Die Wunschwissenschaft — und was dafür noch fehlt

Fragte mich jemand, welche Wissenschaft ich mir zum Thema Schwerhörigkeit und Hörprobleme wünschen würde, dann würde ich sagen: eine, die den Alltag mit schlechtem Ton nicht ignoriert — in der Schule, im Beruf, privat und nicht zuletzt auch bei Ärzten und Akustikern.
Wenn man da hin guckt, dann sieht man nämlich alles mögliche, was die Medizin und die Technik nicht sehen. Denn die sehen ja vieles, leisten vieles, übersehen aber eben auch Einiges — und zwar systematisch. Vieles von dem, was fehlt, steht in diesem Blog. Zum Beispiel, dass zu Kommunikationsproblemen immer zwei gehören (und nicht nur der Schwerhörige).

Darum habe ich mich sehr gefreut, als mich Maria Egbert (Universität Süd-Dänemark) um kurzen Kommentar zu einem Sammelband bat, der inzwischen samt meines Kommentars erschienen ist — frei und gratis verfügbar unter:

Maria Egbert / Arnulf Deppermann (Eds.)
Hearing Aids Communication
Integrating Social Interaction, Audiology and User Centered Design to Improve Communication with Hearing Loss and Hearing Technologies

Das Ganze ist auf Englisch, aber kurz zusammengefaßt meine ich: Das sind wirklich sehr, sehr gute und wichtige Schritte. Ich wünsche mir mehr davon! Aber ich wünsche mir auch ein wenig tiefere Analyse, mehr von-innen-nach-außen und Berücksichtigung alternativer Deutungen der Akteure (Fachwort: „hermeneutischerer Zugang“). Und ich wünsche mir mehr Auseinandersetzung mit der Frage, was „Verbesserung“ eigentlich bedeuten könnte und sollte. Denn so ganz neutral tritt man als Forscher seinem Gegenstand nie gegenüber, auch wenn man dies denkt.

Auf das zugehörige Forschungsnetzwerk Hearing Aids Communication gab es hier im Blog schon einmal einen Hinweis. Dort arbeiten, grob gesagt,  Konversationsanalyse, Medizin, sozialökonomische Analyse und User-Centered Design zusammen. Die Forscher wollen durch die Erforschung der Kommunikation — und eben nicht nur der medizinischen und technologischen Dimensionen von Hörverlust — zur Verbesserung der Lebensqualität von Schwerhörigen und Ertaubten beitragen. Ich finde das gut. Weiter so!

Und Ihr, was wünscht Ihr Euch so für eine Wissenschaft? Wie sollte das Thema Hören, Schlechthören und Nixhören wissenschaftlich behandelt werden?

(Um Mißverständnissen gleich vorzubeugen: Ich möchte natürlich auch, dass die medizinische Forschung und technische Entwicklung weitergeht. Ich möcht nur noch mehr.)

5 Antworten zu “Die Wunschwissenschaft — und was dafür noch fehlt

  1. Ich bin ein bisschen spät dran, aber hab’s nicht vergessen. (Und es wundert mich, dass niemand sonst kommentiert hat…?) Leider hab ich das Buch auch nur ein wenig überfliegen können, aber ich finde das alles unheimlich spannend, weil wirklich mal integrativ und sinnvoll interdisziplinär. Es landet auf jeden Fall auf dem Stapel der unbedingt intensiv zu bearbeitenden Lektüre!

    Was deine Frage angeht, hatte ich eigentlich gleich eine passende Antwort, die eigentlich nur ein Zitat ist: „eine, die den Alltag mit schlechtem Ton nicht ignoriert“. Damit meine ich aber ein bisschen was anderes bzw. eine andere Bedeutungsebene dieser Worte…
    … nämlich jenen wissenschaftlichen Umgang miteinander, der den schlechten Ton, das Missverständnis und den Egoismus untereinander nicht ignoriert, sondern endlich thematisiert. Das geht natürlich weit über das Thema Hören und Nichthören hinaus, hat aber das gleiche Ursprungsproblem: nicht hören können ist – zumindest ohne eine medizinisch attestierte Unfähigkeit – oft auch nicht hören wollen oder zumindest nicht zuhören wollen, nicht akzeptieren wollen, vielleicht auch schlecht hören aufgrund von zu wenig Interesse, fehlender Offenheit, etc.
    Wenn ich mir also tatsächlich etwas für die Wissenschaft wünschen dürfte, dann wäre es das: Richtig hören und auch mit anderen Ohren hören und das Gehörte erst einmal ankommen lassen, um dann mit gutem Ton zu antworten, zu diskutieren, zu argumentieren. Es geht nicht um gleiche Meinungen und Kompatibilität, sondern lediglich um die Fähigkeit, unterschiedliche Töne hören zu können und existieren zu können.

