärung was ausrichten können.
    Oder doch vielleicht, Aufklärung und bewusstsein allgemei, es müsste einfach wieder klar werden, dass wir Menschen nicht immer gleich belastbar sind. Dass auch ein Mensch dem Wandel der Zyklen unterworfen ist, und er Regenerationszeit braucht, und auch Hoch-zeiten hat.
    Das scheint mir wichtig für die Gesundheit, dass wenn ein Mensch halt im Winter sich etwas zurückzieht und ruht, er nicht gleich als depressiv gilt, sondern als clever indem er nämlich seine Kräfte für den Frühling sammelt und dann wieder voll im Saft ist.

  11. Na, da bin ich jetzt aber sehr gespannt, wer uns denn nun endlich erzählt, wie man Hörstürze vermeiden kann. Wo die Medizin selbst immer noch ahnungslos ist und hilflos irgendwelche Infusionen in die Leute reinschüttet, aber gar nicht weiß, was da überhaupt los ist im Ohr.

    In den „Medien“ bzw. in den Gingkotabletten-Anzeigen wird von „Stress“ geblubbert, ohne zu erklären, was „Stress“ ist. Denn ganz konkret war Stress als echter Überlebenskampf in den früheren Jahrtausenden weit mehr vorhanden als heute in der gut gepolsterten Zivilisation. Die müssten früher also scharenweise Hörverlust gehabt haben, die Neandertaler.

    Und warum hatte mein Arzt im Krankenhaus mit seiner 36-Stundenschicht und enormem Qualifikationsdruck keinen Hörsturz, während ich gerade von einem schönen Wochenendausflug kam und wunderbar ausschlafen konnte, aber plötzlich nichts mehr hörte? Warum habe ich Hörverlust und der Arzt nicht, wo der doch 20mal soviel Stress hat wie ich? Ich habe ihn gefragt und er wusste keine Antwort.

    Die Schuldzuweisung von „Fehlverhalten“ an Erkrankte oder an Leute, die in der Medizin landen, ist geradezu unverschämt. Fehlverhalten trifft höchstens zu auf besoffene Autofahrer, leichtsinnige Skiläufer und Skateboarder, extreme Säufer und Raucher. Auch Leute, die von einer Leiter fallen, haben dann mal grundsätzlich „Fehlverhalten“. Sollen die das auch öffentlich aufzeigen und bekennen? Jauh.

    Die Schuldzuweisung ist sehr beliebt im esoterischen Quacksalberbereich, wo Herzprobleme damit erklärt werden, dass „jemand nicht genug lieben kann“. Unfassbar. So erklärt sich Klein-Erna die Welt. Gibt es Pillen gegen Blödheit? Wär mal gut.

  12. @Florian: Der Konflikt zwischen Medizinern und Gehörlosen ist anders ganz gelagert, denn die Gehörlosen sind eben keine Patienten. Die Gehörlosen werden nie verstehen, was ihnen alles entgeht ohne Hören. Die Mediziner aber sehen manchmal nur das „Operationsmaterial“, mit dem man doch so schöne Dinge machen könnte, wenn die bloss wollten, die Sturköpfe.

    Das ist ein ganz alter Grabenkampf, der NIE aus der Welt sein wird. Kann gar nicht, weil die jeweils eine Seite die jeweils andere Seite nicht begreifen kann. Wird immer so sein. Wird auch immer drastisch überzogen und polemisch sein, viel Emotion und >> Schuldzuweisung.

  13. Pia, Du zeigst (im ersten Kommentar) die Widersprüchlichkeit wirklich toll auf! Danke und🙂.

    Florian, ich denke, man muss aufpassen, dass nicht zuviel über Sterotype geredet wird („DIE Gehörlosen“, „DIE Ärzte“). Aber da es in der Tat einfach ganz unterschiedliche Sichtweisen sind, die medizinische und die alltägliche, begrüße ich es sehr wenn sich Gehörlose so gut und eloquent organisieren und „der Ärzteschaft“ mitteilen und zeigen, wie sie so leben. Die Idee einer Demo vor dem Hörzentrum Hannover finde ich super!

  14. Solange eine Hörschädigung langsam entsteht und anfangs vermutlich auch noch ganz gut vom Gehirn kompensiert wird, dürfte sie wohl kaum das Interesse der Nicht-Betroffenen wecken. Irgendwann hört man die Musik halt lauter oder dreht die Handylautstärke hoch, aber das ohne den Gedanken an eine bereits bestehende Schädigung.
    Ein Hörsturz oder Knalltrauma sind da schon „publikumswirksamer“.

    Bei selbst verursachten Behinderungen fehlt mir allerdings auch ein Stück weit das Mitleid.

  15. Ein bißchen ist es wie mit dem sprichwörtlichen Frosch, der angeblich in langsam immer heißer werdendem Wasser sitzen bleibt, bis er irgendwann stirbt, weil er die langsame Veränderung nicht wahrnimmt. Aber wenn er plötzlich in heißes Wasser kommt natürlich sofort herausspringt.

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