    Aber auch das erfordert einen mindestens genauso starken integrativen Ansatz wie er in dem Buch vorgemacht wird.

  2. Freut mich, dass es Dir gefällt. Find’s auch schade, dass noch keiner kommentiert hat, aber bei so einem langen und dann noch wissenschaftlichen Text braucht es wohl besondere Motivation. Kann man ja irgendwie auch verstehen. Na, das Internet ist ja geduldig…

    Finde Deine Wunschwissenschaft sehr symphatisch. Ich glaube, ich kenne das ganz gut, was Du meinst. Und ich finde, in der idealerweise ach so nüchtern-sachlichen Wissenschaft sieht man umso genauer, wie schwierig es ist, sachlich, hörend und zuhörend zu diskutieren. Immer fehlt es an irgendwas (Zeit, Nerven) oder paßt was gerade nicht (falsche Konferenz, falsche Theorie) oder es gibt akutes Profilierungsbedürfnis oder das Gefühl, über das gerade in Rede stehende Thema schon genug diskutiert zu haben — was weiß ich..
    Insofern: Zustimmung. Eine Wissenschaft mit gutem Ton wäre echt gut!

  3. I’ve been meaning to write and say what a great publication this is, I’ve only had time to skim it so far, but I’m looking forward to having a good read.

    I hadn’t come across conversation analysis before, and it interests me on many levels, including the notational aspects which appeal to my graphic designer sensibilities🙂 Also, the notion of repair (hadn’t heard of that either) is a fascinating one, and it strikes me that constructing first person narratives of interactions after the event (as one does when, say, writing a blog post on an embarrassing misunderstanding) can be a form of one-sided retrospective repair, and an attempt to normalise a situation which went unrepaired at the time.

    In reconstructing a sequence of events for such a narrative, to make it accessible and entertaining to a third party, it is necessary to deconstruct everything, manipulate redundant information and reorganise the whole into a sequence where the reader can partially see what’s coming next. As the writer, in doing this, one is analysing what went wrong from one’s own recollection of events, and coming to an understanding. The further interaction of a reader completes the repair from the point of view of the writer.

    Of course, the information contained in that sort of narrative is entirely subjective and a partial account of a situation. It is usually also manipulated linguistically by the writer for a variety of reasons. Where it could get interesting is to overlay reflective narratives by the participants with a conversation analysis to see if anything more is revealed in the ‚gaps‘ between the objective and subjective accounts of a situation. It would be somewhat labour intensive to set up, but could be interesting.

    When I had my latest bizarre hearing aid fitting experience a few weeks ago, it was so ridiculous that I though a film crew might appear at any moment to tell me that they were secretly filming me for a hidden camera comedy show. I wish they had been now, I could have got the tapes and done that analysis!

    Apologies for the very long comment in English!

  4. Deaf Studies wuerde es sein, die alle Aspekte im Leben mit Taubheit und Schwerhoerigkeit als Individuum oder in einer Gemeinschaft unter sich und ihre Interaktionen mit Hoerenden wissenschaftlich unter die Lupe nehmen. Es muss natuerlich interdisziplinaer sein: Geschichte, Psychology, Soziologie, Anthropologie, Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft, Linguistik, Kunstwissenschaft, Politikwissenschaft usw. Audiologie und Medizin werden nur am Rande sein. Audismus bildet dort ein grosses Kapitel, wie Rassismus in den Black Studies.

  5. Moira, no apologies, please. I love your comments! Yes, indeed, it seems to me, too, that what we are doing when writing could also be seen as a form of repair. The mechanism is exactly the same as in interaction, only it’s unburdened from the constraints of mutual perception and real-time action. If you view both face-to-face-interaction and blog-interaction as communication, it’s just two versions of the same thing.

    Harmut, stimmt. Wobei ich interessant finde, sich zu fragen, weshalb, genau es eigentlich interdisziplinär sein soll bzw. was das heißt, und wie man wissenschaftlich mit politischen Stoßrichtungen umgeht.

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